Der Toposbegriff in der Alten Geschichte. Annährung an ein omnipräsentes Phänomen

Ort
Hamburg
Veranstalter
Michael Zerjadtke, Alte Geschichte, Universität Hamburg
Datum
14.09.2018 - 15.09.2018
Von
Nathalie Klinck, Alte Geschichte, Universität Hamburg

Alle Germanen sind groß, blond und dumm; stereotype Beschreibungen, wie diese ziehen sich von der Antike bis in die Moderne und prägen damit das Bild bestimmter ethnischer Gruppen. Diese Zuschreibungen bestimmter Eigenschaften sind jedoch keinesfalls vollkommen willkürlich und von der Realität abgekoppelt. Topos ist demnach nicht gleich Topos und obwohl dieses Phänomen in der althistorischen Literatur praktisch omnipräsent ist, gibt es keine allgemeingültige Definition des Begriffs. Diese aktuelle methodische Frage der Alten Geschichte war Gegenstand der Doktoranden- und Postdoktoranden-Tagung von fünf verschiedenen Universitäten und Instituten aus Deutschland, Österreich und der Türkei. Die Finanzierung der Tagung wurde von der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Hamburg, der Claussen-Simon-Stiftung und der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung vorgenommen.

Nach einigen Worten zur Begrüßung durch den Veranstalter MICHAEL ZERJADTKE (Hamburg) gab dieser eine kurze thematische Einführung in die Entwicklung des Toposbegriffs von der Antike – die ebenfalls von einer allgemeinen Uneinigkeit über die Definition des Begriffs gezeichnet war – bis zum Topos als terminus technicus in den unterschiedlichen Fachwissenschaften, wo oftmals Begriffe wie Stereotyp, Wandermotiv, Narrativ und andere synonym verwendet werden. Bereits zu Beginn der Tagung kristallisierte sich nicht nur die Ungenauigkeit des Begriffs heraus, sondern auch die These, dass Topoi keineswegs immer falsch seien, und ihnen in manchen Fällen durchaus auch ein gewisser Realitätsbezug zugesprochen werden kann.

Den ersten Vortrag hielt ALEXANDER FREE (München), der bereits seinen Dank für die freundliche Einladung zur Tagung als einen gängigen Topos der akademischen Welt entlarvte. In seinem Referat stellte er sich der Frage, inwiefern es möglich sein kann, dass einer Gattung wie der (antiken) Historiographie, die sich der Wahrheitsfindung verschrieben hatte, immer wieder ‚Lügen‘ vorgeworfen werden könnten und zielte darauf ab, die Ambivalenz der Gattung Geschichtsschreibung zwischen Wahrheit und Meinung aufzuzeigen. Am Beispiel des Werkes von Arrian machte er deutlich, dass sich auch die antike Geschichtsschreibung verschiedener narrativer Modelle bediente und die antiken Zeitgenossen unter vielen (Geschichts-)Darstellungen wählen konnten. Dies führte allerdings auch zu einer gewissen Erwartungshaltung der Leser gegenüber bestimmten Werken. So musste das Bild der goldgrabenden Ameisen zwangsläufig in einem Bericht über Indien auftauchen, ob der Autor diesem Glauben schenkte oder nicht. Free zeigte mit diesem Beispiel deutlich das methodische Dilemma, welchem sich der Historiograph stellen musste, denn auch wenn die Erzählung unwahrscheinlich erschien, musste sie als vermeintlicher Augenzeugenbericht dennoch erwähnt werden. Diese Unwiderlegbarkeit bestimmter Inhalte förderte die Skepsis der Leser. Er folgerte, dass dadurch in der antiken Historiographie nur mit einem ‚hinreichenden‘ Wahrheitsbegriff operiert werden konnte.

JULIAN DEGEN (Innsbruck) warf im nachfolgenden Vortrag einen Blick auf die Konstruktion des Topos der gewalttätigen asiatischen Despotie bei Herodot und Ktesias. Dabei versuchte er durch eine Analyse der in den Historien verwendeten Motive und dem Abgleich mit der persischen Keilschriftüberlieferung die Konstituierung dieser (Gewalt-)Topoi zu erklären. Er betonte, dass die Gewaltdarstellungen des herodoteischen und ktesianischen Werkes als komplexe literarische Gebilde begriffen werden müssten, deren genaue Analyse nicht nur die Kenntnisse der Autoren von altorientalischen Formen physischer Gewalt aufzuzeigen vermochte, sondern auch das literarische Spiel der Autoren mit den Informationen aus dem Alten Orient betonte. Er machte deutlich, dass die Beschreibungen äußerst grausamer Sitten wie der des Häutens die Alterität und Fremdheit der asiatischen Völker aufzeigen sollten, da sie den Griechen außerhalb der mythologischen Darstellungen fremd waren. Die persischen Quellen weisen vor allem darauf hin, dass das Häuten zwar eine legitime Bestrafung für Frevel war, diese aber bei Privatpersonen nicht zwingend durchgeführt wurde. Damit wurde diese Form der Bestrafung so zu einem Teil eines ideologischen Komplexes stilisiert.

