HT 2018: Zerreißprobe "68". Andere Perspektiven auf die westdeutsche Revolte

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Jakob Schönhagen, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Im Jubiläumsjahr war 1968 in aller Munde. Zumindest anfänglich. Mittlerweile aber hat sich im 50. Jahr nach der Revolte eine gewisse mediale „68“-Müdigkeit abgezeichnet – nach den in den letzten Jahren publizistisch vielfach begleiteten Jubiläen des Ersten Weltkriegs, der Oktoberrevolution, des Kriegsendes, der Versailler Friedensverträge, 1848, 1618, 200 Jahre Marx und dem Lutherjahr kaum verwunderlich.

Der resümierende Blick auf die rege politische Debatte um die Bewertung des Jahres zeigt eine binäre Frontstellung: Einerseits gefeiert als Moment, in dem die befreiende Liberalisierung der Bundesrepublik Fahrt aufnahm, andererseits kritisiert und angegangen als Ursprung allen Übels. Auch die zahlreichen historischen Publikationen zum „68“-Jubiläum machen deutlich: Unterforscht ist „68“ mitnichten. Historiographisch betrachtet aber lässt sich im Gegensatz zur feuilletonistisch ausgewalzten Divergenz der „68“-Bewertungen“ ein Konsens ausmachen: Obwohl die Bewegung mit ihren politischen Forderungen gescheitert sei, so dass gängige Narrativ, habe sie die Bundesrepublik dennoch nachhaltig beeinflusst. 1968 hat diesem Verständnis zufolge die soziokulturelle Veränderung in Deutschland entscheidend zugespitzt und beschleunigt und somit die Liberalisierung, Pluralisierung und Demokratisierung der Gesellschaft begünstigt.

Dass diese Breitenwirkung eher behauptet als nachgewissen wird, war der gedankliche Ausgangspunkt der Sektion "Zerreißprobe '68'" auf dem 43. Historikertag in Münster. Dabei zielten die Vorträge darauf, die historiographische Engführung auf die politische Bewegung, zu der häufig zudem fast ausschließlich linke, männliche Studierende gezählt werden, zu überwinden, um Reichweite und Dauer der Wirkungen von 1968 auszuloten. Neue Perspektiven, mehr Differenzierung und mehr Komplexität wagen: Rückschau auf eine äußerst gehaltvolle Diskussion.

Viele Seiten bekomme sie nicht: In ihrem Vortrag machte CHRISTINA VON HODENBERG (London) deutlich, dass die Frauenemanzipation und –bewegung in den großen Monographien zur deutschen Geschichte zwar häufig als einer der zentralen Transformationsprozesse der Bundesrepublik konstatiert wird, nicht jedoch die entsprechende analytische Tiefenschärfe erhält. Acht von 439 Seiten sind ihr bei Hans-Ulrich Wehlers Gesellschaftsgeschichte gewidmet, bei Ulrich Herberts Gesamtdarstellung eine von 1.451, drei von 936 bei Eckart Conze, bei Heinrich August Winkler ist es gerade ein Satz.

Anhand einer Rezeptionsgeschichte zu ihrer in diesem Jahr veröffentlichten Gesellschaftsgeschichte zum „anderen Achtundsechzig“ thematisierte von Hodenberg die marginalisierte Rolle von Frauen in den Standardwerken zur deutschen Geschichte.[1] In ihrem Buch unternimmt sie anhand von 3.000 Stunden zeitgenössischer Tonbandaufnahmen einer Bonner gerontologischen Querschnittstudie eine andere Sichtweise auf die Revolte und wagt dabei den Blick in die Provinz. Weg von der engführenden Perspektive auf die demographische Minderheit der Studierenden, weg von der reinen Fokussierung auf die männlichen Protagonisten.

