HT 2018: "Gespaltene Gesellschaft" – ein Modus der Selbstbeobachtung in der Moderne

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Luzia Niedermeier, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Dem Gegenstand des diesjährigen Historikertages - Gespaltene Gesellschaften – näherte man sich in der Sektion unter Leitung von THOMAS MERGEL (Berlin) weniger als historischer „Tatsache“, sondern als Modus moderner Selbstbeobachtung. Eine Gesellschaft könne ja niemals in jeder Hinsicht gespalten sein, sondern bestimmte Kategorien (wie Konfession oder Hautfarbe) würden zu binären Unterscheidungen zugespitzt, betonte Mergel in seiner Einleitung. Das sei aber erst möglich, wenn Gesellschaften als „imagined communities“ funktionieren, denn in der face-to-face-Kommunikation seien gegenüber den spaltenden die gemeinschaftsstiftenden Momente niemals als Erfahrung dispensierbar. „Spaltung“ basiere demgemäß auf Imaginationen vom anderen. Als Modus der Selbstbeobachtung biete der Diskurs der „Spaltung“ also einen Hinweis auf Zugehörigkeit. Den Spaltungstopos müsse man auch als einen Modus der Problematisierung sehen: Wer „Spaltung“ sage, signalisiere Defizit und Handlungsbedarf. Mergel schlug dementsprechend vor, den Begriff der Spaltung nicht lediglich als ein Synonym für eine an vielen Stellen uneinige oder sozial ungleiche Gesellschaft zu verstehen, sondern als tiefgreifende Entzweiung. Wer „Spaltung“ sage, meine nicht ein Kontinuum der (etwa sozialen) Spaltung, sondern eine binäre Differenzierung, die kein Drittes und keine Mitte kenne. Von daher seien Spaltungen vermutlich eher kultureller Art, denn soziale Ungleichheiten spielten sich in einem Kontinuum ab, in dem man nicht leicht eindeutige Zuordnungen treffen könne.

Ausgehend von dieser Perspektive skizzierten die Vortragenden verschiedene historische Beispiele „Gespaltener Gesellschaft“ und deren Modi der Selbstbeobachtung. PETER BURSCHEL (Wolfenbüttel) beschrieb dabei die konfessionelle Spaltung frühneuzeitlicher Gesellschaften als von den Zeitgenossen als Sünde, als Getrenntsein von Gott wahrgenommene. Antworten wie Krieg, Verfolgung, Vertreibung seien schnell an ihre Grenzen gestoßen. Der Überwindungsversuch durch den Modus des respicere – eine sich in der Frühen Neuzeit entwickelnde, intensivierte Kultur des peniblen Beobachtens – habe zwar letztlich mit dem Ziel der Bekehrung des Anderen operiert. Mit der Beobachtung sei jedoch in der longue durée ein Domestizierungsprozess der Spaltungserfahrung einhergegangen, der Religion in der Folge zu einem Subsystem transformiert und einen Säkularisierungsprozess in Gang gesetzt habe. Burschels These lautete dementsprechend, der Geist der Moderne sei aus dieser Spaltungserfahrung hervorgegangen.

Der Topos der Deux France wurde von ANNA KARLA (Köln) als kontinuierlicher Diskurs vorgestellt, der seit dem späten 17. Jahrhundert bis heute immer wieder auflebe, aber jedes Mal mit neuen Spaltungsnarrativen aufgeladen sei. Die Deux France von 1789 spalteten sich zwischen Revolutionären und Gegenrevolutionären, im 19. Jahrhundert zwischen Klerikalen und Laizisten, im Zweiten Weltkrieges zwischen résistance und Kollaborateuren. Karla zeigte an dem tradierten Topos der Deux France, wie dieser als vereinfachte Folie gesellschaftlicher Selbstbeobachtung für kontingente Spaltungswahrnehmungen funktioniere und dies in der medialen Öffentlichkeit immer noch tue, obwohl die Existenz der Deux France im wissenschaftlichen Diskurs längst radikal in Frage gestellt sei.

CHRISTOPHER CLARK (Cambridge) führte diesen Mechanismus tradierter Projektionen an einem anderen Topos vor: Der Begriff des Kulturkampfes habe in der englischen Übersetzung der Culture Wars Konjunktur in Nordamerika und kehre so auch wieder in das deutsche Repertoire politischer Schlagworte zurück. Clark versetzte die Zuhörerschaft mit dem Vergleich zwischen dem Kulturkampf des 19. Jahrhunderts und den aktuellen sogenannten „Culture Wars“ selbst in den Modus der Selbstbeobachtung: Damals haben die Katholiken als „vaterlandslose Gesellen“ der Vision von nationaler Souveränität im Wege gestanden, heute sähen manche diese durch die Kosmopoliten bedroht. Damals hätten die politische Mobilisierung viele Katholiken das erste Mal an die Urne treten lassen, heute seien AFD- und Trumpwähler häufig ebenfalls Erstwähler.

Aus umgekehrter Perspektive als die übrigen Vortragenden näherte sich CHRISTOPH MARX (Duisburg-Essen) der Apartheid Südafrikas als „Gespaltener Gesellschaft“, die im Modus der weißen, kolonialen Selbstbeobachtung gerade forciert wurde, anstatt sie überwinden zu wollen. Spätestens seit in Südafrika um 1902 verstärkt der Prozess des nation building vorangetrieben wurde, sollten Gesellschaft und Nation nach europäischem Vorbild in Übereinstimmung gebracht werden. Diese Übereinstimmung sei in gemischten Gesellschaften aufgrund von imaginierten rassischen und ethnischen Spaltungen nicht vorstellbar gewesen. Die auch territorial verwirklichte Trennung der sogenannten „Rassen“ in Parallelgesellschaften sei dementsprechend ein Umstand gewesen, der gerade als einendes Moment der jeweiligen Gesellschaft wahrgenommen wurde.

