Kollektive Weiden und Wälder – Ökonomie, Partizipation, Nachhaltigkeit

Ort
Altdorf
Veranstalter
Rahel Wunderli / Martin Stuber, Historisches Institut, Universität Bern; Schweizerische Gesellschaft für ländliche Geschichte
Datum
08.06.2018 - 09.06.2018
Von
Ines Brändli, Historisches Institut, Universität Zürich

Die interdisziplinäre und internationale Tagung entstand im Rahmen des interdisziplinären SNF-Projekts SCALES (Sustainable Commons Adaptations to Landscape Ecosystems in Switzerland)[1], das seit 2017 die kollektive Bewirtschaftung von Wald und Weide in der Schweiz in fünf Fallstudien vergleichend untersucht.

Für den internationalen wissenschaftlichen Diskurs zu kollektiven Organisationen ist das 1990 erschienene wegweisende Werk „Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action“ der Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom noch immer von grosser Bedeutung. Ostrom relativierte die verbreitete Ansicht über die mit Ineffizienz und Übernutzung verbundene „Tragik der Allmende“, indem sie aufzeigte, dass lokale kooperative Formen der Ressourcennutzung unter gewissen Bedingungen der privaten oder staatlichen Nutzung überlegen seien. Ein besonderes Augenmerk legte Ostrom auf das Walliser-Dorf Törbel, das – obwohl sich seine Strukturen inzwischen stark gewandelt haben – international noch immer als Inbegriff schweizerischer Kollektivbewirtschaftung gesehen wird. In Anbetracht der Vielfalt an kooperativen Bewirtschaftungsformen in der Schweiz gilt es, diesen verengten Fokus auszuweiten.

An der Tagung nahmen Forschende aus den fünf Alpenländern Frankreich, Italien, Österreich, Slowenien und der Schweiz teil. Im Rahmen von 12 Referaten beleuchteten sie das Tagungsthema aus diversen fachlichen und methodischen Richtungen sowie hinsichtlich unterschiedlicher Regionen und Zeitphasen.

In ihrer Einführung stellten die Organisatoren RAHEL WUNDERLI (Bern) und MARTIN STUBER (Bern) die Korporation Uri – ein Fallstudien-Objekt des SCALES-Projekts – in ihrer historischen Entwicklung wie gegenwärtigen Bedeutung vor. Zudem boten sie einen Überblick über zeitliche Gliederungsmöglichkeiten sowie typologische Aspekte kollektiver Organisationsformen. Betrachte man die Bürgergemeinden und Korporationen in ihren vielfältigen Rechtsformen in der Langzeitperspektive, würden vielfältige Transformationen sichtbar, mit denen diese Institutionen immer wieder auf die sich verändernden ökonomischen und politisch-rechtlichen Kontexte zu reagieren versuchten.

Der Sozialanthropologe TOBIAS HALLER (Bern) und der Historiker CHRISTIAN ROHR (Bern) stellten ausgewählte Aspekte der internationalen Commons-Debatte vor. Während sich der identitätsstiftende Wert der Allmende überall als zentral herausstelle, seien etwa die Regelwerke oder generell der Umgang mit dem Strukturwandel sehr heterogen. Diese Vielfalt in ihren Grundelementen herauszuarbeiten stelle ein Hauptziel des SCALES-Projektes dar.

Die Historikerin ANNE-LISE HEAD-KÖNIG (Genf) gab einen historischen Überblick über die Zugänge zu kollektiven Gemeingütern (Gemeineigentum) in der Schweiz. Sie zeigte etwa auf, wie diese – obwohl in der Schweiz gerne die Gleichheit betont werde – sehr vielfältige Ausprägungen aufwiesen. Am Beispiel des Kantons Glarus zeigte Head-König die indirekte Subventionierung industrieller Unternehmer durch das System des Gemeinschaftseigentums auf: Dadurch, dass Erträge auf die Bürger – auch die Arbeiter – verteilt wurden, konnten die Löhne tief gehalten werden. Dieses Beispiel zeigt, dass es naiv wäre, von Gemeinschaftsgütern zu erwarten, dass sie stets egalisierend wirkten. Sie standen und stehen nie in einem von politischer und ökonomischer Macht unabhängigen, luftleeren Raum.

