HT 2018: Irrungen, Wirrungen?! Von der Textkonstitution zur Geschichts(de)konstruktion

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Dominik Trump, Historisches Institut, Universität zu Köln

Bevor DANIELA SCHULZ (Wuppertal) anhand einiger übergreifender Leitfragen inhaltlich in das Thema der Sektion einführte, betonte sie die große Bedeutung von Editionsprojekten für die Forschung. Diese Bedeutung ließe sich schon an der schieren Zahl der aktuell in Deutschland laufenden Editionsprojekte ablesen, welche Patrick Sahle im Rahmen des Workshops „Nachhaltigkeit Digitaler Editionen“[1] vage auf etwa 400 bis 500 geschätzt habe. Die vielen Einzel- und Klein(st)projekte machten allerdings eine systematische Erfassung nur schwer möglich. Ziel der Sektion sei es daher, einen möglichst facettenreichen Ausschnitt aktueller Forschungsprojekte zu zeigen, der praktische Editionsarbeit und theoretische Reflexion verbinde.

Im ersten Vortrag sprach KARL UBL (Köln) über die Herrschererlasse der fränkischen Könige, die sog. Kapitularien. Er blickte zuerst in die Editionsgeschichte zurück, wobei er besonders die letzte Edition (1883/1897) durch den Juristen Alfred Boretius hervorhob. Boretius, der von den Monumenta Germaniae Historica mit der Neuedition beauftragt worden war, sollte die Kapitularien stärker in den Kontext ihrer Entstehungszeit einbetten sowie chronologisch neu ordnen. An seiner Edition sei aber schon bald nach ihrer Veröffentlichung Kritik geübt worden, vor allem an seinem mangelnden Interesse für die handschriftliche Überlieferung. Es sollte fast ein ganzes Jahrhundert dauern, bis Hubert Mordek mit einer Neuedition beauftragt wurde. Nach dessen Tod 2006 sei das Projekt einem Team von Editoren übertragen worden, wobei die zentrale Stütze der Neuedition das seit 2014 laufende Akademie-Projekt sei.[2] Ubl machte darauf aufmerksam, dass die Bezeichnung „Kapitular“ (capitulare) von Étienne Baluze etabliert wurde, obwohl sich die Bezeichnung in den Quellen kaum finden lasse. Der Begriff des Kapitulars prägte die Forschung seitdem nachhaltig. Gerade Boretius habe verschiedene bis heute nachwirkende Typologien von Kapitularien in die Forschung eingeführt, die seitdem immer wieder berechtigte Kritik hervorgerufen haben. Diese anachronistische Systematisierung sei noch dadurch verstärkt worden, dass jedes Kapitular einen lateinischen Kunsttitel erhielt, der Boretius’ Kapitularien-Typologie widerspiegelt. Ein weiteres Problem sei es, dass die Kapitularien in der Edition hintereinander gereiht wurden, was den falschen Eindruck einer kontinuierlichen Gesetzgebung erwecke. Viele heute als Kapitularien angesprochene Texte seien aber gar nicht als offizielle Verlautbarungen und für eine weitere Verbreitung gedacht gewesen. Ubl plädierte dafür, am editorischen Kapitularienbegriff festzuhalten, den rechtshistorischen Kapitularienbegriff aber zu verwerfen. Zum Schluss wurde die derzeit entstehende Neuedition thematisiert, die sich von den Kunsttiteln lösen werde. Durch die digitale Edition, welche die Texte in ihrem Sammlungskontext in den Handschriften selbst biete, und die kritische Printedition, die die Originale zu rekonstruieren suche, könne die „Illusion der Gesetzgebung“ durchbrochen werden. Ubl verschwieg aber nicht die Probleme, die mit der abermaligen Neuedition der Kapitularien einhergehen. Durch den erhöhten technischen Aufwand und unterschiedliche Editionsumgebungen sei eine Verknüpfung von digitaler und gedruckter Edition derzeit noch ein großes Problem. Nicht zu unterschlagen sei der hohe finanzielle Aufwand sowie die langfristige Archivierung und Bereitstellung der digitalen Edition.

