Agon in der Spätantike

Ort
Halle
Veranstalter
Andreas Gutsfeld; Stefan Lehmann
Datum
06.05.2005 - 07.05.2005
Von
Karsten Dahmen, Berlin

Am 6. und 7. Mai fand das Internationale Symposium zum "Agon in der Spätantike" an der Martin-Luther Universität in Halle statt. Tagungsort war das historische Gebäude des Archäologischen Instituts, das Robertinum am Universitätsplatz 11.

Begrüßt wurden die Teilnehmer der Tagung durch den Dekan Prof. François Bertemes und durch Prof. Andreas Furtwängler anläßlich eines kleinen Stehempfanges im Archäologischen Museum. Das Begleitprogramm umfaßte eine Führung durch die Ausstellung "Der geschmiedete Himmel" zum bekannten Fund von Nebra durch den Hallenser Prähistoriker F. Bertemes.
Teilnehmer waren Althistoriker, Archäologen, Byzantinisten, Numismatiker und Bauforscher; hinzu kamen Studierende und Mitarbeiter der Universität sowie Kollegen von benachbarten Universitäten.

Gegenstand der Tagung war die Betrachtung der Situation und des Wandels der Agone in der Zeit zwischen dem 3. und 6. Jh. n. Chr. Diese Umbruchphase ist für die Entwicklung dieser gymnischen Wettkämpfe im kultischen Umfeld griechischer Heiligtümer deshalb von besonderer Bedeutung, weil sich in ihr auch der Wandel hin zum spätantiken Staat unter christlichen Vorzeichen vollzieht. Welchen Einfluß hat also die Christianisierung des Staates und von Teilen der Gesellschaft für die Gestaltung, Durchführung und Akzeptanz dieser zuvor in einen heidnischen Kultus integrierten sportlichen Wettkämpfe und Spektakel? Die Beantwortung dieser Frage wurde mittels einer Reihe von Vorträgen aus den verschiedensten Fachdisziplinen und aus unterschiedlichen Richtungen und Perspektiven beleuchtet.

Einleitend gab Andreas Gutsfeld (Clermont-Ferrand), neben Stefan Lehmann einer der beiden Veranstalter, eine kurze Einführung in das Thema und seine wesentlichen Fragestellungen. So sei zur Zeit gängige Forschungsmeinung, daß die endgültige Christianisierung des römischen Staates am Ende des 4. Jhs. n. Chr. ein abruptes Ende aller agonalen Veranstaltungen nach sich gezogen habe. Die auf antiken Traditionen beruhenden Agone hätten sich nicht mit dem christlichen Charakter des Staates vereinbaren lassen. Dem stehen aber die Forschungsergebnisse von Gutsfeld und Lehmann, welche dieses Thema zum Gegenstand des Forschungsprojektes "Christlicher Staat und 'panhellenische Heiligtümer'. Zum Wandel überregionaler paganer Kultstätten im spätantiken Griechenland" im Schwerpunktprogramm der DFG "Römische Reichs- und Provinzialreligion" machen konnten, entgegen: So zeige die Geschichte der Isthmischen Spiele bei Korinth und die der Nemeen im Zeusheiligtum von Nemea sowie die der Olympischen Spiele, die zu den vier großen Agonen neben den Pythien gehörten (später kamen noch die Aktien und Capitolia hinzu) zweifelsfrei deren Weiterbestehen bis ins 5. und 6. Jahrhundert n. Chr. Und auch regional bedeutende Veranstaltungen wie etwa die isolympischen (also im Range und nach dem Vorbild der Olympien in Elis) gestalteten Spiele in Antiochia haben bis zur ihrer Einstellung unter Iustinian I. im Jahre 520 n. Chr. stattgefunden. Zu klären sei also eine Frage von Kontinuität und Wandel, wenn nicht in absoluter Form, wie wohl unzutreffend, so doch in einer der Qualität.

