Karl Marx, Marxism and the Global South

Ort
Bremen
Veranstalter
INPUTS, City University of Applied Sciences, Universität Bremen
Datum
04.05.2018 - 05.05.2018
Von
Sophia Segler, Universität Bremen

Die im Kontext des 200. Geburtstags von Karl Marx stattfindende Konferenz setzte sich zum Ziel, die Diskussionen um Fragen und Lesarten zu Eurozentrismus, Feminismus und Ökologie in Marx‘ Werken mit denen zu verbinden, welche den Stellenwert des Globalen Südens zum Gegenstand haben. Für die Beleuchtung dieser Fragen stellten insgesamt zwölf internationale Wissenschaftler/innen ihre Forschung aus einer Bandbreite transdisziplinarer Perspektiven vor.

ADITYA NIGAM (Neu-Delhi) eröffnete das Symposium mit dem Aspekt der ungleichen Entwicklung in der Geschichte und der Frage, welche Lebensformen wir als „vergangene Form des Lebens“ ansehen, die aber weiterhin zeitgemäß sind und welche Erklärungsansätze in den marxistischen, sozialen und politischen Theorien diesbezüglich angewandt werden. Nigam diskutierte zwei Sichtweisen: diejenige, die überdauerte Lebensformen in der Vergangenheit verorte und diese daher eliminiere, sowie diejenige Betrachtung, die Lebensformen als bereits modern identifiziere, weil sie ‚in‘ der Moderne existierten. Das Problem mit beiden Sichtweisen bestehe letzten Endes in der Abhängigkeit von einem spezifischen, hegemonialen Verständnis von dem, was Moderne und Kapitalismus ist und diese auch weiterhin als das Schicksal des Globalen Südens sieht. Nigam empfahl die beiden Konzepte erneut zu untersuchen, anstatt einem hegemonialen Geschichtsverständnis weiterhin zu folgen.

ROBBIE SHILLIAM (London) hinterfragte das Credo von Karl Marx und Friedrich Engels, dass Arbeiter von Grund auf „nichts zu verlieren haben, außer ihrer Ketten“. Shilliam stellte die Tragweite der Rechtslandschaft im England des späten 18. Jahrhunderts und die „Enclosure“-Bewegung heraus,[1] die Arbeiter in Proletarier verwandelten. Die Schlüsselproblematik seiner Zeit sei die des vererbten Privateigentums und die Bedrohung der patriarchalen Ordnung gewesen, angeführt durch die Transformation von Dienern (servants) in „herrenlose Männer“.[2] Die Karibik sei als desorganisierter Ort entworfen, an dem die auf ererbtem Privateigentum basierende patriarchalische Ordnung gebrochen wurde. Shilliam argumentierte, dass es diese Handlung gewesen sei, die über das kommunistische Credo sowie die Art und Weise, wie die englischen Debatten Marx‘ Gedanken beeinflussten, ihren Weg in das kommunistische Manifest fand.

YAKOV RABKINs (Montreal) Beitrag führte die Zuhörer in die komplexe und facettenreiche Beziehung zwischen Zionismus und Marxismus ein. Während zionistische Diplomaten ihre Bewegung als ein Gegengift gegen den Marxismus vor Politikern von Weltrang nutzten, sei es laut Rabkin allerdings eine Kombination von diversen marxistischen Gruppen gewesen, die die meisten der ersten zionistischen Siedlungen in Palästina gegründet haben. Ein kollektives Ethos, durchsetzungsfähiger Egalitarismus und die Verherrlichung von körperlicher Arbeit dienten als hauptsächlicher, ideologischer Pfeiler des zionistischen Unternehmens, während der ersten Hälfte seiner Geschichte. Des Weiteren argumentierte Rabkin, dass der Zionismus den Marxismus benutzt habe, als er für ihn nützlich gewesen war und ihn abgeworfen habe, als eine andere Ideologie – der nationalistische Judaismus – aufkam, welcher ein neues rationales Konzept für Kolonisierung infolge des israelischen Sieges von 1967 bereithielt. Nach der Analyse von ideologischen und praktischen Aspekten, der Konvergenz zwischen Zionismus und Marxismus, konzentrierte sich Rabkin auf die allmähliche Distanzierung zwischen den beiden Bewegungen. Heutzutage werde Israel, laut Rabkin, meist als eine rechte Gesellschaft wahrgenommen, sowohl in Bezug auf interne und als auch externe Inhalte.

