Das Grossfürstentum Litauen und die östlichen Gebiete der polnischen Krone als interkulturelle Kommunikationsregion (15.-18. Jh.)

Ort
Passau
Veranstalter
Dr. des. Stefan Rohdewald
Datum
10.03.2005 - 12.03.2005
Von
Ekaterina Emeliantseva, Abt. für Osteuropäische Geschichte / Universität Zürich

I.
Die Analyse kultureller Kontaktzonen auf der Ebene der alltäglichen sozialen Praxis, angeregt durch linguistisch-ethnographische Untersuchungen sowie theoretische Ansätze im Umfeld der Cultural und Postcolonial Studies, wird heute intensiv für unterschiedliche Epochen und Regionen betrieben - und seit neuestem nun auch für den osteuropäischen Raum erprobt.

In seiner Dichte stellt das frühneuzeitliche Grossfürstentum Litauen als kulturelle Überlappungszone ein beispielloses Phänomen dar: Unterschiedliche ethnokonfessionelle Gruppen - polnische und litauische Katholiken, Protestanten, orthodoxe Ruthenen, Juden, Karaim, Armenier, Tataren - lebten hier zusammen und gestalteten über Jahrhunderte hinweg einen multikulturellen Kommunikationsraum mit. Ein hervorragendes Untersuchungsfeld für die Interaktion unterschiedlicher Ethnien und Konfessionen in Städten, ländlichen Verwaltungseinheiten sowie ständischen Institutionen, wurden die östlichen Gebiete des polnisch-litauischen Vielvölkerreiches bis anhin nur unzureichend von dieser Perspektive aus betrachtet. Diesem Forschungsdesiderat vertieft nachzugehen, den aktuellen Stand der Forschung zu reflektieren sowie die internationale Forschungsgemeinschaft auf diesem Gebiet stärker zu vernetzen - diesen Aufgaben widmete sich ein internationaler Workshop, der vom 10.-12. März 2005 in Passau stattfand und von Dr. des. Stefan Rohdewald am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte Osteuropas und seiner Kulturen an der Universität Passau (Prof. Dr. Thomas Wünsch) mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft organisiert wurde.

Spezialisten aus Polen, Litauen, Deutschland, Weissrussland, Schweden, England, aus der Ukraine, den USA sowie der Schweiz stellten ihre aktuellen Projekte vor, wobei sie ihren Blick in erster Linie auf die Phänomene des multikulturellen Zusammenlebens fokussierten.
In drei Panels wurde die Qualität der Interaktion zwischen unterschiedlichen Ethnokonfessionen, Religionen und Korporationen im Grossfürstentum Litauen in a) ständisch-korporativer, b) konfessioneller sowie c) rechtlicher Hinsicht aus mikro- und makrohistorischen Perspektive ausgelotet, wobei die alltägliche soziale Praxis vertieft reflektiert werden sollte.

II.
Die einleitenden Vorträge öffneten den Horizont zum einen für einen Blick auf das multikulturelle Litauen der Frühen Neuzeit aus makrohistorischer Perspektive: "Ethnic Minorities in Poland - Lithuania in 16th-18th Centuries: About the Origins and Development of Multicultural Pluralism in the Grand Duchy of Lithuania" (David Gaunt/Stockholm) sowie, zum anderen, für eine mikroskopische Analyse des Familienalltags im Wilna des 17. Jahrhunderts: "Scorned Suitors, Deserted Wives, Dishonored Husbands, Rat Poisons, Ribald Songs, Bigamy, Divorce, and Other Domestic Discontents: Stories of Family Life in Seventheenth-Century Wilno" (David Frick/Berkeley).

