HT 2018: Quo vadis Quellenkritik? Digitale Perspektiven

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Christine Friederich, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen

Die Digitalisierung führt zu einem tiefgreifenden Umbruch bei der Entstehung, Archivierung und Nutzung von historischen Quellen. Welche Auswirkung diese Entwicklung auf die Arbeit der Archive und der historischen Forschung hat, war Gegenstand der hier zu besprechenden Sektion. In insgesamt sechs Vorträgen sowie zwei kurzen Statements zur Einführung boten Archivar/innen und Historiker einen Einblick in ihre Arbeit mit digitalen Quellen und setzten sich kritisch mit ihrem „Handwerkszeug“ auseinander. Denn nicht nur die historischen Grundwissenschaften und die traditionelle Quellenkritik stehen vor neuen Herausforderungen, sondern auch die Archive und ihre Methoden der Überlieferungsbildung, Erhaltung und Bereitstellung zur Nutzung. Inhaltlich knüpfte die Sektion an den Historikertag 2016 an, auf dem sich eine Sektion mit dem Thema „Grundwissenschaften in der digitalen Welt“ befasst hatte, und führte die dort angestellten Überlegungen fort [1].

In seiner Begrüßung erläuterte der Präsident des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen FRANK M. BISCHOFF (Duisburg) die Unterteilung der Sektion in zwei thematische Blöcke: Der erste Teil sollte sich den originär digital entstandenen Quellen, den so genannten „born digitals“ widmen, der zweite Teile sollte sich mit Digitalisaten befassen, also mit ursprünglich analog vorliegenden, digitalisierten Quellen. Beide Quellengruppen, führte Bischoff aus, bringen spezifische Herausforderungen mit sich. So ist davon auszugehen, dass zukünftig originär digital entstandene Quellen den Großteil archivischer Überlieferung ausmachen werden. Allerdings sei fraglich, ob die klassische Quellenkritik für die Auswertung dieser Quellen noch ausreiche. Das liege auch daran, so Bischoff weiter, dass seitens der Archive viel stärker in die Quellen eingegriffen werden müsse, um Überlieferung, Erhalt und Nutzung zu ermöglichen. Bei digitalisierten Quellen stelle sich hingegen die Frage, ob dadurch der Blick der Forschung eher geweitet oder verstellt werde. Sicherlich ist die leichte Zugänglichkeit für die Forschung ein großer Mehrwert, doch bestehe die Gefahr, dass das digitale Angebot eine Vollständigkeit suggeriere, die tatsächlich gar nicht vorhanden ist. So ist nur ein Bruchteil der analogen Archivalien in deutschen Archiven überhaupt digitalisiert, sodass die Recherche und Nutzung von digitalisiertem und weiterhin nur analog vorliegendem Material von Archiven und Forschung besser verknüpft werden müsse.

KIRAN K. PATEL (Maastricht) betonte in seinem Beitrag, dass der Dialog zwischen Archivar/innen und Historiker/innen fortgeführt werden müsse und kritisierte eine gewisse Trägheit der Geschichtswissenschaft, über die eigenen methodischen Grundlagen zu reflektieren. In Bezug auf die Arbeit mit digitalen Quellen stellte Patel zwei Punkte heraus: erstens die Veränderung des Quellenmaterials selbst und zweitens die Möglichkeiten des Zugangs. Patel erklärte, dass Quellenkritik bedeute, die Umstände zu untersuchen, unter denen Quellen entstanden sind. Diese Frage sei jedoch in den Hintergrund getreten und er zweifle daran, ob sie sich angesichts der Menge des digitalen Materials, der Probleme beim Erhalt der Lesbarkeit und der Erfordernisse an Ordnung und Sicherung des Materials überhaupt noch beantworten lasse. Hier fehle auch die Stimme der Geschichtswissenschaft in der Debatte der Archive, die viel weiter fortgeschritten sei. Zu den Möglichkeiten des Zugangs stellte Patel fest, dass Digitalisierung eine große Vereinfachung darstellt. Gleichzeitig dürfe dadurch aber keine „Forschungspraxis des geringsten Widerstandes“ entstehen, indem nur noch die Quellen genutzt werden, die ohne große Recherche- und Zugangshürden online zur Verfügung stehen. Patel plädierte dafür, sich auf Droysens Idee der Geschichtswissenschaft als „Bergmannskunst“ zurückzubesinnen und nach allen relevanten Quellen zu „graben“ und nicht nur an der Oberfläche zur kratzen.

