HT 2018: Wie geht es weiter mit der DDR-Geschichte im Geschichtsunterricht?

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Wolfgang Geiger, Verband der Geschichtslehrer, Landesvorsitzender Hessen, Frankfurt am Main

In Zusammenarbeit zwischen dem Verband der Geschichtslehrer (VGD), vertreten durch ULRICH BONGERTMANN (Rostock) und der Bundesstiftung Aufarbeitung, vertreten durch JENS HÜTTMANN (Berlin), befasste sich die Sektion mit dem Stellenwert und der Wahrnehmung der DDR-Geschichte fast 30 Jahre nach dem Mauerfall in der Öffentlichkeit und im Geschichtsunterricht. Referenz hierbei war das von Jens Hüttmann und Anna von Arnim-Rosenthal 2017 für die Stiftung Aufarbeitung herausgegebene Buch Diktatur und Demokratie im Unterricht. Der Fall DDR [1].

Einleitend verwies Ulrich Bongertmann aktualitätsbezogen auf die heftige Kritik der ehemaligen dopinggeschädigten DDR-Sportlerin Ines Geipel in der Welt vom 29.8.2018 an den Ereignissen in Chemnitz („Fascho-Heimatfest“), und dass die Opfer des SED-Regimes „öffentlich nicht anwesend“ und viele von ihnen auch noch gar nicht als solche anerkannt seien. Geht die Aufarbeitung der DDR zu Ende? Gedeiht der Populismus in „einem spezifischen Volk des Ostens“? Gibt es Zusammenhänge mit der DDR-Geschichte und der Vereinigungszeit? Sollte es auch eine „Wahrheitskommission für die Treuhand“ geben? Das sind Fragen vor dem Hintergrund eines Unbehagens über das vorherrschende Narrativ. Viele Fragen, viele Vorwürfe, auch gegenseitig.

Ein Vorwurf lautet, dass DDR-Geschichte im Unterricht der westdeutschen Bundesländer zu kurz komme bzw. zu wenig präsent im Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler sei [2]. In einem modellhaften Lehrgang für historisches Lernen in der Schule, der jüngst von Ulrich Baumgärtner vorgestellt wurde, ist die DDR, anders als der Nationalsozialismus, im 4. Lernjahr „Stationen der Demokratie in Deutschland“ nicht mehr präsent [3]. In den Curricula der westdeutschen Länder, präzisierte Bongertmann, ist die DDR jedoch durchweg als Thema verankert, inwiefern sich das dann im Unterricht konkret widerspiegelt, sei eine andere Frage.

In den ostdeutschen Ländern zeige sich dagegen Untersuchungen zufolge eine Diskrepanz, oft ein Widerspruch, zwischen Schulbuch und familiär tradierter Erinnerung mit verklärendem Blick auf die DDR. Der Besuch von Gedenkstätten und -orten bezüglich der DDR stünde heute zu sehr im Schatten der Mahnungen zu Besuchen von Gedenkstätten zum Nationalsozialismus.

KATHARINA HOCHMUTH (Berlin) verlas daraufhin den Vortrag des verhinderten Jens Hüttmann. Ausgangspunkt hierfür war auch der festzustellende „historische Analphabetismus“, der sich aktuell unter anderem in Gleichsetzungen zwischen NSA und Stasi bei Schülerinnen und Schülern äußere. Der mangelnden Kenntnis über Ereignisse und Personen der DDR-Geschichte entspreche ein strukturelles Defizit der Unterscheidung zwischen Demokratie und Diktatur und subtiler noch zwischen Personen- und Parteidiktatur. Mit Blick auf den Sozialstaat werde die Diktatur häufig als heile Welt dargestellt und dem vorherrschen Narrativ die Dominanz der Stasi-Kritik vorgeworfen.

