HT 2018: Minderheitengeschichte als historische Subdisziplin? Minderheits- und Mehrheitskonstellationen am Beispiel der Sinti und Roma in der BRD

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Friedrich Pollack, Sorbisches Institut / Serbski institut Bautzen

Wie politisch ist die Geschichtswissenschaft und wie (un-)politisch sollte sie sein? Diese Frage beherrschte Diskussionen und Veranstaltungen auf dem 52. Deutschen Historikertag so dominant wie lange nicht mehr. Auch die anhaltende Debatte über die von der Mitgliederversammlung verabschiedete Resolution „zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie“[1] zeigt, wie sehr innerhalb der Fachcommunity gegenwärtig um ein zeitgemäßes Selbstverständnis gerungen wird.

In ihren Einleitungsworten zur Sektion „Minderheitengeschichte als historische Subdisziplin?“ griff auch KAROLA FINGS (Köln) die Frage nach dem gesellschaftlichen Ort der Geschichtswissenschaft auf und hob hervor, dass diese bereits durch die Wahl ihrer Untersuchungsfelder sowie die Struktur ihrer Forschungs- und Förderprioritäten per se politisch sei. Die Geschichte der Sinti und Roma zeigt exemplarisch, wie Wissenschaft durch strukturelle Marginalisierung bestimmter Themen und Fragestellungen zur Reproduktion hegemonialer Diskurse und herrschender Vorurteilsstrukturen beitragen kann. Erst seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert rückt die Geschichte dieser Minderheit hierzulande in das Blickfeld der akademischen Forschung. Dass eine Sektion, wie die hier besprochene, einen Platz im Programm des Deutschen Historikertages erhielt, darf auch als Effekt eines gewachsenen Bewusstseins für die Bedeutung der Minderheitenperspektive in der Geschichtswissenschaft bewertet werden.

Im ersten Referat der Sektion widmete sich DANIELA GRESS (Heidelberg) der Geschichte des Bürger- und Menschenrechtsaktivismus von Sinti und Roma in der Bundesrepublik Deutschland. Ausgehend von der These, dass sich der Zustand einer Demokratie an ihrem Umgang mit gesellschaftlichen Minderheiten messen lasse, charakterisierte sie den Verlauf der jahrzehntelangen Kämpfe um die Entschädigung für erlittenes Unrecht, den Abbau von Diskriminierungen und die Zuerkennung des Rechtsstatus einer nationalen Minderheit als langwierigen Demokratisierungsprozess. Dafür veranschaulichte sie kontrastierend die Situation in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende, als westdeutsche Gerichte und Behörden unbeirrt für eine bruchlose Fortsetzung der Ausgrenzungs- und Kriminalisierungspolitik gegenüber Sinti und Roma eintraten. Die in den 1960er-Jahren einsetzende Bürgerrechtsarbeit verortete die Referentin im Kontext nationaler und transnationaler Entwicklungen, die zu einer steigenden Sensibilität für die Ansprüche von Minderheiten, der beginnenden Konfrontation mit den Verbrechen der Nationalsozialisten sowie einer anhebenden Auseinandersetzung mit diskriminierenden sowie rassistischen Denk- und Verhaltensweisen in der Gegenwart beitrugen. Mit der Gründung des Zentralrats deutscher Sinti und Roma und dessen Anerkennung als politischer Gesprächspartner durch die Bundesregierung (1982) sei ein wichtiges Etappenziel der Bürgerrechtsbewegung erreicht worden, wie Gress in ihrem Fazit hervorhob.

