HT 2018: Bürgerkriegskultur. Bellum civile und politische Kommunikation in der späten römischen Republik

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Marc Gehrmann / Philipp Flaig, Lehrstuhl Alte Geschichte, Universität Konstanz

Die althistorische Sektion behandelte das Zeitalter der römischen Bürgerkriege im ersten Jahrhundert v. Chr. Interessanterweise war sie damit eine von nur wenigen Sektionen des Historikertags, die sich dezidiert mit den Epiphänomenen dieses extremsten Aggregatszustands einer „gespaltenen Gesellschaft“ auseinandersetzte.

WOLFGANG HAVENER (Heidelberg) wies in seiner Einführung zur Sektion zunächst auf die Probleme der bisherigen Forschungsansätze zu den Verwerfungen der späten Republik hin, die allzu oft polit- oder militärgeschichtliche Erklärungen anböten. Die profunden Auswirkungen von Bürgerkriegen und deren ständige gedankliche Präsenz auf allen Ebenen des römischen Gemeinwesens könnten somit aber nur unzureichend analysiert werden. Demgegenüber verfolgte die Sektion einen breiten kulturgeschichtlichen Ansatz, der es erlauben sollte, zeitgenössische Deutungsmuster in einen diskursiven Bezug zu der theoretischen und praktischen Herausforderung des für Rom neuartigen Phänomens des Bürgerkriegs zu setzen. In diesem Rahmen sollten die Vorträge in Fallstudien zeitgenössische Sinn- und Deutungsangebote als Beiträge zu einer spezifisch römischen „Bürgerkriegskultur“ zusammenstellen.

HENNING BÖRM (Konstanz) entfaltete zunächst das breite Panorama der Beschreibungsmodi von innenpolitischen Konflikten in Rom im ersten Jahrhundert v. Chr. Er konstatierte hierbei die Nutzung einer Rhetorik, deren Parallelen aus griechischen Stasisdiskursen herrührten. Keineswegs seien diese Parallelen Zufall oder einer interpretatio graeca der Vorgänge geschuldet, vielmehr sei stattdessen nach den Voraussetzungen und Folgen der Übernahme des griechischen Stasisdiskurses in Rom zu fragen.

Grundsätzlich wurden diese innergriechischen Konflikte immer in Dichotomien gedacht, die die Ursachenanalyse erschweren. Im Kern waren die treibenden Akteure dieser Konflikte aber immer Angehörige der Elite. Gleichsam differierten die Voraussetzungen der griechischen und römischen Oberschicht erheblich: Während in Griechenland keine allgemeinen Kriterien für eine Binnenhierarchisierung akzeptiert waren, existierten in Rom klare Rollenerwartungen sowie Kriterien, die den einzelnen Aristokraten Rang und Status innerhalb der Elite zumaßen. In diesem Sinne plädierte Börm dafür, nicht von einem Import des Phänomens Stasis nach Rom auszugehen, sondern von einer Übernahme “der Art und Weise, wie über und in Bürgerkriegskonstellationen gesprochen werden konnte.” Genau zu dem Zeitpunkt, als in Rom Gewalt erstmals als politisches Mittel eingesetzt wurde (Gracchen), hätten griechische Begründungsmuster aus dem erprobten Stasisdiskurs bereitgestanden, um die Konflikte und die dabei genutzte physische Gewalt zu erklären und zu rechtfertigen.

Die Plausibilität dieser Deutungsmuster beeinflusste in der Folge zunächst die politische Rhetorik und veränderte in einem zweiten Schritt auch Handlungsoptionen römischer Aristokraten, so seine These. Dementsprechend hätte man es gerade nicht mit Erklärungsmustern ex post zu tun, sondern mit aktualen Transformationen. Als Beispiele hierfür führte Börm zum einen die Innovation der Ernennung zum hostis publicus an, die in der römischen Tradition ohne Beispiel ist, für die die Übernahme eines griechischen Musters jedoch plausibel scheint. Zum anderen nennt er die Einführung von Proskriptionslisten in Rom durch Sulla, die eine lange Tradition im Rahmen griechischer Staseis hatten, zum Beispiel bei Charops von Epirus.