Die Gründe für diesen Missstand sind vielfältig, von den institutionellen Rahmenbedingungen des Geschichtsunterrichts bis zu den äußeren Einflüssen auf die Meinungsbildung der Jugendlichen. Hierfür sei die Schule also nur einer von mehreren Faktoren, aber trotzdem ein wichtiger, was sich jedoch im Status des Geschichtsunterrichts nicht widerspiegele: Ein bis zwei Wochenstunden Geschichtsunterricht seien definitiv zu wenig, die mangelnde Prüfungsrelevanz des Faches im System des Zentralabiturs deklassiere das Fach in seinem Stellenwert. Hinzu kämen spezifische Probleme durch einen ein ca. zehnjährigen Übergangsprozess nach der Wende sowie ein nach wie vor existierendes Defizit zu diesem Thema an der Universität. Demgegenüber gebe es ausreichend Stoff in Schulbüchern und sonstigen Materialien, auch an Angeboten der Fortbildung fehle es nicht.

In der Unterrichtsrealität leide die Zeitgeschichte generell und darunter das DDR-Thema besonders am chronologischen Durchgang, wo es stets am Ende Engpässe gebe, denen dann die DDR-Geschichte prioritär zum Opfer falle. Man müsse sich überlegen, wie mehr Zeit für Zeitgeschichte und Demokratiebildung geschaffen werden könne, vielleicht durch eine stärkere Strukturierung in thematischen Längsschnitten. Im Gegensatz zu dieser beklagten Unterrichtsrealität würden 70-80 Prozent der Schülerinnen und Schüler durchaus gerne mehr über die DDR erfahren. Dies ließe sich auch mit Gegenwartsbezug wie den aktuellen populistischen Tendenzen verbinden (zum Beispiel „Wir sind das Volk“ damals und heute). Die Schuldzuweisung für den erstarkenden Rechtspopulismus und -extremismus an eine mangelnde Bildungsarbeit in Ostdeutschland sei überzogen.

Mehr Wissen alleine erzeuge auch nicht per se mehr Demokratiebewusstsein, vielmehr dürfe Demokratie nicht nur Gegenstand von Unterricht sein, sondern müsse auch im Prinzip des Lernens verwirklicht werden durch Multiperspektivität, Kontroversität und einer Bildung zur Kompetenz Kritikfähigkeit (kritische Urteilskraft nach Pandel).

KATHRIN KLAUSMEIER (Bochum) schloss daran an mit den Ergebnissen einer Untersuchung über die Vorstellungen angehender thüringischer Abiturient/inn/en (Jgst. 11) von der DDR (Geschichtsbewusstseinsforschung / Conceptual Change-Forschung) mittels durch eine quantitative Erhebung mittels Fragebogen sowie einige Einzelinterviews. Als Kontrollgruppe dienten thüringische Berufsschüler, außerdem führte sie explorativ eine ergänzende Umfrage in NRW durch. Die Untersuchung ist Gegenstand einer Dissertation, die kurz vor dem Abschluss steht.

Bei der freien Assoziation „DDR“ gaben 280 Befragte „Mauer“, 75 „Stasi“, 65 „Sozialismus“ an, was zunächst keine grundsätzliche „Weichzeichnung“ der DDR in der Bewertung ergab. Die Frage, inwiefern es positive Elemente der DDR für die heutige Zeit gebe, beantworteten 51,5 Prozent grundsätzlich mit ja und nannten dazu „Vollbeschäftigung“ (120), „Zusammenhalt“ (83), „einheitliches Bildungssystem“ (48). Dies entspricht weitgehend auch den Ergebnissen des Thüringen-Monitors mit Ausnahme der dort genannten Gesundheitspolitik [4].

Im Systemvergleich kam in der Untersuchung eine Idealisierung der Kinderbetreuung in der DDR zum Ausdruck, über den politischen Hintergrund (ideologische Indoktrinierung) war man sich offenbar nicht bewusst. Grundsätzlicher zeigte sich eine Vereinfachung in der Gegenüberstellung und ein Mangel an strukturgeschichtlichem Denken. Hier komme auch der Einfluss familiärer Erinnerung zum Tragen. Klausmeier verwies auch auf die Schroeder-Studie von 2008, wonach die DDR bei ostdeutschen Schülerinnen und Schülern als „ein Sozialparadies – keine Diktatur“ gesehen werde. Klausmeier machte dabei deutlich, dass das Problem im mangelhaften Verständnis von „Diktatur“ liege, so würde die DDR oft als „keine richtige Diktatur“ charakterisiert, weil dabei stets der Vergleich zur NS-Diktatur gezogen werde. So gab es auch mehr Regimegegner in der DDR als im NS.

