Ambulante Poesie. Explorationen deutschsprachiger Reiselyrik seit dem 18. Jahrhundert

Ort
Bern
Veranstalter
Johannes Görbert, Institut für Germanistik, Universität Bern; Nikolas Immer, Institut für Germanistik, Universität Trier
Datum
05.07.2018 - 07.07.2018
Von
Birgit Gabriela Zehnder, Germanistisches Institut, Universität Bern

Bei der internationalen Tagung stand neben der kultur- und literaturhistorischen Einordnung konkreter Reisegedichte und reiseliterarischer Zyklen die poetologische Frage im Vordergrund, was es bedeute, nicht in der ‚ungebundeneren‘ Prosa, sondern in der üblicherweise durch Vers, Bildlichkeit, Konzision und Selbstreflexivität wesentlich stärker reglementierten Lyrik über das Reisen zu schreiben.

Die Tagung begann mit einem einführenden Abendvortrag von RALPH MÜLLER (Fribourg). Nach einem einleitenden Abschnitt zu Goethes Italienlyrik bezog sich Müller auf Reisegedichte der Gegenwart, etwa auf Robert Gernhardts „Venedichsonett“ oder auf Barbara Köhlers Istanbul. Dabei ging er vor allem auf das peritextuelle Zusammenspiel zwischen Text und Bild sowie auf den momenthaft herzeigenden statt zusammenhängend darbietenden Grundgestus der ausgewählten Reisegedichte ein.

Den eigentlichen Auftakt der Tagung bildete die Einführung in das Thema durch die beiden Organisatoren, JOHANNES GÖRBERT (Bern) und NIKOLAS IMMER (Trier). Immer skizzierte eine Entwicklung des Genres vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, die von der frühneuzeitlichen Gelehrtendichtung zu den Italien-, Rhein-, Nordsee- und Pazifikreisen der Klassiker und Romantiker führte. Görbert dagegen zeigte anhand der nachfolgenden Entwicklung im 20. und 21. Jahrhundert schlaglichtartig auf, wie Natur- und Landschaftswahrnehmung zunehmend durch eine Fokussierung auf Fortschritt und Technik abgelöst würden. Die Normierung, Standardisierung und Egalisierung des Reisens nähmen sukzessiv zu, würden aber stets durch poetische Sichtweisen kontrastiert.

Im Anschluss lag ein wesentlicher Schwerpunkt der Tagung auf Reisegedichten über die ‚Alte Welt‘, das heißt auf jener Lyrik, in der die Schauplätze der griechisch-römischen Antike fokussiert werden. In seinem Vortrag thematisierte CHRISTOPHER MEID (Freiburg im Breisgau) zunächst die lyrische Explorationskraft der antiken Gattungsformen. Sie böten nicht nur die Möglichkeit, sinnliche Erfahrungen und Beobachtungen festzuhalten, sondern zeugten auch von einem Höchstmaß an Gelehrsamkeit, über die wiederum Spontanität fingiert werde. Bei den zeitgenössischen Lesern wurden die in Goethes Römischen Elegien geschilderten Erfahrungen als faktische Reiseerlebnisse gewertet. In der Diskussion wurde auf die Wichtigkeit der mitgeführten Literatur (als „Bücherkoffer“) hingewiesen, sei dies nun aufgrund der Selbstinszenierung retrospektiv evoziert oder tatsächlich durchgeführt.