Ruprecht Ziegler (Duisburg) stellte dann zuerst die Situation in der Hochzeit des antiken Sport- und Kultgeschehens dar ("Die Agone im Kleinasien des 3. Jahrhunderts: Funktion, Finanzierung, soziale Bedeutung"). Gegenstand waren die zahlreichen und verschiedensten Agone im griechischen Osten des römischen Reiches, hier dargelegt anhand der umfang- und detailreichen Bezüge in der Münzprägung der Städte in der Kaiserzeit. Der Schwerpunkt des Vortrags war das 3. Jh. in Kleinasien, wo zahlreiche Städte als Teil ihrer Selbstdarstellung und wirtschaftlichen Konkurrenz in einen Wettstreit um besonders privilegierte (etwa isopythische, isaktische oder gar isolympische) Agone in ihren Heiligtümern traten. Insbesondere das Engagement der städtischen Oberschichten als Spielgeber und teilnehmende Beamte sowie die Professionalisierung der Athleten und ihre umfangreichen Preis- und Antrittsgelder standen im Mittelpunkt der Ausführungen. Vor allem fällt ein Wandel vieler der weit prominenteren Kranzagone (etwa Olympien), die ursprünglich keine Preisgelder kannten, auf. Um ihre Attraktivität für die teilnehmenden Sportler zu steigern, wurden diese nunmehr zunehmend mit Geldpreisen aufgewertet. Es kam also im Laufe der Zeit zu einer Vermischung der Grenzen zwischen den in klassischer und hellenistischer Zeit noch eindeutig zu trennenden Kranzagonen einerseits und den mit Geldpreisen ausgestatteten thematischen Spielen andererseits.

Als zweiter Referent setzte sich Ralph-Johannes Lilie aus Berlin mit einem zumindest vordergründig weniger quellenreichen Thema auseinander. Er sprach zu "Agon(ie) in Byzanz". Trotz einer weiterhin festzustellenden Popularität sportlicher Wettkämpfe, finden in der Hauptstadt des byzantinischen Reiches, aber auch in den Provinzen, seit dem 7. Jh. n. Chr. keine Agone mehr statt. Ausschließlich in Konstantinopel wurden noch die aufwendigen Wagenrennen veranstaltet, deren herausragende Bedeutung im gesellschaftlichen Leben anhand von zahlreichen Denkmälern und Berichten belegt ist. Erst mit der Eroberung der Stadt im Verlauf des 4. Kreuzzug im Jahre 1204 n. Chr. fanden diese Rennen ein Ende. Auch wenn körperliche Ertüchtigung im Sinne der Wehrhaftigkeit und des militärische Dienstes gepflegt wurden, so ist angesichts der arabischen Eroberung Kleinasiens im 8. und 9. Jh. n. Chr. und der damit einhergehenden sinkenden Bedeutung der dort gelegenen Städte mit keiner Kontinuität antiker Agone zu rechnen. Finanzkraft, Personal und Prominenz der Plätze verlagern sich in die Hauptstadt. Es zeige sich, daß die Person des Kaisers und sein auch finanzielles Engagement für diese hauptstädtischen Wagenrennen von existentieller Bedeutung waren. Nur in Ausschnitten wissen wir von vereinzelten Wettkämpfen zwischen Einzelkämpfern, die auch meist privat veranstaltet wurden, und nur selten der Öffentlichkeit zugänglich waren. Eine militärische Komponente haben dabei auch einige Kaiserlegenden, die den Herrscher in jeder Hinsicht, also auch im Messen körperlicher Kräfte, als überlegen präsentieren. Festzuhalten bleibe auch eine sportfeindliche Einstellung der Kirche, die hier wegen der Nacktheit der antiken Sportler, nicht einer öffentlichen Veranstaltung von Wettkämpfen zustimmen wollte.

