Pippin der Jüngere und die Erneuerung des Frankenreichs

Place
Köln
Host/Organizer
Patrick Breternitz / Karl Ubl, Mittelalterliche Geschichte, Universität zu Köln
Date
24.09.2018 - 25.09.2018
By
Georg Friedrich Heinzle, Historisches Institut, Mittelalterliche Geschichte / artes Graduate School, Universität zu Köln

Die Tagung anlässlich des 1250. Todestages Pippins des Jüngeren lotete aktuelle Perspektiven auf dessen Herrschaft aus. Nachdem bei einer einflussreichen Tagung in Bonn 2002 der Dynastiewechsel von 751 im Mittelpunkt gestanden hatte, konzentrierten sich die Vortragenden in Köln diesmal auf die Dynamik und die Erneuerungen, mit denen Pippin die Herrschaft der neuen Dynastie ausgestaltete. Seine Bemühungen von der Zentrale aus bildeten den Schwerpunkt der ersten Sektion, während die zweite vor allem regionale Perspektiven aufzeigte und so dem anhaltenden Trend zur Regionalgeschichte Rechnung trug.

KARL UBL (Köln) wies auf das angesichts seiner Bedeutung mangelnde Forschungsinteresse an der Erneuerung durch Pippin hin, der nach wie vor im Schatten seines Sohnes stehe. Vor allem, aber nicht nur, sei die geringe Menge direkter Quellen hierfür verantwortlich. Zudem seien die üblichen Beinamen Pippins nicht eben geeignet, seine eigentliche Leistung zu würdigen. Es gelte nun zu prüfen, inwiefern die karolingische Erneuerung in der Zeit Pippins seinen Anfang genommen hat, der schon in der Karolingerzeit wegen seiner militärischen Erfolge und der religiösen Reformgesetze als Erneuerer gegolten habe.

YITZHAK HEN (Jerusalem) zeigte in seinem eröffnenden Vortrag Pippin als Patron der Kultur im Sinne Marc Blochs. Damit positionierte sich Hen gegen ältere Vorstellungen von Pippins Herrschaft als kultureller Ödnis, wie sie etwa Ferdinand Lot vertreten hatte. Vielmehr stehe Pippin in einer langen Traditionslinie von Herrschern, deren Kulturförderung Teil ihrer Herrschaftsweise gewesen sei. Insbesondere zwei Quellen zog Hen als Beispiele heran, einerseits die Neufassung der Lex Salica, andererseits die sogenannte Fredegar-Fortsetzung. Auch die Pippin vom Papst geschenkten Bücher seien ein Anzeichen für das kulturelle Interesse des Herrschers, ebenso die von Hen als hochstehend bewertete heimische Buchproduktion. Letztere sei besonders im Bereich liturgischer Werke bemerkenswert. Zugleich habe sich Pippin als Reformer der Liturgie nach römischem Vorbild hervorgetan. Die damit angedeutete enge Verbindung zur Kirche verdeutlichte Hen auch in seiner Analyse der höfischen Elitenerziehung, in der er eine Kontinuität zwischen Merowinger- und Karolingerzeit sah. Insgesamt präsentierte er Pippin als kulturell ambitionierten Herrscher, der diese Patronage zugleich als Machtinstrument in der Tradition seiner Vorgänger zu nutzen verstand.

Kontinuität und Tradition betonte auch ALAIN STOCLET (Toronto) in seiner Analyse der sogenannten Fredegar-Fortsetzung. Er stellte sie vor allem als Collage militärischer Erfolge und Ausdruck der hauptsächlich militärisch begründeten Legitimation Pippins vor, der gegenüber die Erfolge der Liturgiereform später übertrieben worden seien. Kontinuität machte Stoclet nicht zuletzt in dem Triumph-Diskurs der Fredegar-Fortsetzung aus, den er in der römischen Vorstellungswelt begründet sah. Dementsprechend sei es denkbar, dass auch die Franken militärische Triumphfeiern nach römischem Vorbild gekannt hätten. Stoclet wies jedoch auch anhand zahlreicher einschlägiger Beispiele auf ritualisierte Siegesfeiern in der barbarischen Welt außerhalb der früheren römischen Domäne hin.

