Zukunft im Mittelalter. Zeitkonzepte und Planungsstrategien

Ort
Reichenau
Veranstalter
Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte e.V.
Datum
09.10.2018 - 12.10.2018
Von
Andreas Büttner, Historisches Seminar, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg; Manuel Kamenzin / Friederike Pfister, Historisches Institut, Ruhr-Universität Bochum

In seiner Eröffnung der Herbsttagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte e.V. stellte BERND SCHNEIDMÜLLER (Heidelberg) den Zugriff der Tagung vor, die den Blick auf kollektive mittelalterliche Zukunftskonzepte verschiedener Reichweite lenken und mit individuellen Planungsstrategien konfrontieren sollte. Hierdurch solle die lange in der Forschung privilegierte Frage nach eschatologischen Vorstellungen nicht verdrängt, sondern um neue Ansätze ergänzt werden. Schneidmüller kontrastierte diese Gesamtheit mittelalterlicher Zukunftsvorstellungen explizit mit heutigen Vorstellungen. Damit führte er die Relevanz des Themas über diese Tagung hinaus vor Augen.

KLAUS OSCHEMA (Bochum) steckte im anschließenden Abendvortrag den thematischen Rahmen näher ab: Ausgehend von der Frage, ob es im Mittelalter eine (offene) Zukunft gegeben habe, stellte er als Ergänzung zu bekannten Großentwürfen eine Auswahl neuerer Forschungsprojekte und Zugänge vor, die sichtbar machten, wie konkrete Handlungen als Vorbereitung auf eine kommende säkulare Nahzukunft gedeutet werden könnten. Ein besonders klares Zeugnis vom Interesse an einer innerweltlichen, handlungsoffenen Zukunft böten die bislang in der breiteren Forschung nicht in ihrer vollen Bedeutung wahrgenommenen astrologischen Schriften des späteren Mittelalters: Seit dem 13. Jahrhundert profilierten sich Astrologen als Experten für Zukünftiges, da ihre Expertise im Gegensatz zur Prophetie stets verfügbar war, sich auf alle Lebensbereiche beziehen konnte und auf einer als wissenschaftlich proklamierten Grundlage erarbeitet wurde.

Die kollektiven Großentwürfe waren Gegenstand der beiden folgenden Vorträge. Zunächst widmete sich KLAUS HERBERS (Erlangen) den christlichen Vorstellungen von Geschichtsverlauf, Eschatologie und Transzendenz. Von den biblischen Grundlagen ausgehend, präsentierte Herbers reichhaltige Einblicke in Textzeugnisse aus mittelalterlichen Apokalypsenkommentaren, Historiographie, Prophetie sowie Visionsliteratur und Jenseitsreisen und machte sichtbar, wie das Ende aller Zeiten als Ende der eigenen Lebenszeit, aber auch als kollektives Ende imaginiert werden konnte. Aus diesem fundierten Überblick heraus formulierte er abschließend konkrete Anregungen für zukünftige Forschungen. Unter anderem rief er dazu auf, die verschiedenen Formen mittelalterlicher Weltalter(lehren) in Historiographie und anderem Schrifttum zu sichten, Visionsliteratur und Jenseitsreisen sowie Formen der Fürsorge miteinzubeziehen und den Vergleich mit Zukunftsvorstellungen anderer Religionen anzustellen.

Letzteres griff STEFAN LEDER (Halle) mit seinen Ausführungen zu muslimischen Zukunftsvorstellungen auf. Er stellte seinen Überlegungen eine moderne Definition von Zukunft voran, die als Möglichkeit zu betrachten sei, aus eigener Kraft individuelle oder kollektiv das Leben bestimmende Parameter zu verändern. Diese Vorstellung suchte Leder in einer großen Auswahl verschiedener Quellengattungen von frühislamischer Poesie bis hin zu politischer Ratgeberliteratur. Sein Befund gestaltete sich dabei weitgehend negativ, da ein solches "aktivistisches" Zukunftskonzept, wie es die moderne Definition vorgab, in den untersuchten muslimischen Quellen nicht zu identifizieren sei. Vielmehr manifestierten sich muslimische Zukunftsvorstellungen als Vergegenwärtigungen eines fernen, dabei aber nicht zwingend eschatologischen Fluchtpunkts.

Die folgenden beiden Vorträge widmeten sich den Vorbereitungen auf die Zukunft anhand von zwei unterschiedlichen Gegenständen, der Prophetie und der bildlichen Darstellung. ANKE HOLDENRIED (Bristol) stellte die in der Forschung bisher wenig beachteten „Distinctiones“ des Petrus Cantor ins Zentrum ihres Vortrags über den Umgang mit und die Interpretation von Prophetie im 12. Jahrhundert. Die auf Prophetie bezogenen Lemmata des Werks mit ihren gezielten Verweisen auf Vorgänge und Personen des Alten und Neuen Testaments zeigen den Propheten als Sprachrohr Gottes: Er ist Verkünder, nicht Quell des Wissens. Diese Ansicht sei jedoch nicht explizit ausformuliert worden, sondern müsse – ganz im Sinne der zu vermittelnden Botschaft und dem Ausbildungscharakter des Werks – vom Leser erschlossen werden, indem dieser zum eigenen deutenden Nachvollzug angeleitet werde.

