Dramatische Formen und städtischer Frieden

Ort
Trier
Veranstalter
DFG-Forschergruppe 2539 „Resilienz. Gesellschaftliche Umbruchphasen im Dialog zwischen Mediävistik und Soziologie“; Projekt "Stadtkultur und Resilienz: Das Fastnachtspiel auf Nürnbergs Bühnen vor und nach der Reformation"; Leitung: Martin Przybilski, Germanistik, Universität Trier; Organisation: Sindy Müller, Forschungszentrum Europa, Universität Trier; Katharina Hanuschkin, Ältere deutsche Philologie, Universität Trier
Datum
09.04.2018 - 10.04.2018
Von
Christa Alice Hunz, Forschungszentrum Europa, Universität Trier; Stefan Hannes Greil, Ältere deutsche Philologie, Universität Trier

Welche Bedeutung hatten öffentliche Inszenierungen in vormodernen urbanen Räumen für das Bestehen von Ruhe und Ordnung innerhalb der Stadt? Dieser Frage gingen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Tagung nach. Die interdisziplinär ausgerichtete Tagung mit Beiträgen aus den Bereichen der mediävistisch-frühneuzeitlichen Literatur-, Theater- und Geschichtswissenschaft wurde von dem Projekt „Stadtkultur und Resilienz: Das Fastnachtspiel auf Nürnbergs Bühnen vor und nach der Reformation“, das Teil der Trierer DFG-Forschergruppe 2539 „Resilienz. Gesellschaftliche Umbruchsphasen im Dialog zwischen Mediävistik und Soziologie“ ist, ausgerichtet.

Ziel der Tagung war es, die subversiven respektive ordnungsbestätigenden Potentiale dramatischer Formen im Kontext von städtischer Kultur zu untersuchen. Erkenntnisleitend war die Frage, ob und inwiefern dramatische Formen durch die Verarbeitung von als krisenhaft wahrgenommenen Ereignissen zum Erhalt der gesellschaftlichen Stabilität und des städtischen Friedens beizutragen vermochten. Als Medien der kulturellen Verhandlung von Zeiterfahrung und sozialer Ordnung wurden dramatische Formen im Hinblick auf die Generierung und Erprobung von Bewältigungs-, Anpassungs- und Transformationsmodellen untersucht.

Einführend gab MARTIN PRZYBILSKI (Trier) einen Überblick über die sich aus einer resilienzanalytischen Forschungsperspektive ergebenden Fragestellungen: Beeinflussten dramatische Formen den städtischen Frieden, indem sie in Umbruchsphasen als Momente der Beschleunigung disruptiven Wandel begünstigten oder konnten sie als Ressource strategisch eingesetzt werden, um eine Stadt gegen Umbrüche abzusichern? Inwiefern konnten dramatische Formen angesichts der Heterogenität der städtischen Akteursgruppen einen Beitrag zur Evozierung eines Gemeinschaftsgefühls unter den Stadtbewohnern und somit zur Wahrung des städtischen Friedens leisten?

CORINNA KIRSCHSTEIN (Wien) untersuchte das seit Beginn des 13. Jahrhunderts in textlichen wie bildlichen Darstellungen bezeugte ‚Schweine-Spiel‘, bei dem man mit Knüppeln bewaffnete Blinde um ein Schwein, das es zu erschlagen galt, kämpfen ließ. Als Kernelemente dieses bis in die Frühe Neuzeit hinein belegten Brauchs machte Kirschstein das Städtische, den Festkontext sowie die Funktion der Gemeinschaftsbildung aus. Sie fragte nach den Strukturen der Konfliktbewältigung im Rahmen des Fests und nach den Gründen für die Ablösung des performativen Vollzugs von Riten der Normübertretung durch dramatische Formen. Das temporär gemeinschaftsstiftende kollektive Lachen des Schweineschlagens habe zwar der Konfliktbewältigung gedient, dennoch sei diesen Veranstaltungen durch das potentielle Umschlagen ritueller in reale Gewalt die Gefahr des Aufruhrs inhärent gewesen. In den theatralen Elementen dramatischer Formen machte Kirschstein dagegen ein Mittel gegen drohende Gewaltausbrüche aus: Bereits die mit der Darstellung eines Exzesses einhergehende Formalisierung bändige dessen subversives Potential und der Aufbau einer Fiktionsschranke reduziere das Risiko einer Verwischung der Grenze zwischen Spielern und Zuschauern.

ANTJE SOBLOTNY (Dresden) befasste sich in ihrem Vortrag mit der Bedeutung von invektiven Spottprozessionen für die (De-)Stabilisierung städtischer Ordnungen. Besonders in der Frühphase der Reformation seien Praktiken, die der Herabwürdigung und Parodierung der altgläubigen Frömmigkeitspraxis dienten, ein entscheidendes Aktionsfeld der reformatorischen Propaganda in den Städten gewesen. Sablotny beschrieb protestantische Spottprozessionen, die den Kult der Heiligenverehrung travestierten und dabei die Heiligen sowie ihre Reliquien herabsetzten, als invektive Rituale mit erhöhtem Konfliktpotential. Dynamik, Performativität und Relationalität des invektiven Geschehens veranschaulichte sie unter anderem am Beispiel des Konflikts um die Erhebung der Gebeine des Heiligen Benno. Prozession und Gegenprozession verhielten sich zueinander wie Prätext und Text, wobei es im Zuge der auf Ridikülisierung zielenden Verkehrungen und neuen Semantisierungen zu inhaltlichen wie formalen Transformationen komme. Für den Aspekt der (De-)Stabilisierung städtischer Ordnungen sei vor allem die Anschlusskommunikation (zum Beispiel Flugschriften) entscheidend, da sie eine spezifische Eskalationsdynamik entfalten und damit den städtischen Frieden bedrohen könne.