Stefan Lehmann (Halle) beschäftigte sich mit dem Bild des Athleten in der spätantiken Kunst. Anhand der Präsentation zahlreicher archäologischer Zeugnisse (neben Werken der Kleinkunst, Plastik, im wesentlichen aber Mosaikdarstellungen) ließ sich eine gut 1000-jährige Auseinandersetzung mit der bildlichen Darstellung des nackten Athleten bis in das ausgehende 4. Jh. n. Chr. aufzeigen. Hierbei ist zu bemerken, daß die späten Bilder der siegreichen Akteure typologisch den Darstellungen aus klassischer und hellenistischer Zeit verpflichtet blieben. Hingegen veränderten sich signifikante ikonographische Details, wie etwa die Physiognomien und die Frisuren der Athleten. Habituell entfernten sie sich durch ihre unförmig-muskulösen Körper und die expressiven Gesichter von dem traditionellen Athletenbild griechischer Prägung. Die auf den modernen Betrachter brutal wirkenden Sportlerbilder sind Porträtstatuen und -büsten erfolgreicher Athleten, die durch ihre Siege darstellungswürdig wurden und in Beischriften namentlich genannt sind. Die Darstellungen auf den Mosaiken aus dem 4. Jh. können in die Gruppe der dynamischen Wettkampfbilder, der auch das bekannte Mosaikbild aus Batten Zammour in Tunesien angehört, und in die Gruppe der statisch wirkenden Ehrengalerien, wie sie etwa aus den Kaiserthermen des Caracalla bekannt sind, unterteilt werden. Wir haben hier in Rom wohl die größte geschlossen erhaltene Bildnisgruppe der Spätantike vor uns, die eine sehr große Zahl historischer Athleten sowie Agonotheten, Trainer und Schiedsrichter überliefert und über die sich Hinweise auf Organisationsformen von Athletenvereinigungen finden lassen.
Das gezeigte Material widerlege zwingend die alte, von althistorischer Seite gerade erneuerte These (s. Chr. Mann, Nikephoros 15, 2002, 125ff.), daß durch die Nacktheit der Athleten die certamina graeca in Rom nur schwer Fuß fassen konnten und überhaupt die gymnischen Agone deshalb durch die Christen ihr Ende fanden. Nach Ausweis überlieferter Namen von Siegern bei den römischen Capitolia, deren Agonothet immer der jeweilige Kaiser war, wurden diese jedoch bis in die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts begangen. Daß die Athleten weiterhin nackt antraten, zeigen die zahlreichen Darstellungen aus dieser Zeit in Rom und Oberitalien.
Anhand eines Silberlöffels mit der Abbildung eines sich bekränzenden siegreichen Athleten und der Aufschrift "Paulus" - dem Signet der Tagung - entwickelte sich eine Diskussion zur Frage der Existenz christlicher Athleten.

Zum Charakter der "Agone im Westen des römischen Reiches mit Ausnahme Roms" sprach Francisco Pina Polo (Zaragossa). In diesem Teil des Reiches sind ebenso wie in Nordafrika - mit Ausnahme von Karthago - keinerlei Stadien bekannt, wohl aber Circusanlagen. Im Gegenzug sind mit Ausnahme der Metropole Pergamon im Osten keine Amphitheater anzutreffen. Dies bedeute aber nicht eine völlige Abwesenheit von Agonen im Westen: Wie Inschriften belegten, fanden Wettkämpfe statt. Zudem finden sich Stiftungen für Gymnasien, die von ihrer Bestimmung her ebenfalls sportlichen Charakter haben. In Spanien und Gallien sind die Belege zwar weniger zahlreich, dafür bietet Africa Proconsularis, gerade zur Zeit der severischen Dynastie, eine ganze Reihe von Agonen. Auch hier existierte ein berufsmäßig organisiertes Athletentum. Möglicherweise muß man in der im Vergleich zum Osten mangelnden Infrastruktur einen Hinweis auf eine andere Organisationsform sehen; denkbar sei die Nutzung von vorhandenen Amphitheatern und Circusanlagen, genauso wie z.B. Gladiatorenkämpfe im Osten nicht zwingend Amphitheater erforderten.

