HT 2018: Local Knowledge as a Non-Residual Category in Early Modern Latin America, Europe, Africa, and the Ottoman Empire

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Tobias Winnerling, Heinrich-Heine Universität Düsseldorf

In der Wissenschafts-, Wissens- und in der Expansionsgeschichte sind Fragen nach dem Ursprung bestimmter Wissensbestände wieder laut geworden. Manchmal galt es, gerade das außerhalb Europas gewonnene Wissen als Herrschaftsinstrument herauszustellen, das mit bestimmten Exklusivitätsmarkern versehen wurde, indem ihm das nicht-Europäische abgesprochen wurde, oder aber eben diese Erzählungen zu dekonstruieren, um den dann als eigentlich herauszustellenden Urhebern die entsprechende Agency wieder zuschreiben zu können. Mit der Frage nach der „Lokalität“ des Wissens griff die Sektion dieses Thema in verschiedenen Facetten wieder auf, allerdings erfreulich differenziert und ohne einseitige Zuweisungen in die eine oder andere Richtung. Stattdessen problematisierte FABIAN FECHNER (Hagen) gleich in der Einführung die Kategorie des „local knowledge“ als in der bisherigen Diskussion unentschieden zwischen „Restekategorie“ und „residual category“ stehend. „Local knowledge“ sei vor allem ein negativ konnotierter Begriff, der die damit bezeichneten Wissensbestände als nicht-westlich, nicht-universal und im Zweifel auch als nicht-wissenschaftlich markiere. Das gelte es in den kommenden Beiträgen durch einen genaueren Blick darauf zu hinterfragen, wie solche Wissensbestände konkret gesammelt und genutzt wurden.

ANNE MARISS (Regensburg) widmete sich der Detailanalyse eines Rosenkranzes aus der Kunstkammer der Herzöge von Bayern, der im ersten Inventar von 1598 aufgeführt wurde. Die Kunstkammer zählte zu dieser Zeit ca. 3.500 Objekte, darunter auch Artefakte, die nicht unbedingt als Kunstwerke gedacht waren, wie der 10-Perlen-Männer-Rosenkranz aus „indianischen Bohnenperlen“, dessen Abschluss ein kleines Tryptichon in Tragaltarform bildete – das einzige Bestandteil des Objekts, das heute noch erhalten ist. Die „indianischen Bohnen“ selbst müssten aus dem 16. Jahrhundert stammen. Aus dem „Pinax Theatri Botanici“ des Caspar Bauhin [1] ließe sich erschließen, dass wohl eine peruanische Bohne damit gemeint war – und dieses Wissen bei Bauhin wiederum ginge auf eine Übernahme von Nicolás Monardes zurück, einem spanischen Autor, der in den eroberten amerikanischen Gebieten indigenes Pflanzenwissen sammelte.[2] Monardes wiederum habe seine Informationen von verschiedenen Informanten bezogen, in diesem Fall vom spanischen Kolonialsoldaten Pedro de Osma. Osma benutzte nicht nur eine frühere Ausgabe von Monardes‘ Buch, um ihm unbekannte Pflanzen zu identifizieren, sondern habe auch vor Ort Indigene befragt. Nachvollziehbar seien diese Transferprozesse, weil Osma einen entsprechenden Brief an Monardes geschickt hatte, der in einer späteren Auflage des Buches abgedruckt wurde. Während der Frühen Neuzeit sei der indigene Ursprung des Wissens also wohl unproblematisch gewesen. Auch Zedlers Grosses Vollständiges Universal-Lexicon weise im 18. Jahrhundert noch eindeutig darauf hin. In den Rosenkranz eingearbeitet wurden die Perlen wohl wegen ihrer medizinischen Eigenschaft als potentes Diuretikum, auf die in allen Quellen immer wieder hingewiesen wurde. Damit sei daraus ein möglicherweise einzigartiges Devotionalobjekt geworden, das für Körper und Seele gleichermaßen reinigend wirkend sollte, und das Wissensverarbeitung und -zirkulation in Amerika und Europa über verschiedene Ebenen anschaulich zeigt.