Im Resümee konstatierte er als zentrales Ergebnis seiner Überlegungen, dass die griechische Lesart der Konflikte in der späten Republik die Fähigkeit zur Reintegration von Aristokraten, die bis dahin in Rom politische Praxis war, vermindert hätte. Stattdessen hätte sie zu einer Dichotomisierung und zur Transformation der politischen Matrix der römischen Republik geführt.

ANNA SCHNEIDERHEINZE (Konstanz) verschob die Fokussierung auf einen einzelnen Akteur in einer einzigartig prekären Konstellation während des Cäsarisch-Pompeianischen Bürgerkriegs. Eine Analyse von Ciceros Position infolge seines Übergangsversuchs zur Cäsarischen Seite nach der überraschenden Niederlage seines Lagers bei Pharsalos (48 v. Chr.) ermögliche eine einmalige Chance zur Rekonstruktion der Rechtfertigungsstrategien eines prominenten Bürgerkriegsverlierers, so Schneiderheinze.

Basierend auf der aus Brundisium erfolgten brieflichen Korrespondenz Ciceros mit seinem Freund Atticus wurde in einem ersten Schritt Ciceros Situationsanalyse der Ereignisse nach Pharsalos sowie die Erwartungen, die ihn zu seinem Übertritt bewogen haben, rekonstruiert. Demnach sei Cicero schnell klar geworden, dass er mit seiner schnellen Flucht keinen Vorteil bei Cäsar erzielen konnte. Schneiderheinze legte hier entgegen der bisherigen Forschung vor allem die Manipulationsversuche Ciceros offen. Dieser habe in der sich verengenden Situation auch vor Fälschungen, wie der Bezugnahme auf mutmaßliche Gunstbeweise durch hohe Cäsarianer, nicht zurückgeschreckt.

In einem zweiten Schritt untersuchte Schneiderheinze nun die persönlichen Kollateralschäden der Ciceronischen Rechtfertigungsstrategien. Gemäß ihrer Interpretation musste es in der prekären Situation, in der sich Cicero und andere Verlierer des Bürgerkriegs befanden, strukturell zwangsweise zu gegenseitigen Verleumdungen beim Sieger (Cäsar) kommen. Dass sich die daraus entstehenden Friktionen auch entlang engster Verwandtschaftsbeziehungen nachweisen lassen, verdeutliche das Beispiel des Zerwürfnisses Ciceros mit seinem Bruder Quintus. Beide denunzierten sich gegenseitig bei Cäsarianern in der Hoffnung, ihre eigene Beteiligung auf der Verliererseite zu relativieren. Deutlich wurde hier der Punkt gesetzt, dass derartige Zuspitzungen und das damit einhergehende Genre „regelrechter Hassbriefe“ ein kommunikatives Novum der Bürgerkriegskonstellation darstellten.

An diesen Befund anknüpfend wurde abschließend das Charakteristikum einer sich verschärfenden dichotomen Sichtweise auf mögliche Handlungsstrategien besprochen. Cicero habe als Folge seiner fortgesetzten Anbiederungsversuche an das Cäsarische Lager ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch auf diese Karte setzen können, weil ihn im Fall eines Sieges der Republikaner andernfalls die Proskribierung erwartet hätte. Die Anfeindungen gegenüber neutralen Positionierungen seitens der Bürgerkriegsprotagonisten wurden am Beispiel von Ciceros Kritik an Atticus‘ Verhalten verdeutlicht. Insgesamt konnte der Vortrag sowohl das heuristische Potential von gerade nicht ex post-gestützten Situationsanalysen als auch die massiven Transformationsprozesse von althergebrachten Sinnstrukturen und Handlungsstrategien in Bürgerkriegskontexten verdeutlichen.

ULRICH GOTTER (Konstanz) widmete sich in seinem Vortrag einem besonders heiklen literarischen Produkt der spätrepublikanischen Bürgerkriegskultur: dem autobiographischen Schreiben erfolgreicher Bürgerkriegsprotagonisten, konkret am Beispiel von Cäsars Commentarius de bello civili. Gotter ging dabei von der Prämisse aus, dass der Glaubwürdigkeitsanspruch von Erzählungen in gleichem Maße abnehmen musste wie die Illegitimität der geschilderten Ereignisse zunahm.