Der Politikwissenschaftler FRANÇOIS-XAVIER VIALLON (Lausanne), die Humangeographin KARINA LIECHTI (Bern) sowie die Historiker Martin Stuber und Rahel Wunderli umrissen das Verhältnis von kollektiver Körperschaft und öffentlichem Recht. Sie fragten, wie kollektive Organisationen zwischen staatlich vorgegebenen, verbindlichen Normen und autonomer Selbstgesetzgebung funktionierten. Die Referierenden konnten drei Phasen des staatlichen Zugriffs auf die Kollektivressourcen in der Schweiz ausmachen, wobei sie von einer Installierung (letztes Drittel des 19. Jahrhunderts), einer Intensivierung und einer Ökologisierung (erste beziehungsweise zweite Hälfte des 20. Jahrhundets) ausgingen. Am Beispiel von Sömmerungsweiden sowie Gemeinde- und Korporationswäldern in der Phase der Installierung zeigten sie auf, welche wirkungsvolle Dynamik durch das Wechselspiel zwischen Staat und Kollektiv im Umgang mit Ressourcen entstehen konnte. Einerseits ebneten kantonale, kommunale oder korporative Regelungen den bundesstaatlichen Gesetzen den Weg. Andererseits konnten staatliche Regelungen Entwicklungen auf den unteren Ebenen antreiben, die den Erhalt der Ressource begünstigen.

Dass es sich auch bei seit Jahrhunderten stabil bestehenden kollektiven Ressourcennutzungen wie bei der Gemeinde Imst in Tirol, immer um fragile Phänomene handelte zeigte der Historiker GERHARD SIEGL (Völs) auf. So hätten etwa demographische Veränderungen, Naturkatastrophen oder staatliche Eingriffe zur Auflösung der Gemeinschaftsgüter führen können. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass die geographisch abgelegene Lage der Gemeinde Imst das Fortbestehen der kollektiven Organisationsform begünstigte. Neben Elinor Ostroms ‚design principles‘ nannte Siegl naturräumliche, ökonomische und soziale Faktoren als grundlegende Kriterien für das Überleben solcher Institutionen.

In die Entstehungsphase der Gemeingüter-Organisationen ging der Historiker FABRICE MOUTHON (Savoie Mont Blanc) zurück, der sich auf die französischen Alpen im 13.–15. Jahrhundert bezog und damit eine wichtige Transformationsphase nachzeichnete. In dieser Phase drängten die Gemeinden auf die Klärung ihres rechtlichen Status. Daraufhin legten erste schriftliche Dokumente wie etwa die ‚grande charte briançonnaise‘ von 1343 gewisse Rechte und Pflichten der Gemeinden fest und etablierten auch Systeme der Schiedsgerichtsbarkeit und Rechtsprechung. Dennoch waren nicht alle Gemeinden gleich erfolgreich, sich rechtliche Anerkennung durch die Obrigkeit zu verschaffen. Während dies Pfarrgemeinden und Genossenschaften besser gelang, waren Dorfgemeinden weniger erfolgreich.

Der Historiker STEFAN SONDEREGGER (St. Gallen / Zürich) untersuchte die Auswirkungen der Kommerzialisierung der Viehwirtschaft auf die Alpwirtschaft im Gebiet der heutigen Ostschweiz im Übergang vom Spätmittelalter zur Frühneuzeit. Er zeigte die Verbindung von städtischer Nachfrage – etwa durch Spitäler und Klöster – und ländlicher Bewirtschaftung auf. Mit intensivierter Alpwirtschaft wurde eine kommunale Regulierung (beispielsweise durch Alpgenossenschaften) nötig, mittels derer die Ressourcen geschützt und Vorrechte für Ansässige festgesetzt wurden. Besonders anschaulich zeigte Sonderegger außerdem die zunehmende Kommerzialisierung in der Alpwirtschaft: Textilhandelsleute erwarben Alpen als Kapitalanlagen und verpachteten sie an Sennen, deren Produkte wiederum von Zwischenhändlern, den sogenannten Gremplern, gekauft wurden.

Die italienische Forstökonomin PAOLA GATTO (Padova) stellte ein Projekt vor, das sieben Fallstudien in den venezianischen Alpen umfasst. Sie führte aus, dass sich die Regeln die sieben kollektiv bewirtschafteten Forstflächen betreffend stark voneinander unterschieden. Gattos zentrale Frage lautete, ob es sich bei der kollektiven Forstbewirtschaftung um widerstandsfähige Modelle oder Vergangenheitsrelikte handele. Sie stellte fest, dass diese Organisationen nicht statische Relikte der Vergangenheit seien, sondern dass einige existierten, die sich als resistent erwiesen, während andere mit dem Wandel zu kämpfen hätten. Seit langer Zeit existierende Organisationen hätten sich dabei langsamer angepasst, während sich neuere sprunghafter und teilweise auch radikaler verändert hätten.

