HT 2018: Peace of Westphalia 1648/2018

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Christian Wenzel, SFB/TRR-138 "Dynamiken der Sicherheit", Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit, Universität Marburg

Als Kooperationsveranstaltung des Verbandes der Historikerinnen und Historiker und der Koninklijk Nederlands Historisch Genootschap widmete sich die von BEATRICE DE GRAAF (Utrecht) und RENATE DÜRR (Tübingen) organisierte Podiumsdiskussion dem Einfluss des Westfälischen Friedens vom 17. bis zum 20. Jahrhundert; diesem wurde im Verlauf der vielschichtigen Diskussionen und Beiträge – soviel sei an dieser Stelle bereits vorweggenommen – durchaus ambivalent nachgespürt, was die unterschiedlichen, gerade auch disziplinären Perspektiven auf den Westfälischen Frieden anschaulich herausstellen konnte.

In einer kurzen Einführung ging RENATE DÜRR (Tübingen) zunächst auf die historiographischen Traditionen und damit auf die Unterschiede ein, die sich mit Blick auf die deutsche sowie niederländische geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit dem Westfälischen Frieden beobachten lassen. Als ganz wesentlichen Unterschied gelte es, sich der aus dem Verlauf des Dreißigjährigen Krieges selbst resultierenden Perspektivierung der Forschung bewusst zu werden: Diese habe dazu geführt, dass der Dreißigjährige Krieg mit dem Heiligen Römischen Reich als „theatrum belli“ in Deutschland lange Zeit vor allem als deutsche Katastrophe betrachtet worden sei, während in den Niederlanden der Fokus eher auf Staatsbildungsprozessen gelegen habe, da der Dreißigjährige Krieg hier vor allem als Staatsbildungskrieg gedeutet worden sei. Darüber hinaus verwies Renate Dürr zudem auf die erhebliche und bis heute nachwirkende Vorstellung des mit 1648 etablierten „Westphalian System“ als internationaler Staatenordnung, mit Grundwerten wie Nicht-Einmischung und kollaborativer Interaktion.

BEATRICE DE GRAAF (Utrecht) griff dieses Narrativ des „Westphalian System“ auf und leitete auf den inhaltlichen Aufhänger der Podiumsdiskussion über: Das vom niederländischen Maler Rob Scholten 1998 angefertige Bild „Vrede van Munster“[1], welches als eine für Scholten typische Collage Akteure und Symbole des 20. Jahrhunderts, Vorstellungen staatlicher und nicht-staatlicher Integration und Exklusion, europäischer Expansion und Kolonialbestrebungen als auf den Trümmern von 1648 stehend darstellt und damit eine mehr denn je aktuelle Frage versinnbindlicht: die Frage nach Vorstellungen, Begrenzungen und Identitäten von Europa in globaler Perspektive. Entsprechend formulierte Beatrice de Graaf, vor dem Hintergrund dieser zeitgenössischen Collage, ihre Einstiegsfrage für die erste Runde von Kurzbeiträgen der Diskutanten, die der Eröffnung der Podiumsdiskussion dienen sollte: Wie ist 1648 in diesem Lichte zu betrachten? Integrierte der Westfälische Friede Europa nach innen und erlaubte damit die europäische Expansion nach außen?

CHRISTOPH KAMPMANN (Marburg) griff zunächst die eng damit zusammenhängende und gerade mit Blick auf aktuelle Konflikte wie jenen in Syrien immer wieder gestellte Frage auf, ob man aus dem Westfälischen Frieden für aktuelle Krisen lernen könne. Dazu gelte es, erstens, sich der historiographischen Traditionen und Entwicklungen bewusst zu werden, die für jene Rolle in Rechnung gestellt werden müssen, die der Westfälische Friede bzw. das „Westphalian System“ als Vorstellung bis heute spielen. Diese einflussreiche Vorstellung, den Westfälischen Frieden aus völkerrechtlicher Perspektive als „basic fundamental law“ der Staatenordnung zu deuten, sei erst im 18. Jahrhundert entstanden und verargumentiert worden, was die Grundlage für die im 19. und 20. Jahrhundert einsetzende Entwicklung bildete, den Frieden von 1648 zur normativen Struktur des Völkerrechts insgesamt zu erheben und mit Vorstellungen von Souveränität und Nicht-Einmischung aufzuladen. Vor diesem Hintergrund sei es deshalb, zweitens, notwendig, von der in gewisser Hinsicht mythischen Überhöhung des Westfälischen Friedens zu abstrahieren, um zu einer angemessenen Bewertung des Friedensvertrags als Sicherheitsordnung für das Heilige Römische Reich zu kommen – denn genau das und eben kein „moderner“ Friedensvertrag sei 1648 gewesen. Damit kam Christoph Kampmann auf die Ausgangsfrage nach der Tauglichkeit des Westfälischen Friedens für aktuelle Konflikte zurück und betonte, dass es eher die asymmetrischen Konfliktstrukturen gegenwärtiger Kriege seien, die erhebliche Parallelen zur Frühen Neuzeit aufweisen würden.