SEBASTIAN LOTTO-KUSCHE (Flensburg) ging in seinem Referat genauer auf die Auseinandersetzungen zwischen den Verbänden der Sinti und Roma und Exponent/innen der sogenannten „Zigeunerforschung“ in der Bundesrepublik ein. Letztere verkörperten die Kontinuität des akademischen „Zigeunerdiskurses“ der Vorkriegszeit häufig so selbstbewusst, dass ihre Autorität lange Zeit unangetastet und ihre Expertise in gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Gremien, bis hinauf zur Bundesregierung gefragt blieb. Lotto-Kusche illustrierte dies am Beispiel des Mediziners Hermann Arnold, der in seinen Publikationen zur „Zigeunerfrage“ offen rassistisch-eugenische Positionen vertrat, die zu wesentlichen Teilen auf Materialien und Gewährspersonen der nationalsozialistischen „rassenhygienischen Forschung“ beruhten. Arnolds Expertenposition, unter anderem für das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit, basierte auf einer ausgeprägten Netzwerktätigkeit führender Vertreter der deutschen „Zigeunerforschung“, die die Aufarbeitung der nationalsozialistischen „Zigeunerpolitik“ zu behindern und die Entlastung beteiligter Akteur/innen – die häufig auch ihre eigene Entlastung war – zu befördern suchten. In der Frage um die juristische und politische Anerkennung des nationalsozialistischen Völkermordes an den Sinti und Roma fochten Verbände und „Zigeunerforschung“ einen langwierigen, zeitweise harten Konflikt um die Diskurshoheit aus, dessen Verlauf und Ergebnisse der Referent anhand ausgewählter Episoden näher beleuchtete. Wurde von Seiten Arnolds und anderer versucht mit politischer Lobbyarbeit, polizeilichen Maßnahmen und öffentlichen Verleumdungen gegen Sinti-Verbände vorzugehen, verlegten sich letztere mehrfach auf aufsehenerregende Aktionen, wie die Gedenkveranstaltung in Bergen-Belsen (1979), die Hungerstreikaktion in Dachau (1980) oder die Besetzung verschiedener Einrichtungen, und mehrten auf diese Weise die Zahl ihrer Unterstützer in Politik, Medien und Gesellschaft merklich. Die Delegitimierung der „Zigeunerexperten“ wurde spätestens mit der Anerkennung des nationalsozialistischen Völkermordes an den Sinti und Roma durch die Bundesregierung im März 1982 offenbar. Seit Beginn der 1980er-Jahre, so die abschließende These des Referenten, reklamiert der Zentralrat die Diskurshoheit in allen wesentlichen Fragen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Geschichte und Kultur der Sinti und Roma in Deutschland.

Nach diesen beiden rahmenden Vorträgen unternahm FRANK REUTER (Heidelberg) einen Perspektivwechsel. Sein Referat widmete sich den methodologischen Potenzialen der visual history für die historische Minderheitenforschung. Ausgehend von der These, dass Visualisierungen eine entscheidende Rolle im Prozess der Minorisierung und Marginalisierung sozialer Gruppen zukommt, warf er die Frage auf, inwieweit sich der in den beiden vorangegangenen Vorträgen geschilderte Paradigmenwechsel der frühen 1980er-Jahre auch in der visuellen Repräsentation von Sinti und Roma widerspiegele und inwieweit insbesondere die Fotografie diesen Wandel nicht nur dokumentiert sondern zugleich mitgestaltet hat. Dafür widmete sich Reuter eingangs dem populären „Zigeunerbild“ in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, das er an zwei Fotobildbänden aus den frühen 1970er-Jahren exemplifizierte. Angesichts der damaligen gesellschaftlichen und politischen Umstände, die eine fortgesetzte Stigmatisierung von Sinti und Roma legitimierten und eine kritische Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten blockierten, habe auch das populäre „Zigeunerbild“ der frühen Bundesrepublik nahtlos und unkritisch an die stereotypisierende Ikonografie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts anknüpfen können. Kennzeichnend dafür seien insbesondere die durchweg ahistorische und entpersonalisierte Darstellung eines vermeintlich romantisch-exotischen „Zigeunerlebens“ im Kontrast zur modernen westlichen Zivilisation. Erst zu Beginn der 1980er-Jahre lässt sich ein grundlegender Paradigmenwechsel in der fotografischen Repräsentation von Sinti und Roma feststellen, wie Reuter am Beispiel des „Buchs der Sinti“ (1981) darlegte. Darin begann eine junge Generation sozialdokumentarisch interessierter Fotograf/innen die Prämissen gängiger „Zigeunerbilder“ zu hinterfragen und die dahinterliegenden Topoi aufzudecken. Eine entschieden personalisierte Sicht auf die Menschen, als Individuen mit einer konkreten Geschichte und einer ebenso exakt verortbaren Gegenwart sowie insbesondere mit einer eigenen Stimme, setzte grundlegend neue, empathische Akzente bei der fotografischen Inszenierung von Sinti und Roma. Kritische Beachtung erfuhren dabei erstmals auch die Folgen sozialer Diskriminierung und Ausgrenzung sowie die langfristigen Auswirkungen der im Nationalsozialismus erlittenen Verfolgung. Die erfolgreiche Etablierung einer Emanzipationsbewegung deutscher Sinti und Roma ging somit, so die abschließende These des Referenten, mit einem fundamentalen Perspektivwechsel in der Fotografie einher, der wiederum Auswirkungen auf die massenmediale Darstellung der Minderheit als Ganzes besaß.