Außerdem gebe es für den historischen Rückblick auch die Belastung durch den ständigen Vergleich mit der BRD, die als Erfolgsgeschichte dastehe. So stellt sich die Frage für den Unterricht nicht nur hinsichtlich der Demokratieerziehung, sondern, sozusagen als Kehrseite der Medaille, auch nach analytischen Diktaturkonzepten. Im seinem Fazit benannte Klausmeier Probleme wie die fehlende Begriffskompetenz der Schülerinnen und Schüler und die enge Verknüpfung der doppelten deutschen Diktatur. Daher seien Schwerpunktsetzungen zu überdenken, unterschiedliche Narrative zur DDR im Unterricht zu thematisieren und ein stärkeres Gewicht auf Strukturgeschichte zu legen.

FRANK HOFFMANN (Bochum) präsentierte anschließend Ergebnisse von Zeitzeugenbefragungen in einem auf den ersten Blick „exotisch“ anmutenden Kontext, nämlich von Befragungen ehemaliger DDR-Bürger, die seit längerem in Nordrhein-Westfalen leben. Die von der Ruhr-Universität Bochum durchgeführten über 300 Befragungen zum „Fluchtpunkt NRW“ betraf somit eine besondere Zeitzeugengruppe, die die DDR hinter sich gelassen hatte. Das Projekt in Zusammenarbeit mit und unter der Verantwortung der VOS [5] integrierte sich jedoch auch im Kontext der Schroeder-Studie sowie den KMK-Beschlüssen zur Demokratieerziehung seit 2009 [6] und beinhaltet auch die Vermittlung von Zeitzeugen für Schulen unter wissenschaftlicher Begleitung (Vor- und Nachbereitung).

Hoffmann sprach dabei auch die Grundproblematik der Zeitzeugenschaft an. „Der Zeitzeuge ist der beste Freund und schlimmste Feind des Historikers“, wie es Wolfgang Wippermann 2016 im Paradox zum Ausdruck brachte [7], sinnvolle Zeitzeugenschaft bedürfe der „Domestizierung des Zeitzeugen“, erklärte Hoffmann, ebenso wie die Schülerschaft „professionalisiert“ werden müsse. Dazu gehören Standards wie Zuhören können und Fragen stellen. Der Wert der historischen Frage sei nicht zu überschätzen, erst im Dialog entstehe sinnvolle Zeitzeugenschaft. Er verwies dabei auf das Buch von Christiane Bertram [8]. Ein grundsätzliches Problem sei es aber auch für Schülerinnen und Schüler, Aussagen von Zeitzeugen in Frage zu stellen, dabei könne jedoch von Geschichte als Konstrukt deutlich werden. Deswegen sei die Vor- und Nachbereitung von Zeitzeugengesprächen unabdingbar.

In der Diskussion zu den Vorträgen ging es vor allem um die Befangenheit Ostdeutscher mit der DDR-Geschichte im gesamtdeutschen Kontext. Dabei wurde der aktuelle Hintergrund - Gegenwartsprobleme, Zukunftsängste – betont. Für die Bildung historischen Bewusstseins sei die Differenz zur Elternerfahrung entscheidend, inhaltlich der Diktaturvergleich ein Problem, auch offiziell werden die beiden deutschen Diktaturen nicht gleichgesetzt. Methodisch müsse die Leitlinie heißen: „Deduktiv urteilen, nicht induktiv eine Begriffsdefinition von Diktatur vermitteln“. Man dürfe die Zeitzeugen auch nicht als Lösung für alle Probleme betrachten, empirisch sei eine Wirkung von Zeitzeugen für die Bildung historischen Bewusstseins nicht nachgewiesen. Es gehe um die eigene Deutung, aber Ziel sei Kritik jenseits von Idealisierung und Viktimisierung.

