Studienkurs „Venedig und der Osten“

Ort
Venedig
Veranstalter
Deutsches Studienzentrum Venedig
Datum
09.09.2018 - 17.09.2018
Von
Prolet Decheva, Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Byzantinistik; Luise Scheidt, Department of History of Art, University of Cambridge

Der Studienkurs wurde von zwei Experten wissenschaftlich geleitet: Albrecht Berger, Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Byzantinistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Markus Koller, Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Geschichte des Osmanischen Reiches und der Türkei an der Ruhr-Universität Bochum. Michaela Böhringer, Bibliothekarin des Studienzentrums, war für die Organisation und den glatten Verlauf des Kurses unverzichtbar. Die 15 Teilnehmer des Studienkurses waren fortgeschrittene Masterstudierende und DoktorandInnen in den Fachrichtungen Kunstgeschichte, Geschichte, Byzantinistik und Theologie. Der Kunsthistoriker Hendrik Ziegler von der Philipps-Universität Marburg nahm als Gast am Studienkurs teil.

Neben den Referaten, die die StudienkursteilnehmerInnen zu ihren Themen an den Vormittagen präsentierten, wurden am Nachmittag Exkursionen zu wichtigen Institutionen und kunst- und kulturhistorischen Hinterlassenschaften in Venedig mit Themenbezug zum Programm unternommen. Die Themen des Kurses beschäftigten sich mit den Beziehungen Venedigs zum östlichen Mittelmeerraum in chronologischer Reihenfolge. Zu Beginn lag der Schwerpunkt auf den Beziehungen zum Byzantinischen Reich, später zum Osmanischen Reich, das Byzanz langsam ablöste. Nicht ausgeschlossen wurde die Rolle der lateinischen Staaten im Heiligen Land, des Handels sowie der Kriege im Mittelmeer.

Der Kurs begann mit einer Begrüßungsrede von Seiten der Direktorin des Studienzentrums Marita Liebermann MARITA LIEBERMANN (Venedig) sowie der wissenschaftlichen Leiter. Die ersten Referate beschäftigten sich dann mit den Anfängen Venedigs als Teil des Oströmischen Reiches war. Das legendäre Gründungsdatum der Stadt am 25. März 421 wurde in einem Referat von FLORIAN HEMSING (Münster) vorgestellt und kritisch diskutiert. Die Besiedlung der Lagune sei erst im 6. Jh. historisch fassbar (Cassiodorus). Ein erster gravierender Bruch in den Beziehungen Venedigs zu Byzanz sei die Unterstellung des Dogen unter den deutschen Kaiser Karl den Großen im Jahre 805 gewesen. Mit dem Frieden von Aachen 812 sei Venedig zusammen mit Dalmatien und den Hafenstädten Istriens wieder – zumindest offiziell – ein Teil des Byzantinischen Reiches geworden.

Ein nächster entscheidender Punkt in der Geschichte war der Raub der Reliquien des Heiligen Markus aus Alexandrien im Jahr 829, der von MIRA DE JONGHE (Bochum) vorgestellt wurde. Mit diesem habe die Verehrung des Evangelisten als Schutzpatron der Stadt begonnen, dem eine eigene Kirche geweiht wurde: die Markuskirche.. Die Markuskirche sei zu einem Markenzeichen Venedigs geworden, das das Selbstverständnis der Serenissima als eine religiös und politisch bedeutende Seerepublik in der Adria und später als ein maritimes Imperium des Mittelmeerraums bis heute zum Ausdruck bringe. Am ersten Nachmittag organisierte das Studienzentrum dann einen Besuch in San Marco sowie in der Schatzkammer und dem Museum der Kirche, was zu weiteren lebhaften und bereichernden Diskussionen führte.

Ein weiteres Referat, von DOMINIQUE LEYENDECKER (Köln), widmete sich auch den Handelsverträgen Venedigs mit dem Byzantinischen Reich. Vom 10. bis zum 12. Jahrhundert war Byzanz der wichtigste Handelspartner Venedigs. Im Laufe der Zeit wurden mehrere Verträge zwischen den beiden Seiten geschlossen, die den Venezianern zahlreiche Handelsprivilegien zusprachen. Die Beziehungen zwischen Byzanz und Venedig verliefen dabei nicht immer friedlich und verschlechterten sich insbesondere im 12. Jahrhundert.