SALEH MOSBAH (Tunis) setzte das 40-jährige Jubiläum der Veröffentlichung von Edward Saids Werk Orientalismus (1978)[3] in Bezug zu Marx und rief dazu auf, Orientalismus und die in diesem Buch Marx gewidmeten drei Seiten neu zu lesen, insbesondere in Beziehung zu der orientalischen Bibliothek. Bedeutende Marxisten des Südens, wie Sadik Jalal al-Azm, Mejdi Amel Houssaine, Samir Amin und Ajaz Ahmed würden Orientalismus kritisch lesen in Bezug auf eine gefährliche Delegitimierung marxistischer Aktivitäten in der arabischen Welt. Die Herausforderung liege demnach in der Deokzidentalisierung von Marx Gedanken. Saleh Mosbah schlug indes vor Orientalismus so zu lesen, dass erstens Saids Sicht auf Marx integriert wird und zweitens die zwiespältige, dogmatische Verteidigung Marx einiger Marxisten aus den arabischsprachigen Ländern zu beleuchtet wird. Drittens solle Marx nicht nur in Bezug auf seine Beiträge zu den Befreiungsbewegungen im Globalen Süden debattiert werden, sondern ebenso seine eurozentristisch-philosophischen und epistemologischen Gedanken, ohne aber dabei unter dem Deckmantel einer vermeintlich epistemologisch-historischen Argumentation in eine ideologische Rechtfertigung zu verfallen.

SEYED JAVAD MIRI (Tehran) beleuchtete das iranische Phänomen der sowjetischen Lesart von Marx. Javad Miri legte seinen Fokus in diesem Diskurs auf die wissenschaftlichen Interpretationen Ali Shariatis (1933-1977), die bisher weniger Beachtung auf der Grundlage marxistischer Ansätze im globalen Diskurs finden. Der Referent ordnete Shariatis Ansätze eher der Soziologie des Marx‘schen Weberianismus zu, da Shariati mit vielfältigen religiösen, gesellschaftlichen und metaphysischen Sozialtheorien die Rolle der Vernunft und die Analyse der Selbst- und Gesellschaftskonstituierung als ein Aufkommen der Frage nach Identität und Ideologie verfolgt. Shariati kritisierte vor allem, dass Marx die komplexen Konflikte, Kriege und Clashs verschiedener Epochen und Kulturen, sowie die ökonomischen Konflikte auf ein und dasselbe Phänomen des Kapitalismus beschränke und somit dazu neige, der Diversität von sozialem Leben nicht gerecht zu werden – vor allem gegenüber religiöser Diversität. Javad Miri schlug deshalb vor, dass die Konzepte von Modernität und Kapitalismus erneut insbesondere auf Seinsweisen hin untersucht werden sollten, die in einem spezifischen Kontext in Europa aufgekommen seien und nicht aus ausschließlich sozioökonomischen Strukturen.

HEIDE GERSTENBERGER (Bremen) kritisierte vor allem die verfehlte Einschätzung des jungen Marx, dass kapitalistische Gesellschaften im historischen Prozess automatisch zu vorsozialistischen Gesellschaften würden. Im Besonderen vermisse Gerstenberger die richtige Einstufung der Rechte von Sklaven im historischen Prozess. Sie unterstrich anhand des Beispiels der chinesischen und südostasiatischen Lohnarbeiter – „Kulis“ genannt –, dass die Zwangsarbeit von rechtlosen Arbeitskräften nicht durch die Einführung von Arbeitsverträgen eingegrenzt wurde, sondern durch die Einführung eines Verbotes von Sklavenhandel seitens der Regierungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Gerstenberger führte weiter aus, dass heutige kapitalistische Produktionsbedingungen in Ländern des Globalen Südens denen von Zwangsarbeitsverhältnissen ähnelten. Vor dem Hintergrund dieser Tatsache kritisierte die Vortragende Marx‘ Ansatz, demzufolge ökonomische Rationalität einhergehend mit Kapitalismus die Anwendung von direkter Gewalt abschaffen würde. Gerstenberger resümierte, dass eben nicht die ökonomische Rationalität zur Abschaffung von Zwangsarbeit führte und führe, sondern nur öffentliche Kritik und politische Macht.

