2. Symposium Unternehmensgeschichte: Familienunternehmen und ihre Frauen

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU); Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG) e.V.
Datum
08.11.2018
Von
Marcel Stierand, Gesellschaft für Unternehmensgeschichte mbH

Der Veranstaltung wurde in der Begrüßung vorangestellt, dass es sich bei diesem Thema um kein Frauenthema im Sinne einer feministischen Veranstaltung handele. Vielmehr gehe es stattdessen darum, welchen Anteil Frauen am Erfolg bzw. der Leitung von Familienunternehmen hatten und haben, und unter welchen Bedingungen, internen Regelungen sowie in welchem Rahmen dies geschah.

Noch stärker als im vergangenen Jahr zeigte sich anhand der Beiträge und des Austauschs der Teilnehmer, wie sich die beiden Perspektiven – wissenschaftliche Forschung einerseits und praktische Erfahrungen aus „eigenen“ Familienbiografien andererseits – zu ergänzen vermögen. Genau dies machte das Symposium spannend und bereichernd.

Der Vormittag war bestimmt von vier wissenschaftlichen Vorträgen, welche die Rolle der Frauen in Familienunternehmen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchteten. TOM A. RÜSEN (Witten) stellte heraus, dass aus Sicht des Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) das Thema „Weibliche Nachfolge“ noch lange nicht ausreichend erforscht ist. Eine intensivere Auseinandersetzung sei umso wünschenswerter, da die Nachfolge „das kritischste Ereignis in einem Familienunternehmen“ sei, nie aufhöre und regelmäßig wiederkehre. Ergebnis einer vom WIFU durchgeführten Studie ist, dass die Töchter deutlich öfter als Söhne in einer Notsituation die Nachfolge übernehmen. Als zentrale Herausforderungen bei der weiblichen Nachfolge seien die Ablösungsfähigkeit von etablierten „Mustern“ in der Unternehmerfamilie, die Fähigkeit zu neuartigen Gestaltungsmöglichkeiten von Partnerschaft und beruflicher Einbindung sowie das Aufbrechen traditioneller Rollenaufteilung zu nennen.

Bezüglich dieser Herausforderungen brachten die beiden Vorträge von DÉSIRÉE WATERSTRADT (Karlsruhe) und MECHTHILD ISENMANN (Leipzig) interessante Denkanstöße. Wenngleich nur abrissartig möglich, präsentierte Waterstradt in ihrem Vortrag etwa 3000 Jahre Entwicklung und Wandel der Rolle der Frau im „Haus“ Familie. Dabei wurde aufgezeigt, zu welchen Zeiten welche Funktionen / Eigenschaften das Rollenbild der Frau bestimmten. Es wurde deutlich, dass der Wandel der Rollen einherging mit einem Wandel insbesondere des Begriffs Familie bzw. des „Hauses“. Exemplarisch seien Status und Zugehörigkeit von Gesinde, Dienstboten und Sklaven zu diesem zu nennen. Das Familienverständnis heute sei kindzentriert und weniger vom Gedanken des „Hauses“ geprägt, welches Bedienstete einschließt. „Weiblich“ wiederum seien heute vielmehr etikettierte Tätigkeitsfelder, die sich oft im Bereich des unsichtbaren und (vermeintlich) nicht wertschöpfenden Bereich bewegten. Tatsächlich seien die Frauen vielfach wirtschaftlich unverzichtbar gewesen.

Daran anknüpfend berichtete Isenmann anhand unterschiedlicher Zeitzeugnisse der Periode des langen 16. Jahrhundert eindrucksvoll, unter welch unterschiedlichen Rahmenbedingungen und in welcher Variation Frauen im wirtschaftlichen Geschehen der Zeit Einfluss nahmen. So sei in der Tat zwar festzustellen, dass der Einfluss der Frau in Notlagen deutlich stärker zutage trat, etwa bei längerer Abwesenheit des Mannes. Dies sei aber bei weitem nicht immer der Fall gewesen. Eine Mitteilhabe an Steuer, Wirtschaftsleben und Handel sowie die Vereinigung in Zünften kann nachgewiesen werden, und dies in verschiedenen Zweigen. Beispielhaft führte Isenmann die erkennbare Rolle der Frau im Bereich des Geldwechsels und des Tuchmachergewerbes an, zunächst in Flandern, später auch in der Gegend um Köln oder der Lausitz. Recht hoch sei auch der Anteil in der Metallverarbeitung gewesen, in denen sich besonders die innerfamiliäre Rollenteilung zeigte: So habe der Mann die Produktion verantwortet, die Frau den Handel. Umgekehrt fand dies etwa bei den Kölner Seidmacherinneren statt. Die Rolle der Frau sei durchaus beachtlich und der wirtschaftliche Erfolg ohne diese innerfamiliäre Aufgabenteilung vielfach nicht denkbar gewesen.