OZAN OZAVCI (Utrecht) zeichnete in seinem Beitrag ebenfalls ein differenziertes Bild des Westfälischen Friedens und stellte diesen Kollektivsingular insofern in Frage, als dass es seiner Ansicht nach notwendig sei, zwischen zwei Westfälischen Frieden bzw. zwei „1648“ zu unterscheiden: Einerseits dem Friedensvertrag selbst in seiner Entstehung und seinen Auswirkungen, wobei auch Ozavci erhebliche Zweifel an der Möglichkeit äußerte, die Konstellation des Dreißigjährigen Krieges bzw. insbesondere die Strategien zu seiner Befriedung auf gegenwärtige Krisen zu übertragen. Andererseits, und auf diese Facette des Westfälischen Friedens richtete er sein Hauptaugenmerk, habe sich der Mythos bzw. das Narrativ „1648“ als ebenso einflussreich wie problematisch erwiesen. In den Friedensvertrag hineinprojizierte Vorstellungen von Staatsbildung und Autonomie ließen sich, wie Ozavci argumentierte, als spezifische Phänomene des europäischen 19. Jahrhunderts, durch die Einschreibung in das Narrativ „1648“ vom Exzeptionellen zum Normativen stilisieren. Gerade mit einem außereuropäischen Blick auf das Narrativ „Westphalian System“ sei diese Entwicklung etwa für den Nahen Osten durchaus problematisch gewesen, da sie in langfristiger und globaler Perspektive zu erheblichen Exklusionsprozessen im Staatensystem geführt habe. Ozavci warb deshalb für eine alternative Leitfrage und neue Perspektive auf den Westfälischen Frieden mit dem Fokus, warum sich gerade dieses Narrativ bzw. dieser Mythos als so langlebig und einflussreich erwiesen hat – eine Leitfrage, die er in enger Verbindung zu dem von Christoph Kampmann skizzierten Prozess der Narrativbildung im 18. Jahrhundert sah.

Die außereuropäische Perspektive auf den Westfälischen Frieden und 1648 als Narrativ nahm auch bei REMCO RABEN (Utrecht/Amsterdam) breiten Raum rein. Ihm zu Folge seien die globalen Auswirkungen des Westfälischen Friedens deutlich reflektierter zu betrachten als bislang: Einerseits spiele die außereuropäische Perspektive bzw. die Frage nach außereuropäischen Auswirkungen in der Forschung zu 1648 fast keine Rolle, andererseits erweise sich der Westfälische Friede hier nicht als jenes epochale Ereignis und jene zentrale Wasserscheide, zu der sie mit Blick auf Europa stilisiert werde. Hier sei 1648 tatsächlich eher ein Datum unter vielen; zudem seien mit dem Westfälischen Frieden zwei Arten von Souveränität etabliert worden, da Konflikte auch nach den Friedensverträgen von Münster und Osnabrück weiter existiert hätten. Der Westfälische Frieden müsse deshalb als Manifestation eines europäischen Exzeptionalismus betrachtet werden, sowie als Manifestation einer spezifischen, eurozentristischen und dichotomen Markierung von Ordnung auf der einen, europäischen Seite und Zuschreibungen von vermeintlicher Andersartigkeit auf der anderen, außereuropäischen Seite. Die mit 1648 etablierte Vorstellung des „Westphalian System“ ignoriere nämlich andere Bezugsrahmen und Kontexte, ohne analog zu Europa funktionierende Staatswesen. Damit stelle sich letztlich die Frage, wo die „European World Order“ hier zu finden sei und welche Geltung dieses Narrativ damit beanspruchen könne.