DETLEV QUINTERN (Istanbul) appellierte an das Publikum Karl Marx und Friedrich Engels polylogisch zu lesen, indem ein Augenmerk auf einen universal historischen Kontext von Philosophien, Ideen, Wissenschaften und Politiken geworfen wird. Zudem sollten Marx und Engels widersprechende Stimmen wie denjenigen von Turner, Tristan oder Weitling um 1848 innerhalb und außerhalb Europas in ein Verständnis des Marx‘schen Werkes einbezogen werden. Quintern deutete auf Simultanität zwischen dem Erscheinen des kommunistischen Manifests und einer Hochzeit von Revolutionswellen in Europa hin. Eingebettet in progressivem Industrialismus wurden imperiale Technologien mystifiziert, Deindustrialisierung und Demodernisierung in Asien, Afrika und Amerika wurden zu einem „Scotoma“ (Blinden Fleck) im marxistischen Mainstream. Aus diesem Grund hob Quintern die Bedeutung von marxistischen Stimmen, wie Rosa Luxemburg oder Claudia Jones hervor, die sich derweil bewusster waren über „missing links“ im Marx‘schen Werk. Der Vortrag forderte auch deshalb über das vernichtende Zeitalter des „Imperiozäns“[4] hinauszudenken und das marx‘sche und marxistische Denken zu verwerfen sowie sich horizontal-kommunikativen Lebensentwürfen, die sich im Einklang mit der übrigen Natur befinden, zuzuwenden.

HANS-HEINRICH BASS (Bremen) beschäftigte sich in seinem Beitrag mit sozialen Utopien. Die Forderung nach einem konkreten marxistischen „Utopia“ existiere zwar auch heute noch, um ausgebeuteten Arbeitskräften im Globalen Süden (wie in den Koltanminen Kongos oder den Textilnähereien Chinas) eine Inspiration für ihren Kampf um Emanzipation zu geben. Jedoch habe die „historische Mission“ einer Auflehnung des verarmten Globalen Südens ihre Glaubwürdigkeit verloren – insbesondere nach dessen Zerfall in Gruppen wie East Asian Tigers, BRICS, LLDCs oder sogenannte gescheiterte Staaten. Mit dem Beginn der vierten Industriellen Revolution, in der wir uns befinden, stellte Bass in Frage, ob ein Proletariat im Marx‘schen Sinne diese Episode überstehen oder ob sich ein neues „Technisch-ökonomisches Paradigma“[5] durchsetzen werde. Bass hob hervor, dass ehemalige Utopien sich bereits zu neuen Praktiken verwirklicht hätten. Junge Menschen auf der ganzen Welt versuchten ebenfalls neue Formen der Kooperation zu leben. Gleichzeitig werden in den Wissenschaften alte Forschungsmuster dekonstruiert und Bass ermunterte dazu, Utopien neu zu denken, auch wenn dies bedeute, Marx „wissenschaftlichen Sozialismus auf den Kopf zu stellen“.

JOHANN-GÜNTHER KÖNIG (Bremen) ließ die Anwesenden in Friedrich Engels Bremer Ausbildungsjahre im Kontor des Kaufmanns und Königlich-Sächsischen Konsuls Heinrich Leupold von 1838 bis 1841 an der Martinistraße Nr. 11 eintauchen und schlug somit eine Brücke zum Symposiumsort sowie die Verbindung zu Friedrich Engels, Karl Marx und ihren Schriften. König betonte, dass Engels während seiner Lehrzeit in Bremen seine Grunderkenntnisse als Baumwollkaufmann über den Kapitalismus und damit das Grundgerüst für seinen Beitrag zum wegweisenden kommunistischen Manifest in Zusammenarbeit mit Karl Marx erwarb, den er vier Jahre nach seinem Bremer Aufenthalt 1944 in Paris kennenlernte.