Den für Fragen von Kontinuität oder Wandel zentralen Punkt des Dynastiewechsels nahm LUDGER KÖRNTGEN (Mainz) in den Blick. Er plädierte dafür, die Nachricht der Fredegar-Fortsetzung, Pippin sei mit päpstlicher auctoritas zum König erhoben worden, auf das im Codex Carolinus überliefertes Schreiben von Papst Zacharias zu beziehen. In diesem üblicherweise auf 747 datierten Responsum sah Körntgen ein mögliches Vorbild für die sonst 751 zugeordnete päpstliche Zustimmung zur Königserhebung. Er plädierte dafür, das verbreitete Narrativ der Reichsannalen noch stärker infrage zu stellen als bisher und die feinen Unterschiede zur Fredegar-Fortsetzung genau zu analysieren. Dort sei nämlich nicht ein päpstlicher Befehl, sondern vielmehr die Wahl durch die Franken das Entscheidende bei der Erhebung Pippins. Dem Papst komme hier lediglich eine Bestätigungsfunktion zu. Daraus folgerte Körntgen, dass das Legitimationsbedürfnis und die Legitimationsanstrengungen Pippins weniger ausgeprägt gewesen seien, als gemeinhin angenommen. Vielmehr sei die Darstellung in den Reichsannalen mit deren eigenem politischen Entstehungskontext zu erklären, in welchem das Verhältnis der Karolinger zum Papst gegenüber dem zu den Franken betont werden sollte. Somit konstatierte Körntgen einen deutlichen Unterschied in der Deutung des Dynastiewechsels zwischen der ersten und der zweiten karolingischen Königsgeneration.

Pippins Bemühen um eine integrative Gestaltung seiner Herrschaft führte MICHAEL GLATTHARR (Freiburg) am Beispiel des Konzils von Ver 755 vor. Indem Pippin die Beschlüsse gemeinsam mit den Bischöfen verkündete, habe er sie in seine Herrschaft eingebunden, was eine Innovation dargestellt habe. Glatthaar analysierte im Folgenden das im Konzilstext deutlich werdende Verhältnis von König und Geistlichkeit. Gegen Ende des Prologs beginne eine integrative Wir-Form, der ein erkennbar gemeinsames Handeln in den ersten 19 der 25 Kapitel entspreche. Angesichts der unpersönlich gehaltenen Kapitel 20-25 zog Glatthaar deren Zugehörigkeit zum ursprünglichen Textbestand in Zweifel. Vor allem auf eine weitere Versammlung hinweisende Formulierungen in diesen Kapiteln legten eine getrennte Entstehung nahe, sie stammten wahrscheinlich aus dem Jahr 756. Insgesamt zeige die erkennbar intensive Kooperation zwischen König und Bischöfen in Ver aber einen neuen Herrschaftsstil Pippins, der erst später durch die Hinzuziehung der weltlichen Großen wieder traditionelleren Formen gefolgt sei.

PATRICK BRETERNITZ (Köln) plädierte für eine differenzierte Betrachtung der friesisch-fränkischen Beziehungen zur Zeit Pippins, welche sich nicht auf einen simplen Dualismus zweier Völker herunterbrechen ließen. Vielmehr müsse man von mehreren friesischen Herrschern ausgehen, die an einer ohnehin schwierig zu definierenden Grenze zu den Franken mal in Kontakt, mal in Konflikt traten; ein Befund, der sich nicht nur in den wenigen Schriftquellen zu den Friesen widerspiegle, sondern auch in der bisher oft vernachlässigten Quellengattung der Münzen. Für die fränkischen Prägungen aus Dorestad zu Pippins Zeit seien Pippins Name, der Königstitel rex Francorum, ein Kreuz und eine Axt typisch. Naheliegend sei die Deutung des Kreuzes als Symbol für das Christsein Pippins und der Franken, verbunden mit der Absicht weiterer Missionierung. Die Axt, die sich nur auf in Dorestad geprägten Münzen findet, wertete Breternitz als – möglicherweise typisch fränkische – Waffe und Zeichen militärischer Stärke. Die Prägung der Münzen lege also eine Demonstration der Stärke gegenüber den Friesen nahe. Diese Botschaft, die über die Münzen bis weit in die friesischen Gebiete getragen wurde, finde sich dementsprechend auch nur bis zur endgültigen Unterwerfung der Friesen durch Karl den Großen. Obwohl nicht viele Konflikte aus der Zeit Pippins bekannt seien, dürfe aber angenommen werden, dass es doch eine Notwendigkeit gab, auf verschiedenen Wegen die eigene Stärke zu demonstrieren.