Der Frage, inwiefern öffentliche Inszenierungen zur Zeit des Konstanzer Konzils die Sicherheit der Stadt gefährdeten oder ein ordnungsstiftendes Moment darstellten, ging MATS HOMANN (Hamburg) anhand der Chronik des Zeitzeugen Ulrich Richental nach. Er nahm die Darstellung von Ordnung und Chaos in den Beschreibungen von öffentlichen Auftritten, denen aufgrund der hohen Besucherdichte permanent Eskalationspotential innegewohnt haben müsse, in den Blick. Sein Erkenntnisinteresse galt der Zuschreibung von Verantwortung für ungeordnete Zustände oder den glücklichen Ausgang gefährlicher Situationen an bestimmte Akteure und Akteursgruppen. Während Papst und Kaiser als ambivalente Ordnungsmächte mit begrenzter Handlungsfähigkeit dargestellt würden, sei es göttlichem Wirken und dem Eingreifen städtischer Repräsentanten zu verdanken, dass drohende Eskalationen abgewendet werden konnten. Richentals Chronik, die die Eintracht und Ordnung in der Stadt zur Zeit des Konzils betone, könne selbst als ein ordnungsstiftendes Medium betrachtet werden, da sie die Ereignisse in eine geordnete Folge bringe und die Erinnerung an die Bewältigung chaotischer Zustände konserviere.

BIANCA HUFNAGEL (Tübingen) widmete sich den literarischen Bearbeitungen des antiken Lucretia-Stoffes im Nürnberg des 15. und 16. Jahrhunderts, wobei sie einen Vergleich der Dramen von Hans Sachs und Jakob Ayrer fokussierte. Die Handlung des beliebten Stoffes sei in sich deutlich zweigeteilt: Sie zerfalle in einen Entehrungs- und einen Revolutionskomplex. Während in moralischer Hinsicht die Ehe- und Geschlechterverhältnisse berührende Schuldfrage zur Diskussion stehe, werde in politischer Hinsicht die Frage nach dem Zustand der gesellschaftlichen Ordnung überhaupt aufgeworfen. Aus den Unterschieden der aus verschiedenen Entstehungskontexten stammenden Bearbeitungen von Sachs und Ayrer zog Hufnagel Rückschlüsse auf deren Umgang mit potentiellen Bedrohungen des städtischen Friedens. Sachs habe mit seiner ‚Lucretia‘ ein politisches Drama geschaffen und die Frage nach einem Widerstandsrecht gegenüber einer ungerechten Obrigkeit gegen Luther im Sinne Müntzers beantwortet. Ayrers Drama setze demgegenüber moraldidaktische Akzente und liste im Beschluss jene Lehren auf, die für ein funktionierendes städtisches Zusammenleben wichtig seien.

Die Darstellung von Prostitution im Fastnachtspiel machte BEATRICE VON LÜPKE (Tübingen) zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen zum ambivalenten Verhältnis von Fastnachtspiel und städtischer Ordnung. Die Referentin konnte aufzeigen, dass in den Fastnachtspielen ‚Das Eggenziehen‘ und ‚Frauenpreis‘ der städtische Konflikt um nicht-institutionalisierte Formen der illegalen Prostitution verhandelt wird. Dazu kontextualisierte sie die Spieltexte mit Ratsverlässen, in denen sowohl das gezielte Vorgehen der städtischen Obrigkeit gegen die von sogenannten ‚Winkeldirnen‘ betriebene freie Prostitution als auch das allgemeine Bemühen der Ratsherren um eine zunehmende Reglementierung beziehungsweise Einschränkung der innerstädtischen Prostitution greifbar wird. Von Lüpke begreift das Fastnachtspiel als einen Spiegel gesellschaftlicher Umbrüche. Da es geltende Normen kritisch hinterfragen, aber auch fortschreiben und bestätigen könne, sei es von nicht zu unterschätzender Bedeutung für den städtischen Frieden. Aufgrund des performativen Charakters der Gattung lasse sich die Wirkung des Fastnachtspiels allerdings nicht pauschal als affirmativ oder subversiv beschreiben.