LAURA DIERKSMEIER (Tübingen) setzte die eingeschlagene Richtung mit einem Vortrag über den mexikanischen Gelehrten José Alzate fort, der im späten 18. Jahrhundert für die Verwendbarkeit bestimmter medizinisch wirksamer Pflanzen geworben hat, die von der Inquisition gebannt waren. Speziell sei es ihm um die auf Nahuatl als „Pipilzizintli“ bezeichneten Pflanzen und deren Derivate gegangen, die Alzate durch Vergleich, Autopsie und Experiment ganz zutreffend als Cannabis identifiziert habe. Bei der in Frage stehenden Substanz handelt es sich also um Marihuana, das bereits seit dem 17. Jahrhundert von der Inquisition in Mexiko verboten war. Alzate hat zur Identifikation botanische Wissensspeicher europäischer Herkunft, Gespräche mit Indigenen und Seeleuten sowie den eigenen Anbau und Konsum der Gewächse genutzt. Dabei falle auf, dass er seine Lektüre auf französische und lateinische Titel konzentrierte, offenbar aus Gründen der Sprachkompetenz. Generell galten halluzinogene Stoffe für die koloniale Kirche im 18. Jahrhundert als problematisch, weil sie mit dämonischer Besessenheit assoziiert wurden. Alzate habe dennoch im Kontext seiner von ihm als kreolischem Gelehrten erhobenen Forderung nach „patriotischem“ Wissen – nur Mexikaner könnten Mexiko angemessen verstehen –, die er vor allem über die von ihm 1772 gegründete Zeitschrift erhob, für den Gebrauch von Marihuana plädiert. Die dort veröffentlichen Artikel seien jedoch stets von der Zensur bedroht gewesen und stellten somit „prekäres Wissen“[3] dar. Alzate habe in seiner Argumentation für eine Zulassung von Marihuana die medizinischen Wirkungen in den Vordergrund gestellt und die halluzinogenen heruntergespielt. Er habe sich dabei nicht nur ausdrücklich auf lokales Wissen verlassen, sondern dieses auch als autoritativ aufzuwerten versucht. In der Frage nach dämonischer Besessenheit habe er jedoch universalistisch argumentiert: Wenn christliche mexikanische Indigene nach Cannabisgenuss Visionen erführen, wie solle man diese von denen christlicher Europäer unterscheiden?

Der anschließende Vortrag von FABIAN FECHNER (Hagen) zog die zeitliche Linie unter einem anderen geographischen Fokus bis in das 19. Jahrhundert weiter. In seiner Übersicht kartographisch präsentierten europäischen Afrikawissens versuchte er, den Weg lokalen Wissens in die Produkte der Kartographen nachzuvollziehen. Jean-Baptiste Bourguignon d’Anvilles Afrikakarten aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die erstmals den Anspruch erhoben, nur positiv gesichertes Wissen zu zeigen, und prominenten Gebrauch von „weißen Flecken“ machten, bildeten hier den Ausgangspunkt, von dem aus zwei Beispiele betrachtet wurden, die den Verlauf des Schwarzen Nils und des Senegal-Flusses darzustellen versuchten. Bereits bei d’Anville sei lokales Wissen, wenn es denn verarbeitet wurde, nur in den der Karte beigefügten Notizen sichtbar geworden, aus denen sich entnehmen ließe, dass er vor allem Ptolemaios, al-Idrisi und Leo Africanus als vertrauenswürdige Gewährsleute betrachtete. Demgegenüber habe Thomas Edward Bowdich für die seiner Publikation „A Mission to Ashantee“ von 1819 beigefügte Karte vor allem indigenes Wissen über die Gabun-Gegend genutzt, das er selbst vor Ort gewann und dann zu sammeln und zu ordnen bestrebt gewesen sei. Da Bowdich aber als Amateur ohne jede Ausbildung weder geographische Instrumente noch Berechnungsmethoden habe nutzen können, stellten seine Resultate nur eine sehr schlechte Approximation der realen Gegebenheiten dar. Paul du Chaillu, der als Kind europäischer Kolonialisten vor Ort aufgewachsen ist und ebenfalls nicht über eine fachliche Ausbildung verfügte, hat zwischen 1850 und 1860 seine Beobachtungen in einer kartographischen Form zusammengestellt, die zwar ein großer Publikumserfolg wurde, aber vor allem von Heinrich Barth stark angezweifelt wurde, der du Chaillu einerseits vorwarf, das Wissen seiner lokalen Informanten auszubeuten und andererseits, deren Informationen nicht einmal richtig zu verstehen. August Petermann versuchte später, zwischen beiden Positionen zu vermitteln und damit zu einer ausgewogeneren Darstellung zu gelangen. Alle beispielhaft aufgeführten Personen seien zwar als Kartographen auf lokale Informationen angewiesen gewesen, hätten aber stets versucht, diese in universalisierte Wissensbestände zu überführen. Daran anschließend warf Fechner anhand der kolonialen und kreolischen Akteure die Frage auf, ob sich „lokales“ von „indigenem“ Wissen unterscheiden lasse, welches die Kriterien dafür seien könnten, und ob eine solche Differenzierung nicht immer nur situativ erfolgen und betrachtet werden könne.

