Unterwegs zu neuen Ufern. Stadt und Fluss im transregionalen europäischen Diskurs

Place
Würzburg
Host/Organizer
Polnische Historische Kommission; Stadtarchiv Würzburg; Lehrstuhl für Geschichte der Baltischen Länder der Nikolaus-Kopernikus-Universität Toruń; Lehrstuhl für Fränkische Landesgeschichte der Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Date
17.09.2018 - 18.09.2018
By
Christoph Mielzarek; Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), Leipzig

Städte und Flüsse sind schon seit geraumer Zeit Gegenstand historischer wie kulturwissenschaftlicher Betrachtung. Auch in ihrem Verhältnis zueinander sind sie immer wieder wissenschaftlich analysiert und dargestellt worden. Fragen politischer, ökonomischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge zwischen Stadt und Fluss standen im Mittelpunkt dieser Tagung. Auf eine ausführliche Wiedergabe einzelner Referate kann hier verzichtet werden, sollen diese doch 2019 in geeigneter Form im Bulletin der Polnischen Historischen Mission veröffentlicht werden. Nicht nur zeitlich, sondern durchaus auch programmatisch an den Anfang gestellt, unternahm MEINRAD VON ENGELBERG (Darmstadt) eine Typisierung des Verhältnisses von Stadt und Fluss nach Flüssen, Städten, der Lage am Fluss sowie dem Kontext der Stadtentstehung und -entwicklung. Eine Typisierung ist eine notwendige, wenn auch gelegentlich undankbare Aufgabe. Notwendig ist sie, weil durch sie ein Pfad in das Dickicht der inzwischen nicht mehr nur zahlreichen, sondern zahllosen Untersuchungen zu Einzelaspekten der eben auch nicht gerade kleinen Zahl städtischer Siedlungen an Flüssen im europäischen Raum geschlagen werden kann; undankbar in der Hinsicht, dass die für eine Typisierung erforderliche Abstraktion und Vereinfachung geeignet ist, sofort den Widerspruch der ExpertInnen hervorzurufen. Von Engelbergs Versuch jedenfalls erwies sich im weiteren Verlauf der Tagung als durchaus praktikabel.

Die Vielfalt der im Weiteren gebotenen Vorträge trug der Breite der thematischen Ausrichtung der Tagung Rechnung. Politische, ökonomische und gesellschaftliche Fragestellungen hinsichtlich des Verhältnisses von Fluss und Stadt sind oft nicht strikt voneinander zu trennen. Obwohl also viele der Vorträge wenigstens zwei, oft aber alle drei Themenbereiche der Tagung berührten, lassen sie sich doch einem dieser Bereiche vorrangig zuordnen.

Den politischen, oder genauer herrscherlich-administrativen Aspekten im Verhältnis von Fluss und Stadt widmete sich der größte Teil der Vorträge: Ein Doppelreferat von HANNA GRZESZCZUK-BRENDEL (Poznań) und ALEXANDRE KOSTKA (Strasbourg), stellte die Entwicklung der preußischen Residenzstädte Poznań / Posen und Strasbourg / Straßburg im 19. Jahrhundert teilweise konträr gegenüber, teilweise komplementär Seite an Seite. In beiden hohenzollerischen Residenzstädten traf die Obrigkeit in ihren Modernisierungsbemühungen auf nichtdeutsche Bevölkerungsgruppen, hier Franzosen, dort Polen, was den Diskurs über stadtplanerische Eingriffe auch im Bereich von Fluss, Wasserversorgung oder Abwasserentsorgung mitbestimmte. ELLINOR FORSTER (Innsbruck) verwies auf den situativen Umgang mit der nach dem Ersten Schlesischen Krieg neu geschaffenen Grenze am Fluss Oppa / Opava und der (Entwicklung der) Stadt Troppau / Opava, welcher stark von den Befindlichkeiten in Berlin und Wien geprägt war. Auch im Referat von LINA SCHRÖDER (Würzburg) wurde der dominierende Einfluss der Herrschaft, hier der Markgrafen von Ansbach beziehungsweise ihrer Räte, auf die Entwicklung von Marktsteft beschrieben und analysiert. Ebenfalls mit Herrschaft und Administration, allerdings mit einem rechtsgeschichtlichen Ansatz, befasste sich FELIX GROLLMANN (München) in Bezug auf den kreativen Umgang der Stadt München mit den ihr verbliebenen Möglichkeiten nach der Verabschiedung des bayrischen Wassergesetzes von 1852. Die Vorträge von LESZEK ZYGNER (Ciechanów) und SZYMON OLSZANIEC (Toruń) akzentuierten stärker die Verbindung zwischen Herrschaft und Handel beziehungsweise Transport, ersterer in Bezug auf die Topografie der Stadt Płock mit Bischofssitz, Herzogburg und Flusshafen, letzterer in Bezug auf die Administration der Getreideversorgung Roms in der Spätantike, speziell der Organisation des Getreidetransports von den Seehäfen in die Stadt.

