HT 2018: Das eigene Fremde. Exklusionsparadox und römische Identität im 1./2. Jahrhundert n. Chr.

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Christian Fron, Universität Heidelberg

Die von THOMAS BLANK (Mainz) sowie von FELIX MAIER (Würzburg) organisierte Sektion gliederte sich in drei sehr unterschiedliche Beiträge, die verschiedene Aspekte des „eigenen Fremden“ beleuchten sollten.

Das erklärte Ziel der Sektion bestand darin, sich die Probleme und Ausgrenzungen sowie auch die sich eventuell ergebenden Lösungsstrategien bei der Öffnung, der Interaktion und der Kommunikation Roms gegenüber seinem stets wachsenden Imperium aus unterschiedlichen Blickwinkeln erneut zu vergegenwärtigen. Welche jeweiligen Alteritätspostulate trafen auf eigene Identitätsbehauptungen und welche Einblicke in die römische Gesellschaft eröffneten sich hierdurch. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Brexit-Verhandlungen sowie auch der seit einiger Zeit geführten Debatten rund um Migration und Zuwanderung erschienen derartige Fragestellungen den Organisatoren aktueller denn je.

Das erste Paper, präsentiert von BENJAMIN ISAAC (Tel Aviv), widmete sich dabei den römischen Stereotypen in der Wahrnehmung der „Anderen“. Damit schloss Isaac selbst thematisch im Wesentlichen an der von ihm bereits im Jahre 2004 veröffentlichten Monographie zum Rassismus in der klassischen Antike an. [1] Der Vortrag gliederte sich in drei Hauptteile: Erstens, einer Darstellung der von Isaac identifizierten Spannungen und Anfeindungen innerhalb der multiethnischen Gesellschaft des Imperium Romanum sowie etwaiger Folgewirkungen solcher Mentalitäten für das Funktionieren der Imperium Romanum als integrierendem Ganzen. Zweitens, der engen Verzahnung derartiger Vorurteile mit antiken Konzepten und Vorstellungen der Sklaverei. Schließlich drittens, den solchen Vorstellungen zugrundeliegenden Konzepten einer Ideologie des Imperialismus. Der Fokus der Darstellung wurde auf das erste vor- sowie das erste nachchristliche Jahrhundert gelegt.

Die Darstellung Isaacs widmete sich zunächst den Vorstellungen eines umweltbedingten Determinismus bei der Entwicklung von Menschen und Gesellschaften, wie er sich etwa in der Politik des Aristoteles finden lasse (1327b). Derartige Gedanken wurden später von römischen Autoren übernommen und (über die Hervorhebung der besonderen geographischen Lage von Italien und die sich dadurch ergebende besondere Exzellenz von deren Bewohnern) zusätzlich zu einer wichtigen Grundlage für römische Herrschaftsansprüche. Derartige ideologische Überlegungen hatten jedoch, wie Isaac betonte, keinerlei Niederschlag auf die praktische Herrschaftsgestaltung gehabt, wie dies etwa die differenzierte Zusammensetzung des römischen Heeres bezeugt. Neben den geographischen würden auch die ererbten Charakteristika in der antiken Vorstellungswelt einen essenziellen Faktor bei der Ausgestaltung des eigenen Wesens darstellen. Sowohl geographische als auch ererbte Charakteristika ließen sich in der literarischen Stereotypisierung harmonisch miteinander verbinden.

Auf erneuter Grundlage der Überlegungen von Aristoteles‘ Politik [2] wurden derartige Überlegungen einer vermeintlich naturbedingten „Andersartigkeit“ oder „Minderwertigkeit“ mancher Personengruppen und Völkerschaften (wie etwa Nichtgriechen) von Isaac auch auf die antike Legitimierung von Sklaverei sowie die Herrschaft über andere im Allgemeinen zurückgeführt. Dies führte zudem zu Vorstellungen einer Degeneration und eines Niedergangs von Völkerschaften im Falle einer Unterwerfung. Die von Isaac dargestellte, römische Wahrnehmung „Anderer“ wurde anschließend anhand der Beschreibungen von Syrern und Germanen noch einmal exemplifiziert.