Für eine differenzierte Sichtweise und gegen eine pauschale Vorstellung von Feindschaft plädierte ROMAN DEUTINGER (München) auch in seinem Vortrag über das Verhältnis Pippins zu den regionalen Eliten in Alemannien und Bayern. Besonderes Augenmerk legte er hierbei auf Pippins Anstrengungen als Stifter. Statt Landschenkungen habe er das Verschenken des Königszinses von Freien bevorzugt, ein direkter Zugriff des Königs auf die lokalen Ressourcen sei also kaum zu erkennen. Vergleichsweise gut belegt sei das Wirken fränkischer Großer in Alemannien, die dort Land erworben und politische Führungsämter bekleidet hätten. In den 770er-Jahren sei ein beträchtlicher Teil der alemannischen Grafschaften in fränkischer Hand gewesen. Zugleich sei dieser Personenkreis durch Heiraten größtenteils mit dem lokalen Adel verschmolzen. Weniger präsent seien fränkische Adlige in Bayern gewesen, wo erst unter Karl dem Großen ähnliche Prozesse zu verzeichnen gewesen seien. Mit einer profränkischen Gruppe auch im bayerischen Adel sei jedoch vor allem angesichts des besser belegten alemannischen Vergleichsfalls aber zu rechnen. Insgesamt sei die Periode von Pippins Herrschaft über Bayern und Alemannien als Teil einer längeren Entwicklung zu verstehen, die bereits im 6. Jahrhundert begonnen habe und untrennbar mit der fränkischen Gesamtgeschichte verbunden sei.

FLORIAN HARTMANN (Aachen) zeigte auf, dass bei der Zusammenstellung des Codex Carolinus eine kontinuierliche Zusammenarbeit Pippins mit Rom suggeriert werden sollte, die es so nicht gegeben habe. Hierzu analysierte er die Briefe des Codex Carolinus, insbesondere aber die Tatsache, dass diesem zufolge zwischen 740 und 754 praktisch Funkstille zwischen Päpsten und Karolingern geherrscht habe. In der einzigen erhaltenen Abschrift des Codex Carolinus folgten auf die Briefe Gregors III. nicht der zeitlich nächste Brief des Papstes Zacharias, sondern zwei Schreiben des späteren Papstes Stephan II., was in der Edition Gundlachs aufgrund der dortigen chronologischen Anordnung nicht deutlich werde. Dadurch, dass im Codex Carolinus die chronologische Anordnung nach Pontifikaten durchbrochen wurde, entstehe der Eindruck, dass das Drängen der Päpste um Hilfe gegen die Langobarden stetig zugenommen habe. Diese Anordnung ließe nun die Karolinger als Mächtige erscheinen, gegenüber denen die Päpste als Bittsteller auftraten. Pippin erscheine so in einer langen Kontinuität als Retter der Päpste. Interessant sei insbesondere, so Hartmann, dass dieses Bild in denselben Jahren gezeichnet worden sei, in denen auch die Reichsannalen entstanden seien.