Zum Abschluss dieser Einstiegsrunde problematisierte auch JOHANNES PAULMANN (Mainz) das Narrativ des „Westphalian System“ als eine insofern simplifizierte Perspektive, als dass es sich hier um ein vor dem Hintergrund von Nationalstaaten in der Mitte des 20. Jahrhunderts gezeichnetes Bild handle, das sich aber gerade in einer globalen und auch globalgeschichtlichen Perspektive als deutlich zu eng erweise: Zwar habe der Friede von Westfalen Frieden in Europa etabliert, aber nicht darüber hinaus und zudem eine in hohem Maße exkludierende Wirkung entfaltet. Zudem sei ein genauerer Blick auf die üblicherweise mit 1648 verbundenen Kategorien wie „Souveränität“ notwendig, die als in hohem Maße problematische Zuschreibung verstanden werden müssten: Denn letztlich habe sich der Westfälische Friede gerade durch die Beschränkung der Souveränität der Einzelstaaten ausgezeichnet, etwa mit Blick auf die Religionsfrage oder die Garantiemächte. Diesen sei das explizite Recht und die Pflicht gegeben worden, zur Wahrung des Friedens in die Souveränität einzugreifen. Damit stelle sich am Beispiel der Garantie die Frage nach der Diskrepanz zwischen dem Westfälischen Frieden auf der einen Seite und dem „Westphalian System“ als kultureller Konstruktion auf der anderen Seite.

Die anschließende Diskussion drehte sich mit den Fragen von ECKART CONZE (Marburg) und EWALD FRIE (Tübingen) zunächst um drei übergreifende Aspekte: Eckart Conze fragte nach dem Zusammenspiel von Souveränität und Selbstbestimmung, Ewald Frie dagegen lenkte den Blick auf die Frage nach diplomatischen Lernprozessen nach 1648 und konstatierte, dass das Narrativ „Westphalian System“ ja durchaus ein stabiles System etabliert habe. Mit Blick auf gegenwärtige Prozesse stelle sich damit doch die Frage, welcher Mythos an die Stelle jenes von 1648 treten könne bzw. müsse.

Christoph Kampmann, Remco Raben und Ozan Ozavci wandten sich zunächst der Frage nach Souveränität als Kategorie zu: Während Kampmann darauf verwies, dass Souveränität als frühneuzeitliche Kategorie differenzierter zu betrachten sei, als es das „Westphalian System“ bzw. der moderne Blick suggeriere, argumentierten Raben und Ozavci, dass es sich hier letztlich wieder um spezifisch europäische Vorstellungen bzw. Kategorien handle, die in das Narrativ „Westphalian System“ hineinprojiziert worden seien.

Johannes Paulmann griff die Fragen Ewald Fries auf und verwies einerseits auf Überlegungen etwa Niall Fergusons zur integrativen Funktion von Empire-Vorstellungen. Andererseits umriss er einen diplomatischen Lernprozess, in dessen Verlauf man gelernt habe, mit Problemen umzugehen und diese zu handhaben, anstatt sie zu lösen. Ozan Ozavci stellte dagegen die Ausgangsprämisse der Überlegung in Frage, das „Westphalian System“ als ein Narrativ zu bewerten, dass funktioniert und staatliche Stabilität etabliert habe: Diese Perspektive auf 1648 sei eine sehr von Europa her gedachte, da sich gerade mit Blick auf außereuropäische Kontexte, und hier verwies er explizit auf die MENA-Region, doch erhebliche Disfunktionalitäts- und Exklusionsprozesse hätten beobachten lassen. Beatrice de Graaf griff diesen Faden auf und konstatierte mit Blick auf globale Phänomene durchaus die Nützlichkeit ähnlich gelagerter Narrative, gerade auch in normativer Hinsicht: In einer Zeit, in der Vorstellungen wie „America First“ auf dem Vormarsch seien und an Virulenz gewinnen würden, dürfe die insgesamt stabilisierende Funktion übergreifender Narrative mit Blick auf das Staatensystem nicht gänzlich aus dem Blick geraten.[2]

INKEN SCHMIDT-VOGES (Marburg) stellte daher die Überlegung in den Raum, inwiefern nicht ein Blick auf andere Friedensverträge, insbesondere jenen von Utrecht 1713, für eine weitere Kontextualisierung wie Perspektiverweiterung auf das Narrativ „1648“ geeignet sei, bevor JOHANNES BURKHARDT (Augsburg) mit Blick auf den frühneuzeitlichen Kontext für die Verteidigung des „Westfälischen System“ als Kategorie warb. Gerade mit Blick auf Staaten und Staatlichkeit vor dem Hintergrund des 1648 zentralen Streitpunkts, ob eine Zentralmacht oder viele Einzelstaaten Europa regieren sollten, dürfe dieses Deutungsschema nach wie vor seine Berechtigung beanspruchen. Zudem stelle sich doch mit Blick auf die eingangs von Christoph Kampmann formulierte Überlegung zur Vergleichbarkeit von asymmetrischer Konfliktstrukturen in Früher Neuzeit und Gegenwart die Frage, ob dann nicht der Blick auf alternative Lösungsversuche frühneuzeitlicher Konflikte notwendig sei, wie etwa den Frieden von Prag von 1635.

