Jahrestagung 2018 - Arbeitskreis Psychiatriegeschichte Baden-Württemberg

Ort
Wiesloch
Veranstalter
Forschungsbereich Geschichte und Ethik der Medizin, Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg / Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm; Psychiatrisches Zentrum Nordbaden / ZfP Wiesloch; Akademie im Park
Datum
25.06.2018 - 26.06.2018
Von
Uta Kanis-Seyfried / Bernd Reichelt, Forschungsbereich Geschichte und Ethik der Medizin des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) Südwürttemberg/ Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm Email:

Das diesjährige Jahrestreffen des Arbeitskreises Psychiatriegeschichte im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in Wiesloch führte etwa vierzig TagungsteilnehmerInnen zusammen. Zum Auftakt bot sich ihnen sowie weiteren interessierten Mitarbeitenden und externen Gästen die Gelegenheit, die Klinik und ihre wechselhafte Geschichte seit der Eröffnung als Großherzoglich Badische Heil- und Pflegeanstalt im Jahr 1905 näher kennen zu lernen. Neben den zentralen Bereichen, die den Klinikalltag funktional strukturieren, sind hier drei sehr unterschiedlich gestaltete Erinnerungsorte angelegt, die sich mit einschneidenden Ereignissen unter ehemals nationalsozialistischer Herrschaft befassen. Im Anschluss gab es die Möglichkeit an der Aufführung der Dokumentation „Verschollen in der Psychiatrie“ und einem Vortrag des Regisseurs teilzunehmen.

In ihrem Grußwort betonte die Ärztliche Direktorin des Psychiatrischen Zentrums, BARBARA RICHTER (Wiesloch), dass die Einrichtung die gesellschaftlichen und politischen Hypotheken der nationalsozialistischen Vergangenheit auch im heutigen Tun weiter mitdenken und im Kontakt mit PatientInnen und Angehörigen größtmögliche Transparenz und Offenheit zeigen müsse, „damit so etwas nie wieder passiert“. Dass die Erinnerungsarbeit an die NS-Gräueltaten noch längst nicht an ihrem Ende angelangt sei und viele Einrichtungen sogar erst jetzt damit beginnen würden, ihre eigene Geschichte kritisch zu beleuchten, machte Thomas Müller deutlich. So sei es unter anderem die Aufgabe der Psychiatrie, auch in Zukunft stets Gesprächsbereitschaft zu zeigen und die Auseinandersetzung mit unbequemen Themen nicht zu scheuen.

Einen kurzen Überblick über aktuelle Publikationen, Ausstellungen und Forschungsprojekte des ZfP-eigenen historischen Forschungsbereiches gaben zum Auftakt der Vortragsreihe am folgenden Tag THOMAS MÜLLER, UTA KANIS-SEYFRIED und BERND REICHELT (Ravensburg). So wurde unter anderem auf eine Neuerscheinung über Leben und Werk des Künstlers und langjährigen Psychiatriepatienten Gustav Mesmer hingewiesen, die im Verlag Geschichte und Psychiatrie (ZfP Südwürttemberg) erschienen ist. Mesmer war als „Ikarus vom Lautertal“ mit seinen Flugapparaten auch international zu gewissem Ruhm gelangt, nachdem eines seiner Werke bei der Weltausstellung in Sevilla in den 1990er-Jahren gezeigt worden war. In Ulrich Macks Monografie wird erstmals auf das religiöse Suchen und Denken Gustav Mesmers eingegangen.[1] Noch bis Ende Oktober 2018 ist im ZfP Südwürttemberg, zunächst am Standort Ravensburg-Weissenau, dann am Standort Bad Schussenried, eine Fotoausstellung über Gustav Mesmer zu sehen, mit Fotografien von Nicole Becker. Kuratiert von Wolfram Voigtländer, trägt die Ausstellung den Titel: „Eine Begegnung mit Gustav Mesmer“. Eine im historischen Forschungsbereich Ravensburg auszuleihende Wanderausstellung über den Neuroanatomen Korbinian Brodmann wird in Kürze zweisprachig (englisch/deutsch) zur Verfügung stehen.

