HT 2018: Mussolini transnational. Zur Auseinandersetzung mit dem italienischen Faschismus in Asien in der Zwischenkriegszeit

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Stefan Laffin, Bielefeld Graduate School in History and Sociology, Universität Bielefeld

Auf dem weiten Feld der Faschismusforschung erscheinen in periodischen Abständen programmatische Aufsätze, die Sinn und Nutzen des Faschismusbegriffes hinterfragen, neue Forschungsfelder aufzeigen oder ein Resümee bisheriger Forschungen ziehen. Nicht selten entsteht hierbei das Zerrbild eines ausgiebig erforschten Phänomens, dessen heutiges Interesse stärker seinen Ursprung in einer politischen Gegenwartsdiagnose hat, bisweilen gar als Invektive im politischen Diskurs genutzt, als ihn analytisch in seiner historischen Komplexität zu erfassen.[1] Wie stark indes noch immer Leerstellen, und zwar nicht nur empirische, sondern allgemein konzeptionelle und methodische, bestehen, dafür lieferte die Sektion zur Auseinandersetzung mit dem italienischen Faschismus in Asien in der Zwischenkriegszeit viele Anhaltspunkte. Unter Berücksichtigung verschiedener Desiderate der Faschismusforschung gelang es, künftige Forschungsfelder präzise zu benennen.

In seiner Einführung unterstrich Sektionsorganisator LUTZ KLINKHAMMER (Rom / Mainz), dass die Herangehensweise, Mussolini und Asien zueinander in Beziehung zu setzen, in vielerlei Hinsicht neue Perspektiven schaffe, ungeachtet einer Reihe von Studien, die das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien vergleichend untersuchen. Insbesondere sei es interessant zu fragen, in welcher Weise zum Beispiel die japanische Öffentlichkeit sich die Person des italienischen Diktators aneignete oder wie allgemeiner gesprochen Mussolini in Asien nicht nur als Vorbild für eine autoritäre massenpolitische Führung dienen, sondern auch als politische Alternative in einem antikolonialen Diskurs Verwendung finden konnte.

Daran anschließend analysierte MARIA FRAMKE (Rostock) die indischen Wahrnehmungen des faschistischen Italiens. In ihren Ausführungen strich sie heraus, dass die Beschäftigung mit Italien bei Weitem kein Alleinstellungsmerkmal faschismusaffiner Kreise war. Vielmehr sei es gerade jemand wie Jawaharlal Nehru gewesen, der sich intensiv mit dem italienischen Faschismus auseinandersetzte und bedeutend größere Kenntnisse über dessen ideologischen Prämissen erwarb, als dies oftmals für pro-faschistische Kreise gelten konnte. So habe man sich beispielsweise besonders stark für die Jugend- und Bildungspolitik Italiens interessiert. Es sei folgerichtig dieser Bereich gewesen, in dem vermehrt italienisch-indische Kooperationen auszumachen waren. Letztlich, so konstatierte Framke, fungierte das faschistische Italien als Alternative zum britischen Ordnungsmodell einer Kolonialgesellschaft. Hierbei unterstrich sie insbesondere die Rolle Italiens als Vorbild für ein indisches Nation-Building. Gleichsam als Leidensgenosse erkannt, da nicht auf politischer Augenhöhe mit England und Frankreich agierend, konnte Mussolini hier als Erneuerer bzw. Befreier aus der Verbindung mit Großbritannien betrachtet werden. Da der indischen Rezeption selbstredend eine anti-koloniale Attitüde eingeschrieben gewesen sei, stieß die expansionistische Außenpolitik des faschistischen Italiens, zuvorderst dessen Kriege in Afrika, jedoch auf Kritik und löste eine Distanzierung aus. Somit war der italienische Faschismus als Rezeptionsgegenstand vor allem in den 1920er- und 1930er-Jahren präsent – es war jedoch eine selektive Rezeption, die überdies in äußerst kontroverse Diskussionen eingebettet war, wie Framke überzeugend darlegte. Strukturell formuliert hieß dies, dass die Qualität der Faschismusrezeption für Indien darin bestand, bei der Suche nach Anregungen für die Gestaltungen des postkolonialen Staates im italienischen Beispiel einen Fundus an Alternativen vorzufinden.