DEBORAH NYANGULU (Münster) richtete am zweiten Tag des Symposiums den Blick auf gegenwärtige afrikanische Literat/innen, die marxistische Prinzipien in ihren Schriften verkörperten. Unter Ihnen seien Autoren wie Ayi Kwei Armah (Ghana), Meja Mwangani (Kenya), Sembene Ousmane (Senegal), Imbolo Mbue (Cameroon) and Ngugi wa Thiong’o (Kenya). Mit ihren Werken zielten die Autor/innen nicht einfach nur darauf ab, einen Spiegel der Gesellschaft abzuzeichnen, sondern sie nutzen die Literatur auch als ein Werkzeug um aktiv an einer Konstruktion utopischer und gerechterer Gesellschaften mitzuwirken. Das Storytelling werde dazu benutzt, um die Leser/innen auf die Auswirkungen des Kapitalismus auf eine außer Kraft setzende Lebensart hinzuweisen, sowie, dass Klassenteilung zu einem heimtückischen Kreislauf von Ungleichheit führen könne. Gerade da bekannte afrikanische Autor/innen selbst politisch aktiv seien und durch ihre Werke nicht nur Widerstand gegen Klassengegensätze leisten wollten, sähen sie Widerstandmöglichkeiten auch in dem Mittel gemeinschaftliche Lebenswege aufrechtzuerhalten und sich den verschiedenen Strukturen der Unterdrückung entgegenzustellen, die sich auf der Achse des Kapitalismus kreuzen, unterstrich Nyangulu.

Der Vortrag von SERGIO COSTA (Berlin) und GUILHERME LEITE GONCALVES (Rio de Janeiro) demonstrierte die Verstrickungen des globalen Kapitalismus an den Beispielen des Hafens von Rio de Janeiro in Brasilien als Knotenpunkt für den vernetzen Welthandel. Costa und Goncalves rekonstruierten den Prozess der brasilianischen Hafenstadt vom Ort der nach Marx definierten „ursprünglichen Kapitalakkumulation“ im 18. und 19. Jahrhundert bis hin zum heutigen Hafenbild als Netzknoten der global „vernetzten Akkumulation“. Im 18. und 19. Jahrhunderts sei der Hafen von Rio de Janeiro war der größte Sklavenmarkt der Amerikas gewesen, während der Ort im 20. Jahrhundert die Basis der Industrialisierung verkörperte und sich schließlich im 21. Jahrhundert zu einem Ort von Transformationsprozessen in eine gentrifizierte Zone mit schicken Läden, Bars und Galerien entwickelt habe. Demzufolge stelle der Hafen von Rio de Janeiro auf dramatische Art und Weise und in illustrativer Miniatur verschiedene Muster der globalen Akkumulation dar.

Marx stellte sich die Frage nach den Gründen für kapitalistische Herrschaft und Ausbeutung und wie diese durch ökonomische Gesetze explizit beantwortet werden könnten. JAKOB GRAF (Jena) stellte jedoch heraus, dass Marx seine Erkenntnisse aus den Kolonialländern Amerikas, Irland, Indien oder China bei der Beantwortung dieser Frage ernsthafter in seiner Argumentation in „Das Kapital“ einbringen hätte müssen und dann zwangsläufig zu anderen Schlussfolgerungen gekommen wäre. Graf schlug deshalb vor, Marx‘ Kapitalismus einen „sauberen Kapitalismus“ zu nennen, da Marx die Frage von Machtpräsenz in Handelsbeziehungen, Wertschöpfungsketten, Renten und auf dem Arbeitsmarkt nicht ausreichend einbezogen habe, sondern vielmehr Produktionsverhältnisse innerhalb der Fabriken im Fokus gestanden hätten.

MUZAFFA KAYA (Berlin) präsentierte die Bedeutung des türkischen Marxisten und Mitbegründers der kommunistischen Partei in der Türkei Hikmet Kivilcimli (1902-1971) für Diskussionen um Strategien der Dekolonisierungsbewegungen der 1960er-Jahre. Kivilcimli versuchte marxistische Theorien auf spezifische regionale und lokale Bedingungen anzuwenden und auf diese Weise ihre Universalität zu stärken. Von besonderer Bedeutung sollte das Verstehen der türkischen Kultur und Mentalität für Kivilcimli sein, womit er den Horizont des historischen Materialismus geographisch und historisch erweitert habe. Kivilcimli argumentierte in Anlehnung an den „östlichen Marx“ Ibn Chaldun (1332-1406), dass die „Entzweiung von Barbaren und Zivilisation zu historischen Revolutionen“[6] geführt habe; die Barbaren als die Stellvertreter eines Marx‘schen primitiven Kommunismus spielten ihm zufolge sowohl eine destruktive als auch eine transformative Rolle in der Geschichte sowie auch heute. Kaya schloss den Vortrag mit der Analyse Kivilcimlis, dass sogenannte primitive, sozialistischen Traditionen weiterhin in den kolonialen und semi-kolonialen Ländern fortbestünden, welche allerdings nicht in imperialen Metropolen existierten, die vom Kapitalismus beherrscht würden.

