Republiken im Europa der Frühen Neuzeit. Schweiz und Niederlande im Vergleich

Ort
Bern
Veranstalter
André Holenstein (Bern); Thomas Maissen (Luzern); Maarten Prak (Utrecht)
Datum
07.05.2005 - 09.05.2005
Von
Adrian Zimmermann, Bern

Unter dem Titel "Republiken im Europa der Frühen Neuzeit - Schweiz und Niederlande im Vergleich" fand an der Universität Bern am 7. und 8. Mai 2004 eine von den Professoren André Holenstein (Bern), Thomas Maissen (Luzern) und Maarten Prak (Utrecht) veranstaltete Tagung statt. Die Frage der Historiker nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden frühneuzeitlichen republikanischen Staatsgebilde stösst bei den heutigen Entscheidungsträgern ihrer Nachfolgestaaten auf ein gewisses Interesse; Bundespräsident Joseph Deiss übernahm die "Schirmherrschaft" über die Tagung, während die Botschaft der Niederlande die Tagung unterstützte und eine Abendveranstaltung organisierte, zu der Persönlichkeiten aus der niederländischen Kolonie in der Schweiz, dem diplomatischen Korps, dem Parlament und der Bundesverwaltung eingeladen waren.

Ein erster Block der Tagung setzte sich mit "Formen politischer Vergemeinschaftung in der Republik" auseinander. Maarten Prak ging es in seinem Referat um eine sozialgeschichtliche Analyse der Republik. Dafür adaptierte er eine Theorie des Politologen Albert O. Hirschmann über Handlungsalternativen von unzufriedenen Kunden gegenüber Unternehmen auf das Verhältnis zwischen Bürgern bzw. Untertanen und dem Staat in der frühen Neuzeit. Unzufriedenheit konnte einerseits mit einem - dauerhaften oder temporären, angedrohten oder realisierten - Wegzug aus dem Staatsgebiet zum Ausdruck gebracht werden (Exit-Option), andrerseits auch durch Rebellionen und Revolten (Voice-Option). Beides sei in den Niederlanden zu "niedrigen Kosten" möglich gewissen, die Exit-Option wegen der Kleinheit des Landes und der uneinheitlichen Struktur, die Voice-Option wegen des lokalen Charakters der politischen Autoritäten und der Organisation der Bürger in Zünften und Milizen. Die Volksschichten und in erster Linie die vollberechtigten Bürger hatten eine günstige Verhandlungsposition gegenüber den Herrschenden. Die Obrigkeiten mussten daher grosse Anstrengungen unternehmen, um die Loyalität ihrer Bürger zu gewinnen.

Andreas Würgler (Bern) stellte das komplexe Bündnisgeflecht der alten Eidgenossenschaft vor. Dieses sei durch Komplexität, Diversität (Konfessionen und Verfassungen der Orte) und Flexibilität (unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit von Fall zu Fall) geprägt gewesen. Die Frage stelle sich, warum sich dieses Gebilde so lange halten konnte und es nicht zu einer permanenten Blockade oder einem Auseinanderbrechen gekommen sei. Zu nennen seien in diesem Zusammenhang als aussenpolitische Faktoren die Solddienste, die das Bild der wehrhaften Eidgenossenschaft im Ausland noch aufrechterhielten als es bereits überholt war und die einen wichtigen Teil der Einnahmen der Staatskassen und der Eliten lieferten und als soziales Ventil dienten, weiter ein "situatives Stillesitzen", das zunehmend als "Neutralität" interpretiert worden sei und u.a. dazu führte, dass sich die konfessionellen Lager von Bündnissen ihrer deutschen Glaubensgenossen im Schmalkaldischen und 30jährigen Krieg fernhielten. In der inneren Dynamik der Eidgenossenschaft dürfe gegenüber dem dominierenden Bild von Trägheit und Schwerfälligkeit die Fähigkeit zu tragfähigen Kompromissen und Innovationen (z.B. Stanser Verkommnis von 1481 und Defensionale von 1673) nicht vernachlässigt werden. Schliesslich habe es für die Kantone keine Alternative gegeben, die ihnen soviel Autonomie zu so tiefen Kosten bot. Konflikte waren häufig, Mediationsverfahren aber recht effizient. Schon kurz nach Bürgerkriegen traf sich bereits wieder die Tagsatzung, nach den Bürgerkriegen wurden wohl Grenzen und Einfluss in den gemeinen Herrschaften, nicht aber die Kantonsgrenzen selbst in Frage gestellt. Der Bund der Eidgenossenschaft sei damit nicht an der Zwietracht der Bundesglieder gescheitert.

