HT 2018: Für Skeptiker und Enthusiasten: Was ist und zu welchem Ende nutzt das „Digitale“ in den Geschichtswissenschaften?

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Jens Werner Ciecior, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

Ausgangspunkt des Panels war die Rolle digitaler Quellen, Methoden und Werkzeuge in der historischen Forschung. Wie der Titel vermuten lässt, war die Sektion auf einen gemeinsamen Diskurs über die Frage ausgerichtet, ob die „Digital Humanities“ nur einen bedingten Nutzen hätten. MARTIN SABROW (Potsdam / Berlin) eröffnete die Sektion mit genau dieser Frage nach dem Nutzen aus der Perspektive der Geschichtswissenschaften wie auch des Digitalen. Noch sei, so Sabrow, nicht klar, ob es sich beim Einzug digitaler Arbeitsmethoden in das Fach um eine friedliche Revolution oder eine abrupte Wende handele. Daher sollte das Panel pragmatische Ansichten und Berührungspunkte des Digitalen mit den Geschichtswissenschaften herausstellen. Mit Blick auf tatsächliche Projekte fragte Sabrow, ob insbesondere die Textanalyse im Digitalen nun die Spitze der Entwicklung darstelle.

ANDREAS FICKERS (Luxemburg) thematisierte in seinem Vortrag die digitale Hermeneutik mit Bezug auf die Geschichtswissenschaft. Neben Grundfragen nach digitalen Metaquellen, dem Zusammenhang der gegenseitigen Beeinflussung digitaler Infrastrukturen und der Praxis des Nachdenkens stellte er die Produktion historischen Sinns im digitalen Zeitalter in den Mittelpunkt seines Vortrags. Hermeneutik als die Lehre des Verstehens sei omnipräsent in der Theorie historischer Erkenntnis und in der Methode geisteswissenschaftlichen Arbeitens, werde aber nicht als Werkzeug selbst untersucht. Die Aufgabe digitaler Geschichtswissenschaften müsse daher sein, den Einfluss technischer Werkzeuge in unserem Alltag zu hinterfragen.

Die fünf Basisfertigkeiten einer digitalen Hermeneutik bestehen in seinem Modell aus Algorithmuskritik, Datenkritik, Werkzeugkritik, Interface-Kritik und Simulationskritik. Hauptbestandteil dieser kritischen Analysemethoden stelle die Transparenz in der Art und Weise dar, wie digitale Werkzeuge und Infrastrukturen in Forschungsprozesse eingreifen. Fickers schlug das Kreieren von „Data Scopes“ vor, von virtuellen Forschungsumgebungen, die die Prozesse des Analysierens dokumentieren und anschaulich darstellen. Mit Verweis auf Roy Rosenzweig wies Fickers abschließend darauf hin, dass bereits viel in digitale Ressourcen investiert und viel versprochen wurde, aber nur wenig tatsächliche Ergebnisse vorlägen. Daher sei auch nicht klar, was der Rückfluss an Erkenntnisgewinnen sei. Auch müsse die digitale Geschichtswissenschaft sich davon verabschieden, nur bestehende Thesen zu überprüfen. Vielmehr sollten neue Fragestellungen über das Verständnis der Werkzeuge entwickelt werden, zu der eine 'analoge' Geschichtswissenschaften allein nicht in der Lage sei.

CHRISTIAN THOMAS (Berlin) thematisierte in seinem Vortrag die gegenwärtige Praxis der Forschungsdatenerstellung sowie die Datenerhaltung und -aufbewahrung in den historisch arbeitenden Geisteswissenschaften. Die standardkonforme Aufbereitung und nachhaltige Präsentation von Forschungsdaten solle im Interesse der Fachwissenschaft erfolgen. Dies geschehe einerseits, um Forschungsergebnisse verifizierbar zu halten und andererseits, um weiteren Forschenden Zugang zu den erhobenen und archivierten Daten zu gewähren. Das Infrastrukturprojekt CLARIN-D stelle in diesem Zusammenhang eine Möglichkeit dar, Dokumente nachhaltig und frei nutzbar zu veröffentlichen. Am Beispiel einer digitalisierten Quellenedition Theodor Mommsens wurden Wege zur Erarbeitung nachhaltiger und prinzipiell nachnutzbarer Forschungsdaten aufgezeigt, aber auch Hindernisse thematisiert. Zentral für den Erfolg einer Datenbank sah Thomas die Zusammenarbeit innerhalb von Konsortien aus Bibliotheken, weiteren Infrastruktureinrichtungen, der Fachwissenschaft und Einzelforschern, um Texte kuratieren und verarbeiten zu können.