Aus kunsthistorischer Sicht behandelte DANIELA WAGNER (Tübingen) mit den „Fünfzehn Zeichen“, dem heiligen Christophorus und weiteren Darstellungen Objekte, durch die man Zukunft im Bild zu fassen suchte. Diese ließen die Perspektive des einfachen Gläubigen hervortreten, der durch ihre Betrachtung auf verschiedene Weise für das individuelle wie universelle Ende vorbereitet worden sei: Während die „Fünfzehn Zeichen“ zu einem guten Leben und zur Besinnung angesichts der Apokalypse ermahnten, versprach der Heilige Christophorus für einen Tag Schutz vor einem plötzlichen Tod. Den Gläubigen seien so verschiedene Dimensionen von Zeitlichkeit vor Augen getreten, die aber stets auf Zukünftiges ausgerichtet gewesen seien. Dies habe sie darin bestärkt, in der Gegenwart zu handeln und so der Zukunft aktiv zu begegnen.

BENJAMIN SCHELLER (Duisburg-Essen) legte mit dem Begriff der "Zukunftspraxis" den Fokus auf das Handeln der Akteure, die durch Stiftungen eine transzendente wie immanente Zukunft gestalteten. Stifter suchten dauerhaften Einfluss auf Künftiges zu nehmen; die Sorge um das Seelenheil führte somit auch zu einer Gestaltung der (säkularen) Welt. Dabei zogen die Stifter innerweltliche Gefahren in Betracht, wie beispielsweise die Pflichtvergessenheit der Destinatäre oder einen zu geringen Ertrag der Stiftung – nicht jedoch, dass der Stiftungszweck selbst obsolet werden könnte. Dem zumeist anzutreffenden zyklischen Zukunftshorizont, der in regelmäßig wiederholten Leistungen deutlich wird, stellte Scheller die Stiftungskonzeption des toskanischen Kaufmanns Francesco Datini zur Seite. Ihr Vollzug wurde offener für zukünftigen Wandel gestaltet, was möglicherweise als Ausweis einer neuen Haltung zur Zukunft gewertet werden könne.

ULLA KYPTA (Basel) präsentierte Kaufleute als bewusste Planer für die nahe Zukunft, wofür sie theologische wie merkantile Quellen heranzog. Seit dem 13. Jahrhundert wurde der potentiellen Sündhaftigkeit des Kaufmanns mit Rechtfertigungen begegnet, die nicht den zu erzielenden Gewinn, sondern die richtige Intention ins Zentrum stellten: Der Kaufmann trage nicht nur die Kosten des Transports, sondern er nehme auch das Risiko einer unsicheren Zukunft auf sich und diene damit der Gesellschaft als Ganzes. In ihrer Geschäftspraxis verfolgten die Kaufleute eine doppelte Vorsorgestrategie: Durch erfahrungsbasierte Probabilitätsabschätzungen mittels Informationen ebenso wie durch Vorsicht und Umsicht mittels Diversifizierung als Schutz vor unvorhersehbaren Ereignissen. Kaufmännisches Handeln war damit geprägt von Prävention für das Jenseits und Streben nach Resilienz im Diesseits.

Die letzten beiden Vorträge fokussierten auf unterschiedliche Weise (zukünftige) Idealzustände und ihre Wechselwirkungen mit der Gegenwart. JULIA BURKHARDT (Heidelberg) beschäftigte sich mit der Frage, inwieweit monastische Gemeinschaften nicht nur mit dem zukünftigen Gottesreich verglichen, sondern als dessen Abbild gesehen oder gar bewusst entsprechend inszeniert worden seien. Sie zeigte auf, wie das himmlische Jerusalem im theologischen Denken als Richtschnur für das gegenwärtige Leben interpretiert und diese Vorstellung im gemeinsamen Handeln der Mönche durch Regeln und Rituale umgesetzt worden sei. Die irdische Vergegenwärtigung des himmlischen Jerusalems spiegele sich auch in der Gestaltung von Fresken oder der Anlage von Gärten in Nachempfindung des Paradiesgartens wider.