In einer zweiten, schließenden Runde mit Beiträgen des Podiums griff Remco Raben die Frage nach alternativen Schlüsselereignissen auf, da sich 1648 ja gerade in einer globalen Perspektive als deutlich weniger erwiesen habe, als es der eurozentristische Blick lange suggerierte. Damit verknüpft stelle sich, über den Blick auf den Westfälischen Frieden hinaus, die Frage nach der Funktion von Kriegen als Motor der Globalisierung und Verflechtung, nach Weltkriegen vor dem 20. Jahrhundert.

Ozan Ozavci verwies auf die für die weitere Kontextualisierung des „Westphalian System“ als Vorstellung wichtige Beobachtung, dass sich im Osmanischen Reich ein Prozess beobachten lassen, in dessen Verlauf osmanische Juristen den Sprachgebrauch europäischer Völlerrechtler und damit auch das „Westphalian System“ als Narrativ übernommen hätten. Da sich an diesem Beispiel anschaulich die Ausbreitung und Verfestigung dieses Narrativs beobachten lasse, ergäbe sich mit Blick auf weitere, ähnlich gelagerte Fallbeispiele die Möglichkeit, zur weiteren Analyse der Narrativbildung selbst beizutragen.

Johannes Paulmann warb für einen Perspektivwechsel hin zu den Einflüssen von kleineren Kriegen und Konflikten, die er begrifflich als „small wars“ fasste und deren Auswirkungen auf die betroffenen Regionen und Gesellschaften es näher zu beleuchten gelte, etwa in kolonialem Kontext: Hier könnte mit Blick auf Kolonialkriege gegen die Kolonialmacht einerseits sowie Kriege zum Aufbau von Imperien andererseits die Frage nach der Verflechtung durch Kriege ebenso gestellt werden wie die Frage nach Lösungsansätzen.

Christoph Kampmann konstatierte zum Abschluss, dass er einerseits nicht davon überzeugt sei, dass Weltkriege eine Kategorie der Frühen Neuzeit seien und dass Kriege auch nicht als Motoren der Verflechtung fungiert hätten. Mit Blick auf wichtige Daten über 1648 hinaus, die einer näheren Beschäftigung bedürfen würden, stelle sich für ihn vor allem 1763 als ein geeigneter Ansatzpunkt dar, da hier im Siebenjährigen Krieg der Hauptkriegsschauplatz erstmals nicht auf europäischem Gebiet gelegen habe.

Insgesamt zeigte die Podiumsdiskussion sehr anschaulich die disziplinären Zugänge und Perspektiven auf den Westfälischen Frieden in seinen beiden Dimensionen als Ereignis und als Narrativ. Insbesondere die Einbeziehung außereuropäischer Perspektiven veranschaulichte das Potential interepochaler und interdisziplinärer Verständigung über Narrative wie eben jenes des „Westphalian System“, die in langfristiger und globaler Perspektive in einem durchaus anderen Licht erscheinen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Beatrice de Graaf (Utrecht) / Renate Dürr (Tübingen)

Diskussionsteilnehmer

Christoph Kampmann (Marburg) / Johannes Paulmann (Mainz) / Ozan Ozavci (Utrecht) / Remco Raben (Utrecht / Amsterdam)

Anmerkungen:
[1] Vgl. http://robscholtemuseum.nl/wp-content/uploads/2015/03/Rob-Scholte-Vrede-van-Munster.jpg (07.11.2018).
[2] Ein Aspekt, den Beatrice de Graaf auch in einem Zeitungsartikel wenige Tage später noch einmal aufgegriffen hat, siehe https://www.nrc.nl/nieuws/2018/09/28/een-verdampende-vredesmythe-a1909843 (07.11.2018).

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Peace of Westphalia 1648/2018, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 09.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7949>.