Die oft beklagte, fortbestehende „unsichtbare Mauer“ zwischen Ost- und Westdeutschland bestätigte sich im Panel auf eine eigene Weise im erinnerungskulturellen Bereich vor dem Hintergrund einer Identitätsfrage. Dies stellt gerade für das Unterrichtsfach Geschichte eine besondere Herausforderung dar, rechtfertigt jedoch keine pauschalen Schuldzuweisungen an den Unterricht. Vielmehr sind hier die spezifischen Aufgaben des Faches hinsichtlich Motivation, Kompetenzförderung, Multiperspektivität und einem adäquaten Einsatz von Zeitzeugen in besonderem Maße gefragt. Vor allem geht es dabei um die Stärkung der strukturgeschichtlichen Analysekompetenz, um vergleichend Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Diktaturen einerseits und Demokratie andererseits herauszuarbeiten.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Ulrich Bongertmann (Rostock) / Jens Hüttmann (Berlin)

Ulrich Bongertmann (Rostock): Moderation und Einführung – Wie geht es weiter mit der DDR-Geschichte?

Jens Hüttmann (Berlin): Der »Fall DDR« im Unterricht (vertreten durch Katharina Hochmuth)

Kathrin Klausmeier (Jena / Bochum): Vorstellungen thüringischer Jugendlicher von der DDR

Anna von Arnim-Rosenthal (Berlin): DDR-Geschichte interkulturell vermitteln (verhindert]

Frank Hoffmann (Bochum): Erfahrungen und Perspektiven zur Arbeit mit Zeitzeugen der DDR-Geschichte

Anmerkungen:
[1] Diktatur und Demokratie im Unterricht: Der Fall DDR, Hrsg. im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Berlin 2017, https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/forschung%2C-lehre-und-bildung-foerdern-2476.html?PAGE=artikel_detail&artikel_id=360=360 (18.10.2018).
[2] Jüngst wieder thematisiert in Thomas Sandkühler / Guido Lenkeit, „Exklusion durch historische Bildung? Fachlichkeit und gesellschaftliche Teilhabe in der Bundesrepublik Deutschland“, S. 225–254, in: Geschichtsunterricht im 21. Jahrhundert. Eine geschichtsdidaktische Standortbestimmung. Beihefte zur Zeitschrift für Geschichtsdidaktik Bd. 17, Hrsg. v. Thomas Sandkühler u. a., Göttingen 2018.
[3] Ulrich Baumgärtner, „Was sollen SchülerInnen wissen? Zu Inhalten und Themen im Geschichtsunterricht“, in: Geschichtsunterricht im 21. Jahrhundert, S. 113–130.
[4]https://www.thueringen.de/th1/tsk/landesregierung/thueringenmonitor/ (18.10.2018).
[5] VOS: Vereinigung der Opfer des Stalinismus – Gemeinschaft von Verfolgten und Gegnern des Kommunismus http://www.vos-ev.de/ (18.10.2018)
[6] Demokratieerziehung (2009) und Erinnern für die Zukunft (2014), https://www.kmk.org/themen/allgemeinbildende-schulen/weitere-unterrichtsinhalte/demokratieerziehung.html
[7]https://causa.tagesspiegel.de/gesellschaft/geschichte-ohne-zeitzeugen/der-zeitzeuge-ist-der-beste-freund-und-schlimmste-feind-des-historikersnbsp.html (18.10.2018).
[8] Christiane Bertram, Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Chance oder Risiko für historisches Lernen? Eine randomisierte Interventionsstudie, Schwalbach/Ts. 2016.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Wie geht es weiter mit der DDR-Geschichte im Geschichtsunterricht?, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 27.10.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7899>.
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Veröffentlicht am
27.10.2018
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