Lokal – regional – digital: Historische Zeitungen in NRW

Ort
Dortmund
Veranstalter
Institut für Zeitungsforschung; LWL-Archivamt Münster; Universitäts- und Landesbibliothek Münster; Verein zur Förderung der Zeitungsforschung in Dortmund e.V.
Datum
28.06.2018 - 30.06.2018
Von
Erik Koenen / Simon Sax, Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI), Universität Bremen

Anlässlich der Freischaltung des nordrhein-westfälischen Zeitungsportals zeit.punktNRW diskutierten Vertreter aus Archiven, Bibliotheken und Wissenschaft aktuelle Dynamiken und zukünftige Potentiale der Digitalisierung historischer Zeitungen.

STEFANIE AVERBECK-LIETZ (Bremen) hob zwei aus wissenschaftlicher Sicht besonders folgenreiche Aspekte digitalisierter Zeitungen bereits in ihrem Grußwort hervor: Digitale Zeitungsportale vereinfachten den Zugang zu Zeitungen als Forschungsquellen und eröffneten gänzlich neue methodische Wege. BEATE MÖLLERS (Düsseldorf) unterstrich in ihrem Grußwort zudem die Relevanz der Zeitungsdigitalisierung für den Erhalt des kulturellen Erbes – zeit.punktNRW bezeichnete sie in diesem Zusammenhang als einen ‚Meilenstein‘.

Nach den Grußworten präsentierten ANDREA AMMENDOLA (Münster), CHRISTINE BARON (Köln) sowie MICHAEL HERKENHOFF (Bonn) das Landesprogramm „Digitalisierung historischer Zeitungen in Nordrhein-Westfalen“ und stellten sowohl Interface als auch Infrastruktur des Zeitungsportals zeit.punktNRW vor. Beate Möllers gab schließlich den Startschuss für das Online-Portal. Orientiert an den Grenzen des heutigen Nordrhein-Westfalen, bietet das Portal derzeit für den Zeitraum 1765–1977 einen kostenfreien digitalen Zugang zur historischen Zeitungslandschaft der Region und öffnet damit ein wichtiges Quellenkorpus für die Geschichtswissenschaft, die historische Presseforschung sowie die interessierte Öffentlichkeit. Erschlossen sind die einzelnen Zeitungen über einen georeferenzierten Einstieg und eine Kalenderfunktion – eine Volltextsuche ermöglicht das Portal (vorerst) leider nicht. Mit Blick auf die Projektorganisation hat zeit.punktNRW eine Vorbildfunktion für die Digitalisierung der in Deutschland insbesondere auf lokaler und regionaler Ebene dichten und reichen Überlieferung historischer Zeitungen: Sozusagen ‚von unten‘ sind möglichst viele kommunale und staatliche Archive und Bibliotheken in den Digitalisierungsprozess einbezogen worden.

Der erste Teil des Vortragsprogramms war grundsätzlichen Herausforderungen, Problemen und Potentialen digitalisierter Zeitungen sowie der Zeitungsdigitalisierung gewidmet. KATHRIN KESSEN (Bonn) stellte das aktuelle DFG-Förderprogramm „Digitalisierung historischer Zeitungen des deutschen Sprachgebiets“ vor, mit dem die Zahl digitalisierter Zeitungen auch in Zukunft kontinuierlich steigen solle. Zentral sei für die DFG bei jedweder Förderung von Zeitungsdigitalisierung insbesondere deren Nutzen für die Forschung. Selbst wenn prinzipiell gelte: „Besser ein Image als nichts!“, habe in der neuen Förderlinie die Bereitstellung metadatenindexierter und volltexterschlossener Zeitungskorpora in entsprechenden Forschungsportalen vordringliche Bedeutung. In diesem Zusammenhang wies sie darauf hin, dass im Rahmen des Programms mehr Projekte zur Standardentwicklung digitaler Zeitungsportale (zum Beispiel zur Entwicklung zentraler Portalinfrastrukturen und Schnittstellen oder von Richtlinien für Metadaten-Schemata und Volltexte) sehr wünschenswert seien und ebenfalls unterstützt würden, etwa in Form der DFG-Rundgespräche.

