Die Produktion von Globalität

Ort
Tübingen
Veranstalter
Johannes Großmann / Agnès Vollmer, Universität Tübingen
Datum
08.06.2018 - 09.06.2018
Von
Agnès Vollmer, Seminar für Zeitgeschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Der zweitägige Workshop wurde organisiert im Rahmen des durch das Juniorprofessoren-Programm des Landes Baden-Württemberg geförderten Forschungsprojekts „Wider die Entspannung. Die Entstehung einer globalen antikommunistischen Gemeinschaft in den ,langen‘ 1960er-Jahren“.

In seiner Einführung legte JOHANNES GROßMANN (Tübingen) den in diesem Projekt verfolgten Ansatz der ,Produktion von Globalität‘ dar. Dieser soll aus einer akteurszentrierten Perspektive jene Prozesse beleuchten und historisieren, die im aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskurs unter dem Begriff der ,Globalisierung‘ subsumiert werden. Das Projekt geht dabei nicht von einem abstrakten und ungesteuerten Metaprozess der ,Globalisierung‘ aus, mit dem sich die Menschheit unverhofft konfrontiert sieht. Vielmehr wird ,Globalität‘ erst durch gesellschaftliches Denken und Handeln zu einer sozialen Realität. In Anlehnung an Henri Lefevbre lässt sich der ,Globus‘ als ein vermeintlich absoluter Raum verstehen, der jedoch keine natürliche Gegebenheit ist, sondern immer wieder aufs Neue produziert und reproduziert werden muss. Diese ,Produktion von Globalität‘ erfolgt in einem dynamischen Zusammenspiel von Praktiken, Konzeptionen und Repräsentationen. ,Globalität‘ entsteht also erst dadurch, dass Menschen ,global‘ agieren und kommunizieren, bestimmte Vorstellungen von der Welt und weltweiten Zusammenhängen entwickeln und sich als Teil einer ,globalen‘ Gesellschaft wahrnehmen und inszenieren.

Im Zentrum des Workshops stand die Diskussion von Grundlagentexten zur theoretischen Fundierung des Konzepts sowie zu mehreren exemplarischen Themengebieten. Die Moderation der einführenden Theoriediskussion in zwei parallelen Gruppen übernahmen Johannes Großmann und Agnès Vollmer (Tübingen) bzw. Martin Deuerlein (Tübingen) und Almuth Ebke (Mannheim).

In der nachfolgenden Keynote zur blockübergreifenden Technik- und Wissenschaftsgeschichte während des Kalten Krieges erläuterte KLAUS GESTWA (Tübingen), dass die Systemkonkurrenz zwischen der Sowjetunion und den USA nicht nur zu einer intensiven Feindbeobachtung führte, sondern zugleich auch wissenschaftliche Kooperations-, Austausch- und Verflechtungsprozesse über den ,Eisernen Vorhang‘ hinweg beförderte. Die ,Produktion von Globalität‘ wurde in diesem Falle also gerade durch Rivalität und Konkurrenz, durch Feindschaft und wechselseitige Bedrohung unterstützt und vorangetrieben.

In einer zweiten Runde widmeten sich die Teilnehmer/innen anschließend in zwei getrennten Gruppen den Akteuren und Strukturen der Informal Global Governance im Kalten Krieg am Beispiel der Trilateral Commission bzw. der Arbeitsmigration zwischen Ostasien und den beiden deutschen Staaten während der 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahre.

Eine dritte Runde textbasierter Diskussionen befasste sich einerseits mit dem Thema „Mobilitäten und Experten um die lange Jahrhundertwende“, andererseits mit der ,Erfindung‘ der ,Dritten Welt‘ am Beispiel der 1968er-Bewegung in Frankreich und in der Bundesrepublik.

Es folgten zwei weitere Keynotes, die ,Globalisierung‘ und Globalgeschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit alternativen analytischen Zugängen beleuchteten. JAN ECKEL (Tübingen) thematisierte die große Wirksamkeit des Globalisierungsdiskurses in Deutschland als ein politisches, ökonomisches und soziales Erklärungsmuster. Er zeichnete die zunehmende Verdichtung von Globalisierungsvorstellungen seit den 1960er-Jahren nach und zeigte, wie der Begriff der ,Globalisierung‘ in den 1990er-Jahren zu einer verbindenden Deutungsfolie und Projektionsfläche für oft sehr heterogene Entwicklungen und Zukunftserwartungen wurde. Die Erfahrung einer ,global‘ verbundenen Welt und eines damit einhergehenden Gefühls der individuellen Entmachtung ist dabei kein Alleinstellungsmerkmal des 21. Jahrhunderts, sondern kann bereits bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden.