URS LINDNER (Erfurt) und KOLJA LINDNER (Paris) brachten in die Debatte um Marx‘ Beitrag zum historischen Materialismus ein, dass Marx einerseits schon in seinen jungen Jahren einem Ansatz einer universal philosophischen Denkart von Geschichte anzuhängen schien, andererseits zeigte Urs Lindner auf, dass es möglich sei, Marx Materialismus und ethisches Denken von ihrer Verschmelzung mit teleologischen und funktionalistischen Ideen zu trennen. Kolja Lindner ergänzte diese Analyse um das Problem der eurozentrischen Sichtweise in Marx‘ frühen Schriften und zeigte auf, dass Marx diese Position ebenfalls sukzessive überwand. Deshalb appellierten beide Referenten, Marx‘ Schriften in Bezug auf bestehende globale Herausforderungen neu zu rezipieren. Dabei solle ein Augenmerk darauf gelegt werden, dass Marx spätestens seit den 1850er-Jahren begann, Einsichten aus seiner Kritik der politischen Ökonomie und ein wachsendes Bewusstsein für die Besonderheiten des Kolonialismus und nichtwestlicher Gesellschaften zu entwickeln.

RAMZI DAROUICHE (Bremen) diskutierte mögliche Ursachen, die zu dem Umbruch im arabischen Raum unter dem Begriff „Arabischer Frühling“ geführt haben. Marx‘ Sicht auf die Region in Nordafrika liefere nach Darouiches Recherche keine zufriedenstellenden Antworten auf Vorzeichen für den Umsturz des politischen Systems. Die "asiatische Produktionsweise" und ein historisches Kolonisierungsbedürfnis auf dem Weg zum Sozialismus sowie die spätere Relativierung dieser Aussagen von Marx könnten die revolutionären Veränderungen einer Region, die in ihrer Heterogenität vielleicht einmalig sei, nicht vollständig erklären. Darouiche zeigte anhand einer Auswahl nordafrikanischer Länder wie diese Dialektik regional aufgefasst werde und untersuchte darüber hinaus, wie sie die Basis-Überbau-Struktur beeinflusst habe und ob man eine regionsspezifische oder eine bestimmte Form kapitalistischer Produktionsweisen für die Region annehmen könne.

NAJEEB VR (Neu-Delhi) untersuchte die Entstehung von Klassenverhältnissen in Wayanad im Kontext von Religionen, wobei er der Frage nachging, wie diese die Arbeiterklasse unter den Muslimen beeinflusst hätten, die im Gegenzug ihre religiösen Werte und Bräuche auf den Teeplantagen veränderten oder aufgaben. Der Referent argumentierte, dass die Formierung der Arbeiterklasse in dieser Region sozialen Phänomenen aufgrund gleicher Werte und Bräuche in der muslimischen Religionsgemeinschaft zugrunde liege – und nicht der Marx‘schen Theorie entsprechend Produktionsverhältnisse. Was die Zusammensetzung der Arbeiterklasse in Wayanad betriffe, versuchte VR die dominierende Argumentation der Formierung einer Arbeiterklasse durch ökonomische Faktoren von Marx mit Argumenten von E.P. Thompson und Eric Olin Wright zu entkräften.[7]

Konferenzübersicht:

Detlev Quintern (Istanbul) / Hans-Heinrich Bass / Ulrich Krüger / Marcus Callies / Kerstin Knopf (alle Bremen): Eröffnungsansprache

Panel 1
Aditya Nigam (New Delhi): Ungleiche Entwicklung in der Geschichte: Marxismus Zusammentreffen mit dem Globalen Süden

Robbie Shilliam (London): Die Sklavenanalogie und das Proletariat: Wessen radikale Wirkung?