Handel und Transport waren auch zentrale Fragen einiger weiterer Vorträge. JERZY LITWIN (Gdańsk) stellte dabei keine Stadt und keinen Fluss, sondern einen Bootstyp in den Mittelpunkt seiner bildreichen Ausführungen. Die ‚Berlinka‘ diente bis zur Durchsetzung der Dampfschifffahrt dem Transport von Schüttgut auf Oder und Weichsel, häufig in Richtung Berlin. KLAUS MILITZER (Köln) befasste sich mit den naturräumlichen und anthropogenen Bedingungen des Handels der Metropole Köln. SASCHA BÜTOW (Magdeburg) verwies mithilfe altmärkischer Beispiele auf die beträchtliche Bedeutung der kleinen Flüsse für den mittelalterlichen Handelsverkehr, in diesem Fall mit der Hansestadt Hamburg, die in der Wissenschaft bisher zugunsten der großen Flüsse vernachlässigt worden seien. JANUSZ GOŁASZEWSKI (Wrocław) stellte den Verlauf der Erweiterung des Oderhafens in Breslau um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, deren Ursachen und Auswirkungen vor.

Ein anderer Schwerpunkt des Programms lag in einem weiteren Sinn in der Untersuchung des Verhältnisses von Fluss und Stadt in seiner Bedeutung für die Gesellschaft. In einem engeren Sinne ging es um Hochwasser, Kulturräume, Brückensymbolik und die Abwesenheit des Flusses. WOLFGANG WÜST (Erlangen-Nürnberg) zeigte Hochwasserereignisse in den Medien der Frühen Neuzeit, die meist und lange als ‚Strafgericht Gottes‘ gedeutet wurden, aber auch erste aufklärerische Ansätze zu einer wissensfundierten Hochwasserprophylaxe etwa in Nürnberger Senatsdekreten des frühen 18. Jahrhunderts. PIOTR OLIŃSKI (Toruń) berichtete von Hochwasserereignissen im Weichseldelta und in der Stadt Thorn. Überraschenderweise finden sich eine ganze Reihe von Ereignissen in den Chroniken von Thorn, die am Unterlauf des Flusses nicht verzeichnet wurden.

Im Fokus der Betrachtung DIETER SCHOTTs (Darmstadt) standen nicht allein die mittelalterlich-frühneuzeitlichen Funktionen der alten Frankfurter Mainbrücke, die mit Entsorgungsstelle, ja Abort der Stadt, Hinrichtungsplatz, Kapelle und natürlich Mühlenstandort weit über die Funktion der Flussquerung hinausgingen, sondern die kulturelle Aufladung des ebenfalls steinernen Erweiterungsbaus im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts unter ‚reliquienhafter‘ Verwendung der Steine der alten Brücke und Rekurs auf die Nord- und Süddeutschland einende reichsstädtische Tradition der nunmehrigen preußischen Landstadt Frankfurt. HANS-PETER BAUM (Würzburg) schlug einen weiten Bogen vom Hochmittelalter bis in die Neuzeit. Als ausgewiesener Experte für diese Fragen stellte er die steinerne Brücke in Würzburg als Distinktionsmerkmal zu den näher und ferner benachbarten Städten am Main heraus und erklärte die frühe wirtschaftliche Prosperität der Stadt eben mit diesem Unterschied.

