12. Forum junger Bildungshistoriker/innen

Ort
Wien
Veranstalter
Nachwuchs der DGfE-Sektion Historische Bildungsforschung
Datum
27.09.2018 - 28.09.2018
Von
Bernhard Hemetsberger, Institut für Bildungswissenschaft, Universität Wien; Sarah Wedde, Historische Bildungsforschung, Universität Kassel

Unterstützt und unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) (Sektion Historische Bildungsforschung) entwickelte und etablierte sich das Forum junger Bildungshistoriker/innen in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich durch PETRA GÖTTE (Augsburg) und JÖRG-W. LINK (Potsdam), in Kooperation mit der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin. Die Wahl neuer Nachwuchsverantwortlicher an der DGfE-Sektionstagung formierte das nunmehrige Team mit SARAH WEDDE (Kassel), MARCEL KABAUM (Berlin) und BERNHARD HEMETSBERGER (Wien). Das Forum trat erstmals in Wien zusammen, um weiterhin eine erfolgreiche Durchführung zu gewährleisten, aber auch, um kleinere Änderungen einzubringen. Im Sinne der Integration des Nachwuchses in die Sektion Historische Bildungsforschung wurde an eineinhalb Tagen den ersten Gedanken oder auch schon vertieften Erkenntnissen aus den geplanten Qualifikationsarbeiten Raum gegeben, um vorgestellt, diskutiert und befragt zu werden.

So wurde das Forum junger Bildungshistoriker/innen erstmals in Panels für Beginnende und Fortgeschrittene gegliedert. Zu den jeweiligen Panels waren Expert/innen geladen, die mit konstruktiven Anmerkungen die Vorträge des Nachwuchses kommentierten: LUCIEN CRIBLEZ (Zürich) stand dabei den fortgeschrittenen, DOREEN CERNY (Salzburg) den noch am Anfang stehenden Nachwuchswissenschaftler/innen mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen zur Seite.

Über den Schreibprozess oder vielmehr das Publizieren selbst sprach STEFAN HOPMANN (Wien, General Editor des Journal of Curriculum Studies) in seinem Eröffnungsvortrag und gab so interessante Einblicke in die Logik der Herausgeberschaft eines internationalen Journals.

THOMAS WIEDENHORN (Weingarten) referierte im ersten Panel unter der Überschrift „Eine Gerechtigkeits- und Gleichheitsdiskursanalyse der schulpädagogischen Entwicklungsverläufe Teutscher Schulen und Volksschulen der Vormoderne und Moderne in Württemberg“. Dabei interessiert sich Wiedenhorn in seinem Habilitationsprojekt für die Implementierung und nachfolgenden Entwicklungsverläufe eines Schulsystems mit diskursanalytischem Zugriff. Besonders Aus- und Einschließungsmechanismen des inhärenten Gleichheits- und Gerechtigkeitsdiskurses sollen in einer Ausarbeitung schulpädagogischer Redensweisen in ausgewählten Württembergischen Schulordnungen erfolgen.

Einen Einblick in ihr Dissertationsprojekt ermöglichte BARBARA EMMA HOF (Zürich) in ihrem Vortrag. Besonders die Großforschungsstelle Oak Ridge (Tennessee) nach 1945 und deren Ausbildungsbemühungen von angeworbenen Mitarbeiter/innen in den ‚national laboratories‘ fernab jeder Zivilisation wurden dabei beleuchtet. Die durch den Ausbau der Nuklearforschung notwendigen Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten wurden führend in den USA entwickelt und ab 1949 für enge Bündnispartner zugänglich gemacht.

Wie Technologisierung und internationale Entwicklungen Schulen erreichen zeigte DANIEL DEPLAZES (Basel) in seinem Vortrag. Eine internationale pädagogische Debatte um effektives und technikgestütztes Lernen wurde am Gelfinger Schulversuch der Jahre 1968 bis 1972 entwickelt. Der programmierte Unterricht an einer kleinen Schweizer Landschule sollte dem Anspruch nach traditionellem Schulunterricht ablösen. Dass und wie dieses ‚zukunftsgerichtete‘ Modell scheiterte, wurde vor dem Hintergrund der Technikeuphorie der 1960er-Jahre und der Veränderungen in den Lerntheorien diskutiert.