Einen Einblick in die Kollektivbewirtschaftung des Waldes im österreichischen Kärnten bot die Historikerin und diplomierte Forstwirtin ELSABETH JOHANN (St. Margareten) mit ihrem Vortrag zum gemeinschaftlichen Eigentum im Gebiet des heutigen Nationalparks Hohe Tauern. In einer Langzeitperspektive zog Johann den Bogen von den ersten Waldungen im Mittelalter über die Umverteilung des Gemeinwaldes unter Maria Theresia im 18. Jahrhundert zu den heutigen Agrargemeinschaften, die in dieser Region noch immer bedeutend sind.

Die zwei Historiker CLAUSIO LORENZINI (Udine) und GIACOMO BONAN (Bologna) untersuchten die kollektive Ressourcennutzung in den Ostalpen der heutigen Provinz Udine vom 16. bis ins 19. Jahrhundert. Sie konzentrierten sich dabei nicht wie üblich auf eine „bottom up“- oder „top down“-Perspektive, sondern auf den Blickwinkel der meist venezianischen Holzhändler, deren Rolle zentral für eine stabile (kollektive) Wirtschaft war. Lorenzini und Bonan zeigten auch auf, wie die teils äußerst wohlhabend gewordenen Händler ein System, das eigentlich Gleichheit schaffen sollte, für ihre ökonomischen Partikularinteressen ausnutzten.

Dass es sich bei kollektiven Ressourcen nicht zwingend um Wald und Weide handeln müsse, zeigte der Historiker SANDRO GUZZI (Lausanne) auf, der in seiner Untersuchung zur Leventina im 18. und 19. Jahrhundert von der kirchlichen Infrastruktur als kollektivem Gut ausging. Guzzi wies dabei auf die Interpendenz zwischen Religion und Politik hin. So rief beispielsweise die Zentralisierung und Vereinheitlichung im Zuge der Helvetik insbesondere in katholischen ländlichen Gebieten Widerstand hervor. Die kollektiv verwalteten Ressourcen der religiösen Infrastruktur stellten sich für die Autonomie des katholisch-konservativen Milieus als grundlegend heraus.

Der Historiker ŽIGA ZWITTER (Ljubljana) näherte sich der Frage der kollektiven Bewirtschaftung über die Wissensgeschichte und untersuchte, wie sich „traditional ecological knowledge“ (TEK) über die Pflanzen der Bergwiesen und Weiden im 16. und 17. Jahrhundert in den Julischen Alpen und Westkarawanken im Verhalten der Bewirtschafter niederschlug. Migration beispielsweise konnte sowohl positive wie negative Auswirkungen auf dieses Fachwissen haben, da einerseits Wissen transferiert werden, andererseits aber auch verloren gehen konnte.

Ebenfalls die Frage nach dem verfügbaren Wissen für die kollektiven Bewirtschaftungssysteme stellte der Historiker MARTIN SCHAFFNER (Basel). Er interessierte sich für den Umgang der Wissenschaft mit einerseits lokalem Nutzerwissen und andererseits wissenschaftlichem Expertenwissen. Am Beispiel des Urserntals kam er zu dem Schluss, dass lokales traditionelles (Nutzer-)Wissen nur eine Teilgrundlage liefern könne, da ihm ein Systemwissen – das größere Funktionszusammenhänge einschließen würde – fehle. Es sei allerdings zentral, die verschiedenen Arten von Wissen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern als einander ergänzend zu betrachten.

Im abschließenden Kommentar stellte DANIEL SCHLÄPPI (Bern) die einzelnen Beiträge in vielfältige Bezüge zu aktuellen Forschungsfragen. Ein besonderes Augenmerk legte er auf die Problematik übergreifender Begrifflichkeit, die im mehrsprachigen Kontext der Tagung deutlich sichtbar geworden war. So plädierte er für den Begriff ‚ländliche Gemeingüter‘, stellte aber ebenfalls die Übernahme der englischen Terminologie der ‚Commons‘ ins Deutsche zur Diskussion. Auch regte er zum Überdenken vorschneller Dichotomien wie etwa ‚öffentlich‘ und ‚privat‘ an.