Den Abschluss bildete der Vortrag von SINA BOHNEN und THOMAS URBAN (beide Witten) über die Frau im Familienunternehmen des 20. Jahrhunderts, deren Rolle sich zwischen den beiden Polen Firmenretterin und bürgerliche Unternehmergattin bewegte. Beide führten aus, dass die Primogenitur als historische Nachfolgeregelung in Familienunternehmen die Frauen wirtschaftlich vielfach unsichtbar machte. Gründe seien im Idealbild der bürgerlichen Familie seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu finden. So habe die Industrialisierung die Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte und damit auch von Familien- und Erwerbsleben gefördert, welche zu einer zunehmend geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung führten. Bemerkenswert sei das Spannungsfeld zwischen Rechtsungleichheit von Ehefrauen, welche bis 1977 nur mit Zustimmung des Ehemanns arbeiten durften, und Rechtsgleichheit von Handelsfrauen. Bei letzteren handelte es sich oft um Witwen mit mithin deutlich mehr Entscheidungsfreiraum. Die Frau als „Unternehmerfrau“ blieb dennoch lange Zeit die Ausnahme. Von einigen solchen Ausnahmen berichtete Bohnen, darunter Anita Freitag, die das Unternehmen nach dem Tod des Ehemanns weiterführte und damit zur Unternehmerretterin wurde. Urban ging schließlich auf das Herausbilden von Krisenfestigkeit in Familienunternehmen ein, das durch dynamische Schlüsselprozesse ermöglicht werden könne, etwa in der Familie klar konzipierte und kommunizierte belief systems.

Damit schlugen Bohnen und Urban auch die Brücke zu drei Erfahrungsberichten: ANITA FREITAG-MEYER (Verden), Enkelin des Firmengründers der Verdener Keks- und Waffelfabrik Hans Freitag sowie bereits erwähnter Anita Freitag, berichtete aus der Geschichte und Nachfolge, auf die sie sich vorbereitet und erzogen fühlt. ELENA VON METZLER (Frankfurt am Main) berichtete aus ihrem Werdegang, welchen sie bewusst frei gestalten durfte und der erst vor einigen Jahren zu einer Tätigkeit im traditionsreichen Bankhaus, welches derzeit von ihrem Vater geführt wird, mündete. SABINE FALKE-IBACH blickte auf sieben Generationen Familienunternehmen zurück, in denen an fünf Stellen Frauen bedeuteten Einfluss auf das Unternehmen hatten, das aber dennoch männergeprägt war. Spannend war ihr Bericht als Nachfolgerin auch hinsichtlich der bewussten Einstellung des Betriebes.

Dritter Teil des Symposiums war eine Arbeit in kleinen Gruppen, welche auf die Nachfolge im Unternehmen angelegt war und verschiedene Fragestellungen zu weiblicher Nachfolge aus drei Perspektiven zu beleuchten suchte: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Der Meinungsaustausch zwischen den Teilnehmern nach den Vorträgen und Erfahrungsberichten führte erneut zu anregenden Diskussionen und ließ eines deutlich werden – das Thema ist noch lange nicht abgeschlossen. Dies gilt für weibliche Nachfolge im Speziellen, wie für Nachfolge im Allgemeinen.

Konferenzübersicht:

Vorträge

Tom A. Rüsen (Witten): Weibliche Nachfolge: Ausnahme oder Regelfall? – Die WIFU-Sicht auf Töchter in der Nachfolge

Désirée Waterstradt (Karlsruhe): Familienstrukturen in europäischen Kulturen seit frühgeschichtlicher Zeit und die Rolle der Frau

Mechthild Isenmann (Leipzig): Familie und Unternehmen – welche Rollen spielten Frauen in Familiengesellschaften des „langen“ 16. Jahrhunderts?

Sina Bohnen / Thomas Urban (Witten): “Wäre die Großmutter nicht dahinter gewesen, gäb’s uns heute nicht.“ – Die Frau im Familienunternehmen des 20. Jahrhunderts – Firmenretterin oder bürgerliche Unternehmergattin?

Erfahrungsberichte

Elena von Metzler

Sabine Falke-Ibach

Anita Freitag-Meyer

Zitation
Tagungsbericht: 2. Symposium Unternehmensgeschichte: Familienunternehmen und ihre Frauen, 08.11.2018 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 04.02.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8075>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.02.2019