Erinnerungen des Dreißigjährigen Krieges: Medien, Orte, Zeiten

Ort
Hannover
Veranstalter
Arbeitskreis Frühe Neuzeit der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen
Datum
23.11.2018
Von
Wencke Hinz, Arbeitskreis 71500Frühe Neuzeit, Bomannmuseum, Abteilung Residenzmuseum Celle

Erinnerungen an den Dreißigjährigen Krieg standen im Fokus der diesjährigen Herbsttagung des Arbeitskreises Frühe Neuzeit der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen. Dabei galt es, spezifische Erinnerungsmuster und -kulturen, ihre jeweilige Ausgestaltung und Rezeption gemäß den aktuellen wissenschaftlichen Fragestellungen in den Blick zu nehmen.
Anhand der zentralen Aspekte Medien, Orte und Zeiten, welche in einem Workshop des Arbeitskreises vorab als wesentliche Merkmale einer Erinnerungskultur definiert wurden, sollte das epochenprägende Ereignis des Dreißigjährigen Krieges aus historischen Perspektiven, die das 17. bis 20. Jahrhundert umfassen, eingehend reflektiert werden.

Nach der Begrüßung durch NICOLAS RÜGGE (Hannover) und HEIKE DÜSELDER (Lüneburg) eröffneten HANS MEDICK und DORIS BACHMANN-MEDICK (beide Göttingen / Gießen) die Tagung mit einem Vortrag zur barocken Festkultur des Nürnberger Exekutionstages von 1649/50. Literarisch-poetische Festbeschreibungen, Flugblätter und weitere zeitgenössische Berichte, unter anderem aus dem Kreis der Nürnberger Sprachgesellschaft des „Pegnesischen Blumenordens“, illustrieren die komplexe Inszenierung des schwedischen und kaiserlichen Festmahls sowie des Freudenfeuerwerks im Rahmen des Exekutionstages. Die dezidierte Einhaltung einer kulturwissenschaftlichen Perspektive ermöglichte es, den Exekutionstag nicht nur als einen politischen Akt der Diplomatie zu verstehen, auf dem es um die Verhandlung letzter offener Konfliktfelder ging, sondern vielmehr aufzuzeigen, dass auch die barocke Festkultur in Form von Festmahlen und Freudenfeuerwerken zur Konfliktverarbeitung der verhandelnden Parteien beitrug. Damit war der Nürnberger Exekutionstag ein exzellentes Beispiel, an dem die Auswirkungen politisch-kultureller Inszenierungen beziehungsweise politisch-ästhetischer Wettbewerbe auf die frühneuzeitliche Politik und Gesellschaft aufgezeigt werden konnten. Inwieweit diese kulturwissenschaftlichen Implikationen hinsichtlich der Korrelationen zwischen frühneuzeitlicher Politik und barocker Festkultur letztendlich eine spezifische Form der Erinnerungstradition an den Dreißigjährigen Krieg sind, bedarf jedoch weiterer Konkretisierung.

THOMAS SCHWARK (Hannover) moderierte die erste Sektion I „Medien“ und verwies auf die Vielfalt von Erinnerungsmustern und Motiven, die in unterschiedlichen medialen Formen zur Geltung kämen.

Die Chronik zum Leben des in schwedischen Diensten stehenden Feldmarschalls und Gouverneurs Hans Christoph von Königsmarck sei ein markantes Beispiel für eine spezielle mediale Form der Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg, so BEATE-CHRISTINE FIEDLER (Stade) in ihrem Vortrag. Noch zu Lebzeiten Königsmarcks hatte sein Generalauditeur Hans Salmuth die mehr als 800 Seiten umfassende panegyrische Chronik verfasst. Sie basiert auf Berichten der gemeinsamen Kriegserlebnisse, auf Korrespondenzen von Königsmarck sowie ergänzend auf Beschreibungen des Kriegsgeschehens aus dem Theatrum Europaeum. Dezidierte Schwerpunkte beziehen sich allerdings nicht auf private Begebenheiten, sondern auf erfolgreiche Eroberungen wie etwa der Prager Kleinseite. Verschiedene Hinweise deuten auf eine geplante Drucklegung des Werkes hin, wodurch eine spezifische Erinnerung an den Feldherrn von Königsmarck begründet worden wäre. Allerdings wurde dieses bis heute nicht realisiert. Somit ist die Chronik der schriftliche Ausdruck der persönlichen Erinnerungen des Hans Salmuth und Beleg für ein enges Klientelverhältnis, konnte aber über das 17. Jahrhundert und die Familie von Königsmarck hinaus nicht zum Element einer breiteren Erinnerungskultur werden.

