HT 2018: Deutsch-niederländische Geschichtsnetzwerke. Erfahrungen – Beobachtungen – Perspektiven. Podiumsdiskussion

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Esther Helena Arens, Universität zu Köln

Eines der Ziele der Kooperation mit dem Partnerland Niederlande während des Historikertages lautete, die kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen zu vertiefen. So sind aus der Zusammenarbeit mit der Koninklijk Nederlands Historisch Genootschap (KNGH) Panels hervorgegangen, die in beiden Ländern relevante Themen wie die Historisierung und Dekolonisierung von Museumssammlungen behandelt haben. Der in Münster ansässige Fachinformationsdienst (FID) Benelux / Low Countries Studies stellt eine gut ausgebaute nationale Informationsinfrastruktur für die Erforschung der Niederlande zur Verfügung. In diesem Rahmen hat die vom FID organisierte Podiumsdiskussion über deutsch-niederländische Geschichtsnetzwerke die inhaltlich orientierten Programmteile um praktische Fragen der bilateralen und lokalen Zusammenarbeit erweitert. Auf die Kurzpräsentation der vier eingeladenen Netzwerke folgte eine Diskussion unter deren Vertreterinnen und Vertretern und schließlich Fragen aus dem Publikum.

MARIEKE OPREL (Amsterdam), Sprecherin des Arbeitskreis Deutsch-Niederländische Geschichte / Werkgroep Duits-Nederlandse Geschiedenis (ADNG / WDNG), erläuterte zunächst, wie der zeithistorisch ausgerichtete Arbeitskreis ein mehrsprachiges Blog sowie einen jährlichen Workshop nutzt, um Austausch zwischen Doktorandinnen, Doktoranden und Postdocs aus beiden Ländern zu fördern. Dazu kooperiert der ADNG mit Institutionen wie dem Duitsland Instituut (DIA) in Amsterdam, die auch zur Finanzierung von Reisekosten beitragen, oder dem FID Benelux. Inhaltlich lag der Schwerpunkt bei der Gründung des ADNG im Jahr 2010 auf der Geschichte des Zweiten Weltkriegs und den damit verbundenen Erinnerungskulturen. Mittlerweile verschiebe sich die Perspektive auf das Niederländisch-Deutsche im Titel, von vergleichenden Fallstudien der Mitglieder zu einer weiteren transnationalen, verflochtenen oder europäischen Perspektive, sowie auch in Richtung Public History. Die Herausforderungen des Arbeitskreises, sichtbar zu bleiben und aktive Mitglieder zu gewinnen, sind von der Asymmetrie von Forschungsstrukturen und von Anforderungen an Sprachkenntnisse diesseits und jenseits der Grenze abhängig. Mit ihrer Entscheidung, in englischer Sprache zu präsentieren, machte Marieke Oprel als Doktorandin darauf aufmerksam, dass der wissenschaftliche Nachwuchs nicht mehr in bilateralen Kontexten, sondern in transnationalen Netzwerken agiere.

GUNNAR TESKE (Münster) skizzierte die Entstehungsgeschichte des Deutsch-Niederländischen Arbeitskreis für Adelsgeschichte / Nederlands Duitse Kring voor Adelsgeschiedenis, der nach 2002 aus einem Projekt hervorging, in dem historische Forschung mit Fragen der touristischen Erschließung historischer Orte verknüpft war. Finanziert durch eine Stiftung fanden drei wissenschaftliche Tagungen unter dem Titel „Adel verbind(e)t“ statt, die nicht nur zur Veröffentlichung eines Sammelbands führten, sondern auch zur Einrichtung des Arbeitskreises. Dessen Ziel ist die Förderung der Adelsgeschichte im Grenzraum. Mitglieder sind Forscherinnen und Forscher sowie Vertreterinnen und Vertreter staatlicher Archive und Archivberatungsstellen. Mittlerweile haben fünf Symposien an Orten „mit historischem Flair“ stattgefunden und mit jeweils einem öffentlichen Vortrag die Verbindung zu einem breiteren Publikum geschaffen. Treffen zur Vor- und Nachbereitung dienen der Vernetzung der Mitglieder untereinander, die ihre Forschungsergebnisse in Fachzeitschriften wie zum Beispiel Virtus. Jaarboek voor Adelsgeschiedenis oder den Westfälischen Quellen- und Archivstudien publizieren konnten. Die Webseite des Arbeitskreises ist zweisprachig angelegt, aber auch in diesem Arbeitskreis nehme die Verwendung von Englisch zu.

