37. Konferenz der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission der Historiker und Geographen: Der Zweite Weltkrieg in der Geschichtsdidaktik in Polen und Deutschland; Wissen, Vermittlung und Darstellungsformen

Ort
Zamość
Veranstalter
Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission der Historiker und Geographen
Datum
23.05.2018 - 26.05.2018
Von
Mareike zum Felde, Elitestudiengang Osteuropastudien, Ludwig-Maximilians-Universität München; Thomas E. Flanagan, BMW Center for German and European Studies, Walsh School of Foreign Service, Georgetown University, Washington, D.C.

Wie kann man im 21. Jahrhundert deutsche und polnische Narrative zum Zweiten Weltkrieg zusammenführen? Wie muss die Geschichte der nationalsozialistischen Besatzungspolitik vermittelt werden? Welche Methoden sind für diesen Geschichtsunterricht geeignet?

Diesen Fragen widmeten sich Mitglieder der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission sowie Lehrkräfte aus Deutschland und Polen und diskutierten, wie mit dem Übergang der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis im Unterricht umgegangen werden solle. Besonders stark wurde zudem die Frage nach einer nationalen, transnationalen oder internationalen Perspektive auf die Geschichte in der Vermittlung und Darstellung diskutiert. Am ersten Tag der Konferenz wurde diese Frage durch JIE-HYUN LIM (Sognang-Universität, Seoul) beleuchtet. Sein Vortrag mit dem Titel „Geschichte der deutschen Besatzung aus der postkolonialen und globalen Perspektive“ wandte die Konzepte des Orientalismus, ‚Self-Orientalism‘ und Ostforschung auf die Besatzungspolitik an.

Eine Paneldiskussion zeigte die Komplexität der Besatzungspolitik auf lokaler Ebene. JERZY KOCHANOWSKI (Universität Warschau) unterstrich, dass die Realität unter deutscher Besatzung sich für alle Bevölkerungsgruppen unterschiedlich dargestellt habe und in Teilen sehr wenig erforscht sei. Der Transport von Zwangsarbeitern ins Deutsche Reich wurde schon beschrieben. Wie sah aber der Alltag der Zwangsarbeiter im Generalgouvernement aus? Welche Rolle spielten ethnische Unterschiede für die Behandlung von Zwangsarbeitern? CHRISTINE GLAUNING (Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Berlin) verwies auf eine fehlende einheitliche Definition des Begriffs Zwangsarbeit. STEPHAN LEHNSTAEDT (Touro College Berlin) beschrieb die nationalsozialistische Perspektive des Besatzungsalltags und bot Erklärungsansätze, wie das brutale Verhalten der Besatzer zum Alltag für sie werden konnte.

Diese Fragen sind wichtig für die Geschichtsdidaktik: Zuerst müssen Lehrer sich die Frage stellen, wie es überhaupt dazu kam, Menschen diverser Hintergründe zur Arbeit zu zwingen. Obwohl in der Forschung schon bekannt ist, dass Zwangsarbeit Teil des Lebens unter der Besatzung war, scheint es, als ob die Definition oder die Konzeptualisierung noch präzisiert werden müsse. Diese Thematik sprach STEPHAN LEHNSTAEDT (Touro College, Berlin) an: Ist Arbeitszwang Zwangsarbeit? Die Antwort darauf muss besonders im Polen unter deutscher Besatzung Menschen berücksichtigen, die zur Arbeit gezwungen wurden, aber dafür nicht abtransportiert wurden. All dies hat starke Konsequenzen für das Verstehen und die möglichen Darstellungsweisen des Alltagslebens.

Der praktische Teil der Konferenz widmete sich dem ‚Lesen der Landschaft‘. ROBERT TRABA (Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin) zeigte auf Ausflügen als Teil der Konferenz die vielfältigen Erinnerungsorte an Holocaust, Pazifikationen und Umsiedlung in der Umgebung von Zamość (Biłgoraj, Jozefów, Szczebrzeszyn, Bełżec). Das Tagebuch von Zygmunt Klukowski liefert dabei detailreiche Informationen zu Ereignissen in den Ortschaften während der Besatzungszeit.