In der Diskussion des Beitrages von Benjamin Isaac wurde auf die Frage nach der Rolle von Kultur und Zivilisation als Gegengewicht zu den Stereotypen (etwa das Bild des edlen Skythen bei Lukian) und ihre eventuelle Rechtfertigungsgrundlage kurz eingegangen, wobei diese Themen nach Benjamin Isaac eigene Vortragsthemen bilden würden. Auf die hier ebenfalls sehr interessanten Fragen der Stereotypisierung von Freilassung innerhalb des hier vorgestellten Konzeptes sowie auch der Unterschiede und Binnendifferenzierung des Sklavenbildes innerhalb der römischen Rechtstexte [3] konnte bedauerlicherweise nicht eingegangen werden. Denn entgegen jeglicher Stereotypisierung begann man bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. damit, den Rechtsstatus der Sklaven in einigen Belangen zu regeln und somit zu verbessern. Zudem dürfte die zunehmende Einbeziehung von Sklaven und Freigelassenen in die kaiserliche Verwaltung einen wichtigen Anlass und Kontext für die Pflege entsprechender Stereotype innerhalb der Oberschichtenliteratur dargestellt haben. Insgesamt wären bei jeder der behandelten Quellenstellen die Kontexte und Funktionen der Stereotype aufs Neue zu erörtern gewesen, was aber der zeitliche Rahmen der Veranstaltung nicht zuließ.

In seinem Beitrag übertrug Thomas Blank das Sektionsthema des Eigenen Fremden nun auf die Exklusions- und Inklusionsmechanismen im antiken religiösen Kult und den darüber geführten zeitgenössischen Diskurs am Beispiel der Mater Magna im ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Von besonderer Bedeutung war zunächst das von ihm auf die antiken Kulte angewendete moderne Konzept der „Exkludierenden Inklusion“, welche es – so die These – den Mitgliedern einer Gruppe erlaubt, in exklusive Konkurrenz zum erklärten Gegenüber, der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, zu treten. Er behandelte die literarisch geführten Diskurse um den „unrömischen“ oder exotischen Charakter des Kultes sowie die damit einhergehenden Stereotype in der zeitgenössischen Literatur. Blanks epigraphischer Befund: Juvenal habe den Begriff des „Römischen“ als Ideal und den Kult als dessen Gegenbild genutzt, welches von ihm zwar als Inbegriff des „Unrömischen“ dargestellt wurde, aber zugleich auch die Vergeblichkeit der Exklusion des „Unrömischen“ aus dem römischen Alltag plastisch vor Augen führe. Tatsächlich ließe sich vor allem in der Kaiserzeit ein veränderter Umgang mit sogenannten „fremden Kulten“ feststellen. Zwar seien sie schon in der republikanischen Zeit in die Zivilreligion eingebunden worden, dennoch blieben die für den rituellen Betrieb zuständigen Funktionsrollen Einwohnern kleinasiatischer Abstammung vorbehalten und wurden somit aus der republikanischen Öffentlichkeit ausgegrenzt. Dies änderte sich erst in der Kaiserzeit, was zunehmend auch zu Kritik führte. Diese Kritik sei bei Bürgern allgemein eng mit dem in der Kaiserzeit häufiger geführten Männlichkeits- sowie Leistungsdiskurs verknüpft.[4] Insgesamt sei dieser Diskurs je nach Geschlecht, bürgerrechtlichem Status und der Funktion innerhalb der Tempelöffentlichkeit ganz unterschiedlich intensiv ausgetragen worden.