Im letzten Vortrag führte TOBIAS GRAF (Oxford) schließlich eine weitere Kategorie von Wissensbeständen ein, die als lokal verstanden werden können. Er betrachtete den Fall eines österreichischen Botschafters in Istanbul, der 1592 den Wiener Hof in einem seiner Berichte vor einem osmanisch-jüdischen Spion gewarnt hat, der nach Wien unterwegs war, um die Befestigungsanlagen der Stadt auszukundschaften. Verraten worden sei der Spion durch lokale Istanbuler Informanten aus dem Spionagenetzwerk des Botschafters. Obwohl hier kein Naturwissen betrachtet werde, sondern militärische Spionage, seien die grundlegenden Praktiken der Wissensgewinnung und -verarbeitung analog zu sehen, betonte Graf. In einem kurzen theoretischen Abriss der verschiedenen Definitionen nachrichtendienstlicher „Intelligence“ seit den 1940er-Jahren stellte er heraus, dass das verbindende Merkmal all dieser Definitionen in der Unsicherheit der als „Intelligence“ klassifizierten Informationen liege, die stets nur probabilistisch zu betrachten seien. Sie stellten daher im eigentlichen Sinn kein „Wissen“ dar, und benötigten somit zu ihrer Beglaubigung stets den Rückgriff auf lokale Wissensbestände oder -produzenten, um epistemische Stabilität behaupten zu können. In einer teilweisen Rekonstruktion der habsburgisch-österreichischen Spionagenetzwerke im Umkreis der Hohen Pforte wurden daher die Zugriffsmöglichkeiten auf derartige Informationen aufgezeigt, die vor allem darin bestanden, dass hohe Verwaltungsbeamte durch Bedienstete und Haushaltsangestellte angezapft worden seien, wenn möglich auch mehrfach. Die Botschaften hätten daher im 16. Jahrhundert als Zentren der Wissensproduktion agiert, indem sie unter Beachtung der lokalen Patronagestrukturen Spionagenetzwerke etabliert und aufrechterhalten hätten, innerhalb derer lokale Informanten beglaubigte Wissensfragmente liefern konnten, die dann gesammelt und zu „Intelligence“ geordnet wurden.