Gaunt thematisierte in seinem Überblick über die historischen Ursprünge des religiösen und ethnischen Pluralismus im Grossfürstentum Litauen die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Existenz verschiedener Sondergruppen und Minderheiten. Er ging davon aus, dass das Heidentum des litauischen Fürstenhauses eine grundlegende Voraussetzung für die Toleranz der Machtelite bildete. Die eigentümliche Entwicklung dieser Region an der konfessionellen Abgrenzungs- und Kontaktzone zwischen dem lateinischen und dem orthodoxen Europa, die das lange Festhalten des Fürstenhauses am Heidentum bestimmte, ist sicherlich einer der Faktoren, die die Koexistenz mehrerer Religionen in diesem Gebiet ermöglichte. Dennoch darf das heidnische Erbe Litauens in dieser Hinsicht nicht überbewertet werden und muss neben andere - lokale, ökonomische sowie demographische - Aspekte gestellt werden. Denn die hier beobachtbare Pragmatik im Umgang mit religiösen Differenzen kann den katholischen Piasten, die die verfolgten Juden im 14. Jahrhundert in ihren Gebieten aufnahmen, ebenso attestiert werden.

In einer anregenden und instruktiven mikrohistorischen Analyse der Alltagssituationen im Wilna des 17. Jahrhunderts stellte David Frick die Stringenz und Anwendbarkeit des Konfessionalisierungsparadigmas in diesem Raum auf den Prüfstand.
Angehörige der fünf christlichen Konfessionen - Römische Katholiken, Lutheraner, Calvinisten, Griechisch-Orthodoxe und Unierte - trafen hier im Beruf, in den säkularen Korporationen, als Nachbarn und Mitbewohner, schliesslich auch als Ehepartner und Familienmitglieder aufeinander. Gerade die alltäglichen Konflikte in "konfessionell gemischten Ehen" sowie die Praxis interkonfessioneller Eheschliessungen und -scheidungen geben, wie Frick an einigen Rechtsstreitigkeiten vor dem Wilnaer Magistrat plastisch aufzeigen konnte, ein eindrückliches Zeugnis davon, wie das kanonische Recht einzelner Konfessionen in der sozialen Praxis eines konfessionell gemischten Raumes immer wieder unterlaufen werden konnte. Die sich überschneidenden Rechtsvorstellungen -und praktiken mussten so stets immer wieder aufs Neue ausgehandelt werden. Geleitet von der generellen Frage nach der Bedeutung religiöser, ethnischer und sprachlicher Zugehörigkeiten der Wilnaer Bevölkerung im Alltag, konzentrierte Frick seine Ausführungen auf in der Forschung noch weitgehend offene Fragenkomplexe: (1) Inwieweit und in welchen Bereichen bestimmten die konfessionell bzw. religiös und/oder ethnisch und sprachlich definierten Nachbarschaften und Netzwerke den Alltag der Wilnaer im 17. Jahrhundert? - (2) In welchem Ausmass, unter welchen Bedingungen und in welche Richtungen überschritten sie die Grenzen dieser Zugehörigkeiten? - (3) Welche Gruppen konnten diese Grenzen am häufigsten überschreiten? - Wenn die klar definierten Grenzen zwischen den einzelnen christlichen Konfessionen auf der Ebene des familiären Alltags verwischt wurden, vermag als vorläufiges Ergebnis dieser Studie die Bedeutung der Konfessionalisierung für das multikulturelle Wilna der Frühen Neuzeit zu relativiert werden.

III.
Im ersten Panel des Workshops zur Interaktion zwischen dem polnischen und litauischen Adel in ständisch-korporativen Verbänden fokussierten die Referenten ihren Blick auf das Selbstverständnis, die Handlungsspielräume sowie die Vernetzungsstrategien des litauischen Adels nach der polnisch-litauischen Union von 1386.
Lidia Korczak (Kraków) schärfte den Blick für einen bis jetzt von der Forschung vernachlässigten Aspekt - die Folgen der Union für das Selbstverständnis des litauischen Adels als "natio" in Abgrenzung zum polnischen Adel. Der nach der Union entstandene Mythos über die römische Herkunft der Litauer legt einmal mehr Zeugnis davon ab, wie sich eine vormoderne "natio" ihrer distinktiven Merkmale durch Abgrenzung zu vergewissern sucht.

