HT 2018: Sprach- und ethnische Konflikte in Klöstern nördlich und südlich der Alpen im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit

Ort
Münster
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
25.09.2018 - 28.09.2018
Von
Jessika Nowak, Departement Geschichte, Universität Basel

Sprach- und ethnische Konflikte sind in unseren Medien allgegenwärtig. Doch selbst die klösterliche Welt, in der man diese vielleicht zunächst nicht sucht, blieb in der Vormoderne keinesfalls von derartigen Konflikten verschont, wie die sehr spannende, von ANDREAS REHBERG (Rom) organisierte Sektion zu zeigen vermochte. Der vom Sektionsleiter vorgezeichnete Weg führte dabei von der Welt der Angeln und der Iren, die GABRIELA SIGNORI (Konstanz) als Einstiegsbeispiel für ihre Einführung wählte, über die mittelalterliche Bohemia bei Petr Hlaváček und das Schottenkloster in Wien bei Maximilian Alexander Trofaier bis hin in die italienische Welt hinein bei Andreas Rehberg.

Ein Blick in den Provinzkatalog des böhmischen Observantenvikariats aus dem Jahr 1493, der die Herkunft von rund 700 Franziskanern enthüllt, zeige – so erfahren wir aus dem von Andreas Rehberg verlesenen Beitrag von PETR HLAVÁČEK (Prag) – neben mehr als zwei Fünfteln Schlesiern auch Brüder aus Preußen, Meißen, Österreich, Bayern, Franken, Ungarn, Polen und Ruthenien. Es überrasche angesichts dieser Vielfalt wenig, dass Unruhen propter patriam et linguam et nationem in dem 1452 von Johannes Kapistran und dessen italienischen Mitbrüdern gegründeten Observantenvikariat aufgetreten seien. Insbesondere Klagen ob einer Ungleichbehandlung deutscher und slawischer Brüder seien immer vernehmlicher geworden, Vorurteile und Pauschalisierungen immer kurrenter. Selbst der Provinzvikar Gabriel von Verona hätte ein härteres Herannehmen der Deutschen für erforderlich gehalten, da diese seiner Meinung nach nicht so viel Stärke wie die Italiener besäßen und daher eine höhere Disziplin beim Fasten und im Gottesdienst hätten zeigen müssen. Aus Verärgerung über das Verhallen ihrer Kritik seien viele Italiener alsbald in die patria zurückgekehrt. Die Probleme zwischen den deutsch- und den tschechischsprachigen Brüdern seien indes bestehen geblieben, ja sogar durch die Wahl eines aus den Reihen der Deutschen stammenden Provinzvikars (1457) und zwei weitere Klostergründungen in Pilsen und Prag noch verschärft worden. Klagen über mangelnde Visitationen und der Wunsch nach Reformen seien auch seitens der sieben polnischen Observantenklöster zunehmend lauter geworden. Das Bestimmen eines polnischsprachigen, allein für Polen zuständigen Kommissars und eine Ablösung des aus Italien stammenden Provinzvikars durch einen deutschsprachigen Schlesier hätten nicht die gewünschte Entspannung gebracht. Letztendlich habe sich eine Zweiteilung des böhmischen Vikariats bzw. eine Absplittung des polnischsprachigen Teils nicht verhindern lassen, mit Absegnung durch Papst Paul II. im Jahr 1467. Im böhmischen Teil habe es indes weiter gegärt, den tschechischen Forderungen, lediglich tschechischsprachige Brüder in den böhmischen Klöstern einzusetzen, sei zunächst nicht stattgegeben worden. 1471 seien den Brüdern auf dem Provinzkapitel in Kosel sogar harte Strafen angedroht worden, falls sie schriftlich oder mündlich verkündeten, jemand gehöre zur böhmischen/tschechischen, deutschen, mährischen oder schlesischen Partei. Druck habe jedoch ebenso wenig auszurichten vermocht wie die Entscheidung, in gemischtsprachigen Gebieten je einen tschechisch- und einen deutschsprachigen Prediger einzusetzen. Die diversitas nationum sei, wie auch der Provinzvikar Paul von Mähren betont habe, ein gravierendes Hindernis für die Entwicklung des Vikariats geblieben.

