Tracing and Documenting Victims of Nazi Persecution: History of the International Tracing Service (ITS) in Context

Ort
Bad Arolsen
Veranstalter
Henning Borggräfe / Christian Höschler / Isabel Panek, Department of Research and Education at the International Tracing Service (ITS), Bad Arolsen
Datum
08.10.2018 - 09.10.2018
Von
Jonas Nachtigall, Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig

Die Begrüßung erfolgte durch FLORIANE AZOULAY, Direktorin des International Tracing Service (ITS). Das Tagungsprogramm, vorgestellt von HENNING BORGGRÄFE (beide ITS, Bad Arolsen), orientiere sich stark an dem Konzept zur ersten Dauerausstellung des ITS in Bad Arolsen.[1] Diese Konferenz war daher darauf ausgerichtet, erstmals die Entwicklungsgeschichte des ITS selbst wissenschaftlich zu fassen, seine Arbeit zu kontextualisieren und Spezifika sowie Gemeinsamkeiten mit verwandten Einrichtungen herauszuarbeiten. Am zweiten Tag wollte man gemeinsam mit einigen dieser verwandten Einrichtungen den Blick auf die zukünftige Rollengestaltung von Archiven richten.

Ziel der Konferenz war es zunächst, herauszuarbeiten, wie aus dem Suchdienst der frühen Nachkriegszeit der erinnerungspolitische Akteur wurde, als der sich der ITS heute versteht. Dieser öffnet sich mit der neuen Dauerausstellung: Einem breiten Publikum stehen bereits heute zwei Millionen Dokumente online zur Verfügung ebenso wie die Möglichkeit, sich per e-Guide oder 360°-Führung durch das Hauptarchiv dem Suchdienst und dessen Beständen von Zuhause aus zu nähern. Als außerschulischer Lernort bietet der ITS zudem mit Bildungsangeboten für verschiedene Zielgruppen die Möglichkeit, sich mit der weltweit umfangreichsten Dokumentensammlung über die Opfer des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

CHRISTIAN HÖSCHLER (ITS, Bad Arolsen) verwies in seiner Eröffnung des ersten Panels der Konferenz darauf, dass eine zentral koordinierte Suche nach vermissten Personen, die Opfer der NS-Verfolgung wurden, nach 1945 nur schleppend etabliert werden konnte. Die frühe Nachkriegszeit sei bis zur Gründung des ITS 1948 durch ein Nebeneinander vieler neuer und etablierter Organisationen gekennzeichnet. Überlebende der NS-Verfolgung hatten dabei einen entscheidenden Anteil an der Arbeit der jeweiligen Tracing Bureaus der Besatzungszonen und trugen dazu bei, das Fundament für eine spätere, einheitliche Suche und Dokumentation durch den ITS zu legen.

Als Beispiel für das weitreichende Engagement eines NS-Verfolgten führte RENÉ BIENERT (Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien) die Arbeit Simon Wiesenthals an, der Überlebenden in Linz bei der Suche und dem Umgang mit Behörden Hilfe anbot, sie aber von Beginn an als potentielle Zeugen begriff und bat, bei der Erarbeitung von Täter-Steckbriefen zu helfen. Wiesenthal blieb in seiner Arbeit lange autonom und übergab seine Unterlagen später an Yad Vashem, wo sie dem dortigen Archiv dienten, dessen Entstehung am Folgetag eingehender beschrieben wurde.

SILKE VON DER EMDE (Vassar College, Poughkeepsie, NY) nahm die Dokumente von Displaced Persons aus der literaturwissenschaftlichen Perspektive eines „Archivs der Emotionen“ in den Blick. Die Gründungsgeschichte des ITS, in dessen Anfangsjahren viele Displaced Persons in Bad Arolsen arbeiteten und ihre Erfahrungswerte als Überlebende in den Suchdienst und damit die von ihnen bearbeiteten Dokumente einbrachten, biete sich für diesen von Ann Cvetkovich entwickelten Ansatz an.