Nikolas Immer übernahm auch den nächsten Beitrag der Tagung. Er legte dar, dass die zunehmende Italophilie des 18. und 19. Jahrhunderts insbesondere in der Reiselyrik zum Ausdruck komme. Italien werde zum „Land der Sehnsucht“ verklärt und bei Goethe zum „Land, wo die Zitronen blühn“, stilisiert. Mit dem Sieg der deutschen Reaktion erfolge um 1848 ein Perspektivenwechsel in der öffentlichen Wahrnehmung: Nicht mehr das politische, sondern das kulturelle Italien rücke zunehmend in den Vordergrund. Mit Blick auf Levin Schückings Anthologie wurde verfolgt, wie er auf vorgängige Reisezyklen zurückgriff (wie zum Beispiel auf Ludwig Tiecks Doppelzyklus Reisegedichte eines Kranken und Rückkehr des Genesenden) und die Reihenfolge der Einzelgedichte gezielt abänderte. Abschließend könne festgehalten werden, dass es zu einer Akzentuierung einzelner Reiseorte komme, die ihrerseits dem topographischen Nord-Süd-Schema untergeordnet würden, das Schücking entfalte. Die Diskussion zeigte, dass Schückings Werk zu seiner Entstehungszeit eher ein ‚Sehnsuchtsbuch‘ gewesen zu sein scheint und nicht aktiv auf Reisen genutzt wurde. Seine Sammlung führe unmittelbar vor Augen, wie viele deutsche Dichter im frühen 19. Jahrhundert Reiselyrik produziert haben.

Von Italien ging die Reise weiter nach Griechenland. OLGA BEZANTAKOU (Berlin) ging in ihrem Vortrag auf die Griechenlandverehrung zwischen 1838 und 1930 ein. In der Lyrik des 19. und 20. Jahrhunderts fungiere ‚Griechenland‘ sowohl als ein realer als auch als ein fiktiver Ort, dessen jeweilige Gestaltung ideologisch beeinflusst gewesen sei. Grundlegend wurde gefragt, inwiefern sich die Reiselyrik von tatsächlich unternommenen Reisen und solchen, die „nur in Gedanken“ stattgefundenen haben, unterscheide. Zentral sei in diesem Zusammenhang der Begriff des „kulturellen Gedächtnisses“, da kulturelle Formationen gleichsam ‚objektivierte‘ Erinnerungsräume schufen. Griechenland spiele außerdem eine wichtige Rolle bei der Abgrenzung gegen den Orient und bei der Konstituierung Europas. Im Zuge des Historismus komme es zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem Paradigmenwechsel, der eine Neuinterpretation der Antike mit sich bringe: Neben der vorherigen Romantisierung Griechenlands gewinne der dionysische Rausch mit seinen sexuellen Ausschweifungen zunehmend an Geltung. In der Diskussion kam die Frage auf, inwiefern der imaginierte Rückbezug auf die griechische Antike in der Moderne als Zuflucht diene. Als Kontrastbeispiel für einen vermeintlich prototypisch modernen Ort wurden die USA genannt, deren Verheißungen von Freiheit weniger in die Vergangenheit als vielmehr in die Zukunft wiesen.

Der folgende Vortrag führte zurück nach Italien: YVONNE NILGES (Eichstätt-Ingolstadt) näherte sich den über mehrere Lyrikbände verstreuten einschlägigen Gedichten Ingeborg Bachmanns mittels einer diskursanalytischen Perspektive. Sie zeigte auf, wie Bachmann themen- statt anlassgebunden schreibe, Reiselyrik als Abstraktion interpretiere und sich von Diskursen ihrer Zeit distanziere. Reale Orte wie Italien im Allgemeinen und Rom im Speziellen träten bei ihr als sprachliche Konstrukte, als abstrakte Utopien, als Meta-Orte, sowie als Erinnerungsräume hervor, die poetisch neu kartiert würden.

Die Reise ging weiter von der ‚Alten‘ in die ‚Neue‘ Welt: nach Amerika. STEFANI KUGLER (Trier) hielt ihren Vortrag zu ausgewählten Reisegedichten Nikolaus Lenaus. Lenau, der in den Jahren 1832/33 eine Geschäfts- und Bildungsreise nach Nordamerika unternommen hatte, verkörperte den Typus des melancholischen Lyrikers und „Weltschmerzpoeten“. Hegte er bei seiner Abreise aus Europa noch die Hoffnung, eine freie neue Welt zu entdecken, begann er schon bald, abwertende Beschreibungen über Amerika zu verfassen. Insbesondere anhand seines Gedichts Die drei Indianer lasse sich verfolgen, wie Lenau die Ästhetik des Imperialismus bedient habe. Dass seine publikumswirksamen Zerstörungsfantasien im 19. Jahrhundert Anklang fanden, wurde in der anschließenden Diskussion ergänzend angemerkt. Vor dem Horizont der Frage nach der lyrischen Selbstprojektion kam außerdem zur Sprache, dass es kein unvoreingenommenes Reisen gebe.

