HT 2018: Geschichte translokal: Spaltungen in der Raumzeit überdenken

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Benjamin Steiner, Abteilung Geschichte der Frühen Neuzeit, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Das Panel versammelte Vorträge zur Reflexion von Raum und Zeit als zwei Grundkategorien historischen Arbeitens. Die Beiträger waren eingeladen, das Verhältnis von Räumlichkeit und Zeitlichkeit im Sinne einer hier vorgeschlagenen Methode der „Translokalität“ zu untersuchen. Der auf den ersten Blick abstrakt wirkende Gegenstand zeigte sich hier – das stellte sich während der Vorstellung der einzelnen Beiträge heraus – fest an empirische Fallbeispiele der globalhistorischen Forschung gekoppelt. Translokale Geschichtsschreibung ist demnach weniger als ausgereiftes Theoriekonzept zu verstehen. Vielmehr soll eine solche Perspektive auch die Veränderlichkeit von Raum und Zeit berücksichtigen, die, ähnlich wie Sprache, Normen und andere vermeintlich dauerhaften historischen Strukturen, auch „Raumzeiten“ konsequent zu historisieren habe. Die Sektion machte deutlich, dass in erster Linie Raumzeit-Strukturen der Moderne (z.B. „Nation“, „Kolonialismus“, „Fortschritt“) im Fokus der dekonstruktiven Arbeit der Translokalitätsforschung stehen. In einigen Beiträgen wurde deutlich, dass solche Strukturen nicht nur emische Spaltungen hervorriefen, etwa jene sozialen und ökonomischen Gefälle, die der europäische Kolonialismus in den letzten zweihundert Jahren hervorrief. Es wurden auch auf Spaltungen auf etischer Ebene hingewiesen, die in der gegenwärtigen Historiographie wirksam sind.

Die einleitenden Worte SEBASTIAN JOBS (Berlin) gaben gewissermaßen vor, dass die historische Aufgabe vergangene Räume zu verstehen vornehmlich aus der Sicht von einzelnen Akteuren verfolgt werden sollte. Gleichsam wie ein Fußgänger bei seinem Spaziergang durch die Stadt, sollte eine historische Rekonstruktion vergangener Räume und Zeiten „von unten“ erfolgen. Der Forscher habe also den Blick aus der Binnenperspektive auf seinen Untersuchungsgegenstand zu richten. Eine translokale Methode, so Jobs, müsse vorgefertigte Annahmen von Raum-Zeit-Relationen vermeiden und Aneignungs- und Transformationsprozesse berücksichtigen.

Der erste Beitrag von ACHIM VON OPPEN (Bayreuth) löste diesen Anspruch am Beispiel der Geschichte einer Weltregion in Afrika, genauer in Nordwest-Sambia, ein. Hier sei in den 1950er-Jahren eine spätkoloniale Infrastruktur entstanden, die neben Straßen auch Gemarkungsgrenzen und soziale Ordnungen errichtete. Grenzen wurden zwar von zumeist fernen Eliten eingesetzt und vielfach durch die Menschen vor Ort, Hirten, Verwandte, Händler, stets überschritten. Trotzdem konnten solche Überschreitungen nur scheinbar als Auflehnung gegen koloniale und nachkoloniale Raumordnungen verstanden werden. Denn es wurde, so von Oppen, durch die Berücksichtigung unterschiedlicher Temporalitätsregime deutlich, dass die koloniale Raumordnung die Phase der Dekolonialisierung sehr wohl überdauerte. Die lokale Bevölkerung hielt an sozialen Hierarchien fest, die fortschrittliche „Straßenleute“, das heißt, solche die in der Umgebung der neu geschaffenen Infrastrukturen lebten, von rückständigen „Buschleuten“, welche fern von dieser Umgebung wohnten, unterschied. Für von Oppen zeigen solche „Chronoferenzen“ (Achim Landwehr) wie die Spaltung von Räumen auch eine zeitliche Komponente voraussetzt. Die „Zeit der Anderen“ oder „Allochronie“ (Johannes Fabian), in diesem Fall die Zeit der „Buschleute“, sei die Antithese des europäischen Fortschritts und entspreche einem linearen und chronozentrischen Verständnis von Zeit, das abgeschlossene Raumkonzepte, wie das der absolut gedachten „Container“, als räumliche Behälter bedingte. Eine kritische Translokalitätsforschung müsse daher durch eine Transtemporalitätsforschung ergänzt werden.