Im Mittelpunkt der Konferenz stand der Austausch zwischen deutschen und polnischen Lehrern, Historikern und Didaktikern zur Vermittlung des Zweiten Weltkriegs trotz weniger verfügbaren Zeitzeugen und zugänglichen historischen Orten. Ein Referat von WIESŁAWA ARASZKIEWICZ (Szamotuły), Lehrerin an einer polnischen Schule, zeigte Möglichkeiten auf, sich mit Schülern Gedenkorten in ihrer nächsten Umgebung zu nähern. Abseits des ‚üblichen‘ Besuchs eines Konzentrationslagers sei es in Polen und Deutschland immer möglich, Orte des NS-Terrors in der Umgebung der Schule zu finden. Im Laufe der folgenden Diskussion wurde die Vorbereitung eines solchen Besuchs betont. Dieses Thema aus dem Geschichtsunterricht dürfe nicht alleine den Pädagogen der Gedenkstätte überlassen werden, da die Schüler zuvor über entsprechendes Hintergrundwissen verfügen müssten.

Das Verschwinden von Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs, aber auch das Verschwinden von historischen Orten, bildeten den Hintergrund des Konferenzthemas. In einer lebhaften Paneldiskussion mit der Leitfrage „Wie sollte der Zweite Weltkrieg im Unterricht behandelt werden?“ tauschten Akademiker und vor allem Lehrer aus beiden Ländern praktische Erfahrungen mit der pädagogischen Darstellung und Vermittlung aus. In der Diskussion setzten die Teilnehmer sich mit dem Unterschied zwischen Gedenkstätte, Gedenkort und historischem Ort auseinander. Teilnehmer fragten etwa, was uns ein Ort allein sage und inwiefern ein Ort an sich den Besuchern Wissen vermitteln könne. Gedenkstätten hätten die Möglichkeit, Besucher zu führen und idealerweise zu kritischen Fragen zur Geschichte selbst und zu bekannten Narrativen zu animieren. Gedenkorte könnten auch Wissen über ein Ereignis vermitteln und sind immer Teil der Landschaft, aber es fehlt ein vorgegebenes Narrativ. Es wurde festgestellt, dass diese Orte zum Sprechen gebracht werden müssten, um überhaupt fähig zu sein, Wissen oder Geschichte zu vermitteln – insbesondere wenn keine Zeitzeugen mehr befragt werden können.

Die Chancen und Grenzen von außerschulischen Lernorten zum Thema Genozid, Holocaust, Vernichtungs- und Zerstörungspolitik im Geschichtsunterricht wurden gleichsam von Lehrern und Wissenschaftlern diskutiert: Wie solle man Schülern am besten solche Themen im Rahmen des Unterrichts vorstellen und in welcher Weise sind außerschulische Orte dafür besonders geeignet? Die Orte haben unterschiedliche Publika oder Empfänger, die sie zu erreichen versuchen. Dies sind erstens Schüler, die vor Ort ein besonderes pädagogisches Begleitprogramm brauchen und zweitens Massenbesucher. RAPHAEL UTZ (Imre-Kertesz Kolleg, Jena) unterstrich in seinem Statement, dass historische Orte nicht nur verschwinden, sondern dem Empfänger auch als Ort nichts kommunizieren könnten. Dadurch entstehe eine Distanz zwischen den Menschen und dem historischen Ereignis, das an diesem Ort geschah: Der Besucher werde das Ereignis am Ort selbst nicht mehr erfahren und durch den reinen Besuch keine Verbindung zu ihm herstellen können. Selbst Zeitzeugen erfahren an dem Ort eine solche Distanz, sollten sie zu ihm zurückkehren. Die Teilnehmer waren geteilter Meinung über den Umgang mit Gedenkorten. Nach entsprechender Vorbereitung der Schüler könne der Besuch einer Gedenkstätte den Unterricht ergänzen. Der Ortsbesuch könne anschließend zu konkreten Fragestellungen der Schüler führen.