ANDREAS FICKERS (Luxemburg) stellte in seinem Vortrag Überlegungen vor, wie eine digitale Quellenkritik in die universitäre Lehre eingebunden werden kann. Er forderte, die digitale Quellenkritik in eine digitale Hermeneutik einzubetten und schlug dafür fünf Schritte vor: Algorithmen-Kritik im Sinne einer Heuristik des Suchens, Daten-Kritik in Bezug auf Integrität und Validität, Werkzeugkritik, also die Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung verschiedener Tools, Interface-Kritik bzgl. einer Visualisierung und Rekontextualisierung, und schließlich Simulationskritik. Wie die Anwendung dieser Schritte in der Praxis aussieht und wie eine Integration in die Lehre gelingt, zeigte Fickers schließlich anhand des Online Tutorials „Ranke2“, das ab Ende Oktober 2018 online steht[2]. Mithilfe des modularisiert aufgebauten Online-Tutorials können verschiedene digitale Quellenkorpora mithilfe unterschiedlicher Tools bearbeitet werden, unter anderem die geleakten E-Mails von Hillary Clinton. Aus Erfahrungen im Projekt und in der Lehre nannte Fickers als „lessons learned“ drei Aspekte: Studierende lernen und erfahren, dass das Arbeiten mit digitalen Daten zeitaufwändig ist, dass dafür digitale Kenntnisse und Expertise nötig sind, und dass Möglichkeiten und Grenzen der Hilfsmittel und Werkzeuge für die jeweilige Fragestellung ausgelotet werden müssen.

Der zweite Vortrag wechselte dann die Perspektive. CHRISTOPH SCHMIDT (Münster) sprach aus archivischer Sicht über „Quellen der Zukunft“. Die Digitalisierung in der Verwaltung führt dazu, dass dort immer mehr genuin digitale Unterlagen entstehen. Schmidt machte hier vor allem drei Quellengruppen aus: elektronische Akten, Fachverfahren (zum Beispiel Datenbanken) und unstrukturierte Daten (zum Beispiel Dateisysteme). Im Gegensatz zu analogen Unterlagen greifen Archivar/innen bereits bei der Überlieferungsbildung und später bei der Bestandserhaltung viel tiefer in die digitalen Quellen ein, als dies bei analogen Quellen der Fall ist. Diese archivischen Eingriffe haben Auswirkungen auf die spätere Nutzbarkeit durch Historiker/innen. Nicht alle Eigenschaften und Funktionalitäten digitaler Objekte können aktuell in Archiven dauerhaft erhalten bleiben, sodass anhand möglicher zukünftiger Nutzungsszenarien entschieden werden muss, welche Eigenschaften für eine spätere Nutzung unabdingbar sind und welche ggf. verloren gehen (müssen). Zugleich gelangen digitale Objekte in die Archive, die auf eine Weise geordnet sind oder genutzt werden können, wie es in ihrem ursprünglichen Verwendungszusammenhang nie Realität war. Schmidt nannte hier als ein Beispiel, dass Historiker/innen bei der Nutzung archivierter Datenbanken möglicherweise Abfragen generieren können, wie sie in der Anwendung in der Verwaltung nie vorgesehen waren. Welche Auswirkung hat das auf die geschichtswissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeiten und -interessen und auf die Bewertung der Authentizität der Quellen? Das ist eine Frage, die nur im Dialog zwischen den Archiven und der Geschichtswissenschaft beantwortet werden kann.