Der Vortrag von ANNE WILKEN (Wuppertal) widmete sich der Philosophiegeschichte des beginnenden 20. Jahrhunderts am Beispiel der Akademie-Ausgabe von Kants Schriften, die ab 1900 erschien und von der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin unter der Leitung von Wilhelm Dilthey herausgegeben wurde. Es solle beleuchtet werden, wie sich das Verhältnis von Kanonbildung und Editionspraxis in der Philosophie gestaltet. Dabei ging Wilken davon aus, dass Kant nicht nur wegen seiner philosophischen Arbeiten zum Klassiker geworden sei, sondern vielmehr auch externe Faktoren eine Rolle spielten. Dazu gehöre die Rezeption Kants im Neukantianismus; eine Denkrichtung, die maßgeblich die universitäre Philosophie um 1900 prägte, die sich aber in der Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften erst behaupten musste. Gerade der Neukantianismus sei für die Verwissenschaftlichung der Philosophie von maßgeblicher Bedeutung gewesen, was zur Folge gehabt habe, dass das Studium philosophischer Schriften auf eine gesicherte textliche Basis gestellt werden müsse. Vor diesem Hintergrund wurde die Akademie-Ausgabe von Kants Schriften in Angriff genommen, die bereits 1893 von Dilthey sowie Eduard Zeller beantragt und 1894 genehmigt wurde. Davor gab es bereits drei Gesamtausgaben. Diltheys Ziel sei es gewesen, alle Äußerungen Kants zu erfassen, um ihn insgesamt besser als dieser sich selbst verstehen zu können. Die Neuausgabe soll als Muster für weitere Editionen philosophischer Schriften dienen. Darüber hinaus habe Dilthey die Edition so gestalten wollen, wie es Kant selbst gewollt hätte. Durch die Ausgabe versprach man sich eine größere Objektivität in der Erforschung von Kants Schriften. Vollständigkeit und die korrekte zeitliche Abfolge des Materials seien die beiden Prinzipien Diltheys gewesen. Bezüglich der Textkonstitution habe dies zur Folge gehabt, dass man Normierungen und Emendationen zugelassen habe. Dabei wurden die Drucke von Kants Schriften dem Editionstext zugrunde gelegt, aber durch die Kollation mit Handschriften weiter verbessert. Diese Vorgehensweise sei nicht frei von Kritik geblieben, was zur Folge gehabt habe, dass sich nun zwei Auffassungen in der Kantforschung gegenüberstanden: diejenigen, die Kant wörtlich nach einem bestmöglichen Text verstehen wollten, und diejenigen, die Kant mehr dem Geist nach zu begreifen suchten. Die Neuedition präsentiere Kants Gesamtwerk als organisch gewachsen, wobei die „Kritik der reinen Vernunft“ als Kulminationspunkt erscheine. Durch den Druck der ersten sowie der zweiten Auflage der „Kritik“ habe die Akademie-Ausgabe – im Gegensatz zu den früheren Gesamtausgaben – beiden Texten ihre eigenständige Bedeutung in Kants Gesamtwerk zugesprochen.