Mit einer exemplarischen Untersuchung über die Formierung der ruthenischen Wappenverbände und ihre Integration in den Adel Polen-Litauens problematisierte Yurij Zazuljak (L'viv) die Konstruktion von Verwandtschaftsbeziehungen im "genealogischen Gedächtnis" des ruthenischen Adels. Zazuljak zeigte auf, wie die gezielte Verwandtschaftspolitik der führenden galizischen Bojarengeschlechter im Laufe des 15. Jahrhunderts und die Konstruktion eines neuen Wappenverbands, der Korchaks, mit der Ausformung von deren Genealogie nach dem polnischen Vorbild im folgenden Jahrhundert korrespondierte. Im Unterschied zu den polnischen, gründete der ruthenische Verband jedoch nicht nur auf der männlichen Abstammungslinie, sondern ebenso auch auf der weiblichen. Gerade diese aber wurde im 16. und 17. Jahrhundert aus dem "genealogischen Gedächtsnis" der Korchaks gelöscht, denn die Abstammungsgeschichte sollte an die vorherrschenden polnischen Vorbilder angepasst werden. Die ethnokonfessionelle Identität des ruthenischen Adels blieb allerdings ambivalent - ihre orthodoxen Namen behielten seine Angehörigen selbst nach dem Übertritt zum Katholizismus bei: sie führten seitdem Doppelnamen.

IV.
Den zweiten Block zur konfessionellen Interaktion im Grossfürstentum Litauen eröffnete Adrej Kotljarchuk (Stockholm) mit einem sehr anregenden Beitrag über die Beziehungen zwischen den Protestanten und Orthodoxen Weissrusslands. Dabei hob er den bis jetzt kaum wahrgenommenen starken Einfluss des Protestantismus auf die Formierung ruthenischer Identitäten hervor: In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts traten weissrussische Adlige zahlreich zum Calvinismus, Arianertum sowie zum Luthertum über. Ihr ruthenisches Selbstverständnis sowie die orthodoxen Bande blieben allerdings auch nach der Konversion bestehen. Auf politischer Ebene führte dies, nach dem Erstarken der Katholiken infolge der Union von Brest 1596, zu einer engen Kooperation zwischen Orthodoxen und Protestanten. Enge familiäre Kontakte zwischen den Orthodoxen und Protestanten der weissrussischen Gebiete lassen sich ebenso feststellen - so etwa in den zahlreichen Mischehen.

Einen aufschlussreichen Beitrag zur Analyse der kulturellen Kommunikationsformen im Grossfürstentum Litauen lieferte Mathias Niendorf (Erfurt) mit seiner Untersuchung synkretistischer Heiligenkulte. Die traditionelle Interpretation der kulturellen Entwicklung Litauens als einer Region, die von einem "Kulturkampf" an der Grenze zwischen dem okzidental-lateinisch-polnischen Raum und dem byzantinisch-russisch-orthodoxen geprägt wurde, hat die neuere Forschung bereits überwunden. Verstärkt werden statt dessen Phänomene des Wechselspiels zwischen unterschiedlichen kulturellen Einflüssen unter die Lupe genommen. Am Beispiel der Ikonenmalerei, der Kirchenmusik, der gemeinsamen Verehrung der orthodoxen Heiligen durch Unierte und Orthodoxe sowie den gemeinsamen Pilgerfahrten wies Niendorf Kommunikationsräume nach, in denen sich die Überwindung konfessioneller Gräben im frühneuzeitlichen Litauen artikulieren konnte. Indem er diese Phänomene begrifflich als Synkretismen zusammenfasste, grenzte Niendorf seine Auffassung dieses Begriffs von der kirchengeschichtlichen Tradition ab, die darin in erster Linie einen "Abfall vom richtigen Glauben" sieht, und setzte den Begriff in Bezug zu den im Rahmen der postkolonialen Diskussion verwendeten Begriffe der "Hybridisierung" und "Kreolisierung", welche die hierarchisierte Sicht auf die Kommunikationsprozesse zwischen unterschiedlichen Kulturen aufzuheben suchen.