RÜDIGER OVERMANS (Freiburg im Breisgau) eröffnete das zweite Panel und nahm in seinem Beitrag über die „anderen Suchdienste“ zunächst Bezug auf deutsche Suchbemühungen zwischen Napoleonischen Kriegen und Erstem Weltkrieg, bei denen die Suche oft kein rein humanitäres Anliegen gewesen sei. Die 1939 eingerichtete WASt[2] unterstand dem Oberkommando der Wehrmacht und bediente die Vorgaben der Genfer Konventionen für die Suche nach Kriegsgefangenen. Die bereits angesprochene Vielzahl unterschiedlicher Suchdienste ab 1945 ergebe sich ebenfalls aus unterschiedlichsten Interessenlagen, zumal darunter neben staatlichen auch privatwirtschaftliche Firmen gefallen seien.

CHRISTINE SCHMIDT (Wiener Library, London) berichte über Recherchen zur Ausstellung „Those Left Behind“ in der Wiener Library. Diese hätten ergeben, dass die britische Regierung bereits 1943 mit der Arbeit an einem zentralen Such-Index begann, dabei jedoch das British Red Cross über Jahre ausschloß und das gegründete UK Search Bureau (UKSB) zudem nutzte, um durch staatliche Einflussnahme Migrationsbewegungen in ihrem Einflussbereich zu steuern. Das Archiv des UKSB verfüge heute nicht zur über 160.000 Karteikarten, sondern – wie der ITS – insbesondere über wertvolle Dokumente aus der Kommunikation mit Antragstellern, die besondere Einblicke in die damaligen Lebensbedingungen beispielsweise in den besetzten Niederlanden böten.

LINDA G. LEVI (New York) vom American Jewish Joint Distribution Committee sprach über frühe jüdische Selbstorganisation bei der Suche nach Vermissten. Bereits im Ersten Weltkrieg habe es dabei über New York eine Koordinierung der Suche zwischen Europa und Palästina gegeben, ab 1944 mit den Central Location Index (CLI) einen umfassenden Austausch von Listen mit Displaced Persons mit anderen Organisationen wie dem Internationalen Roten Kreuz. Mit dem Ende des CLI 1949 seien die Unterlagen an Yad Vashem sowie als Kopie an den ITS übergeben worden.

MAREN HACHMEISTER (Ludwig-Maximilians-Universität München) führte die frühe Suche nach Vermissten am Beispiel Polens und der Tschechoslowakei aus. Das Polnische Rote Kreuz habe etwa über zwei Umbrüche hinweg eine zentrale Rolle gespielt und in Deutschland nicht nur mit dem ITS kooperiert, sondern die Suche nach polnischsprachigen Vermissten auf Grund fehlender Sprachkenntnisse der Mitarbeiter in Bad Arolsen weitgehend übernommen.

Die Keynote von DAN STONE (Royal Holloway, University of London) stellte ausgehend von der Frühphase des ITS, als es noch keine Kapazitäten für eine sorgfältige Archivierung gab, die Frage, wieviel historisches Material für die heutigen Herausforderungen in Gedenken und pädagogischer Arbeit überhaupt nötig sei. Mit Verweis auf Nietzsches antiquarische Historie führte Stone aus, dass nicht blinde Sammelwut, sondern Quellenkritik und Interpretation heute den Schwerpunkt der Arbeit bilden müssten. Die Dokumente des ITS würden in Briefen und Zeugnissen unzählige Narrative verbergen, mit deren Aufdeckung ein Perspektivwechsel ermöglicht und ihre Urheber, die Verfolgten des Nationalsozialismus, eine Rehumanisierung erfahren würden. Den Tagesabschluss bildete ein World Café, in dem verschiede vom ITS und von externen Institutionen auf Basis ihrer Forschungen im ITS-Bestand entwickelte Projekte vorgestellt werden konnte.

Den zweiten Tag eröffnete ANNA MEIER-OSINSKI (ITS, Bad Arolsen) mit einem Rekurs auf die ITS-Geschichte von der aktiven Suche im Feld über die Systematisierung vorhandener Daten in Auskünften für die Entschädigung hin zur „TD-Akte“ (Tracing and Documentation), die zu jeder gesuchten Person die vollständige Korrespondenz dokumentiert. Auch die Nutzung der Bestände habe sich über die Jahrzehnte verändert. Waren es während der 1990er-Jahre noch vorrangig Überlebende (insbesondere aus Osteuropa) die sich für ihre Entschädigungsansprüche nach Arolsen wandten, so machen Überlebende heute weniger als zehn Prozent, Anfragen von Angehörigen der zweiten und dritten Generation dagegen den Großteil der knapp 20.000 Anfragen pro Jahr an den ITS aus.