ULRIKE FREITAG (Berlin) sprach hinsichtlich ihres Beispiels der islamischen Pilgerfahrt von einer räumlichen Erfahrung, deren temporale Dimension sich im Verlaufe des 19. und 20. Jahrhunderts wandelte. War die Hadsch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch eine Reise, die für viele Muslime mehrere Monate dauerte, so verkürzte sich im 20. Jahrhundert nicht nur die Reisezeit, es kam auch zu einer drastischen Vermehrung der Anzahl der Pilger. Für die Vormoderne galt die Fahrt noch als itinerarische Raumaneignung der islamischen Welt (umma) durch den einzelnen Pilger. Man unterbrach seine Reise in Handelszentren, machte Station bei berühmten Gelehrten und ließ so neben Menschen auch Wissen und Gegenstände zirkulieren. Indes veränderte die koloniale Expansion im 19. Jahrhundert die räumlichen Bedingungen der Pilgerreise, etwa durch die Abschaffung des osmanischen Passwesens, aber auch durch staatliche Versuche seitens der Briten und Franzosen, die Pilgerfahrt zu kontrollieren und zu kanalisieren. Mit einem neuen Staat auf der arabischen Halbinsel ging die vormals imperiale Kontrolle auf die Herrschaft der Saudi-Familie über, die Ein- und Ausreise während der Hadsch stärker zu kontrollieren begann. Begrenzung der Staatsangehörigkeit und die Einführung des Gastarbeiterstatus transformierten die Pilgerfahrt auch zu einer Möglichkeit in Saudi-Arabien Arbeit zu suchen.

Ein weiteres Beispiel aus Afrika führte BIRTE FÖRSTER (Bremen / Darmstadt) an, um translokale Verflechtungen bei hydraulischen Großprojekten in Uganda während der 1950er-Jahre darzustellen. Der Bau des Owen-Falls-Staudamm, der 1954 von Königin Elisabeth II. eingeweiht wurde, stand dabei nicht nur im Zentrum der Wasserbaulandschaft (waterscape) des Nils, sondern auch für den kolonialen Versuch, ein neues lokales Zeitregime einzuführen. Nicht nur sollte die Zeitlichkeit des Nils durch das Dammprojekt verändert werden, indem man nun die natürliche Fluktuation der Nilschwemmen verändern konnte. Während der Planung des Projekts wurden auch lokale und globale Asymmetrien offenbar, etwa dadurch, dass das Expertenurteil der westlichen Wasserbauingenieure mehr zählte als das Wissen der lokalen Bevölkerung, die nicht in die Planung einbezogen wurde. Während des Baus waren Arbeiterunterkünfte der Afrikaner und Europäer segregiert, Verträge für afrikanische ungelernte Beschäftigte auf sechs Monate begrenzt und schwere Arbeit als Bedingung der Möglichkeit verklärt, um am europäischen Wohlstand teilzuhaben. Förster schlussfolgerte daraus, dass die Fertigstellung des Staudamms nicht die gewünschten Ergebnisse für die lokale Bevölkerung hatte und vielmehr die bestehenden translokalen Asymmetrien weiter verfestigt wurden.