Einige vermeintliche Stereotypen und Formen der Abgrenzung wurden von den Mitgliedern des Kultes selbst öffentlich präsentiert und somit zum Teil des eigenen und nach außen hin kommunizierten Selbstbildes. So betonte die öffentliche Repräsentation der Kultanhänger vor allem im römischen Stadtgebiet bei den ingenui auch ikonographisch die kulturelle und sexuelle „Andersartigkeit“ der Kultvertreter, was ihren Sonderstatus zusätzlich manifestiert habe.

Die Diskussion konzentrierte sich auf das vorgestellte Konzept der exkludierenden Inklusion / inkludierenden Exklusion und seine Übertragbarkeit auf andere Kulte. Zudem wurden die Veränderungen des Magna Mater Kultes von der Republik in die Kaiserzeit noch einmal kurz besprochen. Jenseits der von Blank hier vorgestellten Kommunikationsebene, erscheint eine Übertragung auf den realen Alltag allerdings schwierig. Welche realen Exklusivitäts- oder Exklusionsansprüche konnten bei der kultischen „exkludierenden Inklusion“ in einer Welt gestellt werden, bei der die Mitglieder des betreffenden Kultes über weite Teile ihres Tages auch in religiöser Hinsicht dem erklärten Gegenbild der „Mehrheitsgesellschaft“ und eventuell auch weiteren Kulten angehörten. In welchen besonderen Lebenssituationen kamen diese überhaupt erst zum Tragen? Welche Formen der Ausgrenzung konnten, wie dies nicht zuletzt Juvenal selbst bestätigt, faktisch angewendet und somit öffentlich reflektiert werden? In welcher Weise spiegelt dies nicht vielmehr den Facettenreichtum der antiken römischen Gesellschaft wieder?
Als dritten Teil der Vorträge präsentierte Felix Maier einen Ausschnitt aus seinem neuen Buchprojekt, das sich mit Hadrian befasst. Er fokussierte auf die Integration eroberter Kulturen in den römischen Kulturraum sowie die dabei entstehenden Spannungen und Reibungsprozesse. Diese seien vor allem ab der Mitte des 1. Jahrhundert n. Chr. wieder zunehmend wahrgenommen und thematisiert worden. Vor diesem Hintergrund bewertete Maier einige Maßnahmen des Kaisers Hadrian als eine Reaktion auf ein sowohl in Rom als auch in den Provinzen immer stärker um sich greifendes Gefühl des gegenseitigen Auseinanderdriftens. Blank führte für die römischen Autoren etwa Seneca, Plinius d. Ä. und Petron an. Auf der anderen Seite berichtete etwa auch Lukian (allerdings erst in nachhadrianischer Zeit) in einigen seiner Schriften von römischen Ressentiments gegenüber Griechen und Fremden im Allgemeinen. Derartige Vorurteile seien im Kontext zunehmender Zuwanderungen ab der zweiten Hälfte des 1. Jahrhundert n. Chr. und den damit einhergehenden Veränderungen in allen sozialen Schichten zu beobachten.

Maier betrachtete vier kaiserliche Reaktionen Hadrians angesichts dieses Spannungsfeldes zwischen Einheimischen und Zugezogenen. Erstens die monumentale Architektur, wie etwa den Doppeltempel für Venus und Roma das Hadriansmausoleum, das Hadrianstor in Athen, die hadrianischen Bauten in Antinoopolis (Ägypten) und das Hadrianeum; zweitens die Personifizierungen von Provinzen auf den Münzprägungen; sowie drittens die administrativen Maßnahmen, wie etwa die Einteilung Italiens in vier Jurisdiktionsbezirke, das hadrianische Edikt Cod. Iust. 10,40,7; und schließlich viertens Hadrians Reisen. Ziel dieser Maßnahmen sei es gewesen, dass Rom und das Imperium Romanum nicht mehr als gespaltene, sondern vielmehr als geeinte Räume verstanden werden sollten. Zudem könne etwa die Baupolitik als Maßnahme gegen die Gefahr einer gesellschaftlichen Desintegration betrachtet werden.

