HT 2018: Fleisch (nicht) essen / (Not) Eating Meat

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Christian Möller, Institut für Geschichtswissenschaft, Heinrich-Heine Universität Düsseldorf

Tiergeschichte erfährt im deutschsprachigen Raum seit einigen Jahren einen Boom und erhält dabei – ähnlich wie Studien zur Geschichte des Essens von der angloamerikanischen Food History – wichtige Impulse von den Human-Animal-Studies (HAS).[1] Doch während die Essensgeschichte in Deutschland ein Nischendasein führt, aber immerhin auf eine lange Tradition und ein etabliertes Methodenrepertoire verweisen kann[2], steckt die Tiergeschichte noch in den Kinderschuhen. Zu groß erscheint der Widerspruch zwischen dem oft ethisch begründeten Anspruch, Tiere als handelnde Subjekte in der Geschichte sichtbar zu machen, und den Grenzen, die diesem Anliegen schon durch das vorhandene Quellenmaterial auferlegt werden.[3]

Dass gerade der Blick auf den Verzehr von Tieren ein Schlüssel sein könnte, um sowohl die methodischen Probleme der Tiergeschichte zu überwinden, als auch eine Brücke zu anderen Disziplinen zu schlagen, erscheint daher fast ein wenig makaber. Der Sektion „Fleisch (nicht) essen“ ist es aber gelungen, die vorhandene Kohärenz zwischen den beiden Feldern auf eine sehr anregende und facettenreiche Weise aufzugreifen. Erfreulich daran ist auch, dass der in den HAS immer wieder aufflackernden Forderung nach einer Überwindung der anthropozentrischen Sichtweise[4], die bereits in der Anfangsphase der Umweltgeschichte Gegenstand heftiger Kontroversen war[5], nicht nachgegeben wurde. Diesem schon aus methodischen Gründen unmöglichen Unterfangen erteilte die Sektion durch eine klare Perspektive auf den Menschen eine Absage. Die in den Beiträgen betrachteten Prozesse der „Fleischwerdung“ und gesellschaftlichen Debatten über den Fleischverzehr machten vielmehr deutlich, dass Fleisch ein wichtiges Bindeglied in einer asymmetrisch verflochtenen Mensch-Tier-Geschichte ist.

MAREN MÖHRING (Leipzig) fasste in der Einführung den gemeinsamen Ausgangspunkt der Vorträge zusammen, der darin lag, dass die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier historisch und gegenwärtig über die „Fleischwerdung“ bzw. die Konsumption tierischer Körper erfolge. Diese Grenze markiere, so Möhring weiter, „eine der grundsätzlichsten gesellschaftlichen Spaltungen überhaupt“, da sich „erst über die Abgrenzung vom Tier“ das konstituieren würde, was als menschliche Gesellschaft gilt. Trotz seines spaltenden Charakters sei Fleisch das eigentlich verbindende Element zwischen Mensch und Tier. Ausgehend davon formulierte Möhring Fragen, die der Sektion zugrunde liegen sollten: Zum einen sollten die Beiträge klären, wie die erwähnte Spaltung konstituiert wurde und welchen Anteil daran unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten – von Fleischessern einerseits und Vegetariern/Veganern anderseits – hatten. Zum anderen galt es, verschiedene Phasen der Auf- und Abwertung von Fleisch aus methodisch unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, um Zäsuren und historische Konjunkturen besser erfassen zu können.

MIEKE ROSCHER (Kassel) fragte sodann aus der Perspektive der Human-Animal-Studies nach der gesellschaftlichen Konstruktion von Fleisch und verwies in ihrem Vortrag auf dessen Wandelbarkeit in Relation zu menschlichen Körpern. Am Beispiel von Hundeschlachtungen, die für Deutschland statistisch zwischen 1900 und 1950 nachweisbar sind, fragte sie danach, wie Tiere in spezifischen historischen Kontexten zu Fleisch wurden. Ihre These lautete, dass Fleisch ein Produkt der Moderne sei und in diesem Sinn aus kulturellen Konstruktionsprozessen hervorgehe, die sich jedoch einer linearen historischen Erzählung verschließen würden.