Ein Bruch in dieser Beziehung sowie in der Geschichte Europas überhaupt stellte der Vierte Kreuzzug (1202-1204) dar, der anstatt in Jerusalem in Konstantinopel endete und zur Zersplitterung des Oströmischen Reiches in mehrere lateinische sowie byzantinische Staaten führte, die sich lange Zeit gegenseitig bekriegten. PROLET DECHEVA (München) referierte zu diesem Thema. Infolge des Kreuzzuges eroberten die Venezianer wichtige Flottenstützpunkte im Mittelmeerraum, die es ihnen ermöglicht hätten, den Seeweg von Venedig nach Byzanz völlig zu kontrollieren.

Die Beute, die die Venezianer aus Konstantinopel nach dem Vierten Kreuzzug nach Venedig brachten, habe auch aus kostbaren Kunstschätzen bestanden, wie ELLA BEAUCAMP (München) in ihrem Vortrag erläuterte. Von diesen wurden die antike Quadriga vom Westportal des Markusdoms, die spätantiken Porphyrreliefs der Tetrarchen an der Porta della Carta, die Pala d’Oro, die teilweise aus Beutestücken besteht und das Kaisertondo am Campiello Angaran bei der Kirche San Pantalon im Detail, sowohl im Rahmen eines Referats als auch vor Ort, besprochen.

Die Handelsmacht, die Venedig besonders nach 1204 darstellte, blieb nicht ohne Konkurrenz. Im Rahmen eines weiteren Referats von IRENE GILODI (Florenz) wurden die jahrzehntelangen Kriege zwischen Genua und Venedig um die Dominanz im Mittelmeerraum intensiv diskutiert. Betrachtet wurde besonders deren Bedeutung für die erneuerten Beziehungen zu dem nach 1261 mit Hilfe der Genuesen wiedererrichteten Byzantinischen Reich.

Viele Venezianer lebten in ihren Handelsniederlassungen beziehungsweise ihren Besitzungen im Ausland, darunter besonders auf Kreta, das zwischen 1211 und 1669 in venezianischer Hand blieb, und später auf Zypern, wo die Venezianer im 15. Jahrhundert besonders präsent waren. Dies habe zu einem verstärkten kulturellen Austausch zwischen der lokalen, zum großen Teil orthodoxen Bevölkerung und den katholischen Venezianern geführt, wie ANA GRIZA (Erlangen-Nürnberg) in ihrem Referat erläuterte.

Ein weiteres Referat von MAX RITTER (Mainz) wurde dem Fall Konstantinopels 1453 und seiner Bedeutung für Venedig gewidmet. Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts war Konstantinopel eines der wenigen Überbleibsel des einst mächtigen Oströmischen Reiches. Teile Anatoliens und die Balkanhalbinsel gehörten fast vollständig den Osmanen. Die Venezianer besaßen immer noch ein Stadtviertel sowie Handelsprivilegien in Konstantinopel, betrieben aber gleichzeitig lukrativen Handel mit den Osmanen. Einige seien sogar der Meinung gewesen, dass eine osmanische Eroberung Konstantinopels noch profitabler gewesen wäre. Die byzantinischen Gesandtschaften in Westeuropa in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts brachten nicht die gewünschte Unterstützung für die Byzantiner. Trotz der Unterstützung der Venezianer fiel Konstantinopel 1453 an die Osmanen.

Viele Griechen wanderten nach 1453 nach Venedig aus. Sie gründeten eigene Gemeinden und Kirchen sowie eigene Druckereien in Venedig, wie RIKE SZILL (Kiel) in ihrem Vortrag erläuterte. Die Bibliothek des Kardinals Bessarion, die er 1468 Venedig schenkte, sei zum Grundstein der heutigen Biblioteca Marciana geworden. Der Kontakt zwischen Griechen und Venezianern spielte eine wichtige Rolle für den Wissens- und Kulturaustausch und war ein wichtiger Faktor in der Ideengeschichte Europas.