Die räumlich von der weißen Gesellschaft abgetrennten Reservate der Schwarzen sind ein gangbares Beispiel für den Mechanismus der „Inkludierenden Exklusion“, die RUDOLF STICHWEH (Köln) in seinem Vortrag vorstellte. Auf die eine oder andere Weise wurde die „Gespaltene Gesellschaft“ von den Vortragenden als Modus der Selbstbeobachtung behandelt. Stichweh beschäftigte sich weniger mit der Wahrnehmung von Spaltung als mit deren soziologischen und insbesondere institutionalisierten Mechanismen. Eine Form sei die Exklusion, die die Gesellschaft im Umkehrschluss an Homogenität gewinnen ließe. Die „Inkludierenden Exklusion“ werde durch Lager, Gefängnisse, Reservate oder andere Institutionen erreicht. Damit verdeutlichte er die sowohl identitätsstiftende, als auch politisierende Funktion von Spaltung, eine Interpretation, auf die alle Vortragenden implizit oder explizit zurückkamen:
Karla zeigte besonders eindrücklich die politischen Funktionen des Topos der Deux France, die sie als polarisierende (Mittelwege oder Kompromisse ausgeschlossen: Demarkationslinie zwischen Rechts und Links werde versucht, ein stückweit zu den eigenen Gunsten zu verschieben), unifizierende (nicht die Spaltung, sondern das „überwölbende Element" werde betont) und identitätsstiftende Funktion definierte. Letztere bringe aus der Außenperspektive, aber auch in der Innensicht das Selbstverständnis einer gespaltenen Nation zum Ausdruck, die Zwiespalte, Polarisierungen und das Denken in Antagonismen häufig als „typisch“ französisch darstelle. Marx erläuterte mit der Apartheidserfahrung Südafrikas die imaginierte Unüberbrückbarkeit zwischen Identitäten, die die politische und institutionalisierte Spaltung mit dem Ziel einer homogenen Gesellschaft zwischen Schwarz und Weiß nach sich gezogen habe. Burschels Vortrag über die religiöse Spaltung der Frühen Neuzeit setzte die Zugehörigkeit konfessioneller Identitäten voraus. Sein Fokus lag auf den Überwindungsversuchen, die politisch waren; von gegenseitiger Verfolgung bis hin zu gegenseitiger Beobachtung. Clark bilanzierte mit Rückgriff auf aktuelle Ereignisse, dass unterschiedliche Identitätsproduktion innerhalb einer Gesellschaft über Spaltungserfahrungen generiert und politisiert werden könne: Im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts mussten die Katholiken erst überzeugt werden, sich vornehmlich als Katholiken wahrzunehmen; in den aktuellen Brexit-Erfahrungen sei es ebenfalls darum gegangen: „Wer bist du und wer willst du sein?“

In der anschließenden Diskussion wurde mehrfach der Vorschlag geäußert, Spaltung auch als positives Element zu begreifen: Sie deute zumindest eine produktive, politisierte Gesellschaft an. Eine Spaltung als Entzweiung verstanden deutet aber ebenso stark unvereinbar wahrgenommene Welten an, die als inkommensurable Blasen an einem bestimmten Grad des Auseinanderrückens kommunikationslos verbleiben; ein wenig produktiver Zustand moderner Gesellschaften. Der Gegenpol dieses Extrems, die absolute Homogenität, wäre gleichermaßen unproduktiv. Stichweh führte die Möglichkeit einer produktiven Einheit an dem Beispiel der Geistes- und Naturwissenschaften aus: Die Spaltung sei einer Differenzierung gewichen, die sich mehr und mehr zu interdisziplinärem Austausch entwickele. In diesem Zusammenhang tauchte die Frage auf, was uns nach Jahrhunderten der Moderne überhaupt noch nach Einheit streben lässt. Thomas Mergel verwies darauf, dass aus dem Erkennen der Heterogenität die Sehnsucht nach dem Integrativen erwachse, die aber immer unerfüllt bleiben müsse. Die Dynamik der modernen Spaltungs-Dialektik und deren Produktivitätspotenzial sind damit wohl angemessen festgehalten.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Thomas Mergel (Berlin)

Rudolf Stichweh (Bonn): Konflikt, Ungleichheit, strukturelle Asymmetrie: Formen der Spaltung von Gesellschaft

Peter Burschel (Wolfenbüttel): Konfessionelle Differenzerfahrungen in der frühen Neuzeit

Christopher Clark (Cambridge): Kulturkampf als Gesellschaftsentzweiung? Überlegungen zum späten 19. Jahrhundert

Anna Karla (Köln): Schisma und Schimäre: Die „Deux France“ vom 19. bis ins 21. Jahrhundert

Christoph Marx (Duisburg-Essen): Apartheid wird zum Thema. Sozialwissenschaftliche Analysen und kulturnationalistische Politik in Südafrika, 1920-1970

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: "Gespaltene Gesellschaft" – ein Modus der Selbstbeobachtung in der Moderne, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 07.12.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8007>.
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Veröffentlicht am
07.12.2018
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