Jacek Krochmal (Warszawa) thematisierte die Zuspitzung der Konflikte zwischen der orthodoxen Bevölkerung und dem katholischen Klerus im Gebiet Przemysl infolge der Inkorporierung Rotreussens in die polnische Krone um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Nicht nur solche praktischen Fragen wie die Eintreibung des Kirchenzehnts und die katholische Taufe waren dabei strittig, selbst die Anerkennung als Christen wurde den Ruthenen bisweilen verwehrt. Die späteren Auseinandersetzungen zwischen den nun unierten Ruthenen und der katholischen Kirche Rotreussens konnten zu Beginn des 18. Jahrhunderts zwar beigelegt werden. Die verstärkte Latinisierung und Polonisierung der unierten Kirche nach dem Synod von 1740 führte jedoch erneut zu Protesten innerhalb des unierten Klerus und der Laiengemeinschaft. Dies begünstigte die Entstehung "nationaler" Stimmungen sowie den Ruf nach einer "ruthenische Kirche" in Abgrenzung zur "polnischen". Zurecht wurde jedoch in der anschliessenden Diskussion bezweifelt, ob man bereits für diesen Zeitraum von einer "polnischen" bzw. "ruthenischen" Kirche sprechen kann.

Auf die Problematik der religiös begründeten sozialen Grenze zwischen Juden und Christen sowie die Formen ihrer Überschreitung ging Ekaterina Emeliantseva (Zürich) mit einem Beitrag über die Warschauer Frankisten ein - eine Gruppe podolischer und galizischer Juden, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts unter der Führung ihres Pseudomessias Jakob Frank (1726-1791) zum Katholizismus übertrat. Am Beispiel einiger Frankistenfamilien konnte Emeliantseva veranschaulichen, dass die Alltagsstrategien der Frankisten sich nur schwer in den traditionellen Kategorien von "Separation" und "Assimilation" beschreiben lassen, wie dies die bisherige Forschung vertritt. Als einen möglichen Schlüssel zum Verständnis frankistischer Lebenswelten schlug Emeliantseva in Anlehnung an das Konzept eines situativen und fragmentierten Selbstverständnisses, wie es zunächst für die ethnischen Gruppen herausgearbeitet wurde und neuerdings für das deutsche Judentum der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angewandt wurde [1], das Konzept der "situativen Religiosität" vor. Mit diesem Konzept soll der polnische Frankismus als Phänomen transkonfessioneller Grenzüberschreitung stärker unter die Lupe genommen werden. Denn die gleichzeitigen subjektiven Zugehörigkeitsgefühle der Frankisten als Juden, als polnische Katholiken und als Frankisten waren weder eindimensional noch konstant, sondern variierten stark in unterschiedlichen sozialen Situationen.

V.
Das letzte Panel, zur rechtlichen Interaktion, eröffnete Jerzy Mazur (Boston) mit einem Beitrag zu den wenig erforschten Aspekten im rechtlichen Status der Juden und Karaim in Rotreussen und den südlichen Gebieten Litauens im Mittelalter. Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung vertrat Mazur die These, dass die Ansiedlung der Juden in Polen vor allem auf die Migrationsströme innerhalb Ostmitteleuropas zurückgeht, insbesondere auf eine bisher stark unterschätzte Einwanderung der Karaim. Die starke rechtliche Position und Autonomie der Juden in Rotreussen sieht Mazur darin begründet, dass in dieser Region mehrheitlich Karaim lebten. Diese Hypothesen bedürfen jedoch weiterer Untersuchungen und Belege.