In ihrem Vortrag „Zwischen den Stühlen“ thematisierte ASTRID BLOME (Dortmund) die Probleme und Potentiale der Zeitungsdigitalisierung aus den Perspektiven des Archiv- und Bibliothekswesens sowie der Wissenschaft und versuchte zwischen den durchaus divergierenden Positionen und Sichtweisen zu vermitteln. Im Zuge dessen formulierte sie fünf Forderungen: (1.) sei trotz Digitalisierung weiterhin eine ‚hybride Überlieferung‘ von Zeitungsbeständen unerlässlich – Original, Mikrofilm und Zeitungsdigitalisat, jedes einzelne Medium erfülle im Sinne der Kulturguterhaltung eine essentielle Funktion. (2.) müssten die Auswahlkriterien für Periodika und die Prozesse hinter der Zeitungsdigitalisierung als Grundlage wissenschaftlicher Quellenkritik transparenter gemacht werden. (3.) solle statt eines digitalen ‚Querschnitts der Überlieferung‘ vielmehr ein repräsentativer ‚Querschnitt der zeitgenössischen Presselandschaft‘ angestrebt werden, der (4.) zukünftig trotz der herkömmlichen föderalen Förder- und Infrastruktur der Zeitungsdigitalisierung zusätzlich in einem nationalen Zeitungsportal zusammenzuführen sei. (5.) schließlich werde mit digitalisierten Zeitungen und Zeitungsportalen der ‚Leser zum User‘. Metadaten und OCR-Volltexte dienten nicht bloß der forschungsökonomischen Optimierung, sondern ermöglichten zugleich neue methodische Optionen und sollten ebenso wie die Zeitungsdigitalisate selbst offen und nutzbar sein.

Im zweiten Teil des Vortragsprogramms standen sowohl Einsatzbereiche digitalisierter Zeitungen in Lehre und Unterricht als auch die Forschung mit Zeitungsportalen im Mittelpunkt. Aus Sicht des Presseforschers monierte KAI LOHSTRÄTER (Hamburg), dass die gegenwärtig verfügbaren Zeitungsportale selten die Zeitengrenze 1800 unterschreiten und somit die Vorteile der Zeitungsdigitalisierung insbesondere der frühneuzeitlichen Forschung vorenthalten blieben. Sodann demonstrierte er am Beispiel der Ruhrregion, dass es durchaus ein lohnenswertes Unterfangen darstelle, die Presse vor 1789 in den Blick zu nehmen: „Zu gegenseitiger Entzündung der Geister trugen, außer dem Handel und dem Kriege, besonders auch (was man ihnen dankt), theils die Posten, theils die Zeitungsblätter viel bey.“[1] Lohsträter hob zwei Befunde zu den Anfängen der Provinzpresse im 18. Jahrhundert hervor, die sich am Beispiel der Ruhrregion exemplarisch zeigen ließen: (1.) „Eine regionale Pressekultur benötigte keine regionale Presseverlagslandschaft.“ (2.) „Provinzzeitungen mussten nicht ‚provinziell‘ sein.“

CHRISTIAN KUCHLER (Aachen) setzte sich in seinem Vortrag mit dem Einsatz digitalisierter Zeitungen in der geschichtswissenschaftlichen Didaktik auseinander und machte darauf aufmerksam, dass Zeitungen wegen ihrer besonderen Multiperspektivität vor allem zur Herausbildung kritisch-analytischer Kompetenzen bei Schülern und Studierenden beitragen können. Zeitungen ließen sie zudem mehr als andere Quellen unmittelbar in das zeitgenössische Geschehen eintauchen und erlaubten ihnen lebensnahe und lokale Bezüge herzustellen. Sodann stellten ISABELL BERENS (Marburg) und JAN SCHRASTETTER (Bratislava / München) am Beispiel der Zeitungsportale „Hessische Presse im Ersten Weltkrieg“ und „DiFMOE: Digitales Forum Mittel- und Osteuropa“ unterschiedliche Praxisszenarien für die museale, schulische und universitäre Bildungsarbeit sowie für die Wissenschaft vor. Berens machte dabei auch auf die Notwendigkeit redaktionell aufbereiteter Inhalte für ein allgemeines Publikum aufmerksam. Schließlich wies JÖRG WETTLAUFER (Göttingen) auf die derzeit kaum ausgeloteten Erkenntnismöglichkeiten der Digital Humanities hin, um große Daten- und Textmassen der Zeitungsdigitalisierung mit innovativen digitalen Methoden und Werkzeugen zu erschließen.