Vergeblich sei die tschechische Minderheit für eine Beschränkung der freien Wahl bzw. für eine alternierende Ernennung eines Tschechen und eines Deutschen als Provinzvikar und für die Bestellung von zwei der vier Definitoren aus den Reihen der Tschechen eingetreten. Obwohl es ihnen untersagt worden sei und Drohungen seitens der deutschsprachigen Brüder im Raum gestanden hätten, bei derartigen Initiativen den tschechischen Mitbrüdern zukünftig sämtliche Wege in jegliches Amt im böhmischen Vikariat zu versperren, hätten sich die Tschechen dennoch auch 1490 auf dem Generalkapitel von Urbino entschieden für eine weitere Teilung des Observantenvikariats ausgesprochen. Diese hätten sie – neben der mit der Größe des Gebietes einhergehenden mangelnden Seelsorge, den unregelmäßigen Visitationen und der geringen Teilnehmerzahl der Provinzkapitel – auch mit den verschiedenen Nationen wie mit den fehlenden Tschechischkenntnissen bzw. der Ablehnung der tschechischen Sprache durch die deutschen Brüder gerechtfertigt. Nur mittels eines Dolmetschers könne gebeichtet werden, so ihre Klage. Durch eine Teilung, so ihre weitere Argumentation, hätten Unruhen befriedet und ein weiteres Abwandern der tschechischen Brüder nach Italien oder Polen unterbunden werden können. Der böhmische Provinzvikar Anton von Leipzig habe seinerseits versucht, die Anschuldigungen zu entkräften und auf die Sinnlosigkeit einer weiteren Teilung des Vikariats zu verweisen, da auch auf diese Weise das Problem der commixta ydeomata nicht gelöst werden könne, weil nach wie vor mehrsprachige Gebiete existierten. Die vom Generalvikar Angelus von Chiavasso eingebrachten Reformvorschläge seien den tschechischen Brüdern nicht weit genug gegangen. Pro concordia, pace et unione inter fratres Teutonos et Bohemos in provincia Bohemie seien daraufhin seitens des Generalvikars weitere Zugeständnisse an die tschechischen Brüder ergangen, darunter die Erlaubnis, in Bechin und Ronsberg zwei Klöster zu gründen, die pro puris Bohemis zu besiedeln seien. Weitere Zugeständnisse seien in den nächsten Jahren gefolgt, so 1491 die Ernennung eines tschechischen Predigers für das Kloster in Olmütz wie auch die Gründung eines weiteren Klosters in Ungarisch Hradisch. Eine Stärkung der Position der tschechischen Brüder um die Jahrtausendwende, wie auch die Konflikte mit den sächsischen Franziskanern und alsbald auch die von der lutherischen Reformation ausgehende Bedrohung hätten dann zu einer Verlagerung des Fokus und einem Abflauen der Spannungen zwischen den tschechisch- und den deutschsprachigen Brüdern geführt.