Die Diversität der Organisationsformen kollektiver Gemeinschaftsgüter spiegelte sich eindrücklich in der thematischen Vielfalt der Tagungsreferate, die sich auch hinsichtlich ihrer jeweiligen methodischen Zugänge enorm unterschieden. Dabei wurde offenbar, wie anregend und fruchtbar eine Ausweitung über die disziplinären Grenzen sein kann. Angesichts der Breite, Vielschichtigkeit und noch immer währenden Aktualität (etwa als oft übersehener Teil der untersten Ebene des Schweizerischen Staatswesens) der ‚Commons‘, zeigte sich an dieser so vielseitigen, dichten und hervorragend organisierten Tagung, dass dem Themenkomplex noch zahllose spannende Fragen entnommen werden können. Unterstrichen wurde diese aktuelle Brisanz der Thematik durch den transdisziplinären Charakter der Tagung. Zum einen fand eine Ortsführung zur Geschichte und aktuellen Situation der Korporation Uri mit einem Korporationsvertreter und einem lokalen Historiker statt. Zum anderen wurde ein öffentliches Podiumsgespräch mit Vertretungen von Korporation, Kanton Uri, Alpnutzung, Wissenschaft und Naturschutz durchgeführt.

Die Tagungsergebnisse werden im Jahrbuch Histoire des Alpes / Storia delle Alpi / Geschichte der Alpen (2019) veröffentlicht.

Konferenzübersicht:

Martin Stuber (Bern) / Rahel Wunderli (Bern): Einführung in den Workshop und zur Korporation Uri

Tobias Haller (Bern) / Jean-David Gerber (Bern) / Stephan Mann (Tänikon) / Stéphane Nahrath (Lausanne) / Christian Rohr (Bern): „Kollektives Ressourcenmanagement“ oder „Allmend-Regelwerke“? Überlegungen zu einem interdisziplinären Forschungsprojekt

Anne-Lise Head-König (Genf): Les multiples facettes de l'accès aux biens communaux en Suisse, miroir d'une diversité europenne similaire

Führung zur Geschichte und aktuellen Situation der Korporation Uri, Altdorf
Leitung: Hans Stadler (Historiker) / Karl Marty (Allmendaufseher Korporation Uri)

François-Xavier Viallon (Lausanne) / Karina Liechti (Bern) / Martin Stuber (Bern) / Rahel Wunderli (Bern): Staatlicher Zugriff auf kollektive Weiden und Wälder im schweizerischen Vergleich

Gerhard Siegl (Völs): Persistenz verstehen: Ländliche Gemeingüter in Tirol am Beispiel der Stadtgemeinde Imst

Fabrice Mouthon (Savoie Mont Blanc): Le Moyen Âge où la naissance des communs dans les Alpes françaises (XIIIe-XVe siècles)

Stefan Sonderegger (St. Gallen / Zürich): Alpwirtschaft im Kontext der Kommerzialisierung der Viehwirtschaft im Übergang Spätmittelalter / Frühe Neuzeit

Podiumsdiskussion
Korporation Uri: Allmendnutzung mit Zukunft? – Eine Institution zwischen Tradition und Wandel
Moderation: Tobias Haller (Sozialanthroploge, Universität Bern) / Rolf Infanger (Präsident Korporation Uri)
Teilnehmer/innen: Urban Camenzind (Regierungsrat Kanton Uri) / Othmar Zgraggen (Präsident Urner Alpkäseproduzenten) / Pia Tresch (Geschäftsstellenleiterin Pro Natura Uri) / Rahel Wunderli (Historikerin, Universität Bern)

Paola Gatto (Padova): I demani forestali collettivi nelle Alpi orientali: modelli di resilienza o relitti del passato?

Elisabeth Johann (St. Margareten): Gemeinschaftlich bewirtschafteter Wald in den hohen Tauern (heute Nationalpark Hohe Tauern Kärnten)

Claudio Lorenzini (Udine) / Giacomo Bonan (Bologna): Montagne condivise, montagne contestate. Le risorse d’uso collettivo delle Alpi orientali, secoli XVI-XIX

Sandro Guzzi (Lausanne): Religion, organisation de l'espace et du temps dans les corporations alpines du XVIIIe et XIXe siècle

Žiga Zwitter (Ljubljana): Eine Wissensgeschichte der Bergwiesen und -weiden in den Julischen Alpen und Westkarawanken im 16. und 17. Jahrhundert

Martin Schaffner (Basel): „Lokales“ gegen „Experten“-Wissen? Zur Wissensgeschichte des Managements von common pool resources im Urserntal

Daniel Schläppi (Bern): Kommentar

Anmerkung:
[1]http://www.anthro.unibe.ch/forschung/scales/index_ger.html

Zitation
Tagungsbericht: Kollektive Weiden und Wälder – Ökonomie, Partizipation, Nachhaltigkeit, 08.06.2018 – 09.06.2018 Altdorf, in: H-Soz-Kult, 02.10.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7880>.