Aufhänger in Münster war ihr das immer noch gängige Don-Carlos-Motiv zur Erklärung von 1968, das die „Studentenbewegung“ als Vater-Sohn-Konflikt aufbegehrender Söhne gegen die NS-Vergangenheit und -Schuld ihrer Väter stilisiert. Obwohl ein Viertel der Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) Studentinnen waren, erschienen Frauen in den Gesamtdarstellungen zu 1968 höchstens als „Bräute der Revoluzzer.“ Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit, Fritz Teufel und Rainer Langhans, nicht aber ihre weiblichen Mitstreiterinnen, wurden die Ikonen der Revolte. Auch in der Geschichtswissenschaft liegt der Fokus noch immer auf jungen, männlichen „68ern“. In den Indizes der gängigen Monographien sucht man die Feministinnen Helke Sander, Sigrid Damm-Rüger, Silvia Bovenschen oder Florence Hervé vergeblich. Die antipatriarchalische Stoßrichtung des Jahres ist bisher kaum analysiert worden.

Dabei nahm von Hodenberg insbesondere Bezug auf die Auseinandersetzungen mit Wolfgang Kraushaar und Axel Schildt. Beide hatten der neuen Leiterin des Historischen Instituts London entgegengehalten, dass der Beginn der Frauenbewegung nicht 1968, sondern vielmehr erst in den frühen 1970er-Jahren zu verorten sei. Die Bemühungen, die Frauenbewegungen in das folgende Jahrzehnt zu schieben, obwohl deren Kernelemente schon 1968 vorhanden gewesen seien, sind laut Christina von Hodenberg das Resultat von charakteristischen Blindstellen der deutschen Meistererzählungen. Diese seien durchweg von einer männlichen Perspektive geprägt, die Frauen in die Nische verbannt.

Zwei gängige Analysekategorien deutscher Historiographie machte von Hodenberg in ihrem Vortrag für dieses dominierende Narrativ verantwortlich: Einerseits der Hang, die deutsche Geschichte als Duell politischer Generationen im Sinne Karl Mannheims zu deuten. Diese monolithisch verstandenen Blöcke bezögen sich meist auf politische, vor allem aber lediglich auf männliche Intellektuelle. Andererseits ein Verständnis, das Geschichte als politisch definiere und das Private nicht, oder wenn überhaupt nur gesondert, untersuche. Gegen diese Kompartmentalisierung der Geschichtswissenschaften argumentierend warb sie daher abschließend dafür, dass die Geschichte vom Weg nach Westen produktiver gedacht werden könne, wenn Frauen dabei ebenfalls bedacht würden.

Manchmal reicht es, das Format zu ändern. Im ikonographischen Haushalt der deutschen Ideengeschichte nimmt das Bild des im Januar 1968 in Freiburg auf dem Dach eines Autos diskutierenden Soziologen und FDP-Politikers Ralf Dahrendorf mit der SDS-Ikone Rudi Dutschke einen besonderen Stellenwert ein. ANNA VON DER GOLTZ (Washington, D.C.) zeigte in ihrem Vortrag anhand dieses Bildes auf, wie sehr sich unser Verständnis von 1968 erweitert, wenn man die Perspektive verschiebt. Vergrößert man den Bildausschnitt, sind nämlich in Meinhard Ade und Ignaz Bender zwei der drei Organisatoren der Diskussion zu erkennen. Einem gehörte der Mercedes, auf dem die intellektuelle Auseinandersetzung stattfand. Alle drei waren Aktivisten des Rings Christlich Demokratischer Studenten (RCDS), bzw. der Sammlungsbewegung „Demokratische Mitte.“

Für von der Goltz steht der enge Bildausschnitt sinnbildlich für das dominierende Image von 1968 – als Konflikt der Generationen von 1945 und 1968. Parallel zu von Hodenberg argumentierte sie, dass dieses generationelle Narrativ vertikale Konflikte zwischen unterschiedlichen Alterskohorten betone, aber intragenerationelle Konfliktkonstellationen vedecke. Die studentische Wirklichkeit allerdings sei wesentlich komplizierter gewesen, als es die bipolaren, sich antagonistisch gegenüberstehenden mannheimschen Generationseinheiten nahelegen.