Darauf folgte JAN KÖSTER (Istanbul), der in seinem Vortrag eine Verteidigung der Periēgēsis von Pausanias vornahm, denn obwohl es sich bei Pausanias Beschreibung Griechenlands bekannterweise um eine wichtige Quelle für Archäologie und Alte Geschichte handelt, stellt diese die Forschung immer wieder vor Probleme, vor allem wenn der Autor – seiner sonstigen Detailliebe zum Trotz – mitunter ganze Baukomplexe unerwähnt lässt. Köster widmete sich aus diesem Grund der Frage, ob dem Autor hierbei simple Fehler unterlaufen sind oder inwiefern er selektiv handelte. Dabei betonte er, dass Pausanias oftmals in Schwärmereien für die ‚alte Größe‘ Griechenlands gerät und dabei zeitgenössische, dadurch vermeintlich irrelevante Bauwerke unerwähnt lässt. Besonders im Vergleich mit den Beschreibungen Herodots, die auch Pausanias vorgelegen haben, fällt auf, dass er diesem in einigen Punkten offen widerspricht. Dies wird insbesondere bei den Beschreibungen von Perserzerstörungen deutlich. Köster betont, dass Pausanias damit an den problematischen Topos der Perser als ‚barbarische Tempelschänder‘ anknüpfte, der bereits im 5. Jahrhundert vor Christus primär in Athen etabliert und zu einem Kampfbegriff im ideologischen Konflikt zwischen West und Ost aufgebaut wurde. Die Beschreibungen der zerstörten Tempel fungierten bei Pausanias oftmals als Mahnmal gegen die barbarische Gottlosigkeit. Köster fasste zusammen, dass die Beschreibungen der Zerstörungen als monumentalisierte Topoi verstanden werden könnten, hinter denen die literarischen Topoi der Perserzerstörung wirkten.

Der letzte Vortrag am Freitag von PATRICK REINARD (Trier) beschäftigte sich mit dem angeblichen Sonderfall Ägypten und der Frage nach den Ursprüngen bestimmter ethnographischer Bezeichnungen. Dabei machte er deutlich, dass in der Forschung verschiedene Inhalte häufig als stereotype ‚Topoi‘ angesehen werden, die von den antiken Autoren intentionell eingesetzt wurden, um bei der Beschreibung von Ägyptern, Juden, Nomaden oder Arabern dem Erwartungshorizont des gebildeten Leserpublikums zu entsprechen. Der Vortrag zeigte auf, dass sich diese Bilder auch in Papyri wiederfinden lassen. Exemplarisch griff der Vortragende auf die Darstellung der Juden in der papyrologischen Überlieferung zurück und stellte damit die These auf, dass diese – vorrangig negativ konnotierten – Topoi ihren Ursprung in der Alltagskultur Ägyptens gehabt hätten. Er machte deutlich, dass sich einige wiederkehrende Bilder über Juden fest etabliert hätten und durch ihr wiederholtes Aufgreifen die Kommunikation vereinfachen konnten. Abschließend verwies Reinard darauf, dass der inhaltliche Vergleich der literarischen mit der papyrologischen Überlieferung neue Ansatzpunkte liefern könne und damit bestimmte Äußerungen nicht nur als topisch, sondern vielmehr als Teil eines real ausgetragenen Alltagskonfliktes verstanden werden müssten.

Den zweiten Tag eröffnete FALK WACKEROW (Hamburg) mit einem Vortrag über das römische Karthagerbild und der Frage nach den realen Hintergründen einiger gängiger Karthagertopoi. Unter militärhistorischen Ansatzpunkten zeigte er auf, dass sich das Bild von Karthago als erfolgreicher Seemacht mit einem großen Söldnerheer mit Hilfe der literarischen Überlieferung dekonstruieren lässt. Er verdeutlichte, dass sich durch eine genaue Analyse einige der populärsten Topoi wie der Geiz, die Gewalttätigkeit und die Feigheit der Karthager kontextualisieren oder einfach wiederlegen lassen. Die in den römischen Quellen vielfach verwendeten negativen Bilder und Eigenschaften, die den Puniern zugeschrieben wurden, werden im Gegensatz dazu im Kontext der Überlieferung römischer Taten, als Tugenden stilisiert. Dementsprechend stellte er abschließend fest, dass die Karthager entgegen der gängigen Forschungsmeinungen nicht als militärischer Sonderfall einzuordnen seien.

Der darauffolgende Vortrag von HOLGER MÜLLER (Stuttgart) musste leider entfallen. Stattdessen ließen die Konferenzteilnehmer in einer offenen Runde die wichtigsten Punkte der vorrangegangenen Diskussionen nochmals Revue passieren mit dem Ziel, die wichtigsten Merkmale des Toposbegriffs zusammenzufassen.