Der Wille zur Abschottung wird, wie MAXIMILIAN ALEXANDER TROFAIER (Wien) zeigte, auch den irischen Mönchen des Schottenklosters in Wien nachgesagt, das 1155 vom Babenberger-Herzog Heinrich II. Jasomirgott gegründet worden war und dann zum Verband der St. Jakob in Regensburg unterstellten Klöster zählte. Seien die irischen Mönche in Irland ausgebildet worden und hätten auf diese Weise ihre ethnische Geschlossenheit konservieren können, so habe sich diese ethnische Abschottung vor dem Hintergrund der Melker Reform nicht mehr wahren lassen. Die Vorgabe, einheimische Benediktinermönche in ihren Mauern aufzunehmen, sei für die irischen Mönche jedoch keine Option gewesen. Sie hätten es daher bevorzugt, 1418 das Kloster zu verlassen und sich ins Mutterkloster zurückzuziehen. Die Erklärung, die irischen Mönche seien bewusst „Fremdlinge“ geblieben, die schon allein infolge ihrer kaum vorhandenen Deutschkenntnisse nicht mit den Einheimischen hätten kommunizieren können, greife jedoch zu kurz. Die Einbindung der Brüder in die Ausstellung deutschsprachiger Urkunden belege, dass die Sprachbarrieren keineswegs so hoch wie angenommen seien und durchaus regere Kontakte zwischen den Einheimischen und den irischen Mönchen bestanden hätten. Die Brüder hätten im öffentlichen Leben sowie am Hofe eine wichtige Rolle spielten, und gerade die Schottenäbte seien als „Ersatz-Bischöfe“ hochgeschätzt gewesen. Noch nicht einmal in Zeiten des Konfliktes, wie etwa im Pfarrstreit der 1260er-Jahre, sei mit dem Argument der Fremdheit und der Integrationsunwilligkeit der irischen Mönche operiert worden. Das Bild von der vermeintlichen Distanziertheit der Schottenäbte sei erst im Nachhinein, nach dem Weggang der Iren, von den eine äußerst spitze Feder führenden Humanisten sowie von den auf eine Diskreditierung der irischen Mönche bedachten deutschen Reformern konstruiert worden. Das um 1465 verfasste Memoriale reformacionis ad Scotos, das rückblickend die Geschehnisse des Jahres 1418 festhalte und dabei ein sehr polemisches Bild der „Verkommenheit“ der irischen Mönche entwerfe, sei im späteren allzu oft für bare Münze genommen und verbreitet worden, so etwa in der 1586 gedruckten, stark rezipierten Stiftsgeschichte des Johann Rasch. Hinzu komme, dass das Memoriale auf einer älteren, um 1455 entstandenen Vorlage fuße, der Chronica monasterii sancti Egidii in Nurenbergk, die, wie der Titel bereits verrate, nicht die Verhältnisse in Wien, sondern eben jene in Nürnberg kritisch festhalte und die somit den Gegebenheiten in Wien keineswegs gerecht werde. Dass die irischen Mönche in Wien letztlich resignierten, habe daher weniger mit ethnisch-sprachlichen Motiven zusammengehangen, sondern sei vielmehr institutionell bedingt gewesen. Zum einen sei ihr Scheitern ihrer geringen Zahl geschuldet und zum anderen auf den hierarchisch gegliederten Klosterverband mit dem Regensburger Mutterkloster zurückzuführen, der der benediktinischen Reformbewegung widerstrebt habe. Auch hätten sich gerade im 15. Jahrhundert eine relative Isoliertheit wie das Fehlen von stützenden Netzwerken vor Ort – Faktoren, die die landesfremden Iren einst, im 12. Jahrhundert, als über den Parteien Stehende sehr attraktiv hätten erscheinen lassen – nun negativ für die landfremden Iren ausgewirkt.

Phasen der Inklusion und Exklusion von Zuzüglern lassen sich auch in den Klöstern im römischen Hinterland zwischen 1477/79 und 1530 aufzeigen. Groß sei zunächst die Anziehungskraft gewesen, die Subiaco, die erste Wirkstätte des heiligen Benedikt, und die vom syrischen Bischof Laurentius sowie von Thomas von Maurienne gegründete Reichsabtei Santa Maria in Farfa auf die nordalpinen Mönche ausgeübt hätten. Auch die Kommendataräbte hätten zeitweilig den Klostereintritt dieser Zuzügler begrüßt, da diese im Ruf gestanden hätten, vor Ort Impulse für eine Reform der vita monastica setzen zu können. Infolge des starken Zuzugs habe sich ab 1477 sogar eine congregatio theutonicorum et germanorum nuncupate dicti ordinis sancti Benedicti herausgebildet. Prosopographisch kann ANDREAS REHBERG (Rom) in diesem Zeitraum 109 Farfenser Mönche fassen; einen Austausch mit Subiaco vermag er in etlichen Fällen zu greifen. Jene 79 in den Quellen als monachi Germani oder monachi theutonici begegnenden Farfenser Mönche, deren Herkunftsregion Rehberg nachzeichnet und von denen ein nicht unerheblicher Teil aus Flandern stammte, hätten jedoch keineswegs eine einheitliche Ethnie gebildet. Die Sprache habe sie nur bedingt verbunden, seien doch die Differenzen zwischen dem Hoch- und Niederdeutschen erheblich gewesen.