ZVI BERNHARD (Yad Vashem, Jerusalem) beschrieb die Entstehungsgeschichte der Yad Vashem Archives, die heute nicht nur der zentrale Ort für Recherchen in Israel sind, sondern dank online verfügbarer Datenbestände weltweit genutzt werden. Unmittelbar nach Kriegsende habe die Jewish Agency die Suche nach Vermissten organisiert, in Yad Vashem sowie im Ghetto Fighters House sei jedoch bereits über die Sammlung und Dokumentation von Namen nachgedacht worden. Die Zeugnisse von Überlebenden, die heute einen zentralen Bestand des Archivs ausmachen und als Informationsquellen dienen, seien in den 1960er-Jahren dem Gedenken gewidmet gewesen. Erst Mitte der 1980er-Jahre sei es möglich gewesen die Strukturen für die heutige Sammlung zu schaffen, deren Online-Angebote in Zukunft stärker mit denen des ITS oder etwa des United States Holocaust Memorial Museums (USHMM) vernetzt werden sollen.

Das USHMM war in Arolsen durch DIANE AFOUMADO (United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C.) vertreten, die in ihrem Beitrag insbesondere auf den Austausch von Akten mit ITS einging. Die heutige Nutzung der Archivbestände durch Überlebende und ihre Angehörigen in der zweiten und dritten Generation verlange dank der enormen Menge detaillierter Informationen, die durch den Austausch zwischen den Institutionen vorlägen, zunehmend eine intensive Betreuung. Insbesondere die dritte Generation interessiere sich für die Inhalte der TD-Akten wie Kommunikation mit ihnen unbekannten Familienangehörigen oder Lücken in den Berichten ihrer Großeltern.

JOST REBENTISCH (Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte, Köln) kritisierte die zögerliche Entschädigungspolitik der Bundesrepublik und beschrieb, wie der wirtschaftliche Druck, den Überlebende mit Klagen gegen deutsche Unternehmen vor US-amerikanischen Gerichten ausübten, erste Ansprüche auf Entschädigung ermöglichte. In den vergangenen Jahren konnten durch die Nachweisinitiative von Bundesverband[3] und Partnerorganisationen der Stiftung EVZ noch einmal 4,5 Milliarden Euro über die Stiftung ausgezahlt werden, was die Gesamtsumme der seit den 1950er-Jahren ausgezahlten Entschädigungen auf annähernd 75 Milliarden Euro erhöht. Solche Summen seien insbesondere angesichts der vielfältigen Widerstände bemerkenswert – viele Gruppen seien jedoch zu spät oder bis heute nicht vollständig anerkannt worden. Unter NS-Zwangsarbeitern etwa sei der Anteil derjenigen, die bis heute eine Entschädigung erhielten, verschwindend gering.

Henning Borggräfe eröffnete das vierte Panel mit einem Blick auf die Strukturen des ITS und anderer während der Konferenz vorgestellter Archive, deren Entstehungsgeschichte sich einem klassischen Provenienzprinzip widersetze und sie damit möglicherweise zu einem neuen Typus von Archiven nach 1945 mache. Diesen Gedanken nahm HAIM GERTNER (Yad Vashem, Jerusalem) auf und verwies darauf, dass Archive dieses Typs einen ganzheitlichen Anspruch haben müssten. Die Yad Vashem Archives hätten, so Gertner, bereits 1955 beschlossen, „alles zu sammeln, was wir finden konnten“ – und unter den 204 Millionen Seiten des Bestands lägen zahlreiche nur in Kopie vor. Dies sei notwendig, weil die Originale der Unterlagen eines einzelnen Überlebenden beispielsweise nicht in Yad Vashem zusammengehalten wurden, sondern heute teils beim ITS, in London oder Theresienstadt lägen, was Recherchen erschwere. Gertner plädierte dafür, Datenbanken zu vernetzen und Dokumente nicht nur digital zugänglich zu machen, sondern mit Nutzern in Kommunikation zu treten.

Eine solches Vernetzungsprojekt stellte EDWIN KLIJN (NIOD Institute for War, Holocaust and Genocide Studies, Amsterdam) mit dem Netwerk Oorlogsbronnen vor, das die Kollektionen von 73 Institutionen und Organisationen verbindet, die sich in den Niederlanden mit dem Zweiten Weltkrieg befassen. Besonderheit sei die (teil-)automatische Erschließung von Dokumenten, die – auf Kosten einer minimal höheren Fehlerquote – ein vielfach größeres Volumen bewältigen könne: Die Qualität liege demnach in der Quantität der verfügbaren und dank Thesauri und Volltext-Suche recherchierbaren Daten.