Mit einem für die historische Psychiatrieforschung in Württemberg bemerkenswerten Fund eröffnete CHRISTIAN HOFMANN aus Calw die Vortragsreihe. Mit den „Winnentaler Patientenblättern als zentrale biografische Quelle“ konnte er im Staatsarchiv in Ludwigsburg den Zugang zu einer biografischen Datenmenge erschließen, die bislang weitgehend unbekannt war und deren Nutzen für die Forschung äußerst vielversprechend ist. Der Bestand von rund 100.000 Karteikarten ist zum 1. Januar 1900 an der damaligen Heilanstalt Winnental entstanden, reicht jedoch weit in das 19. Jahrhundert zurück und wurde bis in die 1950/60er- Jahre fortgeführt. Darin erfasst sind alle PsychiatriepatientInnen staatlicher Anstalten sowie PatientInnen von Privatanstalten wie Rottenmünster, Christophsbad, Kennenburg oder Pfullingen. Ausführlich ging der Referent auf die geplante Nutzbarmachung der Daten für die erbbiologische Bestandsaufnahme im Nationalsozialismus ein.

UTA KANIS-SEYFRIED (Ravensburg) gab einen Einblick in die Geschichte der Schussenrieder Anstaltszeitung „Schallwellen“ (1897-1936) als zeitgeschichtlichem Dokument, das den Lesern nicht nur „Kurzweil“ sondern auch „Belehrung“ bieten sollte. Der langjährige Redakteur der Publikation hatte es sich in seinen Schriften zur Aufgabe gemacht, nicht nur das Leben von PatientInnen und MitarbeiterInnen hinter den Anstaltsmauern zu reflektieren, sondern auch das zeitgenössische (Welt-) Geschehen davor. Indem er alle denkbaren journalistischen Darstellungsweisen und seinen ausgeprägten Hang zu gereimten Versen nutzte, betrieb er aktiv und unermüdlich Meinungsbildung im Sinne der konservativen, deutsch-nationalen Gesinnung des wilhelminischen Kaiserreichs.

Über Prinzhorns Sammlung „Bildnerei von Geisteskranken“, deren Rezeption und die Debatte über „Entartung“ referierte WOLFRAM VOIGTLÄNDER (Berlin). Auf der Grundlage einer detailreichen Analyse der einschlägigen psychiatrischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts ging er der zeitgenössischen Diskussion über die Begriffe „Entartung“ und „Degeneration“ nach und thematisierte die Entstehungsgeschichte der Sammlung Prinzhorn sowie deren Rezeption, vornehmlich durch Psychiater wie beispielsweise R.A. Pfeifer und den ebenfalls Kunstwerke sammelnden Wilhelm Weygandt. Wie sehr Prinzhorns positive Haltung zu den in seiner Sammlung vertretenen Werken und KünstlerpatientInnen ins Gegenteil verkehrt wurde, zeigte 1937 deren Brandmarkung in der nationalsozialistischen Ausstellung „Entartete Kunst“.

STEFAN KIEFER (Wiesloch) hatte sich mit der „Wieslocher Revolution“ im Zuge der Novemberrevolution 1918/19 befasst. In einer Protestaktion rebellierte das Pflegepersonal gegen die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen seines Berufsstandes und konfrontierte die Anstaltsleitung mit einem Katalog von 20 Forderungen zur Verbesserung seiner Situation.

Der Psychiater Hans W. Gruhle (1880–1958) und sein beruflicher Werdegang in der württembergischen Anstaltspsychiatrie zwischen 1935 und 1947 stand im Fokus der Ausführungen von BERND REICHELT (Ravensburg / Zwiefalten) und THOMAS MÜLLER (Ravensburg). Nachdem er aufgrund seiner Vorbehalte gegenüber dem Nationalsozialismus seine universitäre Laufbahn hatte aufgeben müssen, wurde er ab 1936 als Leiter in der Heilanstalt Zwiefalten und ab 1940 in der Heilanstalt Weissenau bei Ravensburg eingesetzt. Mit Kriegsbeginn im Herbst 1939 hatte er sich allerdings von der Wehrmacht für die Leitung des psychiatrischen Reservelazaretts in der Heilanstalt Winnenden rekrutieren lassen, welche er bis Kriegsende innehatte. Bis 1947 war Gruhle Berater der französischen Besatzungsmacht in Weissenau.