Im Anschluss an die detaillierten Referate und regen Diskussionen wurde am 11. September auch eine Einführung und Quellenansicht im Staatsarchiv Venedig mit Alessandra Schiavon und am 12. September in der Biblioteca Marciana mit Elisabetta Lugato organisiert. Neben einer Einführung in die Geschichte beider Institutionen trugen diese Besuche immens zum tieferen Verständnis der Markusrepublik und ihrer Beziehungen zum östlichen Mittelmeerraum und insbesondere Byzanz bei. Sie dienten auch als eine wichtige Einführung in die Arbeit mit historischen Originalquellen. Von diesen wurden die Antologia Planudea (cod.marc.Gr.Z. 481(=863)), Werke des Kardinals Bessarion (cod.marc.Gr.Z. 533(=788)) sowie des venezianischen Historikers Marin Sanudo (cod.marc.It.VII, 228(9215)) im Original betrachtet und ausführlich diskutiert. Die Exkursionen wurden zudem von Andreas Helmedach begleitet, dessen Vortrag zum Thema „A Bloody Bridge. Violence as a Means of Communication in the Venetian-Ottoman Borderlands (17th and 18th Century)” am Montagabend ein spannender Einstieg und Beitrag zum Programm des Studienkurses war.

Im weiteren Verlauf des Studienkurses lag der Schwerpunkt insbesondere auf den Beziehungen Venedigs zum Osmanischen Reich. Im 15. Jahrhundert sollten in dem kritischen Gebiet Albaniens einige wichtige Kriege ausgefochten werden; eine wichtige Persönlichkeit in der albanisch-venezianischen Geschichte dieser Zeit ist die Figur des Skanderbeg, die in einem Vortrag von LENA KORNPROBST (Wien) analysiert wurde. Gebürtig als Georg Kastriota, handelte es sich bei ihm um einen albanischen Adligen, der, am Hof des Sultans ausgebildet, zunächst dem Osmanischen Reich als Militärkommandeur diente, seit 1443 jedoch auf der Seite der albanischen Adligen Aufstände anführte und gegen die Osmanen Krieg führte. Seine diversen Allianzen, zeitweise mit der Republik Venedig, mit dem Königreich Neapel und diversen anderen Akteuren, wurden in dem Referat genau dargelegt und in der anschließenden Diskussion ausführlich besprochen.

Das Referat von LUISE SCHEIDT (Cambridge), das sich mit der Region Albaniens beschäftigte, analysierte die Erinnerungskultur um die legendäre Belagerung von Scutari. Diese albanische Stadt, seit 1396 in der Hand der Venezianer, wurde im Rahmen der Eroberungspläne Mehmets II. in den Jahren 1474 und 1478-79 mehrfach belagert, konnte von den Osmanen jedoch nicht eingenommen werden, was den Vormarsch des Sultans im Balkan nachhaltig aufhielt. Nicht zuletzt wird die Relevanz dieser Schlachten durch zahlreiche bildliche Darstellungen des Themas unterstrichen, darunter ein Relief an der Scuola degli Albanesi, der Bruderschaft der Albaner, sowie ein Deckengemälde im Großen Ratssaal des Dogenpalastes, das über 100 Jahre nach dem Ereignis in Auftrag gegeben wurde. Im Rahmen der Exkursion am Nachmittag desselben Tages konnte das Relief an der Scuola degli Albanesi vor Ort analysiert und die in der Diskussion erarbeiteten Thesen am Original genauer untersucht werden.

Die Erinnerungskultur eines Ereignisses wie Scutari, das für einen langen Zeitraum relevant war, war nur ein Teil des Selbstverständnisses der Republik Venedig, das in einem weiteren Referat von ANNA KLADOVA (Mainz) genauer erläutert werden sollte. Einige Kernthesen des venezianischen ‚Mythos‘ wurden vorgestellt und analysiert. Ein wichtiges Organ der venezianischen Selbstdarstellung war das Bildprogramm des Palazzo Ducale, das zu großen Teilen nach dem Brand im Jahr 1577 neu beauftragt wurde und schriftlich festgehalten ist. In diesem Programm wird die Legitimation der venezianischen Herrschaft aus vielen Gründen hergeleitet, sei es durch die freiwillige Unterwerfung von Gebieten, sei es durch militärischen Triumph.