Inwiefern es Überschneidungen zwischen der Reise- und Exillyrik gebe, wurde von EVELYN DUECK (Zürich) in ihrem Vortrag zu Hilde Domins Gedichtband Hier (1964) erörtert. Sie führte aus, dass die Sprache im Exil zur einzig verbleibenden Heimat werde: Man könne alles verlieren, nur die Sprache bleibe dauerhaft als immaterielles Gut erhalten. Dieser besitzlose Zustand führe bei Domin zu einer Bewegung, die an Objekte geknüpft sei. Dabei könne das Ich durch die ‚kleinen Dinge‘, die auf eine Reise mitgenommen würden, eine Verbindung zwischen der Vergangenheit in der Heimat und der Gegenwart im Exil herstellen. Diese ‚kleinen Dinge‘ könnten durchaus auch Gedichte sein. Es bleibe jedoch zu berücksichtigen, dass Domin die Bewegung ins Exil nicht als Reise, sondern als gewalttätiges und unfreiwilliges ‚Herausnehmen‘ des Menschen aus seinem Alltag kenntlich mache. Dieser Ansatz ließ in der folgenden Diskussion die Frage aufkommen, inwiefern man das Exil überhaupt als eine Reise betrachten könne, wenn Domin dies selbst verneine. Vorläufig wurde festgehalten, dass die spezifische Reiseerfahrung aus dem historischen Kontext heraus bestimmt werden müsse.

Am letzten Konferenztag folgte eine abschließende Sektion zum Oberthema „Nähe und Ferne“. SONJA KLIMEK (Fribourg / Oxford) widmete sich mit ihrem Vortrag ebenfalls der weiblichen Sicht auf das Reisen. Zunächst wurde deutlich gemacht, dass Sidonia Hedwig Zäunemann aus der Erfurter Mittelschicht stammte und aus heutiger Sicht als eine Vorkämpferin der Frauenbewegung eingestuft werden könne. Um ihre künstlerischen und ökonomischen Ziele verfolgen zu können, habe sie sich durch Patronage absichern müssen. Gleichzeitig habe sie sich in frühaufklärerischen Kreisen bewegt und eine nonkonformistische Haltung vertreten. Aufgrund ihres frühen und mysteriösen Todes entstand schon bald das Bild der dem Untergang geweihten Amazone. In der Diskussion wurden konkrete Fragen zu Zäunemanns Rhythmik sowie ihre spezifische, physikotheologische Form der Anrufung Gottes besprochen.

Die Bewegung spielte auch beim nächsten Vortrag eine wichtige Rolle, den BERNHARD METZ (Bern) hielt. Metz profilierte und kontextualisierte die Autorin Michèle Métail zum einen durch ihr Schreibprojekt der 2888 Donauverse, zum anderen durch das Konzept des ‚Schreibens in Bewegung‘, wie es unter anderem auch von Franz Hessel und Siegfried Kracauer kulturtheoretisch ausbuchstabiert worden ist. Anschließend untersuchte Metz, wie sich Métail Berlin durch das Flanieren und durch Lektüre- und Erinnerungsprozesse reiselyrisch angeeignet habe.