Ein Gegensatz zwischen Tier und Fleisch habe sich demnach erst im 19. Jahrhundert etabliert, als die Entwicklung von neuen Techniken der Konservierung, der Kühlung und der Fleischzerlegung zu einer zunehmenden Trennung von Produktion und Konsumption sowie folglich auch von Tieren und Fleischerzeugnissen führte. Auf gesellschaftlicher Ebene hätten hingegen konkurrierende Diskurse über Fleisch als Energielieferant einerseits und über Fleisch als Verursacher von Krankheiten andererseits die „Demarkationslinien“ des Essbaren festgelegt. Der Verzehr von Hundefleisch sei Roscher zufolge zwischen diesen Polen zu verorten und habe in diesem Sinn zwar einen Grenz- und Tabubruch dargestellt, der allerdings zumindest zeitweise akzeptiert wurde. Hundefleisch verfügte um 1900, so Roscher, über einen liminalen Charakter, der sich allerdings gut fünfzig Jahre später, als der gesellschaftliche Diskurs zugunsten des Tieres gekippt war und Hundefleisch als Nahrungsmittel mit einem soziokulturellen Tabu belegt wurde, aufgelöst hatte. Mit Blick auf die Frage, wie Tiere zu Fleisch gemacht werden, lautete die Schlussfolgerung für Roscher daher, dass die Praxis des Essens als ein Ausdruck der Beziehung zwischen Mensch und Tier begriffen werden müsse und als Schlüssel für ein besseres historisches Verständnis dieser Beziehungsebene in den Mittelpunkt empirischer Studien zu rücken sei.

LAURA-ELENA KECK (Leipzig) betonte in ihrem Vortrag den spaltenden Charakter von Fleisch und richtete den Blick auf Debatten über die Ernährungssituation geringverdienender Schichten, die von Experten im 19. und frühen 20. Jahrhundert geführt wurden. Keck verwies darauf, dass der Paradigmenwechsel von einer möglichst eiweißhaltigen Ernährung hin zu einer energetischen Betrachtungsweise, die den Kaloriengehalt der Nahrung in den Mittelpunkt rückte, zwar hinreichend erforscht sei, der Bedeutungsgehalt von Affekten und Sinneswahrnehmungen in der sich formierenden Ernährungswissenschaft hingegen bislang wenig beachtet wurde.

Das in den 1850er-Jahren etablierte Ideal einer eiweißhaltigen, fleischbasierten Ernährungsweise habe zur Folge gehabt, dass einkommensschwachen Schichten in ernährungswissenschaftlichen Diskursen einerseits der Konsum billiger, mitunter ekelerregender Fleischspeisen nahegelegt wurde. Andererseits habe sich in den armen Bevölkerungsschichten eine ungesunde Fixierung auf Fleischspeisen eingestellt, die nun trotz der knappen Geldmittel bevorzugt konsumiert wurden und so mitunter Formen einer einseitigen Mangelernährung begünstigten. Ernährungsexperten kritisierten diese Entwicklung und fürchteten, dass der Verzehr billiger und ekelerregender Fleischspeisen zu einer Verrohung der unteren Schichten führen würde. In der „Fleischlust“ dieser Bevölkerungsteile erkannten sie zudem einen Mangel an höheren geistigen Genüssen. Vor diesem Hintergrund sei die Affektregulierung in den Fokus ernährungswissenschaftlicher Debatten geraten und zum Schlüssel einer guten Ernährung erhoben worden. Damit einher sei eine Entproblematisierung des nach dem älteren eiweißlastigen Ernährungsparadigma als ungesund geltenden „unfreiwilligen Vegetarismus“ der unteren sozialen Schichten gegangen. Nicht mehr die Verbesserung der Nahrungsmittelversorgung dieser Bevölkerungsteile durch billige Fleisch- und Fleischersatzprodukte, sondern die Regulierung von Affekten und Lebensstilaspekten, etwa über die Förderung von Kochkenntnissen oder durch die Verwendung appetitanregender Substanzen, sei nun ins Zentrum der Bemühungen von Ernährungswissenschaftlern gerückt.