Ähnlich wie zuvor Breternitz und Deutinger trat auch ADRIEN BAYARD (São Paulo) im abschließenden Vortrag über das Verhältnis der aquitanischen Eliten zu Pippin dem Jüngeren für eine nuanciertere und weniger monolithische Perspektive ein. Geeigneter als die Vorstellung Aquitaniens als einheitlicher Block sei das Konzept einer mit der fränkischen Welt eng verbundenen politischen Elite, die sich situativ zwischen Verhandlung und Konfrontation bewegt habe. Eine Zusammenarbeit mit den Karolingern sei zumindest in bestimmten Bereichen wahrscheinlich. Somit machte Bayard ein Muster des Wechsels von Kooperation und Konflikt zwischen den aquitanischen Herzögen und den fränkischen Hausmeiern beziehungsweise Königen aus. Die zunehmende Bedeutung befestigter Plätze wertete Bayard im Zusammenhang mit diesems ambivalenten aquitanisch-fränkischen Verhältnisses als Beleg für die Tendenz innerhalb der aquitanischen Elite, sich gegen politische und militärische Wechselfälle abzusichern. Vor allem in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts seien aber auch die Karolinger zunehmend bestrebt gewesen, die Kooperation mit den aquitanischen Großen auszubauen. Hierbei habe man einerseits den Kontakt mit der Zentrale, andererseits aber auch die Position bestimmter einheimischer Adliger gestärkt.

In seiner Zusammenfassung verglich MATTHIAS BECHER (Bonn) den Kölner Workshop zunächst mit der Bonner Tagung von 2002 und betonte die Weiterentwicklung der Forschung hin zu den dynamischen Prozessen von Pippins Herrschaft. Heute, 16 Jahre später, spreche man differenzierter über die vorherrschenden Narrative, was sich insbesondere bei der kritischen Analyse der Reichsannalen gezeigt habe. Becher beobachtete, dass langfristige Entwicklungen und Tendenzen als wichtiger bewertet wurden als symbolhafte Ereignisse. Der Blick habe sich weiter geöffnet und die Regionen seien verstärkt in die Betrachtung einbezogen worden.

Die Vorträge und Diskussionen der Kölner Tagung zeigten deutlich das große Forschungspotential, das die Herrschaft Pippins immer noch bietet. Die Forschung bewegt sich zwischen dem Problem der Quellenarmut und einer neuen Dynamik in der Analyse einzelner Phänomene. Gerade bei jüngeren Historikern zeigte sich eine Abkehr von großen Erzählungen über Pippin und klaren Gegenüberstellungen etwa der Franken und anderer Völker. Demgegenüber wurden bekannte Phänomene kleinteiliger und differenzierter in den Blick genommen und vor allem regional bezogene neue Fragen gestellt. Die gewaltigen Bemühungen Pippins um eine stabile Einrichtung seiner Herrschaft wurden deutlich, ebenso wie die Dimension der noch zu stellenden Fragen.

Konferenzübersicht:

Karl Ubl (Köln): Begrüßung und Einführung

Yitzhak Hen (Jerusalem): Culture and Religion in the Time of Pippin the Short

Alain Stoclet (Toronto): On the Mayoralcy of Charles Martel's Sons. Trying to Make Sense of Childebrand

Ludger Körntgen (Mainz): Usurpation – Legitimismus – Dynastiewechsel. Kategorien und Kontexte der Königserhebung Pippins

Michael Glatthaar (Freiburg): Das Konzilsdekret von Ver (755). Ausdruck eines neuen Regierungsstils

Patrick Breternitz (Köln): Pippin und die Friesen

Roman Deutinger (München): Pippin, Alemannien und Bayern

Florian Hartmann (Aachen): Pippin und die römische Kirche im Spiegel der Briefe des Codex Carolinus

Adrien Bayard (São Paulo): Pépin le Bref et les élites aquitaines, entre négociation et soumission

Matthias Becher (Bonn): Zusammenfassung

Citation
Tagungsbericht: Pippin der Jüngere und die Erneuerung des Frankenreichs, 24.09.2018 – 25.09.2018 Köln, in: H-Soz-Kult, 09.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7925>.
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Published on
09.11.2018
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