Auch der Handel mit den Osmanen war von großer finanzieller Bedeutung für Venedig und die diplomatischen Beziehungen zur Hohen Pforte wurden auch während Kriegszeiten gepflegt. In den folgenden Referaten sollten die venezianischen Beziehungen zu Einzelpersonen und Gruppen am Hof des Sultans genauer besprochen werden. In einem Referat von GIANLUCA LEMPP (Heidelberg) wurden die Funktionen verschiedener Einzelpersonen am Sultanshof des 16. Jahrhunderts aufgezeigt. Besonders die Rolle des bailo, des venezianischen Diplomaten in Konstantinopel, wurde erläutert, ebenso wie weitere Schlüsselpersonen und -gruppen, etwa Kaufleute, Sultansmütter und weitere Personen, die Zugang zum innersten Kreis der Herrscherdynastie hatten. Der Empfang venezianischer Gesandter an der Hohen Pforte war das des Referats von MAI NGUYEN (Köln): Die Struktur des Sultanshofs in mehrere Höfe und Pforten wurde dargelegt und es wurde erläutert, auf welche Weise den Gesandten der Kontakt zu den verschiedenen Ebenen des Hofs gestattet wurde.

Um die Beziehung Venedigs mit dem Osmanischen Reich auch in militärischer Hinsicht deutlich zu machen, beschäftigte sich der Kurs anschließend mit der venezianisch-osmanischen Grenze als Kontaktraum. In einem Referat, vorgetragen von TINA WEINGARDT (Leipzig), wurde eingangs die Terminologie der Grenze erörtert, die als Linie sowie als Raum interpretiert werden könne. Gerade die Unterschiede in den Begrifflichkeiten verschiedener Sprachen wurden erläutert (englisch ‚frontier‘ oder ‚border‘), wobei die Sichtweise dominierte, dass die Grenze den Rand eines sich ständig ausdehnenden Territoriums beschreiben könne. Genauere Darlegungen und Beispiele zu der Situation der venezianisch-osmanischen Grenze wurden erläutert und in der Gruppe diskutiert.

Mit diesem Thema wurde das Vormittagsprogramm des Studienkurses beschlossen und ein Ausblick gegeben, während das Exkursionsprogamm noch für zwei Tage fortgesetzt werden sollte. Wichtige Impulse konnte der Besuch des Istituto Ellenico dank einer Privatführung und der Besuch des Ikonenmuseums bieten, in dem vor allem post-byzantinische Kunstwerke analysiert werden konnten. Dabei konnte unter anderem die gegenseitige Beeinflussung von östlich-byzantinischen und westlich-venezianischen Stilen beobachtet werden. In der großen Abschlussexkursion zu der Insel Torcello wurden die Basilika Santa Maria Assunta und das zugehörige Museum besucht und damit ein sehr wichtiges Mosaik in byzantinischer Tradition sowie ein außerordentliches Denkmal der Beziehungen zwischen Venedig und Byzanz untersucht.

Nicht nur die hervorragende Gestaltung des Programmes in intensiver Vorbereitung am Morgen und relevante Exkursionen am Nachmittag, sondern auch die Zusammenarbeit der Kursteilnehmer aus verschiedenen Fachbereichen machten dabei den Studienkurs zu einer ausnehmend bereichernden Woche.

Konferenzübersicht:

Marita Liebermann (Venedig): Begrüßung

Florian Hemsing (Münster): Die Anfänge von Venedig

Mira De Jonghe (Bochum): Der Markuskult und die Kirche San Marco

Dominik Leyendecker (Köln): Handelsverträge und venezianische Kolonien im Osten 992–1204

Prolet Decheva (München): Der Vierte Kreuzzug 1204 und die Folgen

Ella Beaucamp (München): Byzantinische Beutekunst in Venedig

Irene Gilodi (Florenz): Venedig und Byzanz 1261–1453

Ana Griza (Erlangen-Nürnberg): Die Venezianer auf Kreta und Zypern

Rike Szill (Kiel): Die Griechen in Venedig nach 1453

Max Ritter (Mainz): Die Eroberung Konstantinopels und Venedig

Lena Kornprobst (Wien): Der Aufstand des Skanderbeg – osmanisch-venezianische „Balkanpolitik“

Luise Scheidt (Cambridge): Die Belagerung von Scutari – ein Topos venezianischer Erinnerungskultur

Anna Kladova (Mainz): Das imperiale Selbstverständnis der Markusrepublik

Gianluca Lempp (Heidelberg): Pro-venezianische Netzwerke am Sultanshof im 16. Jahrhundert


Mai Nguyen (Köln): Der Empfang venezianischer Gesandtschaften an der Hohen Pforte


Tina Weingardt (Leipzig): Die osmanisch-venezianische Grenze als Kontaktraum

Zitation
Tagungsbericht: Studienkurs „Venedig und der Osten“, 09.09.2018 – 17.09.2018 Venedig, in: H-Soz-Kult, 20.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7924>.