ERICH VIEHÖFER (Ludwigsburg) zeichnete in seinem Vortrag den Weg von der „‚Irrenabteilung‘ zur TBC-Station und zur Hinrichtungsstätte. Die Zentralisierung des Strafvollzugs im Rahmen der „Verreichlichung“ der Justiz hatte ab 1935 zu einer Reduzierung der „Irrenabteilungen für Strafgefangene“ in Südwestdeutschland und zur Schließung der psychiatrischen Einrichtungen auf dem Hohenasperg (1935) und im badischen Bruchsal (1937) geführt. Die psychiatrischen PatientInnen wurden in die bayerische Einrichtung in Straubing überführt. Die frei gewordenen Gebäude erfuhren Umnutzungen in medizinische Einrichtungen (Krankenhäuser für die Wehrmacht) oder in besondere Einrichtungen des Strafvollzugs (Wehrmachtsgefängnis, Zentrale Richtstätte). Nach 1945 wurde diese Konversion zum Teil wieder rückgängig gemacht.

FRANK JANZOWSKI (Wiesloch) und WERNER SCHEUING (Neckargemünd) berichteten über weitere Fortschritte in ihren jeweiligen Forschungsprojekten. So konnte Janzowski 14 Pfleglinge der Kreispflegeanstalt Sinsheim ausfindig machen, die 1940 für Verlegungen in die Vernichtungsanstalt Grafeneck vorgesehen gewesen waren, jedoch zurückgestellt worden sind. Ein Grund, dass diese PatientInnen der Tötungsmaschinerie entgangen sind, könnte in ihrer möglichen Verwendung für Propaganda-Filmaufnahmen liegen, die im November 1940 in Grafeneck stattgefunden haben. Dafür wurden Menschen mit sichtbaren Behinderungen benötigt. Von weiteren Erfolgen in der Eruierung der Namen von Opfern der NS-„Euthanasie“ aus der Kreispflegeanstalt Krautheim berichtete Werner Scheuing. Da keinerlei Unterlagen mehr existieren, wird seit Jahren mühevoll daran gearbeitet, alle der insgesamt 50 Opfer namentlich zu identifizieren. Mittlerweile konnten 43 Personen zugeordnet werden. Der Referent wies darüber hinaus auf die positive Entwicklung der regionalen Erinnerungskultur im Kreis Hohenlohe in Bezug auf die Krankenmorde im Nationalsozialismus hin. Diese könne auch Impulse für andere ländliche Regionen setzen.

Über „Outsider Art“ in der Wieslocher Klinik sprach ELKE WEICKELT (Wiesloch). Seit 1980 sammelt sie ausgewählte Bilder und Skulpturen, die von PatientInnen während ihres Aufenthalts in der Klinik hergestellt worden sind. Im Rahmen dieser Sammlungstätigkeit werden regelmäßig Ausstellungen sowie Diskussionsforen und Vorträge über Kunst in psychiatrischen Kontexten veranstaltet.

Neue Entwicklungen und Veröffentlichungen zum Widerstand und der Erinnerungskultur an der Gedenkstätte Grafeneck und anderen Gedenkstätten im Land war das Thema von THOMAS STÖCKLE (Grafeneck). So finden allein in Grafeneck über 400 Führungen im Jahr statt, in denen die NS-Gräueltaten auf dem Schlossgelände und deren politische Hintergründe vermittelt werden. Für die Dauerausstellung wurden begleitende Texte in „Leichte Sprache“ umgesetzt; das Gedenkbuch mit den Namen und Lebensdaten der Opfer unterliegt permanenter Aktualisierung. Aktuell auf dem Buchmarkt erschienen ist zudem eine Publikation über Menschen, die im Nationalsozialismus Widerstand leisteten oder es zumindest versuchten, wie etwa der Leiter der Taubstummenanstalt in Wilhelmsdorf, Heinrich Hermann. Des Weiteren sind die MitarbeiterInnen der Gedenkstätte beratend und unterstützend in Kommunen und Institutionen, die ihre Haltung im Nationalsozialismus aktiv aufarbeiten möchten, tätig.

Ein Projekt, das seit Jahren anvisiert ist und nun der Verwirklichung entgegen geht, ist die Etablierung eines neuen Psychiatriemuseums im ZfP Emmendingen. Eine vorangegangene Initiative hatte von 1989 bis 2014 eine Ausstellung zur Thematik gezeigt, dann war das Museum aufgelöst worden und seine Exponate in Kisten und Kästen verschwunden. Wie MEHDI RASHID (Emmendingen) ausführte, hat sich inzwischen ein Arbeitskreis zusammen gefunden, der an der Organisation und Konzeption einer Reetablierung arbeitet. Ein im Frühjahr 2018 gegründeter Förderverein Psychiatrie-Museum Emmendingen e.V. soll die Einrichtung und den Betrieb des neuen Museums unterstützen, wissenschaftliche Veröffentlichungen herausgeben und den Dialog und die Zusammenarbeit mit Schulen, staatlichen und kommunalen Behörden, Bürgern und Vereinigungen pflegen.

