Modelling Archaeological Landscapes. Bridging Past and Present in two Mediterranean Islands

Ort
Scicli
Veranstalter
Universität Heidelberg; Universität Catania
Datum
08.06.2018 - 10.06.2018
Von
Mario Rempe, Archäologisches Institut, Universität Göttingen; Sandra Kyewski, Departement Altertumswissenschaften, Universität Basel

Im Rahmen des durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) geförderten Hochschuldialogs mit Südeuropa veranstalteten die Universitäten Heidelberg und Catania (Italien) vom 08. bis 10. Juni sowie 10. bis 12. Oktober 2018 zwei thematisch aufeinander abgestimmte Workshops zum Thema archäologische Landschaften und Verwaltung des Kulturerbes, die sich mit unterschiedlichen Akzenten dieses Themas befassten.

Der Workshop in Kapetaniana auf Kreta befasste sich mit der Wahrnehmung von und dem Umgang mit archäologischen Strukturen in der Landschaft. Dabei sollte insbesondere die Nachhaltigkeit der Verwaltung und der Präsentation von Kulturgütern in Landschaften eines peripheren Mittelmeerraumes diskutiert werden. Die Forscher, die aus verschiedenen europäischen Regionen stammten, präsentierten jeweils ihre Sichtweise auf das Konzept einer public archaeology, mithin auf den Kulturgüterschutz und die Einbindung der Bevölkerungen vor Ort.

Ein erster großer thematischer Block behandelte dabei die Aufnahme archäologischer Strukturen mit den neuesten naturwissenschaftlich-archäologischen Methoden. TOM BROGAN (Ierapetra) und DIAMANTIS PANAGIOTOPOULOS (Heidelberg) stellten in ihren Beiträgen Ausgrabungen und Untersuchungen auf Kreta vor, die sich moderner archäologischer Methoden bedienen, um zu einem vertieften archäologischen Verständnis der historischen Landschaft zu gelangen. Das Palimpsest der Landschaft auf Kreta wurde in seinen Elementen durch den Einsatz von remote sensing, Geoinformationssystemen (GIS), Geoarchäologie und klassischen archäologischen Methoden sichtbar gemacht. Da unterschiedliche historische Facetten erfahrbar gemacht werden konnten, schlossen sich auch Überlegungen zur Vermittlung der Erkenntnisse an die lokale Bevölkerung an.

In einem weiteren Beitrag verwies Diamantis Panagiotopoulos (Heidelberg) auf die Bedeutung der Sinne und Sinneseindrücke für das Verständnis archäologischer Funde und Kontexte, aber auch für die Vermittlung an die Öffentlichkeit. Den Stellenwert von Sinneseindrücken und Nachvollziehbarkeit von historischen Erfahrungen hob auch EVI MARGARITIS (Nikosia) hervor. Die Erfahrung ihrer Arbeit auf Kreta zeigte, dass archäobotanische Rekonstruktionen und Experimente großes Interesse bei den Gemeinden vor Ort hervorriefen und zu einer aktiven Mitarbeit der Bevölkerung für den Schutz ihres kulturellen Erbes beitrugen. Aktive Mitarbeit der Gemeinden vor Ort wurde auch von VASILIKI SAVVATIANOU und NINA ATHANASOPOULOU (beide Athen) eingefordert. Sie stellten Möglichkeiten vor, die Bevölkerung bei der Denkmalpflege und bei der architektonischen Planung von musealen Projekten und Schutzbauten einzubinden.

PIETRO MILITELLO (Catania) eröffnete mit seinem Beitrag eine neue Perspektive auf die archäologischen sites in Kreta, indem er die Notwendigkeit anführte, Narrative für die Besucher zu entwickeln. Dabei schlug er auch Wege und Mittel vor, um die Besucher der sites stärker zu involvieren. Eine ähnlich starke Einbindung, aber unteren anderen lokalen Vorzeichen, postulierte auch EVANGELOS KYRIAKIDIS (Kent), der bei seinen Untersuchungen in Gonies (Kreta) neue Zugänge und Methoden wählte, um die Anwohner für ihr kulturelles Erbe zu begeistern und zu aktiver Mitarbeit an der musealen Verstetigung ihrer Landschaft und der Bewahrung kultureller Praktiken zu ermutigen. KATERINA ATHANASAKI (Iraklio) plädierte in ihrem Beitrag für die Teilhabe der Öffentlichkeit auch an der Erstellung archäologischer Karten, einem grundsätzlichen Werkzeug des Landschaftsarchäologen. Der Ansatz des deep mapping ermögliche durch die Mitarbeit vieler Interessierter zahlreiche neue Daten und Perspektiven, wodurch die archäologischen Karten erheblich aufgewertet würden.