Nach der Mittagspause fragte Michael Zerjadtke nach der Topik im antiken Germanenbild und stellte damit gleichzeitig die Frage, ob es überhaupt Aussagen über Germanen gäbe, die nicht topisch seien. Er stellte die These auf, dass die in der Literatur gängigen Beschreibungen für Charakter und Kampfverhalten durchaus auch Realia wiedergeben konnten. So zeigte er unter anderem durch einen Vergleich der unterschiedlichen Militärstrukturen der Römer und Germanen auf, dass sich die (römische) Aussage, Germanen seien stürmisch im Angriff, dabei allerdings nur von einer geringen Ausdauer gekennzeichnet gewesen, durchaus auf Tatsachen zurückführen lassen könne. Er stellte damit fest, dass die Identifikation eines Topos keinerlei Aussagekraft über den Realitätsgehalt der Kerninhalte besitzen müsse. In diesem Kontext seien vor allem die Begründungen hinter den Topoi zu hinterfragen, um die realen Beobachtungen von den Begründungen der Autoren trennen zu können. Jedoch könnten sich verifizierbare Inhalte immer nur im Durchschnitt als richtig erweisen, nie aber im Einzelfall.

Der letzte Vortrag der Tagung von JAN SEEHUSEN (Hamburg) wandte sich einer Analyse der Hagiographie zu. Er verwies im Vorfeld auf die Bedeutung des hagiographischen Diskurses, da Heiligenviten trotz ihrer oftmals als stereotyp kritisierten Beschreibungen, als wichtige Quellen für das Verständnis der spätantiken Sozialgeschichte verstanden werden müssten. Seehusen erläuterte am Beispiel des wiederkehrenden Bildes der Gefangenenbefreiung durch Bischöfe, dass sich dieses als wichtiges Motiv für die gallischen Kleriker etabliert habe und im Verlauf des 6. Jahrhunderts nach Christus an Bedeutung weiter zugenommen habe. Dieser Bedeutungszuwachs lasse sich in erster Linie durch die veränderte Aufgabenverteilung der Bischöfe erklären, denn diese waren zu diesem Zeitpunkt im gallo-fränkischen Raum auch für die Kontrolle der Haftbedingungen verantwortlich. Er machte abschließend deutlich, dass sich vor allem diese Aufgaben des öffentlich-politischen Lebens der Bischöfe in den regionalen Heiligenviten wiederspiegeln würden und sich damit auch das Bild des Heiligen als Befreier von Gefangenen etablierte.

Auch wenn sich in den zwei Tagen einmal mehr die Vielschichtigkeit des Begriffs gezeigt hat, lieferten die regen Diskussionen der verschiedenen Vorträge einige Ansatzpunkte um den Umgang mit dem Toposbegriff in den Altertumswissenschaften zu vereinfachen. Fest steht, dass sich aufgrund der Komplexität des Begriffs eine allgemeingültige Definition für die althistorische Forschung nicht aufstellen lässt. Dennoch kristallisierten sich einige Merkmale heraus, wie etwa die Eigenschaft des ‚Topos‘ als übergeordnetem Begriff, unter dem unterschiedliche spezifischere Effekte wie Klischees, Stereotype, Zitate oder Motive zusammengefasst sind. In der Frage nach dem Realitätsgehalt von topischen Quellenpassagen einigten sich die Teilnehmenden darauf, dass eine Identifikation als Topos allein keine Konsequenz für die Wertung der Inhalte habe. Somit könne eine topische Aussage stets auch potentiell richtig sein.

Eine Weiterführung dieser ersten Ansätze und Ideen im Rahmen einer zweiten Tagung wird überlegt und würde sich in Anbetracht der bereits jetzt gewonnenen Erkenntnisse definitiv als lohnenswert erweisen.

Konferenzübersicht:

Michael Zerjadtke (Hamburg): Begrüßung und thematische Einführung

Alexander Free (München): Geschichtsschreibung zwischen Meinung und Wahrheit

Julian Degen (Innsbruck): Zur Konstruktion des Topos der gewalttätigen asiatischen Despotie bei Herodot und Ktesias

Jan Küster (Istanbul): Konstruierte Vergangenheit – Selektierte Gegenwart? Pausanias auf dem Prüfstand

Patrick Reinard (Trier): Die ethnographischen Bezeichnungen im kaiserzeitlichen Ägypten anhand der Papyri

Falk Wackerow (Hamburg): Topos vs. Realität. Das Karthagerbild der Römer

Michael Zerjadtke (Hamburg): Topoi im antiken Germanenbild: Reale Beobachtungen und ethische Begründung

Jan Seehusen (Hamburg): Gefangenenbefreiung: ein christlicher Topos? Zum Auftreten heiliger Gefangenenbefreier im hagiographischen Diskurs des lateinischen Westens (4.-6. Jh.)

Zitation
Tagungsbericht: Der Toposbegriff in der Alten Geschichte. Annährung an ein omnipräsentes Phänomen, 14.09.2018 – 15.09.2018 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 30.10.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7905>.