Ina Ulrike Paul (Berlin) beschäftigte sich mit den Einträgen zu den Niederlanden, zur Schweiz und zum Begriff "Republik" in Enzyklopädien des 17. und 18. Jahrhunderts. Von beiden Ländern würden überwiegend positive Bilder gezeichnet, wobei bei der Eidgenossenschaft eher die republikanische Freiheit, bei den Niederlanden eher die wirtschaftliche Prosperität gelobt worden seien. Bei der Eidgenossenschaft war dieses positive Bild im Ausland relativ neu, zuvor war sie lange als primitives Bergvolk dummer Bauern und käuflicher Söldner dargestellt worden. Schweizer und Niederländer hätten in ihren Enzyklopädien keine eigentliche Theorie der Republik entwickelt, weil ihnen ihre nationale Geschichte als "Meistererzählung" genügt habe.

In der anschliessenden Diskussion wurde von Olaf Mörke (Kiel) als gemeinsames Merkmal ein Zwang zur permanenten Kommunikation hervorgehoben. Während in den Niederlanden Holland klar und unbestritten dominierte, gab es in der Eidgenossenschaft auch ökonomisch kein Zentrum. Thomas Maissen (Luzern) betrachtete die Eidgenossenschaft als reformunfähiger als die Niederlande. Selbst die Untertanen hatten zu viele Rechte zu verlieren, die Eidgenossenschaft war strukturell reformunfähig, konnte zwar überleben, aber sich nicht verändern.

Ein weiterer Block beschäftigte sich mit den Konfessionskulturen in der Republik, wobei hier klare Unterschiede deutlich wurden. Willem Frijhof (Freie Universität Amsterdam) relativierte das gängige Bild von den Niederlanden als calvinistische Gemeinschaft und verwies auf das Nebeneinander unterschiedlicher protestantischer Gruppen sowie eines in den Bereich der Privatsphäre verbannten, aber dort tolerierten Katholizismus in den Niederlanden. Zwar durfte nur die reformierte Kirche öffentliche Gottesdienste abhalten und damit die vorherrschenden moralischen Standards beeinflussen, in der Privatsphäre wurden aber andere religiöse Bekenntnisse toleriert. Gerade die Eliten standen teilweise dem Calvinismus als religiösem Bekenntnis skeptisch gegenüber, stützten ihn aber in seiner Rolle als "öffentliche", "zivile" Religion.

Die Schweiz zeigte dagegen auf den ersten Blick ein klareres Bild, das von Francisca Loetz (Zürich) vorgestellt wurde. Die Eidgenossenschaft nahm mit dem Kappeler Landfrieden von 1531 sozusagen den Grundsatz "cuius regio eius religio" vorweg, umstritten blieb die Konfession in den gemeinen Herrschaften, sowie in Graubünden, Glarus und Appenzell. Die Konfessionslandschaft war geprägt durch ein Gleichgewicht mit Spannungen, in dem sich keine Seite durchsetzen konnte. Wichtige Ursachen der konfessionellen Gegensätze lagen auch in der Schweiz im politisch-ökonomischen Bereich: Die Expansionsbestrebungen der reformierten Städteorte Bern und Zürich führten zu Abwehrreflexen der übrigen Eidgenossen. Weil die Innerschweizer bereits das Recht auf die Wahl der Pfarrer hatten, war für sie die Gemeindereformation weniger attraktiv.

Der nächste Block beschäftigte sich mit Wanderbewegungen zwischen den Republiken: Bertrand Forclaz (Utrecht/Luzern) stellte den Austausch niederländischer und schweizerischen Studenten dar. Stefan Altorfer (London) eröffnete am Beispiel einer Mission des bernischen Gesandten François Louis de Pesmes de Saint Saphorin in Den Haag Einblicke in Unterschiede zwischen den beiden Staaten im Bereich der Wirtschafts- und Militärpolitik und im Umgang mit der religiösen Minderheit der Täufer, die mit ihrer pazifistischen Grundhaltung in den eidgenössischen Orten, wo die Wehrpflicht galt, als staatsgefährdend galt. Demgegenüber wurden sie in den Niederlanden, deren Truppen weitgehend aus Söldnern bestanden, als fleissige und ruhige Bürger geschätzt.

Michael North (Greifswald) verglich Kunst und Kunstproduktion in beiden Staaten, während Barbara Braun-Bucher (Bern) einige Trouvaillen aus den Beständen der Burgerbibliothek Bern vorstellte, die u.a die Beteiligung holländischer Investoren beim gescheiterten Projekt eines Kanalbaus zwischen Neuenburger und Genfersee und damit einer durch die Juraseen führenden Rhein-Rhone-Verbindung belegen.