Gegen 1500, einem Zeitpunkt, zu dem der Farfa und Subiaco sehr wohlgesonnene Papst Alexander VI. (†1503) aus dem Leben geschieden sei, der einst selbst Kommendatarabt von Subiaco gewesen sei, und zu dem sich eine Verschlechterung des Verhältnisses Farfas und Subiacos zu den nun aus den Reihen der Colonna und der Orsini stammenden Kommendataräbten abgezeichnet hätte, die einen Eintritt der Klöster in die italienisch dominierte Kongregation von Montecassino befördert hätten, sei jedoch in Farfa ein deutlicher Rückgang der bislang bei weitem dominierenden deutschen, aber auch der französischen und vor allem der italienischen Zuzügler zu konstatieren gewesen. Den Päpsten sei es zunehmend schwergefallen, die mächtigen Kardinäle, die als Kommendataräbte von Farfa und Subiaco nach ihrem Belieben geschaltet und gewaltet hätten, zu kontrollieren. Auch von Seiten des Kaiserhofes hätten die zunehmend in Bedrängnis geratenen monachi Germani, denen nun diskreditierend – unter Rekurs auf geläufige nationale Stereotypen – Trunksucht ebenso unterstellt worden sei wie auch eine Verschleuderung des Klosterbesitzes, keine Solidarität erfahren, obgleich sie sich in „nationalistischen Diskursen“ als Opfer übermächtiger Kontrahenten in Szene zu setzen gesucht hätten. 1567 habe Pius V. schließlich die Vertreibung der verbliebenen zehn Mönche der vermeintlichen congregatio Theutonicorum et Germanorum angeordnet, die beschuldigt worden seien, regellos zu leben, keiner anerkannten Kongregation anzugehören, einen exzessiven Lebenswandel zu führen und darüber hinaus noch ihre eigentlichen seelsorgerischen Aufgaben zu vernachlässigen. Den monachi Germani in den Klöstern im römischen Hinterland sei somit ein unrühmliches Ende beschieden gewesen. Einst hätten sie sogar durch die Namenswahl der deutschen Novizen versucht, den lokalen Traditionen Rechnung zu tragen, und zudem viel für den kulturellen Transfer getan, indem sie einerseits die Niederlassung deutscher Buchdrucker in Subiaco gefördert hätten, während sie andererseits durch die consuetudines Sublacenses wichtige Impulse für die Liturgie und Musik im Melker Reformkreis gegeben hätten. Ihre Verdienste seien jedoch in Vergessenheit geraten, und, ähnlich wie Trofaiers irische Mönche, seien sie, als diejenigen, die weggezogen seien und die Historiographie vor Ort nicht mehr hätten beeinflussen können, die Opfer derer geworden, die die Stellung behauptet und die Geschichte geschrieben hatten und die auch gewillt gewesen waren, die Weichenden zu diskreditieren.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Andreas Rehberg (Rom)

Gabriela Signori (Konstanz): Einführung und Diskussionsleitung

Petr Hlaváček (Prag): Ein Sprachenkonflikt in der spätmittelalterlichen Franziskanerprovinz „Bohemia“?

Maximilian Alexander Trofaier (Wien): Konstruierte Fremdheit. Die Beziehungen der irischen Mönche des Schottenklosters in Wien zu ihrem Umfeld

Andreas Rehberg (Rom): Ein Kampf um Subiaco und Farfa. Die Verdrängung der deutschen Mönche aus zwei Klöstern im Hinterland von Rom nach 1500

Zitation
Tagungsbericht: HT 2018: Sprach- und ethnische Konflikte in Klöstern nördlich und südlich der Alpen im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, 25.09.2018 – 28.09.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 21.12.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8046>.