LUKAS HÖHENER (Zürich) schloss an die zuvor präsentierten Kontexte der 1960er- und 1970er-Jahre an und rundete den ersten Halbtag der Nachwuchstagung mit einem Referat zu „Reformeifer und Trendforschung“ ab. Dabei stellte er eine historische Netzwerkanalyse zum Einfluss- und Wirkungsbereich der Freiburger Arbeitsgruppe für Lehrplanforschung (FAL) vor, um Bedeutung und Funktion pädagogischen Wissens für bildungspolitische Programme und Entschlüsse zu diskutieren. Sollten Lehrpläne wissenschaftlichen Kriterien folgend reformiert werden, so scheint der Wissensaustausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ein kontroverser, für Forschungsarbeiten jedoch gewinnbringender und erhellender Ansatzpunkt zu sein.

JIL WINANDYs (Wien) Dissertationsprojekt stellte zu Beginn des zweiten Tages spannende Fragen an “Ideological preferences and historiographical biases“. Österreichs führender Kopf in Maria-Theresias Schulreform von 1774, Johann Ignaz Felbiger, prägt nicht nur das Österreichische Schulsystem bis heute, auch seine ‚Normalmethode‘ und zugehörige ‚Normalschule‘ waren über die Grenzen der Habsburgermonarchie hinaus gewandert (so etwa die école normale in Frankreich oder die normal school in den USA). In Werken zur „Geschichte der Pädagogik“, ein Genre des 19. Jahrhunderts und vormals zur Unterweisung angehender Lehrpersonen verwendet, taucht Felbiger nicht oder nur randständig auf. Welche religiösen Vorurteile gegen den Katholiken Felbiger durch protestantische Autoren und Verleger als Erklärungsansätze herangezogen werden könnten um seine Nichtnennung im Gegensatz zu seiner entfalteten Wirkung zu erhellen, ist nur ein Teil dieses Projekts.

Einem anders gearteten Transfer pädagogischer Ideen ist MARCEL HAUER (Bamberg) im Referat zur Globalisierung pädagogischer Theorien im 19. Jahrhundert nachgegangen. Die Brüder Charles und Frank McMurry, aus den USA nach Jena zu Wilhelm Rein gereist, ‚importierten‘ im 19. Jahrhundert Johann Friedrich Herbarts pädagogische Ideen. Roger Dales Einsicht „as it moves it morphs“ wies Hauer in der Rezeption und Wandlung Reins Herbart-Interpretation durch die McMurrys in den USA als Transfer- und Transformationsgeschichte pädagogischer Ideen eindrucksvoll nach.

Im Laufe des zweiten Tages fanden die Panels für die Nachwuchswissenschaftler/innen statt, die noch am Anfang ihres Qualifikationsprojektes stehen. Doreen Cerny leitete jeweils die Diskussion an, bevor sie einen abschließenden Kommentar gab.

NICOLE GOTLING (Wien) fragte in ihrem Vortrag danach, wie während der Deutschen Einigungskriege 1864-1871 in Schulbüchern (geo-)historiographische Inhalte benutzt wurden, um bei Schüler/innen die Idee einer Nation auszubilden.

TIMM HELLMANZIK und DENNIS MATHIE (beide Hamburg) stellten in ihrem Vortrag ihre Dissertationsprojekte vor, die beide Teil des DFG Projektes „Das Wissen über Türken und die Türkei in der Pädagogik. Analyse des diskursiven Wandels 1839-1945“ (Ingrid Lohmann, Hamburg) sind. Sie präsentierten exemplarisch anhand von Schulbuchauszügen ihren Quellenkorpus, dem sie sich methodologisch mit Hilfe der historischen Diskursanalyse nähern wollen.

Das letzte Panel eröffnete die Präsentation JANKA MITTERMÜLLERs (Trier). Das Dissertationsprojekt fragt danach, wie sich die (historisch-)politische Fachkultur und Unterrichtspraxis der Gesellschaftswissenschaften der 1970er-Jahre veränderte. Mittermüller untersucht dazu Qualifikationsarbeiten zur Erlangung des 2. Staatsexamens in den Fächern Geschichte, Politik beziehungsweise Gemeinschaftskunde für das Lehramt an allgemeinbildenden Schulen.