Nach diesen Impulsvorträgen begannen die Panelteilnehmer mit ihren Diskussionsbeiträgen. PIM HUIJNEN (Utrecht) eröffnete seinen Beitrag mit einer direkten Antwort auf Andreas Fickers' Appell, dass es „Zeit sei zu liefern“. Seiner Meinung nach seien Historiker zum ersten Mal in einer Situation der Abhängigkeit, da sie meist nicht selbst digitalisieren. Sie seien in der Regel auf Werkzeuge und Daten angewiesen, die andere für sie entwickelt und bereitgestellt haben. Daher seien Historiker weiterhin im Skeptizismus gefangen, dass Daten fehlerhaft seien, weshalb nur partiell auf Digitalisate zurückgegriffen werde; auch der Kostenfaktor der Digitalisierung sei nicht zu vernachlässigen.

KERSTIN SCHWEDES (Braunschweig) wählte eine appellative Vortragsweise. Sie forderte eine Koordination der Datenhaltung, um unnötige Duplikationen zu vermeiden. Bestände würden hinsichtlich ihrer Texte hinterfragt, jedoch nicht auf ihre Objekthaftigkeit. Sie kritisierte den Publikationszwang der Wissenschaften, in dessen Folge eine Dichotomie bei den etablierten Fachzeitschriften zwischen der Forderung nach neuen Themen und der gleichzeitigen Ablehnung neuer methodischer, digitaler Herangehensweisen bestehe. Die Bindung an genau diese Zeitschriften bringe Autoren in eine Entscheidungssituation, welche die Geschichtswissenschaft in ihrer Sicht auf das Digitale spalte. Daran anschließend forderte CHRISTOPH KUDELLA (Göttingen) neue ‚Literacies‘ des Digitalen. Mit einer Auseinandersetzung über das Digitale seien die Geistes- und Kulturwissenschaften überfordert. Daher sei die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Informatikern unabdingbar. Ebenso sprach Kudella sich für einen Veröffentlichungsraum für digitale Themen in etablierten Fachzeitschriften aus, da die deutsche Community andernfalls im circulus vitiosus gefangen bleibe, zwar digital auszubilden, sich aber nicht mit Digitalem auseinanderzusetzen.

In der anschließenden Diskussion wurde ein zu technischer Duktus der Vorträge kritisiert, auch sei die Unterscheidung zwischen digitaler und konventioneller Geschichtswissenschaft nicht klar, schließlich arbeitet jeder Historiker zumindest mit Datenbanken und digitalen Recherchewerkzeugen. Nur lässt sich diese Arbeitsweise bereits als digital bezeichnen? Andreas Fickers wies darauf hin, dass Historiker/innen der Illusion unterlegen seien, ihr Arbeitswerkzeug zu verstehen, obwohl das nur bei den Wenigsten tatsächlich der Fall sei. Daher und mit Verweis auf fehlende Einblicke in die Basis digitaler Quellenkorpora sei eine Evidenzproduktion unmöglich. Letztlich zeige die in den Vorträgen zur Schau gestellte Kritik an der Methode den Skeptizismus am Digitalen selbst, was sich unter anderem auch im langsamen Voranschreiten der Digitalisierung wiederspiegele. Christian Thomas plädierte daher abschließend für eine stärkere fachliche und überfachliche Vernetzung und Veröffentlichung von Ergebnissen des Austausches in etablierten Foren. Die von Martin Sabrow eingangs gestellte Fragen nach dem Nutzen und den Berührungspunkten digitaler und analoger Geschichtswissenschaft scheint nach der Diskussion in diesem Panel tatsächlich in einer Konzentration von Textanalyseverfahren in der digitalen Geschichtswissenschaft zu bestehen.

Sektionsbericht:

Sektionsleitung: Martin Sabrow (Potsdam / Berlin)

Andreas Fickers (Luxemburg): Digitale Hermeneutik & Geschichtswissenschaft: eine kritische Standortbestimmung

Christian Thomas (Berlin): Aufbereiten, Auffinden und Auswerten von Forschungsdaten: Standards und Best Practices im Rahmen von CLARIN-D

Pim Huijnen (Utrecht): Diskussionsteilnehmer

Kerstin Schwedes (Braunschweig): Diskussionsteilnehmerin

Christoph Kudella (Göttingen): Diskussionsteilnehmer

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Für Skeptiker und Enthusiasten: Was ist und zu welchem Ende nutzt das „Digitale“ in den Geschichtswissenschaften?, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 27.10.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7916>.
Redaktion
Veröffentlicht am
27.10.2018
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