VERONIKA SETTELE (Berlin) nahm in ihrem Vortrag am Beispiel des Zusammenhangs zwischen gewandelten Konsumpräferenzen in Westdeutschland nach 1945 und neuen Produktionsmethoden in der Rinderzucht die Verwobenheit von Mensch- und Tierkörpern in den Blick. Die steigende Nachfrage nach großen Rindfleischportionen, die sich am US-amerikanischen Vorbild orientierte und Ausdruck eines gewachsenen Wohlstandes war, hätte die Landwirtschaft demnach vor große Probleme gestellt. Denn die deutschen Zweinutzungsrinder, die sowohl für die Milch- als auch für die Fleischproduktion gezüchtet wurden, setzten dem Wunsch nach amerikanischen Steaks enge Grenzen. Zwar habe die Politik einer daraufhin aufkeimenden Debatte über die Einführung französischer Fleischrassen zunächst mit Blick auf den Schutz heimischer Züchter eine Absage erteilt. Die Milch- und Butterberge der 1970er-Jahre sowie die weiter ansteigende Nachfrage nach Rindfleisch schufen aber neue Rahmenbedingungen.

Das Dilemma der Landwirtschaft habe darin bestanden, so Settele, dass die Ausweitung der Fleischproduktion unter Verwendung der deutschen Zweinutzungsrinder einen weiteren Anstieg der Milchproduktion nach sich zog. Die Zucht von Fleischrasserindern habe wiederum ein höheres Risiko beim Abkalben und höhere Kosten verursacht, die beispielsweise in der Abkalbeversicherung zu Buche schlugen. Als Lösung sei zeitweise die sogenannte Färsenvornutzung diskutiert worden, wobei die Mutterrinder, die zum ersten Mal kalbten, vor der Geburt geschlachtet werden sollten, um das Kalb anschließend lebend aus den Schlachtkörpern herauszuschneiden und für die weitere Mast zu nutzen, ohne zusätzliche Milchmengen zu produzieren. Diese Praxis hätte jedoch ethische Bedenken und Widerstand aus den Reihen der Landwirte hervorgerufen, woraufhin eine abgewandelte Variante in Anwendung kam, bei der auf die Schlachtung der Muttertiere vor der Geburt verzichtet wurde. Settele, die in ihrem sehr anregenden Beitrag entgegen des Vortragstitels leider die ostdeutsche Seite ein wenig vernachlässigte, schlussfolgerte vor dem Hintergrund dieses Beispiels, dass das Tier – in diesem Fall die Färse und das Kalb – dem Fleisch als „Gegenstand gesellschaftlicher Spaltung“ in den 1970er-Jahren vorweg gegangen sei.

PASCAL EITLER (Berlin) nahm in seinem körperhistorisch ausgerichteten Vortrag anstelle einer offensichtlichen gesellschaftlichen Spaltung, die allem Anschein nach vom Fleischverzehr ausgeht, Formen einer verdeckten Spaltung in den Blick, die er auf das Nicht-Spalten-Wollen gesellschaftlicher Akteure im Diskurs über Fleischkonsum zurückführte. Seit den 1970er-Jahren habe demnach in der erstarkenden vegetarischen bzw. veganen Bewegung eine Durchmischung von moralischen und gesundheitlichen Diskurslinien stattgefunden, die – jede für sich – zunehmend einen verabsolutierenden Anspruch erhoben. Die Verschmelzung von Moral und Medizin in der Debatte über eine vegetarische bzw. vegane Lebensweise sei in der Folge immer mehr zu einer Glaubensfrage geraten. In diesem Sinn handele es sich nicht um einen Aushandlungsprozess über „gute“ Ernährung, sondern um einen Versuch der Menschenführung. Konstitutives Merkmal dieser Form der Biopolitik sei das Nicht-Unterscheiden-Wollen, das eine indifferente Haltung gegenüber dem Anderen beinhalte, die produktive und (selbst)kritische Unterscheidungen kaum mehr zulasse und auf diese Weise die Gesellschaft in richtig und falsch spalte.