FRIEDERIKE THOLE (Kassel) schloss das Nachwuchsforum mit ihrem Beitrag ab. Für ihre Fragestellung, wie und ob Wissensbestände, Theorien, Konzepte und Grundhaltungen des pädagogisch-kritisch-alternativen Milieus der 1960er- und 1970er-Jahre ihren Weg in den wissenschaftsinternen Diskurs der Erziehungswissenschaft fanden, nutzt Thole eine integrative Kopplung von Biographieforschung und Diskursanalyse.

Die inhaltliche wie methodische bunte Vielfalt an Qualifizierungsarbeiten im Umfeld der Historischen Bildungsforschung spiegelt die Breite und Lebendigkeit des Faches ebenso wie die Möglichkeiten und Anschlusspunkte des Nachwuchses an ein etabliertes Feld. Zeitlich reichten die Beiträge von der Vormoderne bis in die 1970er-Jahre, wobei eine stärkere Bearbeitung von Themenstellung aus dem langen 19. Jahrhundert sowie der 1960er- und 1970er-Jahre hervorgetreten ist. Neben einem ‚klassischen‘ Fokus auf die Institution Schule und ihre Geschichtlichkeit waren besonders pädagogische ‚travelling ideas‘ respektive transfer- und transformationsgeschichtliche Schwerpunkte in den Qualifizierungsarbeiten auf der Nachwuchstagung vertreten. Diskursanalytische und transfergeschichtliche Zugriffsweisen haben demzufolge auch das methodologische Vorgehen bestimmt. Neben den thematischen Akzenten konnte das 12. Forum junger Bildungshistoriker/innen aber auch eine Plattform für Netzwerken, kollegialen Austausch und allerlei Diskussionen sein. Abschließender Tenor war ein großes Lob an die Tagungsorganisation und die Bestärkung, das Format in der 13. Auflage auch 2020 weiterzuentwickeln und durchzuführen.

Konferenzübersicht:

Stefan Hopmann (Wien): Publish or Perish

Thomas Wiedenhorn (Weingarten): Eine Gerechtigkeits- und Gleichheitsdiskursanalyse der schulpädagogischen Entwicklungsverläufe Teutscher Schulen und Volksschulen der Vormoderne und Moderne in Württemberg

Barbara Emma Hof (Zürich): Nuclear Education: Workforce Training in an American applied Physics Laboratory in the Beginning of the Cold War

Daniel Deplazes (Basel): „Lernmaschinen“ in der Schweiz der 1960er- und 1970er-Jahre

Lukas Höhener (Zürich): Reformeifer und Trendforschung: Über Produktion und Rezeption universitärer Wissensbestände

Jil Winandy (Wien): ‘Ideological preferences and historiographical biases’ – Johann Ignaz Felbiger, the “Normal method” and Histories of Education

Marcel Hauer (Bamberg): Globalisierung pädagogischer Theorien im 19. Jahrhundert. Der Jenaer Herbartianismus im Erziehungsdenken der USA – Eine Studie zu interkulturellen Transfer- und Transformationsprozessen

Nicole Gotling (Wien): How Historiography, Geohistoriography, and School Subjects like History and Geography have been used for framing the National Mind of Students

Timm Hellmanzik / Dennis Mathie (beide Hamburg): Der diskursive Wandel des Türken- und Türkei-Bildes im Zeitraum von 1839 bis 1945 in deutscher Pädagogik und Lehrerschaft

Janka Mittermüller (Trier): Zwischen Professionalisierung und Politisierung: Politik- und Geschichtsunterricht in den 1970er-Jahren im Spiegel von Qualifikationsarbeiten des 2. Staatsexamens

Friederike Thole (Kassel): Wissenskulturen des pädagogischen kritisch-alternativen Milieus: Wissenstransfer zwischen pädagogischer Praxis und erziehungswissenschaftlicher Theorie in den 1960er- und 1970er-Jahren

Peter Menck (Siegen): Round-Up

Zitation
Tagungsbericht: 12. Forum junger Bildungshistoriker/innen, 27.09.2018 – 28.09.2018 Wien, in: H-Soz-Kult, 21.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7955>.