In einem ersten Schritt wurde Cäsars doppelt prekäre Situation als Auslöser des Bürgerkriegs im Jahre 49 v. Chr. und als Autor eines Textes über diese illegitimen Ereignisse betont. Das zentrale Bemühen, die Schuldfrage der Pompeianischen Seite zuzuweisen, zeige sich schon im dramatischen Einstieg des Textes, der ohne jegliches Proöm oder Vorgeschichte auskommt und stattdessen direkt mit den letzten vergeblichen Bemühungen um eine Kriegsvermeidung durch Cäsars Legaten in Rom beginnt. Bereits hier würde deutlich, dass das Potential dieser Textform vor allem in der Fähigkeit zur suggestiven Manipulation von Zeitlichkeit liege. Dementsprechend habe Cäsar im Anschluss an diesen Einstieg auch die Chronologie der weiteren Ereignisse in seinem Sinne neu arrangiert. So verschleiere der Text keinesfalls zufällig die Geschwindigkeit von Cäsars Vormarsch und dessen aktive Vorbereitung auf den Krieg.

In einem zweiten Schritt rückten die Strategien der Glaubwürdigkeitserzeugung des Textes anhand des Beispiels der Ubiquität von personal referenzierter indirekter Rede in den Fokus. Der Einsatz dieser Technik lieferte demnach zweierlei: Erstens wurde so ein klassisches Glaubwürdigkeitsproblem historiographischer Erzählungen, in denen direkte Reden keine faktische Authentizität beanspruchen konnten, adressiert und zweitens trat durch die Referenzierung des Gesagten auf einzelne reale Personen das erzählerische Ich in den Hintergrund. Beides begründete einen sachlichen Stil, der aber in Gotters Lesart nicht als stilistischer Selbstzweck eines begabten Autors zu verstehen sei, sondern konkret der Generierung von Glaubwürdigkeit dienen sollte.

Abschließend hob Gotter auf intertextuelle Anspielungen des Cäsarischen Textes ab. Cäsar habe sich, so die These, bewusst als Anti-Sulla inszeniert. So sei eine mögliche imitatio von Sullas Vorgehen der 80er-Jahre (Proskriptionen, Morde) im Plot durchaus bewusst evoziert, dann aber an den entscheidenden Stellen konträr aufgelöst worden. Die Intention sei somit klar: Cäsar wollte auf keinen Fall Sulla sein. Diese Abgrenzung zum letzten schreibenden Bürgerkriegsgewinner sei eines der zentralen Anliegen und Angebote des Textes gewesen, so die abschließende These.

Im letzten Vortrag der Sektion skizzierte WOLFGANG HAVENER (Heidelberg), wie Exempla in Bürgerkriegszeiten genutzt werden konnten, um transgressives Verhalten zu verargumentieren. Zum Einstieg zeigte er anhand eines Briefes von Cicero auf, welche Gefahr dem Exemplum in Bürgerkriegszeiten innewohnte, da es genutzt werden konnte, illegitimes Verhalten zu legitimieren. Statt traditioneller Werte und Normen konnte nun transgressives Verhalten vermittelt werden, was Havener treffend als die „Pervertierung des Exemplums“ bezeichnete.

Allerdings habe Cicero 20 Jahre zuvor im Rahmen der vierten Catilinarischen Rede, ebenfalls in einer Krisensituation, ein ähnliches Verhalten an den Tag gelegt. Zunächst markierte er die Catilinarier als Feinde des Vaterlands, charakterisierte den Konflikt mit dem Terminus bellum, um daraufhin sein eigenes Handeln in eine Exemplareihe ausgerechnet mit den bekanntesten Feldherren der Republik zu stellen. Die argumentative Strategie hinter dieser Rhetorik interpretierte Havener wie folgt: Durch die Nutzung von Termini aus der Sphäre des auswärtigen Kriegs, konnte er die Frontlinien zwischen Freund und Feind klären, sich als Verteidiger der res publica charakterisieren und den Sieg über die inneren Feinde als seine Leistung beanspruchen.