Ausgehend von der Beobachtung, dass lediglich das Fastnachtspiel den Niedergang des fastnächtlichen Brauchtums überdauerte, fragte Martin Przybilski nach dem resilienten Status überlebter Figuren: Was ist der Grund für die fortdauernde Präsenz jüdischer Figuren in Fastnachtspielen, die nach der Ausweisung der jüdischen Stadtbewohner und somit zu einem Zeitpunkt entstanden sind, zu dem Juden für die soziale Ordnung Nürnbergs faktisch keine Rolle mehr spielten? Dass sich die Persistenz jüdischer Figuren mithilfe eines literurwissenschaftlich gewendeten Resilienz-Konzeptes erklären lässt, zeigte er exemplarisch anhand des Spiels ‚Der Teufel nahm ein altes Weib zu der Ehe‘ von Hans Sachs. Die Judenfiguren treten laut Przybilski nicht mehr als Repräsentanten einer religiösen Minderheit, sondern als Verkörperung sozialer und ethischer Defizite in Erscheinung. Die Zuschreibung vermeintlich jüdischer Eigenschaften an christliche Figuren sei gleichbedeutend mit ihrer Transformation in jüdische Figuren. An diese ‚christlichen‘ Judenfiguren sei im Gegensatz zum vorreformatorischen Fastnachtspiel weniger eine antijüdische als vielmehr eine sozialkritische Aussageabsicht geknüpft.

Als Resilienz-Ressource der Nürnberger Handwerker deutete SINDY MÜLLER (Trier) das nachreformatorische Fastnachtspiel, das sie als Medium zur Verhandlung von Krisenwahrnehmungen und Erprobung von Bewältigungsstrategien untersuchte. Die soziale Trägergruppe des Fastnachtspiels finde darin ein wichtiges Ausdrucksmedium. Hier manifestierten sich die Ambitionen der – von direkter administrativer Partizipation ausgeschlossenen – Handwerker um den Erhalt beziehungsweise die Besserung des ökonomischen und moralischen Status quo. Die zeithistorische Aktualität der Fastnachtspiele konnte Müller exemplarisch anhand von Spieltexten aufzeigen, in denen theologische Inhalte aufgegriffen, Streitfragen profaniert und ridikülisiert wurden, um den Reformationsdiskurs seines Bedrohungspotentials für die städtische Ordnung zu entkleiden. Aus der verstärkten Bedrohung der innerstädtischen Ordnung begründe sich der Wandel von derber Komik der frühen Spiele hin zu expliziter Didaxe, wobei die Gattung als solche nicht infrage gestellt wurde: Die zunehmend (moral-)didaktische Ausrichtung der Spiele sei als Reaktion auf die soziale Dynamik und ihr Potential zur Destabilisierung des städtischen Friedens zu verstehen.

In dem von KATHARINA HANUSCHKIN (Trier) geleiteten Workshop „Denkmuster der Resilienz?“ wurde die Wahrnehmung und Verarbeitung von Bedrohungen in der Vormoderne diskutiert. Im Vordergrund standen hier grundlegende Erörterungen über den Zusammenhang von Krise und Literatur und die Möglichkeiten, auf literarischem Weg soziale Erschütterungen zu parieren. Leitend war in dieser Diskussion der Ansatz, dass jedwede soziale Einheit über ein Bewältigungspotential verfüge, das sich reflexiv oder intentional Bahn brechen könne. Diese Reflexe und Reflexionen wurden in ausgewählten Texten der Vormoderne isoliert und bewertet.

Die abschließende Diskussion galt der Applizierbarkeit einer zu entwickelnden Resilienztheorie auf literaturwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Fragestellungen sowie dem heuristischen Mehrwert einer resilienzanalytischen Perspektive innerhalb der Geisteswissenschaften.

Konferenzübersicht:

Sektion 1: schimpf und ernst

Corinna Kirschstein (Wien): zu verhüten ein auffrur – Der Kampf der Blinden mit dem Schwein als städtisches Fest-Spiel

Antje Sablotny (Dresden): mit pfeiffen und trummen zum spott umgetragen. Invektive Spottprozessionen und ihr Potential zur (De-)Stabilisierung städtischer Ordnungen

Sektion 2: Bedrohte Ordnungen

Mats Homann (Hamburg): Konstanz im Ausnahmezustand – öffentliche Inszenierungen zur Zeit des Konzils (1414-1418) zwischen Ordnung und Chaos

Bianca Hufnagel (Heidelberg): Politische Publizistik und (moral-)didaktische Dichtung. Lucretia-Texte im Nürnberg des 15. und 16. Jahrhunderts

Workshop
Katharina Hanuschkin (Trier): Denkmuster der Resilienz? Wahrnehmung und Verarbeitung von Krisen in der Vormoderne

Sektion 3: Ordnungsdiskurse im Fastnachtspiel

Beatrice von Lüpke (Tübingen): Fastnachtspiel und Prostitution: Zur dramatischen Verhandlung eines städtischen Konfliktes

Martin Przybilski (Trier): Überlegungen zum resilienten Status überlebter Figuren zwischen sozialer Ordnung und literarischer Tradition im Nürnberger Fastnachtspiel

Sindy Müller (Trier): aus dem so hat die stat bestand. Das Fastnachtspiel im Dienste des städtischen Zusammenhalts

Zitation
Tagungsbericht: Dramatische Formen und städtischer Frieden, 09.04.2018 – 10.04.2018 Trier, in: H-Soz-Kult, 21.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7951>.