Die teilnehmenden Lehrer hatten die Möglichkeit, den Entwurf eines Kapitels des vierten Bandes des deutsch-polnischen Geschichtsbuchs zu begutachten. Anschließend wurde intensiv über dessen praktische Verwendung vor dem Hintergrund unterschiedlicher didaktischer Traditionen in beiden Ländern diskutiert. Im deutschen Geschichtsunterricht nähmen Quellen einen zentralen Platz ein, während in Polen Autorentexte im Unterricht bevorzugt würden. Inwieweit kann das gemeinsame Schulbuch nun auf beide Traditionen eingehen und zudem die Kriterien der Lehrpläne aller (Bundes-)Länder erfüllen? Von deutscher Seite wurde hierzu die Bereitstellung eines Lehrerhandbuchs angeraten.

Hieran schloß sich die theoretische Frage an, welche Perspektive das Schulbuch einnehme beziehungsweise einnehmen solle. Es wurde deutlich, dass die Perspektive des Buchs unterschiedlich wahrgenommen wurde. Möchte das Buch als europäische Geschichte aus deutscher, polnischer, oder deutsch-polnischer Perspektive verstanden werden? Am Ende blieb die Frage offen, ob das Buch die Teilnehmer überzeugen könne, eine europäische Geschichte in transnationaler Perspektive zu erzählen.

Die Konferenz setzte sich mit der Geschichte der deutschen Besatzung in Polen aus verschiedenen Perspektiven auseinander. Durch den Wechsel von akademischen Paneldiskussionen, Besuchen an Gedenkorten und dem praxisorientierten Austausch von Lehrern mit unterschiedlichen Erfahrungen im Klassenzimmer verdeutlichte sie die Vielschichtigkeit des Alltagslebens in Polen unter der Besatzung. Das ‚Lesen der Landschaft‘ in der Umgebung von Zamość unterstrich diesen Ansatz und verwies auf Perspektiven, die Pädagogen, Didaktiker und Historiker in der Vermittlung im Geschichtsunterricht verwenden könnten.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Andrzej Wnuk / Andrzej Mazurkiewicz (Zamość)

Konferenzeröffnung
Robert Traba (Berlin) / Hans-Jürgen Bömelburg (Gießen)

Eröffnungsvortrag
Jie-Hzun Lim (Seoul): Geschichte der deutschen Besatzung aus der postkolonialen und globalen Perspektive

Diskussion 1: Alltagsleben unter der Besatzung
Moderation: Robert Traba (Berlin)
Teilnehmer: Jerzy Kochanowski (Warschau) / Christine Glauning (Berlin) / Stephan Lehnstaedt (Berlin)

Diskussion 2: Zamojszczyzna: Ein Laboratorium für die Vernichtung der Bevölkerung
Moderation: Dominik Pick (Berlin)
Teilnehmer: Agnieszka Jaczynska (Zamość) / Robert Traba (Berlin) / Hans Henning Hahn (Oldenburg)

Diskussion 3: Das Verschwinden von Zeitzeugen und historischen Orten. Wie sollte der Zweite Weltkrieg im Unterricht behandelt werden?
Moderation: Claudia Kraft (Wien)
Teilnehmer: Katarzyna Woniak (Szamotuły) / Wiesława Araszkiewicz (Szamotuły) / Markus Roth (Gießen)

Lehrerworkshop / Diskussion des Lehrerworkshops
Moderation: Dominik Pick (Berlin)

Diskussion 4: Außerschulische Lernorte über Genozid, Holocaust, Vernichtungs- und Zerstörungspolitik im Geschichtsunterricht- Chancen und Grenzen
Moderation: Izabela Surynt (Breslau)

Teilnehmer: Tomasz Kranz (Majdanek) / Raphael Utz (Jena) / Violetta Julkowska (Posen)

Diskussion 5: Die Zukunft der Erinnerung in internationalen und deutsch-polnischen Kontexten
Teilnehmer: Michael Müller (Halle-Wittenberg) / Gabi Dolff-Bonekämper (Berlin) / Robert Traba (Berlin)

Zitation
Tagungsbericht: 37. Konferenz der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission der Historiker und Geographen: Der Zweite Weltkrieg in der Geschichtsdidaktik in Polen und Deutschland; Wissen, Vermittlung und Darstellungsformen, 23.05.2018 – 26.05.2018 Zamość, in: H-Soz-Kult, 26.09.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7872>.