Eine instruktive Reflexion des methodischen Instrumentariums für die Untersuchung "interkultureller Kommunikationsregionen" lieferte Heidemarie Petersen (Leipzig) am Beispiel der Integration städtischer Sondergruppen im spätmittelalterlichen Lemberg. In ihrem Beitrag zeigte sie auf, wie die jüngste methodisch-theoretische Diskussion der Postcolonial studies [2] sowie die Ansätze zur Erforschung plurikultureller Phänomene aus der Literaturwissenschaft für die Erforschung Polen-Litauens fruchtbar gemacht werden können. Dabei hob Petersen insbesondere die Anwendbarkeit des Konzepts der "interkulturellen Kommunikation" des Germanisten Alois Wierlacher [3] und des Romanisten Hans Jürgen Lüsebrink [4] hervor. "Interkulturelle Kommunikation" wird hier als aktiver Aushandlungsprozess über die Inhalte und Formen der Interaktion von Angehörigen verschiedener Kulturen verstanden, wobei die "Fremdheit" des Gegenübers bewusst wahrgenommen wird. Dieses Konzept betrachtet Petersen insofern als geeignet für die Analyse der polnisch-litauischen Adelsrepublik oder des Habsburgerreiches, als es explizit auf die Binnendifferenzierungen innerhalb von Herrschaftsgebilden abzielt und eine Konzeptualisierung dieser Formationen als spezifische kulturelle Kommunikationsräume erlaubt. Petersen zufolge bietet dieses Konzept mit seiner starken Fokussierung auf die Interaktion einen brauchbaren Ansatz für eine "integrative" anstelle einer "additiven" Beschreibung der plurikulturellen Gesellschaft des mittelalterlichen Lembergs. Petersen plädierte für eine Überwindung der nationalen historiographischen Traditionen, die dem Zusammenleben Angehöriger verschiedener Kulturen in vormodernen Gesellschaften nicht gerecht werden. Für die zukünftige Erforschung der multikulturellen Gesellschaft Lembergs entwarf Petersen ein Programm, nach dem das Zusammenleben von unterschiedlichen Gruppen auf der bislang von der Strukturgeschichte stark vernachlässigten Ebene der alltäglichen Lebenspraxis untersucht werden soll: Viel stärker als bisher sollte beachtet werden, dass auch in einer spätmittelalterlichen Stadt die Zugehörigkeiten der Stadtbürger nicht eindimensional waren, sondern sich nach verschiedenen Kriterien konstituierten: So wurde etwa die Stadtbevölkerung nach "nationes" eingeteilt, worunter die drei christlichen Konfessionen der Katholiken (Deutsche, Polen, Italiener), der Orthodoxen (Ruthenen, Griechen, Moldawier) und schliesslich der Armenier verstanden wurden. Die Juden fielen aus dieser Struktur als Sondergruppe heraus. Im Hinblick auf den politisch-rechtichen Status besassen jedoch Armenier und Juden ein vergleichbares Mass an Autonomie, im Gegensatz zu den in dieser Hinsicht benachteiligten Ruthenen. Diese Konstellationen sollten bei der Analyse der Interaktion verschiedener Gruppen nicht ausser Acht gelassen werden.