KERSTIN HOFMANN (ITS, Bad Arolsen) stellte mit dem Bestand der Zentralen Stelle in Ludwigsburg ein weiteres Archiv des von Henning Borggräfe charakterisierten Typs vor und beschrieb, dass Mitarbeiter bei der Sichtung angesichts der Menge der in den National Archives in Washington zur Verfügung stehenden Dokumente schockiert gewesen seien. Zehntausende Mikrofilme seien zwischen Washington, Ludwigsburg und Bad Arolsen ausgetauscht worden, um die Ermittlungen der zentralen Stelle voranzutreiben. In der Diskussion wurde besonderer Wert auf die in Ludwigsburg vorhandenen Verfahrensakten zu den initiierten Gerichtsverhandlungen gelegt, die sich ähnlich den TD-Akten in Bad Arolsen über die Jahre zum wertvollsten Bestand der Archive entwickelt hätten.

ISABEL PANEK (ITS, Bad Arolsen) eröffnete das abschließende Panel. Dieses widmete sich Archiven als möglichen Akteuren der Geschichts- und Erinnerungspolitik. Der ITS sehe sich, in Anlehnung an die Terminologie Aleida Assmanns, nicht mehr alleinig als passives Speichergedächtnis, sondern als Teil eines aktiven Funktionsgedächtnisses. Panek verwies am Beispiel des ITS ebenfalls darauf, dass Phasen der eigenen Geschichte transparent aufgearbeitet werden sollten, etwa als der ITS sich während der 1980er- bis 2000er-Jahre der Öffentlichkeit verschloss.

TOBIAS HERRMANN (Bundesarchiv, Berlin) beschrieb, wie sich das Bundesarchiv ebenfalls von einem „Archiv ohne Akten“ – erst nach der Gründung 1952 gelang die Rückgabe von Akten durch die Alliierten – zu dem erinnerungspolitischen Akteur entwickelte, als der es sich heute verstehe. Neue Aufgaben seien dabei etwa ein auf Initiative aus Yad Vashem und in Kooperation mit dem ITS erarbeitetes Gedenkbuch, das ebenso wie das Haftstättenverzeichnis[4] als Datenbank für die online-Recherche zur Verfügung stehe. Die Außenstelle des Bundesarchivs bei der zentralen Stelle in Ludwigsburg biete zudem pädagogische Programme für Schulklassen an.

Über die geschichtspolitische Deutung von Archivbeständen in Osteuropa referierte ANDREAS HILGER (Deutsches Historisches Institut Moskau), der insbesondere auf die unterschiedlichen Richtungen und Tempi der Transformationsprozesse verwies. Dazu kämen Sperrfirsten von teils 100 Jahren in Russland oder die Neugründung von Archiven und gleichzeitige Vernichtung von Aktenbeständen während der 1990er-Jahre.

REBECCA BOEHLING (University of Maryland, College Park), die zwischen 2013 und 2016 den ITS leitete, gestaltete mit ihrem Beitrag über die Geschichte des ITS aus internationaler Perspektive bereits den Übergang zur abschließenden Podiumsdiskussion. Boehling betonte, dass während der ersten Phase der Nachkriegssuche die in Bad Arolsen angestellten Displaced Persons mit ihrem Wissen aus den Lagern die Identität des ITS geprägt hätten. Darüber hinaus blieb der Suchdienst einem internationalen Gremium unterstellt. Die Schwerpunktverschiebung entlang der Dialektik aus Suche und Archivierung habe den ITS zunehmend zu einem Dokumentationszentrum gemacht, das neben den Anfragen von Angehörigen nun auch Wissenschaftler bediene.

Die Podiumsdiskussion wurde von PUCK HUITSING (Netwerk Oorlogsbronnen, Amsterdam) angesichts der vielfach angesprochenen Öffnung von digitalisierten Archiven für das breitere Publikum mit „The Future is Open“ überschrieben. Haim Gertner (Yad Vashem, Jerusalem) sah Institutionen wie Yad Vashem, den ITS und das USHMM mit ihren digitalisierten Beständen in der Pflicht, mit Nutzern in den Dialog zu treten und damit zu verhindern, dass die Dokumente andernorts nicht kontextualisiert und schlimmstenfalls manipuliert den Diskurs bestimmten.