Ein Thema, das von mehreren Vortragenden angesprochen wurde, war der Schutz von Kulturgütern durch angemessene Konservierung, Restaurierung und die Einbeziehung großer Institutionen (ICOM, Geoparks, museale Routen in der Mesara Region, UNESCO). Erstaunlicherweise sind auch die berühmtesten archäologischen sites auf Kreta noch heute nicht Teil des UNESCO Weltkulturerbes. So zeigten beispielsweise NENA GALANIDOU (Rethymnon) und NIKOS PAPADIMITROU (Heidelberg) für das Kairatos-Becken (Kreta) beziehungsweise das Laurion-Gebiet (Attika), wie die Auswertung archäologischer Funde und Befunde zu einem Netzwerk aus sites und Sehenswürdigkeiten führen sollten, um die interessierte Öffentlichkeit anzuziehen und zur Teilhabe am kulturellen Erbe dieser Gebiete zu befähigen.

Im Rahmen des ersten Workshops und seiner Diskussionen konnte festgestellt werden, dass die Aufgaben der Archäologen einerseits zunehmend in der komplexen Verknüpfung von verschiedenen archäologischen und naturwissenschaftlichen Zugängen, andererseits aber auch in der nicht weniger fordernden Vermittlung ihrer Ergebnisse im Rahmen der public archaeology liegen.

Der zweite Workshop, der abermals unter der Leitung von Diamantis Panagiotopoulos und Pietro Militello in Scicli auf Sizilien stattfand, sollte diese Erkenntnisse weiter vertiefen und lenkte den Blick dabei vor allem auf die sogenannten minor sites, archäologische Fundstellen, die bisher in der Öffentlichkeit kaum Beachtung finden. Hierbei sollten Mittel und Wege gefunden werden, um diese zentralen Elemente der historischen und sozialen Landschaft wissenschaftlich zu erfassen, aber auch nachhaltig zu vermitteln und erfahrbar zu machen.

Generell ließen sich zwei fokale Themen in den Vorträgen feststellen: Zum einen die archäologische Aufnahme der minor sites und die dabei entstehenden Probleme, zum anderen die Vermittlung der Kontexte an die interessierte Öffentlichkeit.

Ein grundlegender Beitrag für den Workshop ist in dem Vortrag von ILDE RIZZO (Catania) zu sehen, die auf die rechtlichen und ökonomischen Voraussetzungen und Zwänge bei der Rekonstruktion von Kontexten und historischen Landschaften sowie deren Vermittlung hinwies. Diamantis Panagiotopoulos und Evangelios Kyriakidis behandelten in ihren Vorträgen das Phänomen des Mikrokulturerbes. Nahezu alle Handlungen, Artefakte und Kontexte konstituieren das kulturelle Erbe von Gemeinschaften. So ist von einem ‚Kulturerbe von unten‘ auszugehen, das nicht immer ausreichend gewürdigt wird. Eine bemerkenswerte Konstellation ergab sich in dem Beitrag von SIMONA TODARO (Catania), die als Archäologin in derselben Landschaft arbeitet, in der sie aufwuchs. Todaro konnte die technisch-archäologische Perspektive sowie die von Rizzo angesprochenen Bedingungen und Zwänge, die sich bei der Aufbereitung historischer Landschaften ergeben, noch durch die Schilderung des Einflusses persönlicher Affekte und Emotionen zu Orten und Kontexten erweitern. Die Archäologin ist dabei zugleich ein Teil der an ihrem Projekt partizipierenden Öffentlichkeit.

