HT 2018: Relief für die eigene Community: Humanitäre Organisationen in der Heimat und in der Fremde

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Laura Viktoria Huth, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

In Ihrer Anmoderation des Panels stellte Miriam Rürüp (Hamburg) die beiden Sektionsverantwortlichen MARIA FRAMKE (Rostock) und JACOB EDER (Jena/New York) vor. Eder, der ursprünglich für einen Vortrag über jüdische Hilfsorganisationen vorgesehen war, konnte nun leider nicht am Panel teilnehmen, auf die mitunter ineinandergreifenden Vorträge von Isabella Löhr (Leipzig), Maria Framke (Rostock) und Esther Möller (Mainz) folgte ein abschließender Kommentar von Daniel Maul (Oslo). Die Vortragenden rückten einen bislang wenig beachteten Teilaspekt des Humanitarismus in den Mittelpunkt: Relief für die eigene Community. Ihre Forschungsfelder, die zeitlich allesamt im 20. Jahrhundert angesiedelt sind, unterschieden sich einerseits voneinander, andererseits wiesen sie erstaunliche inhaltliche Schnittpunkte auf. So spiegelten sich in allen Vorträgen zentrale Fragen der Humanitarismusforschung, wie etwa die nach der Motivation humanitärer Hilfe sowie nach der Neutralität von Hilfsaktionen.

ISABELLA LÖHR (Leipzig) machte in ihrem Vortrag deutlich, dass die European Student Relief (Europäische Studentenhilfe) – ein ursprünglich auf Jahre angelegtes humanitäres Notprogramm – nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur praktische Hilfe, sondern auch einen langfristigen Beitrag zum Wiederaufbau der europäischen Gesellschaften leisten wollte. Neben der Versorgung der Studierenden mit Nahrung, Kleidung und Büchern, die sie für das Fortsetzen des Studiums brauchten, habe das Programm auch die Bereitstellung von Arbeits- und Schlafmöglichkeiten, sowie medizinische Hilfe beinhaltet. Ebenso habe es studentische Selbsthilfeprojekte initiiert, aus denen etwa das Deutsche Studentenwerk entstand, so Löhr.

Die Vortragende führte aus, dass das Programm der Europäischen Studentenhilfe ein Ableger des 1895 gegründeten Christlichen Studentenweltbundes war. Dieser sei tief in der evangelikalen Erweckungsbewegung verwurzelt gewesen, die im 18. Jahrhundert im transatlantischen Raum entstand. Der Verband habe über ein weltweites Netzwerk verfügt und sei missionierend tätig gewesen. Löhr betonte, dass es sich dabei nicht um eine marginale Bewegung gehandelt habe. Vielmehr habe der Studentenweltbund, der als Dachverband für lokale und nationale Organisationen diente, bereits 1914 über 200.000 Mitglieder gehabt und somit als Massenbewegung gezählt. Schon in der Vorkriegszeit habe der Studentenweltbund die internationale Bildungsmobilität als Möglichkeit entdeckt, eine weltweite Infrastruktur aufzubauen und Experten der Sozialen Arbeit für sich zu gewinnen. Der Fokus habe sich schrittweise von der Mission auf soziale Missstände in den urbanen Zentren in Europa und Nordamerika verschoben. Löhr wies in diesem Zusammenhang auf die British Settlement Movement und Social Gospel hin.

Der Studentenweltbund kooperierte während der Hilfseinsätze vor allem in Osteuropa auch mit anderen Organisationen, wie den britischen Quäkern, der American Relief Administration und Save the Children. So konnte der Verband bei Fragen rund um Einreiserlaubnisse und Logistik laut Löhrs Ausführungen von den politischen Netzwerken der Kooperationspartner profitieren. Dies habe jedoch keine Auswirkung auf die Unabhängigkeit der Hilfe gehabt. Löhr stellte in diesem Zusammenhang die wichtige Frage, wie sich die damalige Öffnung und die politische Überformung des Verbandes mit den religiösen Grundsätzen vertragen haben. Laut Löhr hat dies in der Praxis keine übermäßig große Rolle gespielt. Zwar habe der Verband die Kontrolle über die eigenen Hilfsaktionen und das Personal behalten; die Hilfe jedoch sollte – den eigenen Leitlinien folgend – politisch, religiös und weltanschaulich neutral erfolgen. Spannungen, so Löhr, hätten sich daher nicht ergeben. Erste Debatten über den missionarischen „Mehrwert“ der Hilfen habe es bereits 1921 gegeben, und die Frage, ob humanitäre Hilfe ein religiöser Türöffner sein könne, blieb laut Löhr mitunter umstritten.