Ein weiterer Block war der politischen Theorie in der Republik gewidmet. Eine wichtige Rolle kommt im altrepublikanischen Denken dem Gegensatzpaar von Eintracht (concordia) und Zwietracht (discordia) zu, dem Martin van Gelderen (Florenz) für die Niederlande und Thomas Maissen (Luzern) in der Schweiz nachgingen. Maissen vertrat dabei die herkömmliche Lehrmeinung, dass in der Schweiz eine eigentliche politische Theorie gefehlt habe und durch eine noch lange nach 1499 und selbst 1648 anhaltende Berufung auf die vom Reich verliehene Freiheit und die Befreiungstradition substituiert worden sei. Dem widersprach in der Diskussion Peter Blickle (Bern), der gerade in der eidgenössischen Befreiungstradition, wie sie erstmals im Weissen Buch von Sarnen greifbar wird, durchaus einen "theoretischen Überschuss" erkennen wollte.

Olaf Mörke (Kiel) arbeitete die Ähnlichkeiten und Differenzen eidgenössischer und niederländischer Geschichtsbilder heraus. Das schweizerische Geschichtsverständnis orientierte sich stärker an konkreteren und weniger weit zurückliegenden Ereignissen, während in den Niederlanden in erster Linie der Mythos der wehrhaften Bataver gepflegt wurde. Marc Lerner (Los Angeles) spürte ausgehend vom scheinbaren Paradoxon, dass der grösste Widerstand gegen die Helvetische Republik aus den Landsgemeindedemokratien kam, dem Verhältnis von altrepublikanischen und modernen, radikal-republikanischen Formen des Denkens nach, wobei er insbesondere auch auf Mischformen zwischen beiden (z.B. im Stäfner Memorial von 1794) verwies.

Ein letzter Block befasste sich mit Wirtschaftspraxis und Wirtschaftsdenken in der Republik. Ulrich Pfister (Münster) ging anhand der Sicherheit von Einkommensrechten, der öffentlichen Infrastruktur und des Steuersystems der Frage nach, ob die sieben Provinzen und die Eidgenossenschaft effiziente Staaten gewesen seien. Ida Nijenhuis (Den Haag) beschäftigte sich mit dem ökonomischen Denken des 18. Jahrhunderts. Béla Kapossy (Freiburg i.Ue) verwies auf die zentrale Bedeutung des Streits um die Wünschbarkeit der Einwanderung von Flüchtlingen für den Gegensatz zwischen einer modern-kapitalistischen und einer traditionell-handwerklichen Wirtschaftslogik im Basel des 18. Jahrhunderts.

Den Einstieg in die Abendveranstaltung bildeten zwei historische Referate. Wim Blockmanns (Leiden) und Peter Blickle (Bern) stellten die Entwicklung der republikanischen Staatsgebilde der Sieben Vereinigten Provinzen und der Eidgenossenschaft dar. Etwas unvermittelt folgten darauf Beiträge zweier Grenzgänger zwischen Universität und Politik: Ulrich Zimmerli, Staatrechtler (Bern) und alt-Ständerat (aus der SVP ausgetreten) und Uriel Rosenthal, Verwaltungswissenschafter (Leiden) und Mitglied der Ersten Kammer (VVD). In der anschliessenden Diskussion war die historische Dimension kaum mehr Thema. Das war insofern absehbar, als eine Diskussion über die heutigen Institutionen nur unzureichend historisch fundiert werden kann, wenn nur von den vorrevolutionären Republiken die Rede ist. Den "missing-link" bildet hier die Geschichte der letzten 200 Jahre, die bürgerliche und industrielle Revolution, die Kämpfe zwischen konfessionellen und laizistischen Kräften, zwischen Bürgertum und Arbeiterbewegung.

Alles in allem bot die Tagung ein eindrückliches Panorama des Forschungstands über die beiden frühneuzeitlichen Republiken. Gemeinsamkeiten und Unterschiede wurden deutlich, meist durch die im Tagungsprogramm angelegte Konfrontation von Referaten zu benachbarten Themen aus beiden Staaten und vereinzelt auch durch komparative Beiträge.

Zitation
Tagungsbericht: Republiken im Europa der Frühen Neuzeit. Schweiz und Niederlande im Vergleich, 07.05.2005 – 09.05.2005 Bern, in: H-Soz-Kult, 25.06.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-806>.