LAURA MANISCALCO, Pietro Militello und FRANCESCA BUSCEMI (alle Catania) stellten in ihren Beiträgen eine beeindruckende Zusammenschau der archäologischen Untersuchungen verschiedener Landschaften in Sizilien vor, die verschiedene kleinere sites sichtbar machten. Insbesondere das Projekt Buscemis wies dabei eine hohe Anzahl an naturwissenschaftlichen und digitalen Methoden auf, die sich in der Folge auch für die Vermittlung archäologischer Erkenntnisse, zum Beispiel in 3D-Modellen und Videos, nutzen ließen. Auch die Forschungen von ENRICO GIANNITRAPANI (Enna) in Zentralsizilien zeigten, inwieweit durch die Nutzung interdisziplinärer Methoden scheinbar unbedeutende Fundstellen das Verständnis historischer Landschaften ermöglichen. Die Gemeinden vor Ort wurden durch aktive Teilhabe an experimentellen Rekonstruktionen, wie beispielsweise dem Nachbau einer prähistorischen Hütte, in diesen Erkenntnisprozess mit eingebunden. Hinsichtlich des Erkenntnisgewinns im Rahmen der archäologischen Arbeit mahnte ELEFTHERIA TSAKANIKA (Athen) an, dass sich die archäologische Zunft etwa bei der Bauaufnahme nicht nur auf technische Hilfsmittel verlassen dürfe, sondern auch klassische Methoden weiter nutzen müsse. So entstünden wichtige Erkenntnisse bei der Aufnahme von Kontexten etwa erst beim händischen Zeichnen.

ORAZIO PALIO (Catania) und FRANCO NICCOLUCCI (Florenz) beschäftigten sich in ihren Beiträgen mit praktischen Anforderungen bei der Sichtbarmachung von minor sites. Palio plädierte für Routen, die kleinere Fundstellen, die zudem keine großen Monumente vorweisen können, mit einem Museum verbinden und somit didaktisch aufbereiten. So könnten auch scheinbar unbedeutende, kleine prähistorische sites inmitten der Landschaft in ihrer Bedeutung verständlich gemacht werden. Niccolucci beschäftigte sich vor allem mit den Anforderungen der musealen Verarbeitung peripherer Landschaften und wies darauf hin, dass hinsichtlich der oft begrenzten Budgets für solche Kontexte praktische und ökonomische Lösungen gefragt seien. Daran schlossen sich Vorschläge für effiziente und nachhaltige museale Komponenten an. SIMONA CALVAGNA (Catania) und MARGHERITA VANORE (Venedig) befassten sich ebenfalls mit der Aufbereitung von minor sites und betonten vor allem die Bedeutung architektonischer Elemente, die einerseits konservieren, andererseits aber auch das Bild der Kontexte verändern. Sie hoben hervor, dass heute nachhaltige Konzepte in Zusammenarbeit mit den Gruppen vor Ort entwickeln werden sollten und abgewogen werden müsse, welche Narrative erzeugt werden.

Die Vorträge wurden durch den Beitrag von ESTHER SOLOMON (Ioannina) abgerundet, die mit der Fallstudie von Archanes einen Ort vorstellte, in denen Archäologie und öffentliche Teilhabe seit langer Zeit eine geglückte Symbiose darstellen. Das archäologische Potential der Stadt auf Kreta wurde dort zum einen touristisch nutzbar gemacht, führte zum anderen aber auch zu einer bewussten Auseinandersetzung der Bewohner mit ihrem kulturellen Erbe, das sich nicht nur auf die Antike beschränkte. Die daraus resultierenden Handlungen ließen Archanes zu einem authentischen Ort werden, der die Geschichte des Ortes in vielen Facetten widerspiegelt.

Der Workshop in Scicli ist insofern als erfolgreiche Fortsetzung der Zusammenkunft in Kapetaniana zu sehen, als dass er die dort festgestellten Tendenzen der jüngeren Landschaftsarchäologie und der public archaeology in Fallstudien illustrierte sowie Lösungsansätze für drängende Fragen und Probleme, insbesondere bei der Vermittlung archäologischer Erkenntnisse präsentierte. Allerdings erscheinen weitere Veranstaltungen dieser Art angeraten, nicht nur um die Kooperation von Forschern aus Deutschland und dem Mittelmeerraum weiter zu fördern, sondern auch um Konzepte der public archaeology und der Vermittlung des Kulturerbes weiter zu schärfen.