MARIA FRAMKE (Rostock) thematisierte in ihrem Vortrag über die indische humanitäre Hilfe im Kontext von Weltkrieg, Freiheitskampf und Dekolonisation die politische Motivation des Indischen Nationalkongresses (INC). Die Hilfe des INC in Burma 1942 und in Malaysia 1946 müsse laut Framke als politisches Instrument nationaler Selbstbestimmung verstanden werden. Seit den 1920er-Jahren hatte sich in Britisch-Indien eine starke Unabhängigkeitsbewegung formiert, die maßgeblich vom INC getragen wurde. Als der Vorstoß der Japaner in Südostasien 1942 einen massenhaften Exodus von Indern, Anglo-Indern und Europäern in diesem Gebiet verursacht und dadurch eine Flüchtlingswelle von Burma nach Indien ausgelöst hatte, wurden neben der britisch-indischen Regierung in Delhi auch indische Nichtregierungsorganisationen – darunter der INC – aktiv, um die Not der Flüchtenden zu lindern. Framke spricht vom Selbstverständnis des INC als wichtigste nationale Bewegung, die die Regierung um Erlaubnis gebeten hatte, medizinische Freiwilligeneinheiten in die Grenzregion entsenden zu dürfen. Zwar sei dem INC damals die Erlaubnis erteilt worden, referierte Framke, doch die Frage nach der Kontrolle der nichtstaatlichen Reliefarbeit sei damit nicht geklärt gewesen. Das habe auch daran gelegen, dass die Kongress-Einheiten unter der Leitung des Indian Medical Service arbeiten sowie unter der Aufsicht der Beamten vor Ort stehen sollten, so Framke. Die Missionsmitglieder des INC hätten jedoch nicht von Regierungsmitarbeitern kontrolliert werden wollen. Als Kompromiss sei damals eine enge Zusammenarbeit ohne direkte Kontrolle vereinbart worden. Framke machte damit deutlich, wie wichtig dem Kongress die Selbständigkeit ihrer Missionen war und wie schmal der Grat zwischen humanitären Motiven und einer politischen Agenda sein kann – besonders vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich der INC als antikolonialer Akteur verstand, der für die Selbstbestimmung Indiens steht. So sei es für den INC wichtig gewesen, sich nicht nur aus Mitgefühl humanitär für die indischen Flüchtlinge einzusetzen, sondern die Mission als nationalistischen Akt darzustellen und sich als künftiger regierungsbefähigter Akteur zu empfehlen. Gleichzeitig hätten Kongress-Mitglieder die Mission als nationales Unterfangen verstanden, das zum weiteren Zusammenwirken der indischen Nation beitragen könne.

Auch das zweite Fallbeispiel aus dem indischen Kontext, die Kongress-Hilfe für Malaysia 1946, kann nach Framke als Symbol nationaler Selbstbestimmung verstanden werden, die den Nationalismus des INC sowie dessen Anspruch, bereit für die Übernahme staatlicher Aufgaben zu sein, legitimieren würde. Zwar hätten Kongress-Mitglieder der Regierung vor Beginn der Aktion zugesichert, dass es sich um völlig unpolitische, rein humanitäre Hilfe handeln würde, doch auch hier habe es enge politische Verknüpfungspunkte gegeben, wie Framke in ihrem Vortrag darlegte. Dabei hätten Mitglieder der Indian National Army als patriotische und antikoloniale Symbolfiguren ebenso eine Rolle gespielt, wie der Wunsch nach nationaler Einheit und der Traum eines vereinten Asiens.