Dem Kolosseum in der Hauptstadt wandte sich Jürgen Beste (Rom) zu. Sein Vortrag "Das Colosseum und andere stadtrömische Spielstätten in der Spätantike" behandelte zunächst den keinesfalls einfachen Forschungsstand: Das letzte Wagenrennen im Circus Maximus fand wohl im Jahre 549 n. Chr. statt. Das Theater des Marcellus war im 4. Jh. schon teilweise abgerissen, aber noch in Funktion. Der traditionsreiche Platz des Circus Flaminius war im 5. Jh. noch nicht überbaut. Das Stadion des Domitian, die heutige Piazza Navona, war noch in der Mitte des 4. Jhs. Schauplatz der Capitolia. Es könnte sogar bis in das 5. Jh. in Betrieb gewesen sein, denn erst im 7. Jh. wurde dort eine Kirche eingebaut. Schwerpunkt des Vortrags aber war der prominenteste Sport- und Kampfplatz, das Kolosseum, an welchem in den letzten Jahren Sicherungs- und Dokumentationsarbeiten seitens des DAI durchgeführt wurden. Hier lassen sich vier Umbau- und Reparaturphasen vom 1. bis 5. Jh. belegen. Die Phase IV gehört hierbei in die Spätantike. Das Untergeschoß mit seinen raffinierten Einrichtungen für die Bühnen- und Arenatechnik, aber auch der Wasserentsorgung, mußte ständig gewartet und repariert werden. Es läßt sich eine zunehmende Verstärkung der Ziegelfundamente, vor allem aber eine Steigerung der Anzahl der Aufzüge von 28 auf 60 feststellen. Letzteres geht mit einer Simplifizierung ihrer Technik einher. Durch ein Erdbeben verursachte Bodenverschiebungen machten eine tiefere Ableitung des Regenwassers nötig. 443 n. Chr. wird in einer Inschrift von einer wohl hierauf zu beziehenden Reparatur berichtet. Während die oberen Ränge teilweise schon in ruinösem Zustand waren und dort ganze Sitzreihen herabgestürzt waren (was entsprechende Folgeschäden in den unteren Rängen verursachte), war man offensichtlich sehr an einer Sicherung des Untergeschosses und einer Wiederherstellung der unteren Sitzreihen interessiert. Erst ein Erdbeben zwischen 488 und 502 n. Chr. zwang zur Verfüllung des Untergeschosses, der Spielbetrieb ging aber mit gewandeltem Charakter weiter. Während Gladiatorenspiele zu Beginn schon des 5. Jhs. endeten, standen nun mehr akrobatische Veranstaltungen im Vordergrund. Lediglich das oben erwähnte Stadion des Domitian war Ort von gymnischen Wettbewerben, der übrige Spielbetrieb war ganz auf die Zurschaustellung und Manifestierung der Größe des Reiches abgestellt.

Eine Spielstätte im phrygischen Aizanoi stellte Corinna Rohn (Cottbus) vor. "Das Theaterstadion in Aizanoi - eine große kaiserzeitliche Spielstätte in Kleinasien" trägt diese Bezeichnung zu Recht. Das Stadion ist auf den berühmten Zeustempel dieser Stadt ausgerichtet, die auch Mitglied im durch Kaiser Hadrian gegründeten Panhellenischen Bund war. Schon im 1. Jh. n. Chr. sind Spiele, die gymnischen und musischen Charakter hatten, in der Stadt belegt. Ein früherer Stadionbau samt Theater ist hiermit in Verbindung zu bringen. Am Ende des 1. Jhs. n. Chr. engagierte sich eine der führenden Familien der Stadt im grundlegenden Umbau dieser Anlage. Aizanoi wurde damit zum einzigen Beleg für eine bauliche Einheit von Theater und Stadion, die sich in mehreren Bauphasen entwickelte. Im Gegensatz zum Stadion, welches noch im späten 2. oder frühen 3. Jh. einen nur teilweise ausgeführten zweiten Rang erhielt, wurde der angeschlossene Theaterbau, wenn auch hier in mehreren Phasen, fertiggestellt. Die gesamte Anlage wurde in der Mitte des 3. Jhs. aufgegeben. Es ist zu vermuten, daß die nun in ihrem Umfang reduzierten Spiele in den Bereich des Zeustempels verlegt wurden. Ironischerweise bieten die im Theaterstadion angebrachten Inschriften keinerlei Auskünfte zu den vor Ort abgehaltenen Spielen; erwähnt sind hier nur Siege außerhalb Aizanois.