Conference Overview:

Workshop Kapetaniana

Sektion I: Reconstructing Landscapes and Senses

Tom Brogan (Ierapetra): Making Sense of Ancient Landscapes in Eastern Crete

Diamantis Panagiotopoulos (Heidelberg): Digital Geoarchaeology. An Interdisciplinary Approach to the History of Ancient Landscapes. The Case of Minoan Koumasa

Katerina Athanasaki (Iraklio): Developing a Deep-mapping Approach for the Study of the Cretan Cultural Landscape

Stefania Chlouveraki (Athen): A Systematic Approach towards the Conservation and Management on Archaeological Sites

Evi Margaritis (Nikosia): Food Preparation and Deposition in the Domestic and Ritual Landscape of Minoan Bronze Age

Diamantis Panagiotopoulos (Heidelberg): Archaeological Landscapes and the Senses

Vasiliki Savvatianou / Nina Athanasopoulou (beide Athen): Re-placing Memory in Memory Places. A Topographical Perspective on the Early Bronze Age Archaeological Sites of Southern Crete

Sektion II: Public Archaeology

Nena Galanidou (Rethymnon): The Neolithic Archaeology of Crete in the Public Sphere

Pietro Militello (Catania): Phaistos. A Memory for the Future. How to Tell an Archaeological Site

Evangelos Kyriakidis (Kent): Public Archaeology and the Three Peak Sanctuaries Project. Techniques Developed for Community Engagement

V. Sithiakaki / K. Galanaki / K. Vakaloglou / A. Genitsaridi / A. Mpitsavas / A. Petrakis (alle Iraklio): In the Midst of the Mountains. Mesara. A Passage through Space, Myth, and Time.

Elena Kountouri (Athen): The Minoan Palaces as Sites of the UNESCO World Heritage

Nikos Papadimitrou (Heidelberg): Neglected Heritage. A Diachronic Approach to Environment, Economy and Culture in the Laurion Area, Attica

Charalambos Fasoulas (Iraklio): The Contribution of Geoparks in the Regional Sustainable Development. The Case of Hellenic UNESCO Global Geoparks

Theano Vrentzou (Iraklio): Asterousia. The Holy Mountain

Workshop Scicli

Diamantis Panagiotopoulos (Heidelberg) / Pietro Militello (Catania) / Landscape and minor cultural heritage: Eröffnung

Ilde Rizzo (Catania): Is the Past Sustainable? An Economic Approach

Sektion I: Architecture as Practice. Planning, Surveying, Reconstructing

Louise Hitchcock (Melbourne): One Cannot Export a Palace on Board a Ship

Eleftheria Tsakanika (Athen): Vernacular Architecture as a Bridge to the Past

Enrico Giannitrapani (Enna): From Past Landscapes to Present-day Builtscapes. Reconstructing Prehistoric Architecture in Central Sicily

Sektion II: The Landscape of the Past

A.M. Sammito (Ragusa) / P. Militello (Catania) / M. di Vincenzo (Catania) / M. Figuera (Catania) / F. Buscemi (Catania) / K. Zebrowska (Warschau): Prehistoric Landscape, Prehistoric Architecture. The Case of Calicantone, Modica

Simona Calvagna (Catania): Landscape Commons and Archaeology

Orazio Palio / Simona Todaro / Maria Turco (alle Catania): Living under the Volcano. The Etna Landscape

Laura Maniscalco (Catania): Between the Hybleans and the Ereans. The Valle dei Margi Landscape

Sektion III: Landscape Today. Communities and the Past

Margherita Vanore (Venedig): Landscapes of Archaeology and Architecture

Franco Niccolucci (Florenz): The Case of Maremma

Orazio Palio (Catania): Telling archaeology. Prehistory and cultural tourism

Vanghelis Kyriakidis (Kent): Urban Communities, Village Communities. Two Approaches to the Past

Esther Solomon (Ioannina): Minor Heritage and the Negotiation of Tradition. An Archaeological Ethnography at Archanes, Crete

Zitation
Tagungsbericht: Modelling Archaeological Landscapes. Bridging Past and Present in two Mediterranean Islands, 08.06.2018 – 10.06.2018 Scicli, in: H-Soz-Kult, 15.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7936>.