MÁTÉ TAMÁSKA (Budapest) warf einen vergleichenden Blick auf drei mittelgroße Städte im Zeitalter der Industrialisierung. Bei verständlicherweise gravierenden Unterschieden – Görlitz / Zgorzelec hatte etwa eine ausgeprägte protoindustrielle Phase erlebt und Komárom / Komárno wurde von einer staatlichen Werftindustrie geprägt – zeigte der Referent überraschende Parallelen auf, etwa in der Aneignung des durch die Kanalisierung des Flusses im Stadtgebiet gewonnenen Gebietes durch bürgerliches Engagement.

JOHANNES SANDER (Würzburg) resümierte die seit einiger Zeit relativierte Rolle der Flüsse für die Verbreitung künstlerischer, vor allem architektonischer Elemente im Mittelalter. ‚Weserrenaissance‘ oder ‚-barock‘, ‚Donauschule‘, ‚Rheinische Romanik‘ seien irreführende, zum Teil auch national aufgeladene Begriffe, zumal wenn der Fluss hierbei als determinierend für einen begrenzten Kunstraum betrachtet wird. Gleichwohl zeigte der Referent am Beispiel architektonischer Details am Dom zu Speyer, dass und wie sich Ideen entlang von Flüssen verbreiten. Für ANDREAS MARTIN (Dresden) stand die Stadt- und Landschaftsmalerei an der Elbe um Dresden von Canaletto über Adrian Zingg bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert unter Einbezug von Motiven und Perspektiven, Künstlern, Verlegern und der Dresdner Kunstakademie im Fokus. In gewisser Weise einen Kontrapunkt setzte der Vortrag von ALEKSANDER ŁUPIENKO (Warszawa), stand in diesem doch die Abwesenheit eines bedeutenden Flusses in der Entwicklung einer bedeutenden Stadt – Lwiw / Lwów / Lemberg – im Mittelpunkt. Lwiw entwickelte sich aus herrschaftlichen (Burg) und administrativen (Hauptstadt) Gründen. Das Fehlen eines großen Stromes war dabei kein Nachteil, vielmehr bot der kleine Fluss durch seine Verlegung unter die Erde und seine Überbauung die Möglichkeit zur stadtplanerischen Gestaltung und Aneignung.

Neben den überraschenden Thesen, wenn gängigen Vorstellungen widersprochen oder diese um Wesentliches ergänzt werden konnten, wie etwa in den Vorträgen von Sascha Bütow oder Aleksander Łopienko, sind es vielleicht am ehesten die kulturwissenschaftlichen Ansätze einiger Vorträge, die besonders in Erinnerung bleiben und zu weiterer Auseinandersetzung anregen. Beispielsweise scheint die von Alexandre Kostka zur Diskussion gestellte These Arnold Joseph Toynbees, die Beherrschung des Flusses sei Teil einer auf den Monarchen ausgerichteten Zivilisation, insbesondere für die Untersuchung der Interaktion zwischen Fluss und Stadt in der Neuzeit noch nicht ausgereizt.

Konferenzübersicht:

Adolf Bauer (Bürgermeister, Würzburg) / Axel Metz (Stadtarchiv Würzburg) / Renata Skowrońska (Polnische Historische Mission Würzburg): Begrüßung

Sektion I: Fluss und die Topografie der Stadt. Typologie und einige Beispiele
Moderation: Andrzej Radzimiński (Toruń)

Meinrad von Engelberg (Darmstadt): Stadt und Fluss. Versuch einer vergleichenden Typologie anhand von Beispielen aus dem Heiligen Römischen Reich

Hanna Grzeszczuk-Brendel (Poznań) / Alexandre Kostka (Strasbourg): Posen und Straßburg und ihr Bezug zum Wasser. Ein vergleichender Blick in einer Langzeitperspektive

Sektion II: Eine Stadt am Fluss: eine beständige Wechselwirkung
Moderation: Máté Tamáska (Budapest)