Während die Entscheidung zur Öffnung der Archive unumkehrbar scheint, sei die Frage, so PAUL SHAPIRO (United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C.), wie den neuen Zielgruppen didaktisch der Zugang ermöglich werden könne. Floriane Azoulay sah die Notwendigkeit, ebenfalls Angebote für Nutzer ohne besondere Verbindung zur Shoah zu schaffen; auch für CHRISTOPH RASS (Universität Osnabrück) stellte sich die Frage, wer außer Historikern vor dem Hintergrund zunehmend niedrigschwelliger Zugänge zu historischen Beständen künftig an der Entstehung von Geschichtsbildern beteiligt sein werde. ARYE SCHREIBER (MYEDPO - European Data Protection Officer Services, Brussels) sah angesichts der DSGVO die Notwendigkeit, eine grundsätzliche Entscheidung zum Datenschutz für Archivbestände zu treffen. Bei einer Million veröffentlichter Datensätze der zentralen Namensliste der Yad Vashem Archives habe es lediglich fünf Anfragen gegeben, einzelne Datensätze zu löschen.

CHRISTIAN GROH (ITS, Bad Arolsen) merkte an, bei 85% digitalisierten Beständen über ein „wie viel“ zu diskutieren, sei eine ausgesprochen privilegierte Position. In der Kontextualisierung dürfe nicht vergessen werden, Nutzer auf kleinere Archive mit nicht oder kaum digitalisierten Beständen zu verweisen.

Während der Weg zum digitalen und offenen Archiv für unumkehrbar scheint, eröffnet sich bei der Frage der Nutzerbeteiligung ein breites Spektrum zwischen der Recherche und der Möglichkeit, eigene Inhalte einzubringen. Die Tagung leistete daher einerseits einen wichtigen Beitrag zur Verortung von Archiven als erinnerungspolitischen Akteuren und bereitet das Feld für die Debatte darüber, wie die zur Verfügung gestellten Daten für neue Zielgruppen erschlossen werden können. Insbesondere die Suche und Dokumentation nach dem Zweiten Weltkrieg stellt noch ein Forschungsdesiderat dar.

Konferenzübersicht:

Floriane Azoulay / Henning Borggräfe (beide ITS, Bad Arolsen): Begrüßung und Einführung

Panel 1: The Early Search for Missing Persons and Documents (Part I)
Moderation: Suzanne Brown-Fleming (United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C.)

Christian Höschler (ITS, Bad Arolsen) Einführung

René Bienert (Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien): Überlebende(n) helfen: Simon Wiesenthal und die frühe Suche nach NS-Verbrechern

Silke von der Emde (Vassar College, Poughkeepsie, NY): Recovering a Displaced Archive: DP Employees of the ITS in Bad Arolsen

Panel 2: The Early Search for Missing Persons and Documents (Part II)
Moderation: Akim Jah (ITS, Bad Arolsen)

Rüdiger Overmans (Freiburg im Breisgau): Die »anderen« Suchdienste. »Suchkulturen« in Deutschland von den 1920er-Jahren bis in die Nachkriegszeit

Christine Schmidt (Wiener Library, London): Those Left Behind. Early Search Efforts in Wartime and Postwar Britain

Linda G. Levi (American Jewish Joint Distribution Committee, New York): Family Search and Tracing Services of the American Jewish Joint Distribution Committee in the World War II Era

Maren Hachmeister (Ludwig-Maximilians-Universität München): Suchdienste in Polen und der Tschechoslowakei nach 1945 – zwischen humanitären Prinzipien und sozialistischer Ideologie

Keynote Lecture
Dan Stone (Royal Holloway, University of London): On the Uses and Disadvantages of the ITS for History

Präsentationen:

Elizabeth Anthony (United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C.): Primary Source Supplements Based on Documents from the ITS Archive

Leonardo de Araújo (University of Bremen): Marbles of Remembrance

Alina Bothe (Free University of Berlin): Ausgewiesen! Berlin, 28. Oktober 1938. Die Geschichte der »Polenaktion«

Ute Hoffmann (Bernburg Memorial): »Sonderbehandlung 14f13«

Sebastian Huhn (Osnabrück University): Transnationale Erinnerung an Zwangsarbeit und Migration