Mit einem Beitrag über das Interagieren der Angehörigen unterschiedlicher konfessioneller und religiöser Gruppen im frühneuzeitlichen Polock schloss Stefan Rodewald (Passau) das Panel zur rechtlichen Interaktion ab. An mehreren Fallbeispielen aus der Gerichtspraxis des Stadtmagistrats zeigte Rohdewald auf, dass die Regulierung des Sexualverhaltens sowie die Kontrolle über die ausserehelichen Beziehungen der Bürger im multikonfessionellen Polock nicht entlang konfessioneller Trennlinien verlief. Im alltäglichen Aushandeln eigener Interessen beispielsweise konstituierten die Stadtbürger einen transkonfessionellen sozialen Raum, in dem etwa eine orthodoxe Klägerin und ein katholischer Angeklagter in einem Fall des "Fremdliegens" vom Magistrat unabhängig von ihrer konfessionellen Zugehörigkeit behandelt wurden. Zur Entstehung transkonfessioneller Handlungsräume trug im frühneuzeitlichen Polock auch die pragmatische Trennung von Religion und kommunaler Finanzpolitik bei. Für die letztere war ein konfessionell gemischtes Gremium der Gemeindeleute zuständig. Angehörige der städtischen Elite konnten hier - im Gegensatz zu den lautstarken interkonfessionellen Auseinandersetzungen auf der Strasse - die konfessionellen Gräben zugunsten einer ständischen Abgrenzung gegenüber den minderen Bürgerständen überwinden und zu einem gemeinsamen Handeln finden. Auch zwischen den Polacker Führungseliten der Christen und der Juden konstituierten sich bereits im 17. Jahrhundert Kommunikationsräume, in denen religiöse Differenzen bis zu einem gewissen Grad durch ständisch-soziale Abgrenzung überdeckt werden konnten. Denn sowohl für die christlichen Magistratsfamilien als auch für die jüdische Elite galt der Adel zunehmend als soziales Vorbild. Die gegenseitige Beeinflussung von Konfessionen und Religionen im frühneuzeitlichen Polock ist nicht nur an der Übernahme des katholischen Konzepts der Laienbruderschaft durch die Orthodoxen im konfessionellen Wettstreit sichtbar. In der Organisation von jüdischen Bruderschaften und kommunalen Gremien lassen sich ebenfalls Gemeinsamkeiten mit den christlichen Gegenstücken erkennen. Letztlich einte Christen unterschiedlicher Konfessionen und Juden eine in Ansätzen belegbare Polocker Identität, die es bei allen Differenzen und Konflikten ermöglichte, auch in Krisenzeiten zu gemeinsam ausgehandelten Lösungen zu finden. Die Voraussetzungen für die Entstehung trankskonfessioneller Kommunikationsräume in Polock sowie in anderen Städten des Grossfürstentums Litauen sieht Rohdewald in einer Kombination der traditionellen Abhängigkeit der Gemeinden von starken Stadtherren, rechtlicher Uneinheitlichkeit, christlicher Mehrkonfessionalität, der Präsenz ethnokonfessioneller Minderheiten, insbesondere der Juden, sowie schliesslich der konfessionellen Differenz zwischen Städtern und Grossfürsten.

VI.
Die in der Schlussdiskussion gezogene Bilanz des Workshops verdeutlichte einmal mehr, dass sich die Vielschichtigkeit der Interaktionsräume und -wege im Grossfürstentum Litauen mit Gewinn insbesondere durch Analysen der sozialen Praxis aus mikrohistorischer Perspektive herausarbeiten lässt. Insgesamt spiegelte die dreitätige Zusammenarbeit der Forscher, dass die Komplexität der Interaktionsmechanismen in diesem historischen Kontext unterschiedlicher und sich fruchtbar ergänzender Herangehensweisen bedarf. Kleinräumige Sichtweisen sowie grosse Überblicke setzten sich zu einem einzigartigen und vielstimmigen Kaleidoskop zusammen, das nicht zuletzt auch in der Abkehr von einer einheitlichen Konferenzsprache zum Ausdruck kam. Ein Sammelband mit ausgewählten Beiträgen ist geplant.

Anmerkungen:
[1] Till van Rahden: Juden und andere Breslauer. Die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten und Katholiken in einer deutschen Grossstadt von 1860 bis 1915, Göttingen 2000.
[2] Vgl. Johannes Feichtinger et al. (Hrsg.): Habsburg postcolonial. Innsbruck 2003; Homi K. Bhaba: Die Verortung der Kultur. Tübingen 2000; Sebastian Conrad/ Shalini Randeria (Hrsg.): Jenseits des Eurozentrismus. Postcoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt/Main 2002.
[3] Alois Wierlacher et al. (Hrsg.): Handbuch Interkulturelle Germanistik. Stuttgart 2003.
[4] Hans Jürgen Lüsebrink: Interkulturelle Kommunikation. Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer. Stuttgart 2005.

Zitation
Tagungsbericht: Das Grossfürstentum Litauen und die östlichen Gebiete der polnischen Krone als interkulturelle Kommunikationsregion (15.-18. Jh.), 10.03.2005 – 12.03.2005 Passau, in: H-Soz-Kult, 06.06.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-785>.