JULIA HAUSER (Kassel) fasste die Beiträge abschließend in einem Kommentar zusammen und gab wichtige Anregungen für die anschließende Diskussion. Sie hob hervor, dass es den Beiträgen gelungen sei, ein weites Spektrum an Analyseebenen abzudecken und auf diese Weise sowohl die kulturellen Funktionen von Fleischkonsum und Tierschlachtungen als auch die Beziehungsebene Mensch und Tier, Ernährungsaspekte und Körpervorstellungen in den Blick zu nehmen. Kritik übte sie jedoch an einer „nationalhistorischen Perspektive“, die von den Referierenden eingenommen worden sei; diese Kritik ist mit Blick auf die beiden zeithistorisch ausgerichteten Beiträge noch um den Aspekt einer einseitigen Fixierung auf Westdeutschland zu ergänzen. Mit Blick auf ihre eigenen Forschungen über eine Verflechtungsgeschichte des Vegetarismus in Europa und Indien fragte sie außerdem nach der Bedeutung des „vermeintlich kulturell Anderen“, das sich aus Debatten über Fleischverzicht herauslesen lasse. In der Diskussion griffen die Vortragenden diese Anregung auf und nahmen darüber hinaus zu Fragen nach globalen Transferprozessen sowie zu Gender- und Umweltschutzaspekten Stellung.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Mieke Roscher (Kassel)

Maren Möhring (Leipzig): Einführung

Mieke Roscher (Kassel): Was ist Fleisch?

Laura-Elena Keck (Leipzig): Fleisch als umstrittenes Nahrungsmittel, 1850-1914

Veronika Settele (Berlin): Neue Körper für Mensch und Tier. Die Industrialisierung der Fleischproduktion in Ost- und Westdeutschland 1950-1980

Pascal Eitler (Berlin): Fleischverzicht als Menschenführung. Vegetarismus zwischen Politik und Religion (Westdeutschland nach 1968)

Julia Hauser (Kassel): Kommentar

Anmerkungen:
[1] Vgl. exemplarisch Lukasz Nieradzik / Brigitta Schmidt-Lauber, Ökonomien tierischer Produktion. Die gesellschaftliche Unsichtbarkeit wirtschaftlicher Tierproduktionen, in: Lukasz Nieradzik / Brigitta Schmidt-Lauber (Hrsg.), Tier nutzen. Ökonomien tierischer Produktion in der Moderne, (=Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 2016), Innsbruck 2016, S. 7–14, hier S. 7.
[2] Veronika Settele / Norman Aselmeyer, Nicht-Essen. Gesundheit, Ernährung und Gesellschaft seit 1800, in: Norman Aselmeyer / Veronika Settele (Hrsg.), Geschichte des Nicht-Essens. Verzicht, Vermeidung und Verweigerung in der Moderne, Berlin 2018, S. 7–35, hier S. 21–29.
[3] Mieke Roscher, Darf‘s ein bisschen mehr sein? Ein Forschungsbericht zu den historischen Human-Animal Studies, in: H-Soz-Kult, 16.12.2016, <www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2699> (06.12.2018).
[4] Gabriela Kompatscher-Guffler et al., Human-Animal Studies. Eine Einführung für Studierende und Lehrende, Münster 2017, S. 22 f. u. 203.
[5] Frank Uekötter, Umweltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, (=Enzyklopädie Deutscher Geschichte Bd. 81), München 2007, S. 3 f.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Fleisch (nicht) essen / (Not) Eating Meat, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 21.12.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8045>.