NICOLA WURTHMANN (Wiesbaden) stellte den Vortrag von Christoph Schmidt in einen anwendungsbezogenen Kontext und erläuterte die Möglichkeiten und Herausforderungen einer digitalen Quellenkunde. Sie verwies auf die größere strukturelle, technische und inhaltliche Komplexität originär digitaler Quellen, sodass diese nur begrenzt mit analogen Quellen vergleichbar seien. Deshalb erfordere die Arbeit mit digitalen Quellen auch andere grundwissenschaftliche Kenntnisse. Wurthmann machte dies an drei Beispielen deutlich. Erstens benannte sie den Punkt „Verschlüsselung“ im Sinne einer Lesbarmachung von Informationen, die bei digitalen Quellen (auch) technische Kenntnisse der Nutzenden erfordert. Zweitens zeigte sie am Beispiel der elektronischen Akte, dass hier im Gegensatz zur Papier-Akte Informationen und Meta-Informationen voneinander getrennt sind. Dies betriff etwa Informationen zum Laufweg, zur Dokument-Historie oder zu elektronischen Signaturen. Das hat zur Folge, dass solche Quellen anders gelesen werden müssen, um die zur Interpretation und Einordnung notwendigen (Meta-)Informationen nutzen zu können. Drittens ging es um den Umgang mit Informationslücken, wenn traditionelle Standards der Aktenkunde bei elektronischen Akten nicht mehr erfüllt sind, etwa wenn Sichtvermerke und Zuschreibungen fehlen oder hybride Objekte vorliegen, die zusätzlich zu den digitalen Dokumenten auch analoge Dokumente enthalten.

ANDREA HÄNGER (Koblenz) eröffnete den zweiten Teil der Sektion, der dem Thema „Digitalisate“ gewidmet war, und stellte Überlegungen und Strategien zur Digitalisierung aus dem Bundesarchiv vor. Sie erläuterte, dass die Zugänglichkeit von Quellen nicht nur davon abhängt, ob sie digital verfügbar sind, sondern auch von der Qualität der Erschließungsdaten, die erst ermöglichen, dass das gefunden wird, was gesucht wird. Bei der Digitalisierung von Quellenmaterial verfolgt das Bundesarchiv zwei Strategien: Erstens die systematische Digitalisierung, die insbesondere bei viel genutzten Beständen angewandt wird, und zweitens die Digitalisierung „on demand“, also wenn seitens der Nutzer/innen Reproduktionen angefordert werden. Bei der Erschließung werden thematische Zugänge wichtiger, die das Bundesarchiv beispielsweise für Quellenmaterial zum Ersten Weltkrieg anbietet. Die „klassische“ Erschließung von Archivgut soll in Zukunft im Bundesarchiv nur noch einen geringen Stellenwert einnehmen. Zwar werden viel genutzte Kernbestände weiterhin intensiver erschlossen werden, alle übrigen werden nur noch „etikettiert“ werden, ohne genauere inhaltliche Angaben. Als Hemmnisse für die Nutzbarkeit digitalisierter Quellen benannte Hänger rechtliche Gründe und die fehlenden Tools für die Volltextrecherche in handschriftlichen Dokumenten.

Wie Historiker mit digitalisiertem Quellenmaterial arbeiten, schilderte FRANK ENGEHAUSEN (Heidelberg) in seinem Werkstattbericht. Er unterschied zwei Nutzungsszenarien: Im ersten sind Historiker/innen selbst Digitalisierende. Statt wie früher Papierkopien von Quellen anzufertigen, um sie als Arbeitsgrundlage zu verwenden, werden heute digitale Kopien erstellt. Diese Kopien sind aber aus Sicht der digitalisierenden Historiker/innen nur für das eigene Forschungsprojekt bestimmt. Engehausen regte an, dass Forschende diese Digitalisate durch eine stärkere Kooperation mit den Archiven auch für andere Wissenschaftler/innen nutzbar machen. Hierfür ist vor allem eine Anreicherung der Digitalisate mit Metadaten erforderlich, die für eine spätere Nachnutzung nötig sind. Im zweiten Nutzungsszenario verwenden Historiker/innen Quellen, die von den Archiven digitalisiert und über thematische Zugänge nutzbar gemacht werden. Hier stellte Engehausen seine eigenen Forschungserfahrungen mit der Quellensammlung „Von der Monarchie zur Republik“ vor, die vom Landesarchiv Baden-Württemberg über das Portal LEO.BW zur Verfügung gestellt wird. Zwar hob er die einfache Zugänglichkeit hervor, kritisierte aber die für ihn nicht immer nachvollziehbare thematische Zuordnung des Quellenmaterials und dass die Quellensammlung – ähnlich wie ein gedrucktes Buch – nicht weiter bearbeitet wird. Engehausen vermisste eine Kommentarfunktion und plädierte dafür, Nutzer/innen nicht nur als Rezipienten zu verstehen, sondern ihnen Angebote zu machen, ihre Expertise einzubringen und sich zu vernetzen.