Über ihr Dissertationsprojekt berichtete zum Abschluss der Tagung LEA OBERLÄNDER (Mannheim). In ihrer Arbeit untersucht sie die NS-„Euthanasie“ im Kontext der Stadt Mannheim, erforscht Verlegungs- und Sterbeorte, Einrichtungen, Institutionen und Einzelschicksale sowie die Rolle von Politik, Presse und Propaganda. Quintessenz ihrer Arbeit soll die Erstellung einer Opfer-Datenbank sein.

Aus aktuellem Anlass ist in diesem Jahr noch ein zweites Treffen des Arbeitskreises Psychiatriegeschichte am 16. November zum Gedenken an den 150. Geburtstag und 100. Todestag des Neuroanatomen Korbinian Brodmann geplant. Dieser war als uneheliches Kind in einer Bauernfamilie in Liggersdorf (Landkreis Stockach) aufgewachsen. Zu Ehren des berühmten Sohnes der Gemeinde sind im dortigen Korbinian-Brodmann-Museum zusätzliche Führungen und Vorträge in Planung.

Konferenzübersicht:

Mario Damolin (Heidelberg): Vortrag und Filmvorführung „Verschollen in der Psychiatrie

Thomas Müller / Uta Kanis-Seyfried / Bernd Reichelt, (ZfP Südwürttemberg / Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm / Standort Ravensburg): Aktuelle Publikationen, Ausstellungen und Forschungsprojekte zur Psychiatriegeschichte Baden-Württembergs

Christian Hofmann (Calw): Die Winnentaler Patientenblätter als zentrale biographische Quelle zur württembergischen Psychiatrie

Uta Kanis-Seyfried (Ravensburg): Zwischen Psychiatrie und Alltagswelt. Zeit-Geschichte(n) in der Schussenrieder Anstaltszeitung „Schallwellen“

Wolfram Voigtländer (Berlin): Prinzhorns “Bildnerei der Geisteskranken”, seine Rezeption durch Psychiater und die Debatte über Entartung

Stefan Kiefer (Wiesloch): Vor 100 Jahren: Die „Wieslocher Revolution“ im Jahre 1919

Bernd Reichelt (Ravensburg / Zwiefalten) / Thomas Müller (Ravensburg): Der Heidelberger Psychiater Hans W. Gruhle (1880–1958) und die württembergische Anstaltspsychiatrie 1935–1947

Erich Viehöfer (Ludwigsburg): Von der „Irrenabteilung“ zur TBC-Station und zur Hinrichtungsstätte. Zur Konversion der psychiatrischen Einrichtungen des Strafvollzugs Hohenasperg und Bruchsal im Nationalsozialismus

Frank Janzowski (Wiesloch): Verlegungen von Grafeneck in die Heil- und Pflegeanstalt Zwiefalten

Hans-Werner Scheuing (Neckargemünd): Neue Entwicklungen zur Erforschung der Opfer der „NS-‚Euthanasie“ aus der Kreispflegeanstalt Krautheim

Elke Weickelt (Wiesloch): Outsider Art im PZN Wiesloch

Thomas Stöckle (Grafeneck): Neuere Entwicklungen und Veröffentlichungen zum Widerstand und zur Erinnerungskultur an den Gedenkstätten im Land und der Gedenkstätte Grafeneck

Mehdi Raschid (Emmendingen): Ein wieder eröffnetes Psychiatriemuseum in Emmendingen?

Lea Oberländer (Mannheim): Bericht über ein neues historisches Forschungsprojekt

Anmerkung:
[1] Ulrich Mack, Flugradbauer – Privatmönch – Visionär. Gustav Mesmer, sein religiöses Suchen und Denken. Zwiefalten 2018.

Zitation
Tagungsbericht: Jahrestagung 2018 - Arbeitskreis Psychiatriegeschichte Baden-Württemberg, 25.06.2018 – 26.06.2018 Wiesloch, in: H-Soz-Kult, 03.08.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7818>.