Wie viel komplexer es 1968 eigentlich zuging, skizzierte Anna von der Goltz, indem sie die studentischen Aktivisten aus dem RCDS und aus gemäßigt rechten Sammlungsgruppierungen wie etwa der Bonner Aktion ’68 untersucht. Demnach spielten konservative Studierendengruppierungen entgegen ihrer heutigen, retrospektiven Abgrenzungsversuche 1968 mit ihren reformistischen Positionen eine wichtige Rolle. Ihr Verhältnis zur linken Bewegung kennzeichnete von der Goltz als eines von Verflechtung und Abgrenzung. Ihr zufolge reagierten christdemokratische Studierende auf die Vorstöße der Linken, ohne reaktionär zu sein: Durch stilistische Abgrenzung hätten sie feine Unterschiede bewusst betont und so die soziale Distinktion für die eigene politische Identitätsbildung nutzbar gemacht. Diese kulturellen Unterschiede sollten jedoch nicht überbetont werden. Gemeinsamkeiten hätten ebenso bestanden – eine weitgehend liberalisierte Sexualität wurde auch unter christdemokratischen Studierenden praktiziert. Von der dynamischen Modernisierung wurden linke wie konservative Studierende gleichermaßen erfasst. Schließlich sei auch auf konservativer Studierendenseite das Private „zumindest in Ansätzen politisch“ geworden. Nicht eine unüberwindbare Spaltung der politischen Studierendenschaft, resümierte von der Goltz, sondern vielmehr eine Dynamik des Mit- und Gegeneinanders habe deren Verhältnis dominiert.

Auch der Staat erlebte Ende der 1960er-Jahre sein „68“. Allerdings mit anderen zeitlichen Dynamiken und viel unbekannteren Verläufen als die Protestbewegung, wie THOMAS ZIMMER (Freiburg) schließlich aufzeigte: Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit und auch von der Geschichtswissenschaft bis heute kaum beachtet, begann mit den durch den Tod von Benno Ohnesorg ausgelösten Ausschreitungen am 2. Juni 1967 nämlich eine rund anderthalb Jahre währende intensive staatliche Suche nach Erklärungen für die studentische Revolte. Zimmer zufolge zeigte sich in den staatlichen Reflexionen die Wahrnehmung einer profunden Doppelkrise: einerseits eine Wissenskrise, da zumindest die staatlichen Akteure selbst glaubten, die Fähigkeit verloren zu haben, die Bedürfnisse der Gesellschaft zu lesen; andererseits eine Legitimationskrise, die zu weitreichenden Reformen von Politik und Verwaltung im Namen der „Modernisierung“ geführt habe.

Das staatliche Nachdenken über „Unruhe“ kam laut Zimmer zwar mit der Jahreswende 1968/69 zu einem jähen Ende. Zu diesem Zeitpunkt übernahm per Kanzlerentscheid das Bundesinnenministerium die Federführung im staatlichen Umgang mit der studentischen Revolte – und diskutierte es in der Folge ausschließlich als Problem der inneren Sicherheit. Zwei wichtige Schlüsse habe der Staat aus den Ergebnissen der unzähligen Denkschriften und Untersuchungsausschüsse aber dennoch gezogen. Zum einen die Überzeugung, dass ein realexistierendes und reformbedürftiges Demokratiedefizit für das Aufbegehren der Jugend verantwortlich sei. Zum anderen die Folgerung, dass der Staat an die wandelnden Bedürfnisse der modernen Welt angepasst werden müsse.

Die Ausweitung der Perspektive auf den Staat macht auch hier längere Folgen sichtbar: Auf innerstaatliche Überlegungen habe, Zimmer zufolge, „68“ tatsächlich katalysatorische Wirkung gehabt, weil es Stimmen Auftrieb verlieh, die eine umfassende Demokratisierung forderten. Diese Tendenzen hätten schließlich in Willy Brandt ihre ikonische Verdichtung und in den sozial-liberalen Reformen ihren legislativen Niederschlag gefunden.