Den anders gelagerten japanischen Fall präsentierte DANIEL HEDINGER (München) in seinem Beitrag. Hedinger eröffnete seinen Vortrag mit einigen Anregungen für eine Geschichtsschreibung eines globalen Faschismus, die das ‚Globale‘ als Zugriff und nicht als Resultat der historiographischen Arbeit betrachten solle. Mit einem von der Fixierung auf Europa losgelösten Blick auf den Faschismus in Asien sei man in der Lage, zu neuen, und bisweilen ganz anderen, Kenntnissen zu gelangen als es die Faschismusforschung bisher zu leisten im Stande gewesen sei. Dabei schlug Hedinger ‚Gravitation‘ als Kategorie vor, da diese begrifflich Prozesse der gegenseitigen Anziehung umfasse und der Radikalisierung faschistischer Regime in Europa und Asien gerecht werde. Empirisch untermauerte Hedinger diese Überlegungen mit Verweis auf den japanischen Faschismus. So habe das Kaiserreich bereits vor der Universalisierung des italienischen Faschismus seit Beginn der 1930er-Jahre, die Mussolini noch 1928 mit seiner berühmten Wendung, dass der Faschismus kein Exportartikel sei, gedämpft hatte, seinen ganz eigenen Faschismusboom erlebt. Dementsprechend sah man in Japan den Faschismus eher als weltweilte Bewegung denn als italienisches Charakteristikum. Just in dem Moment, als Rom somit zum Mekka der Faschisten avancieren sollte, ging der Faschismusboom in Japan folgerichtig zurück. Dies fand seinen Niederschlag, so eine der zentralen Thesen Hedingers, auch auf der sprachlichen Ebene. Konzepte wie ‚Kōdō‘, ‚Ōdō‘ oder ‚Shōwa Ishin‘ leiteten eine Rekontextualisierung des Faschismus ein, in dem Japan, und eben nicht Italien, als Vorbild fungierte. Trotz dieser Versuche, eine dezidiert japanische Position zu finden, biete der gleiche Zeitraum aber auch hinreichend Belege für die Konvergenz faschistischer Regime. Hedinger identifizierte hierbei drei ‚globale Momente’: Der Erste zu Beginn der 1930er-Jahre sei geprägt gewesen von den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und der beschleunigten Industrialisierung. Ein zweiter Moment sei mit dem Abessinienkrieg 1935/36 auszumachen, der nicht zuletzt von der imperialen Expansion Japans inspiriert war. Schließlich markieren der Antikominternpakt 1936, aber auch der erste Besuch einer Gesandtschaft des Partito Nazionale Fascista (PNF) im März 1938 in Japan einen dritten globalen Moment. Diese wechselseitigen Gravitationen seien es gewesen, so pointiert zusammengefasst, die zum Ende der Dekade in faschistische Bündnisse mündeten.

In seinem Vortrag ging LUTZ KLINKHAMMER (Rom / Mainz) auf die ausländischen Besucher bei Mussolini ein. Die Audienztermine, die der italienische Diktator diesen gewährte, ließen sich durch archivalische Quellen (Kalenderblätter der Kanzlei Mussolinis) nachverfolgen. Für diese Zwecke können Forscher/innen mittlerweile auf eine umfangreiche Datenbank zurückgreifen, die am Deutschen Historischen Institut in Rom erarbeitet wurde und vor Ort konsultierbar ist.[2] Trotz der wegweisenden Studie Wolfgang Schieders, der 2013 erstmalig die Audienzen als zentrales Element des Diktatursystems Mussolinis untersucht hat[3], käme diesen ausländischen Besuchen nach wie vor eine zu geringe Bedeutung in der historischen Forschung zu. Die Relevanz der Besucher bzw. oftmals ganzer Besuchergruppen liege auf der Hand: Sie agierten als Multiplikatoren des Exportartikels Faschismus und trugen durch ihre Berichte, die sie zahlreich nach ihrer Rückkehr veröffentlichten, maßgeblich zur persönlichen Reputation Mussolinis bei. Vor diesem Hintergrund sei es leicht verständlich, warum Treffen mit Künstlern, Industriellen, Adeligen oder Journalisten eine ähnlich hohe Bedeutung zugekommen sei wie jenen mit traditionellen Diplomaten. Die über 95.000 Einträge, die aus den Quellen ermittelt wurden und die institutionelle wie private Treffen widerspiegeln, böten reichhaltiges Forschungsmaterial, wenngleich sich der Inhalt der Gespräche aus den Kalenderblättern nicht ablesen lasse. Neben den Deutschen als quantitativ größter Besuchergruppe figurierten hier US-Amerikaner, Franzosen, Briten und Japaner besonders stark. Vom Sozialprofil her waren Adelige stark vertreten. Ein Besuch Mussolinis sei somit fester Bestandteil einer neuen ‚Grand Tour‘ europäischer und amerikanischer Eliten gewesen. Der Inszenierungscharakter der Audienzen erlaube somit einen Einblick in zentrale Mechanismen der faschistischen Diktatur, die überdies dem übergeordneten Ziel, den Faschismus zu universalisieren, zuarbeiteten, beförderten sie doch ein positiv konnotiertes Mussolinibild im Ausland. Nicht zu unterschätzen sei hingegen auch die Langzeitwirkung dieser Inszenierung des Faschismus. Sie fungierte als Grundlage für eine „weichgespülte“ (Klinkhammer) Faschismuserzählung, die nach 1945 einen festen Platz in der politischen Kultur Nachkriegsitaliens gefunden habe.