Methodologisch-konzeptueller Art waren auch die Ausführungen von YVONNE ROBEL (Hamburg), die in ihrem Referat auf das Potenzial lokal- und regionalgeschichtlicher Perspektiven für die Erforschung der Geschichte von Sinti und Roma einging. Am Beispiel Hamburgs machte sie deutlich, dass die historische Minderheitenforschung auch eine Korrektivfunktion gegenüber hegemonialen Narrativen einnehmen und zu einer differenzierteren Sicht auf historische Abläufe beitragen kann. Vier Thesen strukturierten ihre Überlegungen, die sie jeweils mit Fallbeispielen aus der kommunalen Überlieferung illustrierte. Erstens eröffne die fokussierte Untersuchung mikrohistorischer Vorgänge, das sprichwörtliche „tiefe Bohren“ in den Quellen vor Ort, oft detailreichere Einblicke in geschichtliche Entwicklungen als die makrohistorische Draufsicht. Zweitens stellen sich Prozesse und (vermeintliche) Zäsuren aus lokal- und regionalgeschichtlichem Blickwinkel zuweilen anders dar, als in den „großen“ historiografischen Narrativen. Drittens lenke die in der Lokal- und Regionalgeschichte angelegte bottom-up-Perspektive die Aufmerksamkeit auf Strategien der Selbstermächtigung von Minderheitenangehörigen, die somit aus der konzeptionellen Objektivierung heraus und als handelnde Subjekte der Geschichte in Erscheinung treten. Viertens lässt sich auf der Mikroebene auch dem Eigensinn historischer Akteure, sowohl der Mehrheitsgesellschaft als auch der Minderheit, viel leichter nachspüren, wodurch zugleich ihre tatsächlichen Handlungsspielräume erkennbar werden.