ESTHER MÖLLER (Mainz) widmete sich in ihrem Vortrag den Diskursen und Praktiken ägyptischer humanitärer Hilfe in Palästina nach 1948 und 1967. Dabei untersuchte sie einerseits die Konstruktion von Eigen- und Fremdbildern durch humanitäre Hilfe, zum anderen Ägyptens Unterstützung für palästinensisches humanitäres Engagement und die spezifisch palästinensische Antwort auf die ägyptische Vormundschaft. Mit Blut- und Sachspendeaktionen für Palästina hatten ägyptische humanitäre Organisationen nicht nur Solidarität mit den arabischen Nachbarn gezeigt. Damit präsentierten sie sich, so Framke, selbst als gebende, souveräne Nation, insbesondere gegenüber der britischen Kolonialmacht sowie gegenüber Israel und den arabischen Rivalen. Daneben entstanden auch in Ägypten Strukturen für die Hilfe für Palästina. So rief etwa das ägyptische Sozialministerium Anfang Mai 1948 einen Nationalen Rat für die palästinensische Migration ins Leben. Die Gründung des Rates zeige, dass die Hilfe für Palästina auch als Teil des Aufbaus innerstaatlicher Strukturen in Ägypten fungiert habe.

Möller sprach zudem von einer Ambivalenz von Hilfe und hierarchischer Vergewisserung. So hatte Ägypten zwar einerseits die gesamtpalästinensische Regierung aufgefordert, bei reichen Palästinensern für ärmere Palästinenser Spenden zu sammeln. Andererseits hatte der ägyptische Rote Halbmond dieser gesamtpalästinensischen Regierung die Erlaubnis für das Spendensammeln erteilt. Somit seien die hierarchischen Ebenen sehr klar definiert gewesen. Möller betont, dass es Ägypten zu keinem Zeitpunkt darum gegangen sei, die palästinensische Unabhängigkeit zu fördern. Vielmehr sei es auch um innerarabische Rivalitäten gegangen. So wurde unter ägyptischer Federführung ein Komitee für palästinensische Flüchtlinge innerhalb der arabischen Liga ins Leben gerufen, das als Antwort auf die politischen Bestrebungen König Husseins von Jordanien im Westjordanland zu verstehen sei.

Die Unterstützung Ägyptens für den Palästinensischen Roten Halbmond sei bereits 1948 ein Politikum gewesen, da sie gleichzeitig als Einsatz für den palästinensischen Staat gegolten habe, denn nur ein souveräner Staat durfte laut Rotkreuz-Statuten eine Rotkreuz- oder Rothalbmond-Gesellschaft beherbergen. Ende Januar 1969 hatte die Fatah die Gründung des Palästinensischen Roten Halbmonds bekannt gegeben und damit laut Möller die enge Verbindung von politischer und humanitärer Aktivität gefördert. Die Vortragende schloss daraus, dass die imaginierte Verbindung von humanitärer Hilfe und Souveränität den späteren politischen Prozessen vorrausgegangen oder diese gar beeinflusst habe, denn nach der Proklamation des Palästinensischen Roten Halbmondes und seiner innerarabischen Anerkennung erfolgte 1974 die Zulassung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) als Beobachterin bei den Vereinten Nationen (UN) und als einzige legitime Vertretung der Palästinenser durch die Arabische Liga.

Beispielhaft für innerpalästinensischen Paternalismus nannte Möller die Aktivitäten des Palästinensische Roten Halbmondes in seinem 1974 eingeweihten Krankenhaus in Kairo, das neben medizinischer Hilfe auch eine kulturelle Dimension beinhaltete: es beherbergte ein Zentrum für das Erbe der palästinensischen Kunst, dessen erklärtes Ziel es auch gewesen sei, ihre kulturellen Wurzeln nahezubringen. Bei der Untersuchung der ägyptischen Beispiele sei deutlich geworden, dass humanitäre Arbeit sowohl von ägyptischen als auch von palästinensischen Akteuren als Ausdruck ihrer jeweiligen politischen Souveränität verstanden und inszeniert worden sei. Möller plädierte dafür, internationale, nationale und regionale Politik vermehrt mit humanitärer Hilfe in einen Dialog zu bringen und schlussfolgerte, dass Relief für die eigene Community zumindest im ägyptischen Fall über die Landesgrenzen hinaus betrachtet werden müsse, um die Konstruktion von Selbst- und Fremdbildern durch humanitäres Engagement zu verstehen.