Das Ineinandergreifen von Zeitlichkeit und Räumlichkeit unterstrich SEBASTIAN DORSCH (Erfurt) in seinem Beitrag zum Grenzkonflikt zwischen Frankreich und Brasilien um die Guyanas in Südamerika. Er beschreibt den Naturforscher und Kartographen Emil Goeldi als translokalen Wissensakteur, der für die Produktion von Raumzeit-Ordnungen in der Region als Autorität für den als Schiedsrichter im Grenzstreit verantwortlichen Schweizer Bundesrat gewesen sei. Anhand der Korrespondenz zwischen Goeldi und dem Herausgeber von Petermanns Mitteilungen aus Gotha rekonstruiert Dorsch die Strategie des Schweizers, seine translokalen Verbindungen als entscheidenden Vorteil im Grenzstreit zu nutzen. Dessen Insiderwissen über den brasilianisch-guyanischen Grenzstreit, so Dorsch, durchbreche eine Zentrum-Peripherie-Dichotomie, die imperialen Interessen, in diesem Fall Frankreichs, entgegenlief. Goeldis Vernetzung mit brasilianischen und lokalen Politikern oder Fischern an bestimmten Orten hätten seine Autorität als Kartograph gestützt. So kam es, das der Schweizer erfolgreich als „neutraler“ Experte im Schiedsspruch über die Grenzziehung und somit die Bestimmung des französischen Territoriums in Guyana (La France équinoxial) dienen konnten. Für Dorsch verschränken sich in Goeldis Arbeit alte und neue Zeiten, da die einmal geschaffene Raumordnung in dieser Region bis heute Gültigkeit besitze.

Eine Reflexion über Praktiken des Vergleichens im Zusammenhang mit Spaltungen in der Raumzeit führte dann ANGELIKA EPPLE (Bielefeld) an. Ihre These lautete, dass wenn man über Räume und Zeiten nachdenke, die Einheiten Raum und Zeit als Pole und die Relationen dazwischen benötigt würden. Und wenn man die Herstellung dieser Einheiten untersuchen möchte, dann müssten die Praktiken des Vergleichens analysiert werden. Denn nur die Vergleichspraktiken brächten die zu vergleichenden Einheiten hervor. Dieser reflexive Forschungsansatz, den die Referentin als Sprecherin des Bielefelder Sonderforschungsbereichs 1228 „Praktiken des Vergleichens“ verfolgt, wurde dann an einem Beispiel der Gegenwart exemplifiziert. So habe die Auseinandersetzung mit dem Begriff „Heimat“ in der Debatte jüngerer Zeit, so Epple, im Zeichen des spatial turn gestanden.[1] Für sie scheint die räumliche Konstruktionsleistung von deutschen Innenpolitikern darin zu bestehen, dass die Einheit des Heimatraums zwar nicht definiert wird, aber in ihrer Funktion als identitätsstiftender Raum instrumentalisiert wird. Damit soll auch Auflösungserscheinungen etwa der nationalen Räume und des nationalen Paradigmas entgegengewirkt werden. Selbst in der internen Debatte der Geschichtswissenschaften im VHD erkennt Epple am Beispiel der Geschichte internationaler Beziehungen eine Komplementärbewegung: Einerseits würde die Arbeitsgruppe „Internationale Geschichte“ die Beziehungen zwischen lokalen, nationalen und globalen Einheiten in ihren Rückwirkungen auf die Eigenlogik der Staaten untersuchen. Andererseits untersucht der Arbeitskreis „Außereuropäische Geschichte“, dem Epple selbst angehört, translokale Verflechtungen nicht als Gegensätze, sondern geht vielmehr auf die Relationen oder die Einheiten als Ergebnisse von Vergleichspraktiken selbst ein. „Eigenlogiken“ würden dabei nicht mehr vorausgesetzt werden.

Die Stoßrichtung, in die dieser letzte Beitrag verwies, wurde im Kommentar von SUSANNNE RAU (Erfurt) weiter entwickelt. An einem Beispiel des Bildes eines Uhrmachers in einer Straßenszene aus dem Mumbai der Gegenwart kehrte sie zur anfangs gewählten Metapher des Spaziergängers zurück und machte die Standortgebundenheit der Raum-Zeit-Kategorien deutlich. Raum und Zeit als Ergebnisse eines von Menschen geleiteten Produktionsprozess seien ständigen Veränderungen und Auflösungen unterworfen. Spaltungen, die scheinbar fixiert seien, können weder durch die Leugnung noch die Essentialisierung von Raum und Zeit überwunden werden, sondern nur indem man sie als Operationen historischer Akteure untersuche.