Konrad Hitzl (Tübingen) moderierte im Anschluß eine Diskussion zum Kaiserkult sowie zur Frage, ob eine Verbindung der gymnischen Agone mit der weitergepflegten Kaiserverehrung postuliert werden kann. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die von ihm vorgestellte Inschrift aus Hispellum [CIL XI 5265] aus den Jahren 333-335 n. Chr. Diese regelte die Rechte dieser Stadt sowie der Bürger von Volsinii in der nun gemeinsamen Nutzung eines templum Flaviae gentis. Bedeutsam ist hier die sich in der christlich dominierten Geisteshaltung des Staates äußernde Klausel des Verbots der superstitio, welche aber nicht blutige Opfer meine, sondern gegen Magie gerichtet sei. Es gäbe bisher keinen Beleg dafür, daß die jetzt am neuen Ort stattfindenden Theater- und Gladiatorenspiele in den Kult der Kaiserfamilie eingebunden gewesen seien.
Die anschließende lebendige Diskussion zeigte, wie wichtig die Frage nach der Präsenz der Kaiserverehrung im Rahmen der spätantiken Spiele ist.

Das erste Referat am Samstag hielt Joseph Engemann (Salzburg) über "Senat und Spiele in der Spätantike". Hier konnte ein keinesfalls nachlassendes Interesse an Spielen festgestellt werden. Besonders widmete man sich Tierhetzen, Wagenrennen und Gladiatorenspielen, deren Veranstaltung seitens der hauptstädtischen Elite auf großes Engagement stieß. Der Kaiser war als Konsul selbst häufig Spielgeber und konnte auch mittels seiner Personalpolitik Einfluß auf die Veranstaltung von Spielen nehmen. Die materielle Kultur der Spätantike bietet in Form von Kontorniaten, Elfenbeindiptychen, Silber-, Ton- und Glastellern Einblick in die weiterhin bestehende Beliebtheit solcher Spiele und ihrer Rezeption in allen Schichten einer sowohl christlichen als auch heidnischen Bevölkerung. Erst im 5. Jh. n. Chr. gehen die Veranstaltungen aus wirtschaftlichen Gründen zurück, es fehlt zunehmend an den hierfür erforderlichen Ressourcen. Dagegen sind Tierhetzen gerade auf oströmischen Diptychen des 5. und 6. Jhs. das häufigste dargestellte Thema.

"Staat und Agonistik" in der Spätantike war Gegenstand der Ausführungen von Andreas Gutsfeld (Clermont-Ferrand). Vor allem zeitgenössische Rechtsquellen, wie sie im Codex Iustinianus überliefert sind, bieten hier einige Auskünfte zur Stellung des Staates zu Agonen. Diokletian erließ 286 n. Chr. ein Gesetz, welches siegreichen Sportlern und damit Teilnehmern der Agone unter gewissen Bedingungen von öffentlichen Aufgaben befreite. Damit zeigt sich ein Interesse des Staates am Erhalt solcher Veranstaltungen. Auch unter den späteren Kaisern des 4. Jhs. behielten die Agone im Spannungsfall von paganer Tradition und den Ansprüchen christlicher Prinzipien ihre Existenzberechtigung. So verboten die Söhne des Konstantin den Angriff christlicher Fanatiker auf heidnische Tempel außerhalb von Stadtmauern, gerade weil diese auch Ort von Agonen waren. Da im Codex Iustinianus nur Gesetze enthalten seien, die auch noch im 6. Jh. n. Chr. von Bedeutung waren, seien auch entsprechende Regelungen zur Agonistik als solche von zeitgenössischer Bedeutung zu werten. Auch die Kirchenväter wandten sich nur gegen bestimmte Elemente antiker Wettkämpfe. Erst Kaiser Gratianus legte das Amt des Pontifex Maximus ab. Agone wurden nun ihres heidnischen Überbaus entkleidet und teilweise christlich adaptiert. Schon auf Konstantin geht dabei der im 4. Jh. zunehmende Verzicht auf heidnische Riten im Rahmen agonaler Veranstaltungen zurück. Die Spiele von Olympia wurden in solcher Form bis um das Jahr 420 n. Chr. fortgeführt und erst dann aufgrund mangelnder wirtschaftlicher Reize eingestellt. In Athen sind die Panathenäen das letzte Mal für 410 n. Chr. bezeugt; Spiele in Gaza sogar bis in das 7. Jh. n. Chr. Im Jahre 424 n. Chr. ist ein tribunus voluptatum am Kaiserhof belegt. Agone und Feste dienten nun zunehmend auch der Selbstdarstellung der Kaiser und ihrer Statthalter. Häufig übernahm auch die kaiserliche Kasse die Finanzierung solcher zur Gemeinschaftsstiftung genutzten Agone. Erst Iustinianus entzog den Städten ihre Einkünfte, so daß den in den großen Städten bis dahin weiter bestehenden Spielen erst jetzt ihre finanzielle Grundlage genommen war. 537 n. Chr. begrenzte er den Umfang konsularischer Spiele.