Der Kommentar von RENATE DÜRR (Tübingen) fasste die sich aus den Vorträgen ergebenden Verbindungslinien und Folgefragen in drei Punkten zusammen: Erstens sei lokales Wissen über die Frühe Neuzeit hinweg und darüber hinaus ein substantieller Teil des Wissensbestandes und eben keine „Restekategorie“. Das heiße aber nicht, dass es selbstverständlich wäre, vielmehr müssten immer verschiedene Fragen beantwortet werden, bevor es als Kategorisierung genutzt werden könne. Wann sei Wissen „lokal“? Gäbe es eine konzeptuelle Differenz zwischen „lokalem“ und „indigenem“ Wissen? Handele es sich um eine primär räumlich oder eine primär personal bestimmte Kategorie? Diese Fragen sollten nach Möglichkeit mikrohistorisch angelegt und durch einen praxeologischen Zugriff unterbaut werden, wobei die prinzipielle Wichtigkeit der lokalen bzw. indigenen Informanten und die potentiell interkontinentalen Dimensionen der Betrachtung nicht außer Acht gelassen werden dürften. Zweitens gelte es, besonderes Augenmerk auf die Appropriation solcher Wissensbestände und ihre Ordnung durch Europäer zu richten, um Prozesse des Ausblendens und Vergessens der Quellen in den Blick zu bekommen, die wichtige und formative Schritte im Normalisierungsprozess lokalen Wissens bildeten. Die sich hieran anschließenden Fragen lauteten: Gilt lokales Wissen als besonders authentisch oder als besonders unsicher? Wie wird seine Vertrauenswürdigkeit eingeschätzt? Drittens sei es nötig, Krieg, Ausbeutung, Machtdifferentiale und gewaltförmige Interaktionen als notwendige Erzeugungsbedingungen dieser Wissensformen immer mitzudenken.

Die anschließende Diskussion nahm besonders die Frage nach der definitorischen Eingrenzung und der Anwendung der Kategorisierung „lokal“ für Wissensbestände in den Blick. Neben der Repräsentativität der Beispiele wurden besonders die jeweilige Einschätzung der lokalen Informanten, der von ihnen gelieferten Informationen und die generelle Konstruktion autoritativen, also vertrauenswürdigen Wissens diskutiert. Anhand der Frage nach dem Unterschied zwischen „localization“ und „globalization/universalization“ von Wissen stimmten die Vortragenden schließlich überein, den Begriff des „lokalen“ Wissens nicht essentialistisch verstehen zu wollen, sondern prozedural als eine unter vielen möglichen Kategorien, die stets interessengeleitet von verschiedenen Akteuren an Wissensbestände angelegt und in unterschiedliche Argumentationsstrategien eingebettet werden könne. Damit sei die Frage danach aber ein wirksames heuristisches Mittel, um diesen Prozessen der Wissensproduktion und des Wissenstransfers näherzukommen. Ein Impuls, der hoffentlich weitere Forschung anstößt!

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Fabian Fechner (Hagen) / Anne Mariss (Regensburg)

Fabian Fechner: Einführung

Anne Mariss: Tracing Local Knowledge in Early Modern Objects: The Case of a Rosary in the Munich Kunstkammer

Laura Dierksmeier (Tübingen): Local Creole Knowledge: José Antonio Alzate y Ramirez’s Defense of Medicinal Herbs Prohibited by the Inquisition in Eighteenth-Century Mexico

Fabian Fechner (Hagen): Indigenous Knowledge as Local Knowledge? The Diverging Evaluation of Local Informants in the Exploration of Central Africa (1750-1850)

Tobias Graf (Oxford): Local Knowledge for Decision Making. Austrian-Habsburg Intelligence in Late Sixteenth-Century Istanbul

Renate Dürr (Tübingen): Kommentar

Anmerkungen:
[1] Caspar Bauhin, Pinax Theatri Botanici, Basel 1623.
[2] Nicolás Monardes, Dos libros. El vno trata de todas las cosas que traen de nuestras Indias Occidentales, que siruen al vso de medicina [...] El otro libro, trata de los medicinas marauillosas que son contra todo veneno, la piedra Bezaar, y la yerua escuerçonera. Con la cura de los venenados. [...] Agora nueuamente copuestos por el doctor Niculoso de Monardes medico de Seuilla, o. O. 1565.
[3] Martin Mulsow, Prekäres Wissen. Eine andere Ideengeschichte der Frühen Neuzeit, Berlin 2012.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Local Knowledge as a Non-Residual Category in Early Modern Latin America, Europe, Africa, and the Ottoman Empire, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 16.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7958>.
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Veröffentlicht am
16.11.2018