THOMAS ERTL (Wien) nahm in seinem Vortrag Kreuzzugspläne nach 1291 in den Blick und ordnete diese im Spektrum zwischen Utopie und useful knowledge ein. Die Traktate wiesen häufig kaum praktische Relevanz auf; es zeigten sich jedoch immer wieder utopische Elemente, weshalb Ertl die Schriften vor allem als Ausdruck eines europäischen Überlegenheitsdenkens interpretierte, das er in einen größeren Kulturvergleich einbettete. In einem zweiten Schritt untersuchte er die Traktate in ihrer Rolle als Praxishandbücher und beleuchtete den Nutzen der Werke sowohl für die Autoren als auch für die Leser. Als Analysebegriff führte er das Konzept von useful knowledge ein, um das Anwachsen von Spezialwissen und dessen technologische und wirtschaftliche Auswirkungen zu analysieren. Den zentralen Vorteil einer solchen Betrachtung sehe er mit Blick auf das Tagungsthema darin, dass eine bewusste Ansammlung von useful knowledge die Vorstellung von Planbarkeit und Gestaltbarkeit von Zukunft voraussetze.

In ihrer Zusammenfassung verortete PETRA SCHULTE (Trier) die Vorträge und Diskussionen in einem weiteren Rahmen und zeigte offene Fragen für die zukünftige Forschung auf. Sie betonte, dass das Sprechen über Zukunft stets eine Imagination von Zukunft beinhalte, da diese inhärent unwissbar sei. Sowohl die Deutung der Vergangenheit als auch das Verständnis der Gegenwart beeinflussten diese Imaginationen von Zukunft und führten so zu einer engen Verzahnung der drei Zeitebenen. Für die Zukunftsvorstellungen im Mittelalter stand die Verortung zwischen Immanenz und Transzendenz im Vordergrund, der sich Schulte insbesondere durch die Einordnung des Begriffs der aeternitas näherte. Das Diesseits werde umspannt von der Ewigkeit (aeternitas), die allerdings vor dem Tod nicht sichtbar sei. Dieses Nicht-Sehen schuf einen Bedarf an Sehenden, das heißt Propheten, um die Zeichen der Endzeit interpretieren zu können. Es bleibe allerdings immer noch die Frage, wie man mit der Kontingenz der Welt umgehen beziehungsweise diese erklären sollte.

Diese Anregungen bestimmten auch die Abschlussdiskussionen zu weiten Teilen. In ihren Voten unterstrichen die Tagungsorganisatoren wichtige Erkenntnisse und Anregungen, die von den Beiträgen und Diskussionen herausgearbeitet wurden. Bernd Schneidmüller betonte vor allem die Verschränkung mittelalterlicher Großentwürfe mit individueller, konkreter Planung für eine nahe Zukunft. Die Berücksichtigung dieser Gesamtheit müsse dabei zu einer innerfachlichen Komplexitäts- und Alteritätsanreicherung führen, die allerdings mit einer Komplexitätsreduktion nach außen einhergehen müsse. Den Dialog mit der Gegenwart, der dabei auch didaktisch vereinfachend gestaltet werden könne, stellte er als wichtige Aufgabe des Historikers/der Historikerin heraus. Klaus Oschema griff die leitende Frage nach der Existenz einer offenen Zukunft im Mittelalter nochmals auf, deren Sinnhaftigkeit und Fruchtbarkeit die Tagung aufgezeigt habe, wobei die Pole der eschatologischen Orientierung wie der konkreten (säkularen) Planung gleichermaßen präsent gewesen seien. Weiterhin wies er darauf hin, dass beim Forschen über Zukunftsvorstellungen auch immer die Frage nach der Zeit und den verschiedenen Zeitverständnissen gestellt werden müsse. Gerade in diesem Bereich sei es daher besonders wichtig und fruchtbar die Zusammenarbeit mit anderen Epochen und Disziplinen zu fördern.

Konferenzübersicht:

Bernd Schneidmüller (Heidelberg): Mittelalterliche Zukünfte – Anfangsgedanken

Klaus Oschema (Bochum): Die Zukunft von einst – Befunde und Probleme

Klaus Herbers (Erlangen): Geschichtsverlauf, Eschatologie und Transzendenz in der lateinischen Christenheit des Mittelalters

Stefan Leder (Halle an der Saale): Auf den Spuren der Zukunft in der muslimischen Welt des Mittelalters

Anke Holdenried (Bristol): Future Matters in the Medieval West: Teachings on Prophecy in Twelfth-Century France

Daniela Wagner (Tübingen): Für die Zukunft. Prospektive Bilder und Bildkonzepte

Benjamin Scheller (Duisburg-Essen): Stiftungen des Mittelalters als Mittel der Gestaltung einer transzendenten und immanenten Zukunft

Ulla Kypta (Basel): Handel als Vorsorge für eine ungewisse Zukunft

Julia Burkhardt (Heidelberg): Monastische Gemeinschaften als Abbild des zukünftigen Gottesreichs

Thomas Ertl (Berlin): De Recuperatione Terrae Sanctae. Kreuzzugspläne nach 1291 zwischen Utopie und useful knowledge

Petra Schulte (Trier): Zusammenfassung

Zitation
Tagungsbericht: Zukunft im Mittelalter. Zeitkonzepte und Planungsstrategien, 09.10.2018 – 12.10.2018 Reichenau, in: H-Soz-Kult, 08.12.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8000>.