Der letzte Beitrag zu den "Olympischen Spielen von Antiochia" von Johannes Hahn (Münster), der leider verhindert war, wurde von Andreas Gutsfeld vorgetragen. Dieser widmete sich einem der in der Spätantike bedeutendsten Agone. Hier bietet sich aufgrund einer sehr guten Quellenlage (Johannes Chrysostomos, Malalas, Libanios, und Julianus) ein aufschlußreicher Einblick in den Ablauf einer solchen Veranstaltung. Nach fast einem halben Jahrtausend werden die Spiele erst 520 n. Chr. eingestellt. Sie waren 43/44 n. Chr. als isolympische Spiele begründet worden (das Recht hierzu wurde mit Hilfe des Kaisers Claudius für die Dauer von 90 Olympien von Elis gekauft). Alle vier Jahre fanden nun für die Dauer von 45 Tagen Spiele statt. Die Bedeutung solcher Agone auch als Machtmittel in der Hand des Kaisers zeigt die Verlegung der Olympien nach Tarsos, mit der Septimius Severus die Stadt Antiochia bestrafen wollte. Diokletian führte sie nach Antiochia zurück und engagierte sich auch persönlich durch die Übernahme des Agonothetenamtes bei der Wiederbelebung dieser Spiele, die er auch zur Stärkung seines Programms der Staatsreform nutzte. Bereits unter Iulian sind die Spiele wieder stark säkularisiert worden und das bedeutende Zeusheiligtum in Daphne, bis dahin Veranstaltungsort, wurde, anders als das städtische Fest, vernachlässigt. Wohl ab 408 n. Chr. waren die Spiele auch offiziell ludi, also ein rein städtisches Fest ohne religiösen Gehalt. Wenn sich Kritik an solchen Spektakeln äußerte, dann war sie nicht an dem kaum mehr vorhandenen paganen Gehalt, sondern an ihrer angeblichen moralischen Schädlichkeit orientiert. Städtische Beamten traten um die Mitte des 5. Jhs. von der Finanzierung der Spiele zurück, an ihre Stelle traten kaiserliche Beamte. 465 n. Chr. trugen neue Regelungen die Kosten der Olympien dem Kaiser auf. Die Nutzung der Spiele zugunsten des Kaisers zeigt auch die regelmäßige Akklamation der Festbesucher für den Kaiser. Als es 520 n. Chr. während der Olympien zu Unruhen kam, diente dies als Vorwand für die endgültige Einstellung der Spiele.

Das geplante Referat von Dieter Salzmann zu "Christlichen Preiskronen" mußte leider entfallen, wird aber in den Tagungsakten veröffentlicht werden.

Der erste Abend schloß mit einem Vortrag des bekannten niederländischen Althistorikers Harry W. Pleket (Leiden), der insbesondere anhand epigraphischer Quellen den Charakter von Festveranstaltungen in Kleinasien beleuchtete. Im Mittelpunkt standen etwa die Regelungen der Agone in Oinoanda, die sehr aufschlußreiche Einblicke in die enge und intensive Einbindung städtischer Eliten in solche Veranstaltungen im 2. und 3. Jh. n. Chr. bieten.