PAUL WEßELS (Aurich) stellte das Geschichtsnetzwerk für die nördlichen Niederlande und Nordwestdeutschland / Geschiedenisnetwerk in die Tradition grenzübergreifender Zusammenarbeit mit Wurzeln im ersten Friesenkongress 1925, dem Friesischen Manifest von 1955 und dem Interfriesischen Rat von 2015. Explizit wissenschaftliche Zusammenarbeit bestehe seit den 1980er-Jahren, mündete 1992 in der Publikation „Rondom Ems en Dollard“, gefolgt von archäologischer Zusammenarbeit und dem Rahmenprojekt Netzwerk „Memento mori. Sterben und begraben“ (Interreg IVA A Programm) der Ems Dollart Regio (EDR). Das 2016 ins Leben gerufene Geschichtsnetzwerk greift Fragen von Forschung und deren Finanzierung in einer Gegend auf, in der es keine Universitäten gibt, vor allem in Kooperation mit der EDR. Jährliche Konferenzen finden abwechselnd in den Niederlanden und Deutschland statt und hatten bislang grenzüberschreitende Migration und grenzüberschreitende Erinnerungsorte zum Thema. Weitere Angebote beziehen sich auf die angewandte Geschichte: In Anlehnung an Projekte in den Niederlanden etablierte das Netzwerk seit 2017 ein Historisch-Geografisches Informationssystem (HisGIS) Leer über Ländereien und unterstützt Redaktionsteams historischer Zeitschriften mit Workshops. Zurzeit ist die Arbeitssprache vorrangig Deutsch, aber es zeichne sich ab, dass die nächste Generation English als gemeinsame Sprache nutzen werde. Auch das Geschichtsnetzwerk setze sich mit Fragen der Nachhaltigkeit, dem institutionellen Rahmen und der Werbung neuer Mitglieder auseinander.

FRIESO WIELENGA (Münster) griff auf seine Erfahrung als Beauftragter des Landes NRW „für die Pflege und Förderung der Beziehungen zwischen den Universitäten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen und den Universitäten der Benelux-Länder“ zu Beginn der 2000er-Jahre zurück, um die Kooperation mit niederländischen Universitäten zu erläutern. Über die Münsteraner Niederlande-Deutschland- Studien (BA und MA) sowie die Organisation eines sogenannten „Joint degree“ mit der Radbout Universiteit Nijmegen (BA) war mit der Organisation von Auslandssemestern, Lehrveranstaltungen, Tagungen und Promotionsprojekten im Graduiertenkollege über Zivilgesellschaft „eine Art Netzwerk“ entstanden. Die in diesem Kontext durchgeführte Forschung fand ihren Niederschlag in Monographien zur Geschichte der Niederlande, in den multidisziplinären Niederlande-Studien und der weiteren Reihe zur Zivilgesellschaft, sowie in Veröffentlichungen der Bundeszentrale für politische Bildung. Über die Universität hinaus erreichten Lesungen und Ausstellungen ein breiteres Publikum, ermöglichten Fellowships für Niederländerinnen und Niederländer eine weitere Vernetzung wie auch die Gastprofessur deutsch-niederländische Wirtschaft und das Wirtschaftsforum zu Themen wie Energiewende und Brexit. Für das kleine Institut sei immer Input aus den Niederlanden notwendig, „sonst vertrocknen wir“.