Podiumsdiskussion
Teilnehmende: Hans-Heinrich Bass (Bremen) / Aditya Nigam (New Delhi) / Robbie Shilliam (London)

Panel 2

Yakov Rabkin (Montreal): Marxismus und Zionismus: Eine schwierige Beziehung

Saleh Mosbah (Tunis): Said und seine Kritiken oder von der schwierigen Deokzidentalisierung Marx

Seyed Javad Miri (Teheran): Shariati‘s Lesart Karl Marx: Eine iranische Perspektive

Podiumsdiskussion
Teilnehmende: Seyed Javad Miri (Teheran) / Saleh Mosbah (Tunis) / Yakov Rabkin (Montreal)

Panel 3

Heide Gerstenberger (Bremen): Die anhaltende Realität der Sklaverei. Eine Herausforderung and das theoretische und philosophische Erbe Karl Marx

Detlev Quintern (Istanbul): Jenseits des Imperiozän: Gerechtigkeit nach Marx

Hans-Heinrich Bass (Bremen): Marx‘ Vermächtnis – sozial-utopische Ideen, die über den globalen Kapitalismus hinaus gehen?

Podiumsdiskussion
Teilnehmende: Heide Gerstenberger / Hans-Heinrich Bass (beide Bremen) / Detlev Quintern (Istandbul)

Panel 4

Öffentlicher Vortrag

Johann-Günther König (Bremen): Friedrich Engels in Bremen

Öffentliche Podiumsdiskussion
Teilnehmende: Saleh Mosbah (Tunis) / Aditya Nigam (New Delhi) / Yakov Rabkin (Montreal) / Robbie Shilliam (London) / Detlev Quintern (Istanbul)

Panel 5

Deborah Nyangulu (Münster): Marxismus und utopische Visionen in gegenwärtiger afrikanischer Literatur

Sergio Costa (Berlin) / Guilherme Leite Goncalves (Rio de Janeiro): Treffen mit Karl Marx im Hafen von Rio de Janeiro. Von der einfachen zur Global verwickelten Akkumulation

Panel 6

Jakob Graf (Jena): Die Anatomie des Südens – Marx Hinkehr zu einer Theorie der Abhängigkeit und Macht

Muzaffa Kaya (Berlin): Der Beitrag von Hikmet Kivilcimli zu der marxistischen Geschichtsschreibung

Panel 7

Urs Lindner (Erfurt) / Kolja Lindner (Paris): Weshalb wir uns vom historischen Materialismus lösen sollten

Ramzi Darouiche (Bremen): Periphere Ungleichzeitigkeiten und der Arabische Frühling: Ein historisch-materialistischer Ansatz für Nordafrika.

Najeeb VR (New Delhi): Arbeit verstehen: Eine Studie der Teeplantagen in Wayanad, Kerala

Anmerkungen:
[1] Flurneuordnung in der Agrarlandschaft in England im 15. bis 19. Jahrhundert von einer genossenschaftlich organisierten Feldgemeinschaft zu einer Agrarlandschaft mit Einzelhöfen.
[2] Karl Marx, Capital: A Critique of Political Economy, translated by Ben Fowkes, London 1990, Vol. 1, chapters 26-28.
[3] Edward Said, Orientalism, New York 1978.
[4] „Imperiozän“ von Detlev Quintern abgeleitet vom Begriff „Anthropozän“ als eine vom Menschen geprägte geologische Epoche.
[5] Carlota Perez, Neue Technologien und sozio-institutioneller Wandel, in: Hans Thomas / Leo A. Nefiodow (Hg), Kondratieffs Zyklen der Wirtschaft, Herford 1998, S. 17-51.
[6] Ibn Khaldun, Die Muqaddima. Betrachtungen zur Weltgeschichte, aus dem Arabischen übertragen von Alma Giese unter Mitwirkung von Wolfhart Heinrichs, München 2011.
[7] Videoaufzeichnungen der Konferenzbeiträge sind hier einsehbar: https://mlecture.uni-bremen.de/ml/index.php?option=com_content&view=article&id=373p;id=373 (23.01.2019).

Zitation
Tagungsbericht: Karl Marx, Marxism and the Global South, 04.05.2018 – 05.05.2018 Bremen, in: H-Soz-Kult, 31.01.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8086>.