Es war ebenfalls Pleket, der am Ende des zweiten Tages abschließend die Ergebnisse der Vorträge und der Diskussionen zusammenfasste.So stellt er fest, daß die Agone keineswegs einheitlich um 400 n. Chr. enden, sondern erst im Verlauf des 6. Jhs. n. Chr. Die ‚Säkularisierung' ursprünglich auf heidnischer Grundlage begründeter Agone machte diese auch für den nun christlichen Staat akzeptierbar. Das zuvor allgemein anerkannte Dictum eines einheitlichen Endes der Agone um 393 n. Chr., dem Jahr der Erhebung des christlichen Glaubens zur Staatsreligion, ist nicht länger zu halten.

Das Ende der Agone ist nicht zuerst im Konflikt mit der christlichen Religion begründet, sondern vielmehr im Verlust ihrer wirtschaftlichen Grundlage und eines Mentalitätswandels in der Bevölkerung. Die finanzielle Krise und Ausblutung der die Agone tragenden städtischen Eliten wird im Verlauf des 4. und 5. Jhs. n. Chr. gezielt vom Kaiser in ausgewählten Fällen durch eigenes Engagement ersetzt. Erst der Entschluß Kaiser Iustinians, sich nicht mehr an der Finanzierung von Spielen außerhalb Konstantinopels zu beteiligen, führt zur Einstellung der Agone.

Die Person des Kaisers war auch in der Spätantike durch Akklamation und statuarische Darstellung im Agon präsent. Gerade die berühmten vier Kranzagone der Antike sind aufgrund dieser graduellen Umwandlung auch in ‚Kaiserfestspiele' vorerst in ihrer Existenz gesichert worden. Pleket zweifelt im Übrigen an der Existenz von gymnischen Agonen in Hispania. Das Fehlen von Stadien als für die Agone benötigte Veranstaltunggsorte und eine von ihm bevorzugte Interpretation der inschriftlich belegten Gymnasien als vor allem militärischer Übungsplätze der Jugend sprächen hier gegen diese Deutung.

Die eben skizzierten Ergebnisse verdeutlichen noch einmal die Bilanz und den Wert dieser Tagung. Die verschiedensten Beiträge aus den unterschiedlichen Fachdisziplinen beweisen in der Zusammenschau die vielfältigen Erkenntnismöglichkeiten auch in der Auswertung der hier zugrunde liegenden antiken Quellen (literarische und Rechtstexte, epigraphische, archäologische und numismatische Quellen): Es muß als wichtigstes Ergebnis die weitaus länger als zuvor angenommene Existenz agonaler Veranstaltungen teilweise bis in das 6. nachchristliche Jahrhundert festgehalten werden. Der Aufstieg der christlichen Religion zur beherrschenden im römischen Reich und das Ende der Agone ist weder zeitliche noch inhaltlich miteinander direkt verbunden. Bezüglich des Verhältnisses von römischem Kaiser und griechischem Agon würde sicher eine weitere Beschäftigung mit diesem Thema vom Beginn des Prinzipats an vielversprechend sein; dies gilt nicht zuletzt zwecks des Aufzeigens hier vorhandener Entwicklungslinien im Vergleich mit der Situation in der Spätantike. Als ein weiteres Desiderat erwies sich in den Diskussionen das Fehlen einer Aufarbeitung einschlägiger schriftlicher Quellen, hier insbesondere eine vorurteilsfreie Behandlung der christlichen Reaktion auf den Agon. Gerade weil hier häufig heidenfeindliche Stereotypen bei den christlichen Autoren auftreten, erfordert die Auswertung dieser Quellen noch eine kritische Überarbeitung und ein Aufbrechen vermeintlich sicher geglaubter Werturteile bei diesen Schriftstellern. Des weiteren würde sich eine intensive Behandlung der Frage nach der Mitwirkung von Teilnehmern christlichen Glaubens an griechischen Agonen - hier sowohl als Athleten als auch in der Rolle von Veranstaltern, Stiftern und Magistraten - lohnen.

Zitation
Tagungsbericht: Agon in der Spätantike, 06.05.2005 – 07.05.2005 Halle, in: H-Soz-Kult, 20.06.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-804>.