Anja Kruse (Leipzig Nazi Forced Labour Memorial): NS-Zwangsarbeit in Leipzig und beim Rüstungskonzern HASAG

Elisabeth Schwabauer (ITS, Bad Arolsen): Archivpädagogik und Bildungsformate des ITS

Christiane Weber (ITS, Bad Arolsen): The e-Guide – an Online Tool for Understanding Documents from the ITS Archive

Giora Zwilling (ITS, Bad Arolsen): ITS Digital Collections Online

Panel 3: Tracing Methods and the Clarification of Fates over Time
Moderation: Constantin Goschler (Ruhr-Universität Bochum)

Anna Meier-Osiński (ITS, Bad Arolsen): Einführung

Zvi Bernhard (Yad Vashem, Jerusalem): From Shaaraliya to IAJGS – Changes in Yad Vashem’s Role in Renewing Families´ Ties

Jost Rebentisch (Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte, Köln): Verweigerte Anerkennung – Von der Nachweissuche für NS-Zwangsarbeiter/innen zu offenen Fragen deutscher Entschädigung und Unterstützung der Folgegenerationen

Diane Afoumado (United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C.): ITS Research at the US Holocaust Memorial Museum for Descendants of Holocaust Victims and Survivors

Panel 4: The Search for Documents and the Structuring of Archives
Moderation: Christian Groh (ITS, Bad Arolsen)

Henning Borggräfe (ITS, Bad Arolsen): Einführung

Kerstin Hofmann (ITS, Bad Arolsen): »Schock ob der Fülle des Materials« – die Zentrale Stelle in Ludwigsburg und die langwierige Suche nach Beweisdokumenten

Haim Gertner (Yad Vashem, Jerusalem): »To Collect, Examine and Publish all Testimony on the Shoah« – the Development of the Documentation Collection process at Yad Vashem from 1946 until Today

Edwin Klijn (NIOD Institute for War, Holocaust and Genocide Studies, Amsterdam): Linking and Enriching Archival Collections in the Digital Age – the Netwerk Oorlogsbronnen Project

Panel 5: Archives and the Politics of History and Remembrance
Moderation: Jens-Christian Wagner (Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Celle)

Isabel Panek (ITS, Bad Arolsen): Einführung

Tobias Herrmann (Bundesarchiv, Berlin): Das Bundesarchiv als Akteur in der deutschen Erinnerungspolitik

Andreas Hilger (Deutsches Historisches Institut Moskau): Erinnerungslücken und Erinnerungsschlachten. Erinnerungspolitik in Osteuropa

Rebecca Boehling (University of Maryland, College Park): From Tracing and Fate Clarification to Research Center: The Role of International Players and Cultures of Memory in Shaping the Identity of the ITS

Podiumsdiskussion
Moderation: Puck Huitsing (Netwerk Oorlogsbronnen, Amsterdam)

Haim Gertner (Yad Vashem, Jerusalem) / Floriane Azoulay (ITS, Bad Arolsen) / Christoph Rass (Universität Osnabrück) / Arye Schreiber (MYEDPO - European Data Protection Officer Services, Brussels): Online Archives and Interactive Digital Services

Anmerkungen:
[1]Die vier Kernthemen der Tagung, die sich ebenfalls im Konzept der Ausstellung wiederfinden werden, waren die Suche nach Vermissten und Dokumenten in der Nachkriegszeit, aus denen die Gründung des ITS resultierte, die Entwicklung der Suchtechniken und Wandel der Anfragen sowie drittens das Archiv des ITS selbst, das heute Teil des Weltdokumentenerbes ist und zuletzt das Verhältnis von ITS und Öffentlichkeit über die Jahrzehnte hinweg betrachtete.
[2]Wehrmachtauskunftstelle für Kriegerverluste und Kriegsgefangene.
[3]Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte.
[4]Verzeichnis der KZ-ähnlichen Lager und Haftstätten sowie von Institutionen und Betrieben, in denen Zwangsarbeit geleistet wurde (ehemals Haftstättenverzeichnis der Stiftung EVZ).

Zitation
Tagungsbericht: Tracing and Documenting Victims of Nazi Persecution: History of the International Tracing Service (ITS) in Context, 08.10.2018 – 09.10.2018 Bad Arolsen, in: H-Soz-Kult, 29.01.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8071>.