Im dritten Vortrag stellte MIRA WEIDHAAS (Wuppertal) den Bauforscher und Archäologen Wilhelm Dörpfeld (1853–1940) und dessen Beschäftigung mit der Odyssee ins Zentrum ihrer Ausführungen. Ausgehend von den homerischen Fragen und der schon in der Antike erfolgten Festlegung des kanonischen Textes der homerischen Epen, lenkte Weidhaas den Blick auf die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Zu dieser Zeit sei der Text des epischen Werks als kanonisch und damit als unantastbar aufgefasst worden, was im Widerspruch zu dem Wissen stehe, dass in der Antike unterschiedliche Textfassungen kursierten. Es solle am Beispiel von Dörpfelds 1925 erschienener sogenannter „Urodyssee“ gezeigt werden, wie dessen alternative Editionsmethoden und Sichtweisen auf den kanonischen Text der Odyssee den Widerspruch seiner Zeitgenossen hervorgerufen habe. Dazu ging Weidhaas zuerst auf die Biographie Dörpfelds ein, der sich insbesondere durch seine Tätigkeit als Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen und seiner Beteiligung an vielen Grabungsprojekten in Griechenland einen Namen gemacht hatte. Seit 1900 widmete sich Dörpfeld durch die Entdeckung Trojas und die Grabungen in Tiryns vermehrt der Suche nach dem mythischen Herrschaftssitz des Odysseus, in deren Zuge er eine eigene Homertheorie entwickelte. Der Kern dieser Theorie sei die Annahme Dörpfelds gewesen, dass sich die homerischen Epen – neben aller künstlerischen Gestaltung – als historischer Bericht lesen lassen. Dörpfeld habe im Folgenden sein ganzes Leben auf die Suche nach den Stätten der Odyssee ausgerichtet und die archäologischen Funde seiner Theorie entsprechend interpretiert. Dies habe ihm anhaltende Kritik der Fachwelt eingebracht, die seine Thesen nicht akzeptiert habe. Dörpfelds Homertheorie kulminiere letztlich in seiner Ausgabe der „Urodyssee“. In diesem Werk rekonstruierte er eine 500 Jahre ältere Urfassung der Odyssee, die er als historische Quelle verstanden wissen wollte. Dabei setzte er voraus, dass Homer sein Epos nach einem symmetrisch gestalteten Tageplan der Protagonisten geschaffen habe. Mit der Betonung der einheitlichen Konzeption dieses Urepos durch einen Dichter richtete sich Dörpfeld gegen alle damals gängigen Theorien zur Entstehung des Werkes. Er schied folglich alles aus dem Text aus, was ihm als späterer Zusatz erschien. Zum Schluss skizzierte Weidhaas die Reaktionen der wissenschaftlichen Zunft auf die „Urodyssee“. Da Dörpfelds Theorie eine Verschiebung der Chronologie um 500 Jahre weiter in die Vergangenheit bedeutete, erntete er erwartungsgemäß heftige Kritik, was sich an öffentlich ausgetragenen Kontroversen mit führenden Fachwissenschaftlern zeigt, die seine Ausgabe nicht rezipierten. Diese Ablehnung sei vor allem auch auf Dörpfelds Rolle als nicht studierter Altertumswissenschaftler und Philologe zurückzuführen, die trotz seiner teilweise bedenkenswerten Thesen und editorischen Prinzipien eine Rezeption verhindert habe.

Im letzten Vortrag der Sektion beschäftigte sich PETER ORTH (Köln) mit der Briefsammlung Hildeberts von Lavardin (1056–1133) und den damit zusammenhängenden editorischen Herausforderungen. Zu Beginn machte Orth an einem Briefpaar, das lange Zeit Hildebert zugeschrieben wurde, deutlich, wie sehr Forschende von der Qualität einer Edition und deren handschriftlichem Fundament abhängig sind. Danach lenkte er den Blick auf das aktuell rege Interesse der Forschung an Briefen, Briefsammlungen und der ars dictaminis, die gerade in den vergangenen zwei Jahrzehnten große Beachtung gefunden haben. Diesem breiten Interesse stehe allerdings die mangelnde Beschäftigung mit Fragen der Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte gegenüber, vor allem, wie sich spätantike Briefsammlungen auf die mittelalterliche Epistolographie auswirkten.[3] Es sei allerdings zu beobachten, dass bei den massenhaft tradierten Briefsammlungen im Vergleich zu gering überlieferten kaum editorische Fortschritte zu verzeichnen seien. Die mehr als 100 bekannten Briefe Hildeberts seien in mindestens 130 Textzeugen überliefert, was allein schon aufgrund ihrer Masse eine große editorische Herausforderung darstelle. Da Hildeberts Briefe selten alleine in einer Sammlung überliefert seien, lohne sich ein Blick auf die epistolographischen Begleittexte. Neben Texten, die von Hildebert selbst stammten, lassen sich hier sehr häufig die Briefe Ivos von Chartres sowie jene des Symmachus finden.