Die Sektion beschloss JANIS MIMURA (New York) mit einem Vortrag, der auf Mussolinis (Vorbild-)Rolle bei der Rezeption des italienischen Faschismus in Japan abhob. Direkt an Lutz Klinkhammers Ausführungen anschließend, betrachtete Mimura japanische Besuchergruppen bei Mussolini und rekurrierte dabei auch auf die von Wolfgang Schieder erarbeiteten Beobachtungen zur Audienzpraxis. Quasi idealtypisch fände sich oftmals eine klassische Abfolge: Nach der gewährten Audienz beim italienischen Diktator habe der entsprechende Besucher die in der Regel positiven Eindrücke zurück in sein Heimatland getragen und diese dann in Form eines Berichtes (Zeitungsartikel, Reisebericht etc.) mitgeteilt. Bei Matsuoka Yōsuke habe der Audienzbesuch gar dazu geführt, dass der japanische Diplomat danach sein Auftreten Mussolini nachempfand. Ein derartiges Gebaren konnte in Japan besonders nützlich sein, da Mussolini eine enorme Medienpräsenz zu Teil geworden sei. Den Höhepunkt dieses ‚Mussolinibooms‘ machte Mimura für das Ende der 1920er-Jahre aus, als eine Reihe von Biographien über den italienischen Faschisten erschienen und Theaterstücke sowie Kinderbücher Mussolini zum Gegenstand hatten. Zugleich klangen bei dem Vortrag inhaltliche Bezüge zu den ersten beiden Sektionsbeiträgen an. So wurde deutlich, dass es auch Momente der Vereinbarkeit zwischen japanischem und italienischem Faschismus geben bzw. eine Art japanisch-italienische Homogenisierung Ziel der Rezeption sein konnte. Vor diesem Hintergrund wurde Mussolini als vorbildlicher Führer präsentiert, dessen Faschismus kompatibel mit den japanischen Vorstellungen eines Familienstaates sei. Eine solche Sichtweise erlaube es, besonders stark auf die Jugend im Sinne einer geistigen Erneuerung zu fokussieren, sowie eher selten betrachtete Aspekte wie eine feminine Seite des Faschismus in den Vordergrund zu rücken und Mussolini selbst als loyalen, familienorientierten Menschen zu präsentieren. Den Nutzen einer solchen Zurschaustellung habe wohl auch Mussolini selbst erkannt, billigte er doch dieses Bild, indem er überraschenderweise eine Show der im November 1938 in Europa gastierenden Takarazuka Revue, einer populären weiblichen japanischen Musiktheatergruppe, aufsuchte und sich so implizit als patriarchalische Figur inszenierte.

Die an die vier Sektionsbeiträge anschließende Diskussion konnte schließlich punktuell auf einige Teilaspekte der Vorträge eingehen. So überzeugten die Beiträge dahingehend, dass das Plenum sie als gelungene Beispiele interpretierte, wie die Universalisierung des Faschismus analytisch greifbar und auch beschreibbar gemacht werden könne. Gleichwohl – so ein grundlegender Einwand aus dem Plenum – gelte es immer zu bedenken, was nun eigentlich genau rezipiert, adaptiert oder transferiert wurde. War dies der (italienische) Faschismus oder nicht doch eher nur die Figur Mussolinis? Die zahlreichen Theaterstücke und Buchpublikationen zum Diktator scheinen hier für letztere Deutung zu sprechen, wenngleich eine solche Einschränkung auf eine faschistische Führungsfigur wiederum ganz neue Probleme evoziert. Demnach würde das japanische Beispiel in Ermangelung einer dezidiert faschistischen Führungsfigur schwerlich als faschistisch gelten können. Dieses Spannungsverhältnis deutete im Übrigen der Titel, mit dem die Sektion überschrieben war, bereits an, in dem er sowohl Mussolini als auch den Faschismus thematisierte. Auch gänzlich andere italienische Modelle, die im asiatischen Raum auf reges Interesse stießen, waren präsent: So war etwa für Indien das Risorgimento mit seiner dezidierten Nation Building-Perspektive von enormer Bedeutung. Gleichzeitig ließe sich fragen, wie es sich mit anderen Bewegungen/Führerpersönlichkeiten und deren Rezeption – zu denken wäre hier etwa an D’Annunzio in Fiume – verhielt.