Klaus Militzer (Köln): Die wirtschaftliche Tätigkeit Kölns am Rhein im 14. und 15. Jahrhundert

Hans-Peter Baum (Würzburg): Würzburg als Stadt am Main. Furt und Brücke, Wehr und Schleuse, Mühle und Reuse, Zoll und Stapel

Leszek Zygner (Ciechanów): Płock. Eine Stadt an der Weichsel

Sektion III: Infrastruktur – Organisation – Administration. Wirtschaftliche Nutzung der Flüsse über Jahrhunderte
Moderation: Caspar Ehlers (Frankfurt am Main)

Szymon Olszaniec (Toruń): From Portus to Rome. Few Remarks on Corn Supply of the Eternal City and Administrators of Portus and the Banks of the Tiber in Late Antiquity

Dieter Schott (Darmstadt): ‚Es führt über den Main eine Brücke von Stein‘. Die Brücken von Frankfurt am Main im langen 19. Jahrhundert

Jerzy Litwin (Gdańsk): Berlinka: a Vistula and Oder Ship in the Landscape of Riverside Cites

Sektion IV: Wildes Gesicht des Flusses: Unvorhersehbare und vorhersehbare Katastrophen?
Moderation: Dieter Schott (Darmstadt)

Piotr Oliński (Toruń): Fluss gegen Menschen. Städte an der Weichsel und das Hochwasser (14.-18. Jahrhundert)

Wolfgang Wüst (Erlangen-Nürnberg): Städte unter Wasser. Der Umgang mit Hochwasser in süddeutschen Städten in der Frühen Neuzeit

Sektion V: Herrschaft – Stadt – Fluss
Moderation: Zdzisław Noga (Würzburg)

Ellinor Forster (Innsbruck): Wenn aus dem Fluss ein Grenzfluss wird. Räumliche und gedankliche Neuorientierung der Städte Troppau (Opava) und Jägerndorf (Krnov) nach der neuen Grenzziehung infolge des Ersten Schlesischen Kriegs (1742)

Lina Schröder (Würzburg): Aus der Konkurrenz heraus gewachsen und gefallen. Der Marktstefter Hafen und das mit ihm geplante Infrastrukturnetz als Herrschaft sichernde Maßnahme im 18. und 19. Jahrhundert

Felix Grollmann (München): Gestaltungsspielräume städtischer Regulierung von Gewässern vor und nach den bayerischen Wassergesetzen von 1852

Sektion VI: Zeitalter der Industrialisierung. Neue Ideen für die Beherrschung der Flüsse
Moderation: Piotr Oliński (Toruń)

Andreas Martin (Dresden): Dresden und die Elbe. Zur Ästhetisierung und Ökonomisierung einer urbanen Flusslandschaft im 19. Jahrhundert

Janusz Gołaszewski (Wrocław): Bau und Erweiterung des Stadthafens in Breslau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Máté Tamáska (Budapest): Industrialisierung des Flussraumes. Vergleichende Betrachtungen zu Görlitz (Zgorzelec), Teschen (Český Těšín / Cieszyn) und Komárom (Komárno) im 19. Jahrhundert

Sektion VII: Hydrografische Bedingungen und die Entwicklung der Stadt: Städtenetz – Flussnetz
Moderation: Wolfgang Wüst

Aleksander Łupienko (Warszawa): How Important is the River? Case Study of a City without a Large River: Lviv (1772-1914)

Johannes Sander (Würzburg): Rhein und Main als Routen des Kunsttransfers in Hoch- und Spätmittelalter

Sascha Bütow (Magdeburg): Jeetzel – Aland – Stepenitz. Gedanken zur wirtschaftlichen Nutzung kleiner Flüsse im sogenannten hansischen Hinterland während des Spätmittelalters

Schlussdiskussion

Citation
Tagungsbericht: Unterwegs zu neuen Ufern. Stadt und Fluss im transregionalen europäischen Diskurs, 17.09.2018 – 18.09.2018 Würzburg, in: H-Soz-Kult, 11.10.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7881>.
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Published on
11.10.2018
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