Das epistolographische Werk Hildeberts wurde seit dem 16. Jahrhundert editorisch behandelt, wobei aber erst Adolphe Dieudonné 1898 eine grundlegendere Studie vorlegte. André Wilmart identifizierte eine Briefreihe als Kern der Sammlung und separierte sie von den zahlreichen Fortsetzungen, was durch Peter von Moos weitergeführt wurde, der verschiedene Handschriftenklassen konstituierte. Orth konnte weitere Textzeugen ausfindig machen und zudem die Überlieferung aufgrund der Positionierung von Spuria und Dubletten besser ordnen. Eine umfangreiche Kollation ausgewählter Briefe mit der gesamten Überlieferung schloss sich an diesen Schritt an, was dazu führte, dass sich der Weg von der realen Korrespondenz Hildeberts zur von diesem selbst redigierten Sammlung besser nachvollziehen lasse. Dabei zeigte sich, dass Hildebert seine Briefe in Sammlungen unterschiedlichen Umfangs in Umlauf brachte und nur der Kern seiner Sammlung von ihm selbst redigiert wurde. Zum Abschluss erläuterte Orth sein praktisches Vorgehen und betonte dabei die Relevanz der Überlieferungsgeschichte: Grundlage ist ein umfangreicher Handschriftenkatalog, die genaue Analyse der Briefsammlungen in den Handschriften sowie die danach stattfindende Kollation und Recensio, wobei allerdings darauf zu achten ist, dass man für die einzelnen Partien der Sammlung eine jeweils unterschiedliche handschriftliche Basis wählen muss.

In der Diskussion ging es um Fragen der Begrifflichkeit und wie neue Editionen althergebrachte Vorstellungen und Forschungstraditionen revidieren können. Des Weiteren wurde erörtert, wie sehr die Ordnung und Reihenfolge des edierten Textes das Verständnis desselben beeinflussen und steuern. Dabei wurde deutlich, dass der Einbeziehung von Erkenntnissen aus der Überlieferungsgeschichte in der Edition breiter Raum gegeben werden muss. Darüber hinaus wurde der Begriff des Originals thematisiert und inwiefern die Rekonstruktion eines solchen Originaltextes in modernen Editionen gerechtfertigt ist. Zudem wurden die Prämissen und Vorstellungen, die der Editor seiner Textkonstitution zugrunde legt, problematisiert.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Daniela Schulz (Wuppertal)

Karl Ubl (Köln): Die Illusion der Gesetzgebung. Probleme und Grenzen einer modernen Kapitularienedition

Anne Wilken (Wuppertal): Die Kanonbildung in der Philosophie – Text und Kontext der Akademie-Ausgabe von Kants Schriften

Mira Weidhaas (Wuppertal): Wenn eine Edition vom Kanon abweicht – Zum Umgang mit Wilhelm Dörpfelds Urodyssee zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Peter Orth (Köln): Mittelalterliche Briefsammlungen als editorische Herausforderung

Anmerkungen:

[1] Vgl. die Veranstaltungsseite beim Data Center for the Humanities (DCH), Universität zu Köln: http://dch.phil-fak.uni-koeln.de/nde-workshop.html (20.10.2018).
[2] Vgl. die Projekthomepage: http://capitularia.uni-koeln.de/ (20.10.2018).
[3] Vgl. hierzu Peter Orth, Die Wiederentdeckung der spätantiken Briefsammlungen. Beobachtungen und Funde zum Nachleben des Symmachus, des Ennodius und Cassiodors im XI. und XII. Jahrhundert, in: Thomas Deswarte / Klaus Herbers / Cornelia Scherer (Hrsg.), Frühmittelalterliche Briefe: Übermittlung und Überlieferung (4.-11. Jahrhundert). La lettre au haut Moyen Âge: transmission et tradition épistolaires (IVe-XIe siècles), Köln u.a. 2018, S. 201–226.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Irrungen, Wirrungen?! Von der Textkonstitution zur Geschichts(de)konstruktion, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 02.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7931>.