Im Ergebnis konnte die Sektion belegen, wie viel historiografisches Neuland weiterhin besteht und wie gleichsam vorgeblich ausgetretene Pfade der Faschismusforschung noch lange nicht in ihrem vollen Erkenntnispotential ausgeschöpft sind. So können der Vergleich oder auch transfergeschichtliche Ansätze weiterhin äußerst ergiebig sein, sofern in einer konsequenten – und ebenbürtigen – Perspektive auch der asiatische Raum miteinbezogen wird. Für Japan lässt sich für die 1920er-Jahre ein Faschismusboom konstatieren, der sich in den 1930er-Jahren strukturell änderte und nun danach strebte, eine stärkere Sichtbarkeit des eigenen Faschismus herzustellen. Gleichzeitig fordert ein solcher Vergleich die Forschung auch heraus, sich mit der Rolle der Führungsfigur in faschistischen Systemen auseinanderzusetzen, da der Fall Japan gänzlich anders gelagert ist[4]. Ein geographischer Fokus auf Asien stellt bei einer globalen Geschichte des Faschismus einen enormen Gewinn dar, der dominante Faschismusvorstellungen hinterfragt. Inwiefern hier von einer Rezeption bzw. einem Transfer oder nicht doch eher von Austausch, Aneignungen – und ganz neutral formuliert – einer Auseinandersetzung zu sprechen wäre, bliebe in Einzelstudien zu klären. Gleichwohl würden solche Studien vermutlich Argumente befördern, die bereits in Untersuchungen zum deutsch-italienischen Verhältnis herausgearbeitet worden sind[5]. So konnten sämtliche Sektionsbeiträge zeigen, dass die Auseinandersetzung mit dem italienischen Faschismus immerzu selektiv war und die Jugend-, Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik als Thema favorisierte. Zugleich war diese Auseinandersetzung in den seltensten Fällen auf rein ideologische Prämissen zurückzuführen. Vielmehr gewann die Beschäftigung mit dem italienischen Beispiel gerade in dem Moment an Qualität, in dem es innenpolitisch nutzbar gemacht werden konnte. Eine konsequente Berücksichtigung und entsprechende Gewichtung asiatischer Beispiele birgt insofern ein großes Erkenntnispotenzial für die Faschismusforschung. Einer solchen Erweiterung kann mit Spannung entgegengesehen werden, aber auch mit einer gewissen Ehrfurcht angesichts der ihr innewohnenden Komplexität.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Lutz Klinkhammer (Rom / Mainz)

Maria Framke (Rostock): Vorbild oder imperialer Aggressor?: Indische Wahrnehmungen des faschistischen Italiens in der Zwischenkriegszeit

Daniel Hedinger (München): Globaler Faschismus. Eine japanisch-italienische Verflechtungsgeschichte der 1930er Jahre

Lutz Klinkhammer (Rom / Mainz): Inszenierung der Diktatur: Ausländische Besucher bei Mussolini

Janis Mimura (New York): Marketing Italian Fascism: Mussolini and Wartime Japan

Anmerkungen:
[1] Siehe auch unlängst den ausgezeichneten Forschungsüberblick von Fernando Esposito: Faschismus – Begriff und Theorien, in: http://docupedia.de/zg/Faschismus#Empfohlene_Literatur_zum_Thema (25.10.2018).
[2] Siehe dazu auch den Aufsatz von dem Projektarbeiter Amadeo Osti Guerrazzi, der die Quellen erhoben und ausgewertet hat. Amedeo Osti Guerrazzi, Das System Mussolini. Die Regierungspraxis des Diktators 1922 bis 1943 im Spiegel seiner Audienzen, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2 (2018), S. 201–232.
[3] Wolfang Schieder, Mythos Mussolini. Deutsche in Audienz beim Duce. München 2013.
[4] Reto Hofmann, The Fascist Effect: Japan and Italy, 1915-1952. Ithaca 2015.
[5] Wolfgang Schieder, Das italienische Experiment. Der Faschismus als Vorbild in der Krise der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift 262 (1996), S. 73–125.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Mussolini transnational. Zur Auseinandersetzung mit dem italienischen Faschismus in Asien in der Zwischenkriegszeit, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 30.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7992>.