In der Gesamtschau verdeutlichte die Tagung, dass die unterschiedlichen Sichtweisen von Archivaren, Bibliothekaren und Wissenschaftlern bezüglich der Zeitungsdigitalisierung zukünftig einer stärkeren Abstimmung und des vermehrten Dialogs bedürfen. Es liegt nun aber auch in der Verantwortung von Wissenschaftlern, sowohl ihre Erwartungen an digitale Zeitungskorpora klar zu definieren als auch die entsprechende quellenkritische und methodische Diskussion intensiver voranzutreiben. So ließe sich der von Bob Nicholson im anglophonen Raum bereits 2013 postulierte ‚Digital Turn‘ auch in Deutschland gestalten,[2] so könnte es gelingen, die Potentiale digitaler Zeitungsportale für die Wissenschaft insgesamt nachhaltig auszuschöpfen – die von Kathrin Kessen vorgeschlagenen Rundgespräche der DFG wären hier sicherlich ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Konferenzübersicht:

Grußworte

Johannes Borbach-Jaene (Stadt- und Landesbibliothek Dortmund)
Stefanie Averbeck-Lietz (Universität Bremen / Verein zur Förderung der Zeitungsforschung in Dortmund e.V.)
Beate Möllers (Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW, Düsseldorf)

Vorstellung des Landesprogramms „Digitalisierung historischer Zeitungen in NRW“

Andrea Ammendola (ULB Münster) / Christine Baron (hbz, Köln) / Michael Herkenhoff (ULB Bonn)

Startschuss für das Online-Portal

Beate Möllers (Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW, Düsseldorf)

Session 1: Bibliotheken, Archive und Unterricht

Kathrin Kessen (DFG, Bonn): DFG-Pilotprojekte und Förderrichtlinien Zeitungsdigitalisierung

Astrid Blome (Institut für Zeitungsforschung Dortmund): Zwischen den Stühlen – Digitalisierung aus drei Perspektiven

Runder Tisch: Archive und Bibliotheken im Glück?
Moderation: Antje Diener-Staeckling (LWL-Archivamt Westfalen, Münster)

Heike Bartel-Heuwinkel (LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum, Pulheim) / Wilhelm Grabe (Stadt- und Kreisarchiv Paderborn) / Stephanie Klötgen (ULB Münster) / Ulrich Meyer-Doerpinghaus (ULB Bonn) / Manfred Sawallich (Stadtbibliothek Aachen)

Christian Kuchler (RWTH Aachen): Digitalisierte Zeitungen in der Lehre

Podiumsdiskussion: Alles frei für alle im Netz?! Digitalisierung historischer Zeitungen im Spannungsfeld zwischen Pressefreiheit und Freiheit von Wissenschaft und Forschung
Moderation: Wiebke Möhring (TU Dortmund)

Albert Eßer (Mikrofilmarchiv der deutschsprachigen Presse e.V., Dortmund) / Michael Herkenhoff (ULB Bonn) / Oliver Hinte (USB Köln) / Thorsten Pannen (ZEIT-Verlag, Hamburg)

Session 2: Forschungen

Kai Lohsträter (HSU Hamburg): Vor der Digitalisierung: Die Anfänge der Presse in der Ruhrregion im 18. Jahrhundert

Jörg Wettlaufer (Göttingen Centre for Digital Humanities): Erkenntnismöglichkeiten durch Digital Humanities: Digital(isiert)e Zeitschriften im Semantic Web

Jan Schrastetter (Institut für Kooperation in Mittel- und Osteuropa, Bratislava): DiFMOE: Digitales Forum Mittel- und Osteuropa – Das Portal historischer deutschsprachiger Periodika in Mittel- und Osteuropa

Isabelle Berens (Hessisches Landesamt für geschichtliche Landeskunde, Marburg): Hessische Presse im Ersten Weltkrieg – ein Kooperationsprojekt zwischen wissenschaftlichen Bibliotheken und der Landesgeschichtsforschung

Abschlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] N.N., Beyträge zur Geschichte der französischen Revolution, 2. Bd. 1795.
[2] Bob Nicholson, The Digital Turn. Exploring the methodological possibilities of digital newspaper archives, in: Media History (2013), S. 59–73.

Zitation
Tagungsbericht: Lokal – regional – digital: Historische Zeitungen in NRW, 28.06.2018 – 30.06.2018 Dortmund, in: H-Soz-Kult, 14.09.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7861>.