Im abschließenden Kommentar griff UWE DANKER (Flensburg) noch einmal die im Sektionstitel formulierte Frage auf, ob Minderheitengeschichte eine historische Subdisziplin sui generis darstelle. In seiner Antwort formulierte Danker drei Überlegungen, die den Kern dieser keineswegs einfachen Frage berührten, und über deren Verständigung sich am ehesten ein (Selbst-)Verständnis von historischer Minderheitenforschung ermitteln ließe. Zum einen sei über die (Un-)Möglichkeit einer heuristischen Schärfung des Minderheitenbegriffs als geschichtswissenschaftlicher Kategorie nachzudenken. Was haben Sinti und Roma etwa mit Nordfriesen gemein, was mit frühneuzeitlichen Ketzern oder Homosexuellen? Wie eng ist ein geschichtswissenschaftlicher Minderheitenbegriff zu fassen, um präzise und offen, differenzierend und gleichzeitig allgemein zu sein. Zum zweiten ist genauer über das Verhältnis von Minderheits- und „Mehrheitsgeschichte“ zu reflektieren. Danker unterstrich, dass historische Minderheitenforschung nicht zur selbstgenügsamen Nabelschau werden dürfe, sondern stets auch die Bezüge und Verflechtungen von Minderheit und Mehrheit im Blick behalten und in ihrer gesamten Komplexität würdigen müsse. Drittens ist das Spannungsverhältnis zwischen Forschung und Aktivismus, zwischen Objektivität und Identifikation permanent zu reflektieren. Minderheitenforschung wird, aus nachvollziehbaren Gründen, häufig von Angehörigen der jeweiligen Communities selbst betrieben – zumindest aber, und genauso nachvollziehbar, von deren Verbänden und Interessenvertretungen intensiv bearbeitet und mit spezifischen Erwartungen konfrontiert. Wie weit lassen sich semi- oder außerwissenschaftliche Interessen und Motivlagen von Minderheitenvertretern mit dem Anspruch und den Arbeitsweisen freier wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung vereinbaren? Das in diesem Kontext auffallend häufig bemühte Bild des Spagats bedarf dringender Klärung.

Insgesamt leistete die Sektion einen ausgesprochen wichtigen Beitrag zur Verständigung über die Chancen und Herausforderungen der historischen Minderheitenforschung. Dabei wurden am Beispiel der Geschichte von Sinti und Roma Thesen zur Diskussion gestellt, die auch über den spezifischen Themenkontext hinaus Anschluss- und Vergleichsmöglichkeiten für andere Minderheiten bieten und zur Auseinandersetzung anregen. Als eine zentrale Erkenntnis der Veranstaltung erwies sich, dass Minderheitengeschichte stets als Beziehungsgeschichte zu begreifen ist, in der auch Akteure der Mehrheitsgesellschaft und andere soziale Bezugsgruppen eine wichtige Rolle spielen. Umgekehrt gilt aber auch, dass die „allgemeine“ Geschichtsforschung, sozusagen die Historiografie der Mehrheiten, ihre hegemonialen Prämissen reflektieren und in Austausch mit der historischen Minderheitenforschung treten muss, um so neue Perspektiven auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zu gewinnen. Dies exemplarisch anhand der Rolle von Sinti und Roma im Prozess der Demokratisierung der deutschen Nachkriegsgesellschaft dargestellt zu haben, ist das Verdienst der hier besprochenen Sektion. Es bleibt zu hoffen, dass sie den Aufschlag für weitere Veranstaltungen dieser Art bildet, von denen nachhaltige Impulse für die methodische und inhaltliche Konzeptualisierung einer vergleichenden historischen Minderheitenforschung zu erwarten sind.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Sebastian Lotto-Kusche (Flensburg)

Karola Fings (Köln): Moderation

Daniela Gress (Heidelberg): Minderheiten und Demokratisierung. Bürger- und Menschenrechtsaktivismus von Sinti und Roma in der Bundesrepublik Deutschland

Sebastian Lotto-Kusche (Flensburg): Das Ringen um die Diskurshoheit. Die Verbände der Sinti und Roma im Konflikt mit den „Zigeunerforschern“ in der Bundesrepublik Deutschland

Frank Reuter (Heidelberg): Perspektivwechsel. Die politische Emanzipation der Sinti und Roma im Spiegel der Fotografie

Yvonne Robel (Hamburg): Antiziganismus vor Ort. Zum Potenzial lokal- und regionalgeschichtlicher Perspektiven

Uwe Danker (Flensburg): Kommentar

Anmerkung:
[1] Vgl. Resolution des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands zu gegenwärtigen Gefährdungen der Demokratie, in: H-Soz-Kult, 08.10.2018, <www.hsozkult.de/news/id/nachrichten-4589>.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Minderheitengeschichte als historische Subdisziplin? Minderheits- und Mehrheitskonstellationen am Beispiel der Sinti und Roma in der BRD, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 30.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7990>.