Ebenso wichtig sei der Moment 1968 für die jüngere Geschichte deutscher Staatlichkeit – Zimmers Habilitationsprojekt. Die ausgiebigen gouvernementalen Reflexionen seien demnach in eine Zeit gefallen, in der über eine grundlegende Neukonfiguration staatlicher Strukturen diskutiert wurde. Da die staatlichen Lesarten von „68“ zu bestätigen schienen, dass es dringend geboten war, den Staat in seinen Tiefenstrukturen zu „modernisieren“, hätten die Proteste staatshistorisch bedeutsame Entwicklungen forciert. Flächendeckende Gebietsreformen wurden initiiert, die Reform des öffentlichen Dienstes gefördert und die Hinwendung zum kooperativen Föderalismus angestoßen.

In seinem Kommentar bemühte sich MARTIN GEYER (München) um eine Einordnung der Vorträge in die breitere Geschichtsschreibung zur Bundesrepublik. Er verortete die drei Beiträge in den Debatten um die „langen 1960er-Jahre“ und bettete sie in die gängigen Narrative des Wertewandels zwischen 1960 und 1980 ein. Insgesamt habe das Panel darauf hingedeutet, dass man den historischen Einschnitt der 1960er-Jahre und speziell „68“ eventuell doch wieder höher gewichten müsse – gerade im Gegensatz zum weitverbreiteten Fokus auf 1973 als wichtige Zäsur. In der etwas kurz geratenen Diskussion wiederum traten neben großem Zuspruch für die Bemühungen, Frauen in die Geschichte zurückzuholen, drei Punkte hervor.

Erstens kritisierte von der Goltz das gängige Liberalisierungsparadigma der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung als zu teleologisch und sprach in diesem Zusammenhang von „mindestens einem Zickzack-Kurs.“ Gleichermaßen forderte sie, die eigentümliche Trennung in vermeintliche politische und kulturelle Errungenschaften der Revolte aufzuheben.

Zweitens erklärten die Teilnehmer die teilweise heftigen Abwehrreaktionen zu Christina von Hodenbergs Thesen aus den Gegebenheiten des gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Moments: Die Diskussionen um „All-Male-Panels“, um die Kritik und Verteidigung männlicher Privilegierung im Blick auf und in die Vergangenheit habe auch die Geschichtswissenschaft erreicht, so der allgemeine Tenor.

Drittens plädierte Zimmer abschließend dafür, das etablierte Bild von "68" noch einmal ins Wanken zu bringen und die Narrative vielschichtiger und komplexer zu gestalten. Er verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass nicht nur die in der Sektion versammelten Ansätze in diese Richtung deuteten, sondern auch die internationale Perspektive auf die Revolte. Dass es 1968 in 56 Ländern, darunter Äthiopien, dem Senegal, Indonesien und Ägypten zu Revolten kam, veranschauliche, dass das gängige deutsche Narrativ des Generationenkonflikts mit den NS-Eltern zu kurz greife. Auch dieser Hinweis, vor allem aber die drei lohnenden Beiträge, haben deutlich vor Augen geführt, dass es bei den neuen Perspektiven auf 1968 keineswegs um rein empirische Lückenfüllung geht. Vielmehr handelt es sich dabei um eine dringend erforderliche Präzisierung der historischen Verortung der Revolte im gesamtgesellschaftlichen Gefüge der späten 1960er-Jahre – trotz oder gerade wegen der weitverbreiteten „68“-Müdigkeit.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Christina von Hodenberg (London)

Christina von Hodenberg: Der Don Karlos-Komplex der 68er. Familiäre Generationen und die Revolte

Anna von der Goltz (Washington, DC): Die Kinder von Adenauer und Coca-Cola? CDU-Studenten und kulturelle Revolte um 1968

Thomas Zimmer (Freiburg): Der Leviathan in der Revolte. Staatliche Reaktionen auf »68«

Martin Geyer (München): Kommentar

Anmerkung:
[1] Christina von Hodenberg, Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte, München 2018.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Zerreißprobe "68". Andere Perspektiven auf die westdeutsche Revolte, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 16.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7953>.
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Veröffentlicht am
16.11.2018