Die Autorität der Exemplareihen, in die Cicero sich einfügte, diente zunächst der Stützung seiner eigenen Positionierung. Gleichsam postulierte er damit aber auch, dass Leistungen innerhalb der verheerenden Bürgerkriegssituation mit den gleichen Maßstäben und Bewertungskriterien gemessen werden konnten wie im externen Krieg. In der Folge habe Cicero darauf abgezielt, dass seine Leistungen für die res publica Eingang in das kollektive Gedächtnis fänden. In diesem Sinne vollendete er mit Verweis auf die Außerordentlichkeit seiner Leistungen die Exemplareihe und beanspruchte für sich selbst dadurch ebenfalls exemplarisches Verhalten. Die eigene Normtransgression im inneren Konflikt wurde somit durch die Parallelisierung mit Exempla aus der auswärtigen Sphäre zu einem maßstabsbildenden, positiven Modell umgedeutet.

Im Sinne eines kulturgeschichtlichen Ansatzes, der nach Dynamiken und Transformationen im Rahmen der Bürgerkriegssituation fragt, ging es Havener dabei nicht darum, den Erfolg dieses pervertierten Exemplums ciceronischen Handelns zu evaluieren, sondern vielmehr die kritische aber auch innovative Rolle von Exempla für die Etablierung neuer Werte und Normen herauszuarbeiten.

ULRICH GOTTER (Konstanz) stellte in seinem abschließenden Kommentar noch einmal die Differenz des Sektionsansatzes gegenüber gängigen Analysen über den Untergang der Republik heraus. Diese stünden immer wieder vor dem Problem, flächige Phasen von „Normalität“ in dieser Epoche mit den eruptiven und gewaltsamen Eskalationen zusammenzubringen. Seiner Meinung nach hätten aber gerade die Gewalterfahrungen und deren konzeptionelle Bearbeitung eine latente Bürgerkriegskonstellation in den politischen Raum eingelagert. Die Folge sei letztlich eine Dominanz der nun immer präsenten transgressiven Handlungsoption.

In der abschließenden Diskussion wurde unter anderem von Uwe Walter unter Bezugnahme auf Ulrich Gotters Vortrag auf den fortgesetzt experimentellen Charakter von autobiographischem Schreiben auch nach Cäsars Tod hingewiesen. Eine feste Form dieser Texte hätte unter diesen Umständen kaum entstehen können, auch Cäsars Versuch sei in diesem Sinne trotz aller Innovativität letztlich in seinem Anliegen gescheitert. Die weiteren Beiträge fokussierten primär auf den Begriff einer „Bürgerkriegskultur“ und fragten, inwiefern sich die Vorträge, die sowohl zeitgenössische als auch ex post-gestützte Außen- und Innenansichten analysierten, unter diesem Zugang schlüssig bündeln lassen. Wolfgang Havener betonte demgegenüber, dass die Vorträge der Sektion erste Bausteine liefern sollten, die einen Diskurs über Bürgerkrieg nachzeichnen, der dann auch ex-post fortgesetzt worden sei.

Auch wenn einzelne Komponenten des Konzepts der „Bürgerkriegskultur“ gewiss einer begrifflichen und definitorischen Schärfung bedürfen, stellten sowohl die Vorträge als auch der kulturgeschichtliche Ansatz den heuristischen Mehrwert dieses verbreiterten Zugangs heraus.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Henning Börm (Konstanz / Tübingen) / Wolfgang Havener (Heidelberg) / Ulrich Gotter (Konstanz)

Wolfgang Havener (Heidelberg): Einführung

Henning Börm (Konstanz / Tübingen): „Stasis in Rom? Hellenismus und bella civilia

Anna Schneiderheinze (Konstanz): „Fragmente der Krisenwahrnehmung: Sinnstrukturen in Ciceros Briefwechseln“

Ulrich Gotter (Konstanz): „Schreiben nach dem Morden – oder: Wie römische Bürgerkriegsgeneräle der späten Republik Glaubwürdigkeit generierten“

Wolfgang Havener (Heidelberg): „Beispielhafter Bürgerkrieg. Das exemplum virtutis als Deutungsinstrument römischer Geschichte in Zeiten des Umbruchs“

Ulrich Gotter (Konstanz): Kommentar

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Bürgerkriegskultur. Bellum civile und politische Kommunikation in der späten römischen Republik, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 21.12.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8041>.
Redaktion
Veröffentlicht am
21.12.2018
Beiträger