In der anschließenden Podiumsdiskussion stellte Moderator BERNHARD LIEMANN (Münster) Impulsfragen zu Motivation und Engagement in den Netzwerken, Veränderungen der Arbeitsgrundlage, dem Netzwerk als Werkzeug und schließlich möglichen Wegen in die Zukunft. Friso Wielenga und Gunnar Teske betonten die Relevanz gesellschaftlicher Themen, die in den Netzwerken produktiv bearbeitete werden könnten, zum Beispiel mit der Historisierung von Fragen wie Sterbehilfe, Flüchtlingspolitik und Grenzregimen. Paul Weßels und Marieke Oprel stellten die praktischen Vorteile der Zusammenarbeit in den Vordergrund, darunter die manchmal vereinfachte Einwerbung öffentlicher Mittel in grenzübergreifenden Projekten sowie der konstruktive Austausch mit Expertinnen und Experten über Forschungsstände und Methoden. Sowohl Gunnar Teske als auch Paul Weßels konkretisierten die Herausforderungen durch Generationenwechsel und strukturelle Veränderungen im Kultur- und Bildungssektor. So ist in den Niederlanden zum Beispiel die klassische Ausbildung zur Archivarin bzw. zum Archivar ebenso weggefallen wie der Deutschunterricht abgenommen hat, während seit der Umstellung auf das Bachelor/Master-System in der Bundesrepublik viel weniger Studierende, Doktorandinnen oder Doktoranden über ostfriesische Themen arbeiten und damit auch die Autorinnen und Autoren für etablierte regionalhistorische Publikationen mit akademischen Anspruch ausfallen. Marieke Oprel hob hervor, dass sie nur mit einer englischsprachigen Publikation ihrer Doktorarbeit als Forscherin in ihrem Feld sichtbar werde. Andererseits fehlten in ihrem Umfeld Kolleginnen und Kollegen, die vergleichend zur deutsch-niederländischen Geschichte arbeiteten und dafür könne sie die Kontakte innerhalb des ADNG nutzen.

Den Mehrwert und Erfolg eines Netzwerks bemaßen die DiskussionsteilnehmerInnen alle am Erreichen einer breiteren Öffentlichkeit. Hier sind etwa das Projekt „Memento mori“ in Friesland, Berichte in den Medien oder Artikel in Fachzeitschriften zu nennen. Für den im ADNG vertretenen wissenschaftlichen Nachwuchs betonte Marieke Oprel den Vorteil, außerhalb des eigenen Instituts in einer peer group ohne den üblichen akademischen Druck lösungsorientiert im Team zu arbeiten.

Das Problem mangelnder Sprachkenntnisse prägte die Diskussion über die Zukunftsfähigkeit der bilateralen Geschichtsnetzwerke in Konkurrenz mit transnationaler Geschichte und Area Studies. In diesem Zusammenhang wies Friso Wielenga darauf hin, dass nur noch 20 Prozent der MA-Studiengänge in den Niederlanden in niederländischer Sprache angeboten werden. Mit Gunnar Teske und Paul Weßels teilte er die Einschätzung, dass binationale Fragestellungen auf regionaler und lokaler Ebene aktuell bleiben werden. Teske wies auf das Thema Mobilität hin – der Verkehr sei international vernetzt, gleichzeitig bliebe man im Gespräch mit den Nachbarn. Für Weßels lag der erste und fruchtbarste Vergleich auch in der Nachbarschaft, dann ließen sich Forschungsfragen erweitern, im Fall des Geschiedenisnetwerk zum Beispiel nach Nordosten bis Dänemark. Demgegenüber betonte Marieke Oprel die Notwendigkeit, das „framing“ der grenzübergreifenden Geschichte zu aktualisieren und gegebenenfalls das Label deutsch-niederländisch an eine veränderte internationale Forschungs- und Kooperationspraxis anzupassen.

Die Fragen und Kommentare aus dem Publikum reichten von Nachfragen zur Methodik – welche Forschungsperspektive ist strategisch am sinnvollsten – bis hin zur praktischen Frage einer Graduierten – wie lange braucht man, um ausreichend Niederländisch für ein Promotionsprojekt zu lernen. Beiträge von Vertretern der Landesgeschichte in Westfalen und im Rheinland machten deutlich, dass in diesem Fach Chancen zur Kooperation für alle Netzwerke bestehen. So könnten über die Formulierung von Modulen und die Organisation studentischer Workshops wieder Sprach- und Archivkompetenzen beim Nachwuchs gefördert und verankert werden.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: FID Benelux

Podium
Bernhard Liemann (Münster): Einleitende Bemerkungen und Moderation

Marieke Oprel (Amsterdam): Diskussionsteilnehmerin für den Arbeitskreis Deutsch-Niederländische Geschichte

Gunnar Teske (Münster): Diskussionsteilnehmer für den Deutsch-Niederländischen Arbeitskreis für Adelsgeschichte

Paul Weßels (Aurich): Diskussionsteilnehmer für das Geschichtsnetzwerk für die nördlichen Niederlande und Nordwestdeutschland

Friso Wielenga (Münster): Diskussionsteilnehmer für das Zentrum für Niederlande-Studien

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Deutsch-niederländische Geschichtsnetzwerke. Erfahrungen – Beobachtungen – Perspektiven. Podiumsdiskussion, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 14.12.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8010>.
Redaktion
Veröffentlicht am
14.12.2018