Der abschließende Vortrag von CLEMENS REHM (Stuttgart) fragte nach der Verfügbarkeit von grundwissenschaftlichem Wissen im Netz. So stellte Rehm zwar eine Vielzahl an Angeboten unterschiedlicher Institutionen und Akteure fest – von der Universität bis zur Volkshochschule –, bemängelte aber gleichzeitig die fehlende Bündelung des Angebots, was eine Orientierung erschwere. Als Aufgabe eines „Masterplans“ hob er deshalb die Kooperation und Vernetzung von Institutionen und Akteuren hervor.

Die Reihe der Vorträge wurde durch drei kurze Diskussionsrunden unterbrochen, in denen die Sektion für Fragen aus Plenum geöffnet wurde. Auch hier klangen die Wünsche vor allem der Historiker/innen nach besserer Vernetzung, freier Online-Verfügbarkeit und Standardisierung bei Erschließung und Zugänglichmachung von Quellen an. Die Archive stellen diese Erwartungen vor die Herausforderung, Erschließungsdaten und Quellen möglichst umfassend digital zur Verfügung zu stellen, um eine leichte Auffindbarkeit und Nutzung der Quellen zu ermöglichen und damit geänderten Recherche- und Nutzungspraktiken Rechnung zu tragen. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass Historiker/innen sich (zu) wenig mit der Arbeitsweise der Archive und deren Auswirkungen auf die digitalen Quellenbestände befassen. Hier sind – und das stellte auch Kiran K. Patel in seinem Schlusswort fest – die archivischen Überlegungen den geschichtswissenschaftlichen voraus. Ziel muss es deshalb sein, intensiver in den Austausch zu treten und archivische Überlieferungsbildung als Voraussetzung von historischem Arbeiten besser zu verstehen. Dafür war diese Sektion ein Anfang.

Sektionsübersicht:

Frank M. Bischoff (Duisburg): Begrüßung

Kiran K. Patel (Maastricht): Einführung. Herausforderungen der Zeitgeschichte im digitalen Zeitalter

Andreas Fickers (Luxemburg): Hacking History? Methodische Herausforderungen digitaler Zeitgeschichte am Beispiel der gleakten E-Mails von Hillary Clinton

Christoph Schmidt (Münster): Quellen der Zukunft? Gattungen und Aufbereitungsformen digitalen Archivguts aus Verwaltungszusammenhängen

Nicola Wurthmann (Wiesbaden): Grundwissenschaftliche Herausforderungen im Umgang mit digitalen Quellen

Andrea Hänger: (Koblenz) Was nicht im Netz ist, ist nicht in der Welt? Die Auswahl von Quellen für digitale Angebote

Frank Engehausen (Heidelberg): Wege im Dschungel? Die Nutzung von digitalisiertem Archivgut

Clemens Rehm (Stuttgart): Ein Masterplan für die Grundwissenschaften! Module – Kooperationen – Vernetzungen

Anmerkungen:
[1] Claudia Hefter: Tagungsbericht: HT 2016: Grundwissenschaften in der digitalen Welt, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 12.11.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6819> (17.10.2018).
[2] <https://ranke2.uni.lu/> (05.11.2018).

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Quo vadis Quellenkritik? Digitale Perspektiven, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 23.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7977>.