Auch wenn die Diskussion insbesondere die Frage vertiefte, ob Räumlichkeit schon Zeitlichkeit implizierte und die Forderung Achim von Oppens nach einer Transtemporalitätsforschung schon durch das Translokalität-Konzept schon eingelöst worden sei, wie etwa Sebastian Dorsch behauptete, blieb der hier vorgestellte Ansatz dennoch theoretisch unterbestimmt. So wurde auf Leerstellen in der Vorstellung des Konzepts hingewiesen, wie etwa Medialität der Raum- und Zeitproduktion im Konzept der Translokalität fungiert. Gesprächsbedarf gab es auch hinsichtlich der Reichweite des Konzepts. Eine Teilnehmerin äußerte ihr Bedenken darüber, dass Translokalität zum universalen Erklärungsmuster „entgrenzt“ würde und nicht klar genug geworden sei, was damit erklärbar ist, was andere Konzepte nicht auch könnten. Hier gab es sowohl Zustimmung als auch Widerrede auf dem Podium. Einerseits wurde die fehlende Tiefenschärfe bemängelt, andererseits sollte durch die lokale konkrete Dimension das historische Subjekt mittels des Konzepts der Translokalität in einen größeren Zusammenhang eingebunden werden.

Als Fazit lässt sich eine Gemeinsamkeit der Referenten und Referentinnen festhalten, dass nämlich alle von dem Willen geprägt waren, das mit historischen Raumprojektionen belastete Fach der weltregionalen Geschichte zu erneuern. Ob diese Neuerung nun von der Betrachtung der „Akteure“ ausgehen soll oder auch den gesellschaftlichen „Strukturen“, der Medialität der Quellen oder vielleicht im Lichte des Wechselspiel zwischen translokalen Bewegungen und „Materialitäten“ geschieht, das sind Fragen, die durch die Sektion aufgeworfen wurden, aber noch nicht im Rahmen eines fixierten Konzeptes zugeordnet werden konnten. Vielmehr scheint sich die Forschung zur außereuropäischen Geschichte bzw. der Geschichte der Weltregionen noch im Prozess der Dekonstruktion alter Raum- und Zeit-Vorstellungen zu befinden. Eine Alternative zur Geschichtsschreibung jenseits nationaler Räume scheint sich indes immer deutlicher am Horizont abzuzeichnen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Sebastian Dorsch (Erfurt) / Angelika Epple (Bielefeld) / Achim von Oppen (Bayreuth)

Achim von Oppen (Bayreuth): Über Grenzen: Zum Verhältnis von Räumlichkeit und Zeitlichkeit in einer ‚Geschichte der Weltregionen‘

Ulrike Freitag (Berlin): Die Regulierung nationaler Zugehörigkeit: Zur temporalen Dimension translokaler Zirkulation am Beispiel der islamischen Pilgerfahrt

Birte Förster (Bremen / Darmstadt): Translokale Dynamisierung von Zeit und Raum. Wasserregulierung und Energieproduktion durch den Owen-Falls-Staudamm in Uganda

Sebastian Dorsch (Erfurt): Translokale Wissensakteure im Konflikt um die Guyanas (Ende 19. Jhdt.). Raum-zeitliche Verortungen – koloniale Macht – Wissenspolitiken

Angelika Epple (Bielefeld): Praktiken des Vergleichens und die Konstruktion von Zeiten und Räumen

Susanne Rau (Erfurt): Kommentar

Sebastian Jobs (Berlin): Moderation

[1] Siehe auch den in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Beitrag von Angelika Epple, der aus einem Teil des Sektionsbeitrags hervorgegangen ist: Horst Seehofer kriegt die Kurve, in: FAZ, 4.10.2018, URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hoch-schule/horst-seehofer-und-seine-heimat-15815227-p2.html

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Geschichte translokal: Spaltungen in der Raumzeit überdenken, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 20.10.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7900>.