SVEN REICHARDT (Konstanz) entwickelte in seinem Vortrag zur Globalgeschichte des Faschismus die Figur des faschistischen Brokers und skizzierte dessen Rolle bei der globalen Vernetzung faschistischer Bewegungen. Er arbeitete heraus, wie faschistische Broker aus unterschiedlichen Weltregionen und Kulturräumen (Europa, Orient und Asien) miteinander in Kontakt traten, wie sich unterschiedliche ,Faschismen‘ gegenseitig beeinflussten und Bündnisse schmiedeten. Er erläuterte jedoch auch, wo die – oft durch die faschistische Ideologie selbst gezogenen – Grenzen der Vernetzung, des Austauschs und der Zusammenarbeit lagen.

In der Schlussdiskussion des Workshops wurde deutlich, dass der akteurszentrierte Ansatz als Bindeglied zwischen der Globalgeschichte und der Geschichte der ,Globalisierung‘ dienen kann. Mit der Frage nach der ,Produktion von Globalität‘ in Form von Praktiken, Konzepten und Repräsentationen rücken individuelle und kollektive Akteure ins Zentrum der Analyse, die ihr Handeln und Denken teils bewusst, teils unbewusst in ,globale‘ Zusammenhänge einschreiben. In der Diskussionsrunde wurde noch einmal deutlich, dass die Vorstellung von einem ,globalen‘ Raum und die (Selbst-)Positionierung in einer jeweils als umfassendste Bezugsgröße verstandenen Welt nicht ein Alleinstellungsmerkmal postmoderner Gesellschaften ist, sondern vermutlich als eine anthropologische Konstante mit zeitlichen Variationen gesehen werden sollte. Ferner wurde deutlich, dass auch selbsterklärte Gegner von Globalisierungsprozessen und scheinbare Phasen der ,Deglobalisierung‘ in globalgeschichtlicher Perspektive betrachtet werden können und sollten. Gerade solche Untersuchungen bieten Möglichkeiten, die der Globalgeschichte nicht ganz zu Unrecht unterstellte normative Grundierung aufzubrechen und die Geschichte der ,Globalisierung‘ aus dem Korsett teleologischer Engführungen zu befreien.

Konferenzübersicht:

Textdiskussion 1: Theoretische Grundlagen

Moderation Gruppe a: Johannes Großmann / Agnès Vollmer (Universität Tübingen)

Moderation Gruppe b: Martin Deuerlein (Universität Tübingen) und Almuth Ebke (Universität Mannheim)

Keynote 1:

Klaus Gestwa (Universität Tübingen): Ziemliche beste Feinde. Blockübergreifende Wissenschafts- und Technikgeschichte des Kalten Krieges

Textdiskussion 2:

Gruppe a: Die Trilateral Commission: Informal Gonvernance im Kalten Krieg

Moderation: Martin Deuerlein / Thomas Gijswijt (Universität Tübingen)

Gruppe b: Zwischen Asien und Europa: Globale Arbeitsmigration im Kalten Krieg

Moderation: Johannes Großmann / You Jae Lee (Universität Tübingen)

Textdiskussion 3:

Gruppe a: Mobilitäten und Experten um die lange Jahrhundertwende

Moderation: Fernando Esposito (Universität Tübingen) und Silke Mende (Institut für Zeitgeschichte, München)

Gruppe b: ,1968’und die Erfindung der ,Dritten Welt‘ in Frankreich und der Bundesrepublik

Moderation: Johannes Großmann / Agnès Vollmer (Universität Tübingen)

Keynote 2:

Jan Eckel (Universität Tübingen): Zur Historisierung des Globalisierungsdiskurses der jüngsten Vergangenheit

Keynote 3:

Sven Reichardt (Universität Konstanz): Zur Globalgeschichte des Faschismus

Zitation
Tagungsbericht: Die Produktion von Globalität, 08.06.2018 – 09.06.2018 Tübingen, in: H-Soz-Kult, 31.08.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7854>.