Vor seinem Kommentar wies DANIEL MAUL (Oslo) kurz auf den fehlenden Vortrag und das Projekt Jacob Eders hin, in dem es um Relief für jüdische Einwanderer von Seiten amerikanischer, jüdischer Hilfsorganisationen gehe. Eingebettet sei Eders Forschungsvorhaben in eine transnational erzählte Geschichte der amerikanischen Juden und ihrer Organisationen. Maul betonte, dass es sich hierbei um amerikanische Organisationen handele und dass dies ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität sei und sie sich somit auch in einen nationalen Kontext einordnen ließen.

In seinem Kommentar thematisierte Maul das hohe Maß an inhaltlicher Kohärenz der einzelnen Paper. Dabei hob er zwei Punkte hervor, die die Vorträge zusammenbringen: Einerseits die Motive der transnationalen Hilfe sowie die Frage, wie humanitäre Hilfe überhaupt zu solch einem bedeutenden Medium werden konnte, das global wahrgenommen wird. Es sei deutlich geworden, dass ein humanitäres Verhältnis häufig die Hierarchie zwischen Gebern und Empfängern von Hilfe manifestiere. Dies habe sich besonders im Vortrag über die ägyptische humanitäre Hilfe gezeigt. Als weitere mögliche Diskursräume nannte Maul geschlechterspezifische sowie anthropologische Perspektiven auf Relief, etwa den Blick auf ihre Reziprozität, bei der der Geber etwas für seine Hilfe zurückerhält. Maul erwähnte lobend, dass die Vortragenden die genuinen humanitären Motive der Hilfsgeber nicht in Abrede stellten. Ziel sollte es nämlich vielmehr sein, die Praxis und die Selbstwahrnehmung der Akteure in einen historischen Kontext zu stellen und die Spannungen freizulegen, die angesichts der unterschiedlichen Motive bestehen. Maul schloss mit konkreten Fragen an die Vortragenden zur Repräsentation von Hilfe und der Bemerkung, dass Humanitarismus einerseits seit dem Ersten Weltkrieg zum Repertoire der Mobilmachung gehöre – in den USA etwa als Akt des patriotischen Handelns – andererseits jedoch in Kriegszeiten einer der wenigen offenen Kanäle für moderat-pazifistische Seiten sei.

In der sich anschließenden Diskussion kamen noch einmal grundlegende Fragen zur Doppelrolle vieler humanitärer Akteure sowohl als Geber als auch als Empfänger von Hilfe sowie zur Repräsentation und dem Selbstverständnis humanitärer Hilfsaufrufe auf.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Maria Framke (Rostock) / Jacob Eder (Jena / New York)

Miriam Rürup (Hamburg): Moderation

Isabella Löhr (Leipzig): Mobilisierung und Internationalisierung: Humanitäre Hilfe für Studierende im östlichen Europa nach 1919

Maria Framke (Rostock): Die Congress Medical Missions in Burma 1942 und Malaysia 1946: Indische humanitäre Hilfe im Kontext von Weltkrieg, Freiheitskampf und Dekolonisation

Esther Möller (Mainz): Blutsbrüder und -schwestern: Ägyptische humanitäre Hilfe im Israel-Palästina-Konflikt nach 1948

Jacob Eder (Jena / New York): „Jewish Mutual Responsibility – American Jewish Opportunity”: Amerikanisch-jüdische Hilfsorganisationen in der Migrationsgesellschaft im frühen 20. Jahrhundert (entfallen)

Daniel Roger Maul (Oslo): Kommentar

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Relief für die eigene Community: Humanitäre Organisationen in der Heimat und in der Fremde, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 30.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7986>.