Den Abschluss der Tagung gestaltete Johannes Görbert mit seinem Vortrag. Wie Görbert darlegte, begreife Durs Grünbein das Reisen als „ein[en] Vorgeschmack auf die Hölle“. Er habe ein ambivalentes Verhältnis zu gewissen Orten, da sich bei ihm in einigen Teilen Asiens und in Afrika ein Gefühl der Fremdheit einstelle, das nur schwer zu ertragen sei. Das „Andere“ sei so übermächtig, dass kein Brückenschlag möglich scheine. Japan bilde für ihn insofern die Ausnahme, als Grünbein das Eigene im Fremden – hier in der japanischen Kultur – wiederzuerkennen in der Lage sei. Sein großes Interesse an Haikus habe es mit sich gebracht, mit dieser Gattung zu experimentieren: Grünbein halte sich an die Morenform 5-7-5, verwende aber Binnen- und Endreime in einer eigentlich ungereimten Umgebung. Wie er schreibt, seien die Gedichte als günstiger Ersatz für Polaroids auf den Japanreisen gedacht. Das darin entfaltete Zusammenspiel aller Sinne werde zum Abbild der sensualistischen Kultur Japans. In der Diskussion wurde die Frage gestellt, inwieweit Spezifika einer Kultur sich überhaupt in andere Sprachen, Schriften und Metrikformen übersetzen ließen. Kulturelle Alterität führe letztlich nicht nur zur Aufnahme von neuen Formen, sondern auch zur Sprachkonstruktion. Gleichwohl sei erkennbar, wie sich Grünbein bewusst als poeta doctus inszeniere.

Insgesamt hat die Tagung zahlreiche neue Perspektiven auf das Phänomen der Reiselyrik eröffnet. Die diskutierten Beispiele haben deutlich gemacht, dass die Reiselyrik als ein überaus komplexes Phänomen beschrieben werden muss: Auf diesem Feld kommt es zur Verbindung und Überlagerung individueller und kollektiver Reiseerfahrungen, zur Verdichtung und Verschmelzung naher und ferner Reiseziele und zur Rhythmisierung der Reisebewegung in Takt und Form. Darüber hinaus demonstriert die Figur des lyrischen Sprechers, wie sehr das Reisen letztlich den Reisenden selbst verändert. Kurzum: Reiselyrik bewegt und ist bewegend.

Konferenzübersicht:

Ralph Müller (Fribourg): ‚So vergönnt ihr Musen dem Reisenden kleine Gedichte‘. Formen und Kontexte der Reiselyrik

Johannes Görbert (Bern) / Nikolas Immer (Trier): Begrüßung und Einführung

Panel 1: Alte Welt

Christopher Meid (Freiburg im Breisgau): Als ‚Barbare‘ auf Reisen. Goethes Römische Elegien

Nikolas Immer (Trier): Fernweh in Versen. Zu Levin Schückings Anthologie Italia. Deutsche Dichter als Führer jenseits der Alpen (1851)

Olga Bezantakou (Berlin): Archäologische Erinnerungsräume in der deutschsprachigen Reiselyrik (1838–1930): Funktionen und Transformationen des deutschen Philhellenismus

Yvonne Nilges (Eichstätt-Ingolstadt): Kulturtechniken des Kartographierens: Multiple Raumsemantiken in der Italien-Lyrik Ingeborg Bachmanns

Panel 2: Neue Welt

Stefani Kugler (Trier): Romantischer Exotismus in ausgewählten Reisegedichten Nikolaus Lenaus

Evelyn Dueck (Zürich): Ausreiselieder – Flucht und Exil in Hilde Domins Gedichtband Hier (1964)

Panel 3: Nähe und Ferne

Sonja Klimek (Fribourg / Oxford): Wilde Ritte durch die Nacht, Fahrten tief hinein ins Gebirg. Sidonia Hedwig Zäunemanns Gedichte über ihre Expeditionen in und unter den Thüringer Wald (1737)

Bernhard Metz (Bern): Ambulantes Schreiben. Michèle Métails Berlin-Texte

Johannes Görbert (Bern): Japan in ‚Siebzehn Kehlkopfklicks‘. Durs Grünbeins Lob des Taifuns. Reisetagebücher in Haikus (2008)

Zitation
Tagungsbericht: Ambulante Poesie. Explorationen deutschsprachiger Reiselyrik seit dem 18. Jahrhundert, 05.07.2018 – 07.07.2018 Bern, in: H-Soz-Kult, 30.01.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8072>.