In der späteren Diskussion fügte Maier hinzu, dass mit den Bauten den Münzen vor allem auch die Plebs adressiert worden seien. In welcher Weise eine bewusste Abgrenzung zu vorherigen Kaisern mit eventuell ähnlichen Ambitionen, wie etwa Nero, vorgenommen werden könne, konnte nicht mehr behandelt werden. Daran schließt sich für die Zukunft die Frage an, wie der nachfolgende Kaiser, Antoninus Pius, mit dem Erbe Hadrians umging. In der eigenen politischen Agenda sind (etwa im Münzprogramm) durchaus Kontinuitäten zum Programm Hadrians auszumachen. An anderen Stellen, insbesondere beim Reisen, bemühte sich Antoninus Pius dagegen um eine klare Abkehr von seinem kaiserlichen Vorgänger (SHA Ant. Pius 7,11f. mit einer klaren Bezugnahme auf die Provinzen). Auch andere, wie etwa der Sophist Ailianos von Praeneste, konnten es zu einer Tugend erklären, Italien nie verlassen zu haben (Philostr. soph. 2,31,3; 625). Demgemäß muss auch die im Vortrag herangezogene Aussage von Aelius Aristides (or. 26,62) speziell auf Antoninus Pius gemünzt betrachtet werden. Diese orientierte sich ebenfalls an der nun ausbleibenden Reisetätigkeit eines Antoninus Pius zugunsten eines dauerhaften Aufenthalts in Rom und Italien. Wieso sollte man auch die Mühen einer Reise auf sich nehmen, wenn man in Rom alles bereits vorfinden konnte.

Den Abschluss der Sektion bildeten der Ausblick sowie die Zusammenfassung von HARTWIN BRANDT (Bamberg), der die Rolle des Migranten anhand von Georg Simmels Definition noch einmal erörterte und auf die stolze Angabe der eigenen Herkunft in zahlreichen römischen Grabinschriften hinwies. Schließlich wurde von ihm die Frage aufgeworfen, ob eine exkludierende Inklusion nun als Ausdruck gescheiterter Integration oder Ausdruck eines Stolzes, dass man es sich leisten kann, anders zu sein, zu deuten sei. Zudem stellte er zum Beitrag von Felix Maier die kritische Frage, welche Medien welche Annahmen über Kommunikationsabsichten erlauben würden. Damit eröffnete er eine rege Diskussion, deren wesentlichen Teile von mir bereits im Anschluss an die einzelnen Beiträge angeführt wurden.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Thomas Blank (Mainz), Felix K. Maier (Würzburg

Benjamin Isaac (Tel Aviv): Romans and Others in Rome and the Provinces: Varieties of Stereotypes

Thomas Blank (Mainz): Parallelgesellschaften? ‚Exkludierende Inklusion‘ am Beispiel religiöser Vereinigungen

Felix K. Maier (Würzburg): Das Reich als Meer. Hadrian und die Einübung des Fremden

Hartwin Brandt (Bamberg): Kommentar

Anmerkungen:
[1] Benjamin Isaac, The Invention of Racism in Classical Antiquity, Princeton 2004.
[2] Siehe ebd., S. 172–5; S. 192–194.
[3] Siehe etwa Digest 21.1.31.21 oder Dig. 1,1,4. Einige interessante Gedanken finden sich ebenfalls etwa bei Hans-Dieter Spengler, Zum Menschenbild der römischen Juristen, in: JuristenZeitung 21 (2011), S. 1021–1030
[4] Zu den griechischen Männlichkeitsdiskursen in Rom während der Kaiserzeit; siehe etwa Maud Gleason, Making Men. Sophists and Self-Presentation in Ancient Rome, Princeton 1995.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Das eigene Fremde. Exklusionsparadox und römische Identität im 1./2. Jahrhundert n. Chr., 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 14.12.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8006>.
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Veröffentlicht am
14.12.2018
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