Eine breitere Öffentlichkeit und damit umfangreichere Rezeptionsmöglichkeiten bieten dagegen Flugblätter und Medaillen, die während des Dreißigjährigen Krieges in Umlauf gebracht wurden. ANNA LISA SCHWARTZ (Trier) konnte anhand ausgewählter Beispiele nachweisen, dass es im Verlauf des Krieges sowohl in Flugblättern als auch auf Medaillen zu einer Steigerung der Dramatik in der Darstellung von Gewalt und Leid kam. Obwohl diese Bildelemente meist keine Abbildungen realer Kriegsereignisse waren, scheint die hohe Stückzahl an entsprechend gestalteten Flugblättern und Medaillen ein Indiz für die gesteigerte Nachfrage am zeitgenössischen Kunstmarkt zu sein. Ob sich daran bereits Anfänge einer spezifischen Form der Erinnerungskultur an den Dreißigjährigen Krieg ablesen lassen, bleibt offen. Auch die Frage, inwiefern sich ein Zusammenhang zwischen erinnerten Ereignissen und den vorgestellten medialen Formen nachweisen lässt, bedarf weiterer Klärung. Insgesamt zeigt sich auf den Medaillen bereits in einer frühen Phase des Krieges eine Bildmotivik, die den Wunsch der Bevölkerung nach Frieden widerspiegelt. Somit unterscheiden sich die sogenannten Friedenswunschmedaillen thematisch bereits deutlich von den Flugblättern und verweisen zugleich auf die unterschiedlichen Nutzungs- und Verbreitungsmöglichkeiten von Medien in der Frühen Neuzeit.

Erinnerungen an historische Ereignisse werden bis heute oft mit konkreten Orten verbunden. Beispiele, um den Dreißigjährigen Krieg in verschiedenen Städten vor dem Hintergrund des Jubiläumsjahres zu thematisieren, sind zahlreich, so HEIKE DÜSELDER (Lüneburg) in ihren einleitenden Bemerkungen zur Sektion II: „Orte“. Ähnliche Bestrebungen lassen sich aber auch in vorherigen Jahrhunderten beobachten.

Vor diesem Hintergrund nahm BRAGE BEI DER WIEDEN (Wolfenbüttel) eine exemplarische Auswertung der „Sagen aus dem Lande Braunschweig“ von 1895 vor, aus denen sich sowohl topographische als auch thematische Bezüge zum Dreißigjährigen Krieg extrahieren lassen. Diese konzentrieren sich zum einen auf bestimmte Landschaftselemente wie Bäume und Hohlwege und zum anderen auf konkrete Schlachten wie derjenigen bei Lutter am Barenberge sowie auf konkrete Personen wie den dänischen General Hans Philipp Fuchs von Bimbach. Problematisch bleibt in diesem Zusammenhang aber, dass sich in den Sagen, die im 19. Jahrhundert schriftlich festgehalten wurden, sowohl mündlich tradierte, lokale Überlieferungen als auch Ansätze der Volkskunde vermischen, so dass Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges oftmals von anderen Erzählmotiven überlagert sein können. Eine dezidierte Erinnerungstradition, die durch Erzählungen aus Sagen gestützt wird, kann unter anderem aus diesem Grund nicht abschließend eruiert werden.

Den Schwierigkeiten, bestimmte Orte konkret als Erinnerungsorte an den Dreißigjährigen Krieg zu definieren, widmete sich STEFANIE FREYER (Osnabrück) anhand von Schlössern und Burgen. Obwohl historische Bauten genuin eine historisch-geographische Dimension aufweisen und damit als Erinnerungsorte prädestiniert zu sein scheinen, ist diese einseitige Fokussierung keine ausreichende Grundlage entsprechender Zuordnungen. Vor allem nach der konzeptionellen Weiterentwicklung von Pierre Nora, Etienne François und Hagen Schulz muss für eine konkretere Einordnung und Bewertung die identitätsstiftende Wirkung eines spezifischen Ortes für eine bestimmte Gruppe mit einbezogen werden. Vor diesem konzeptionellen Hintergrund lässt sich als herausragendes Beispiel der Gothaer Schlossneubau Friedenstein als Erinnerungsort mit Bezug zum Dreißigjährigen Krieg benennen. Friedenstein wurde noch während des Krieges im Auftrag von Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha als Residenzschloss errichtet. Die ursprünglichen Pläne eines Wehrbaus verwarf man zu Gunsten eines zeitgenössisch-modernen, weitläufigen Schlosses mit einer dezidierten Bildprogrammatik und Namensgebung, die auf den Friedenswunsch des Fürsten hindeuten. In Niedersachsen existieren keine Schlösser und Burgen, die explizit als Erinnerungsorte des Dreißigjährigen Krieges bezeichnet werden können. Hier sind sie zuvorderst Symbole und repräsentative Zeugnisse feudaler Macht, des adeligen Standes sowie generationsübergreifende Elemente der dynastischen Identität und damit genuin materielle und kollektive Erinnerungsorte an Herrschergeschlechter.

SIEGRID WESTPHAL (Osnabrück) verwies zu Beginn der dritten Sektion „Zeiten“ darauf, dass die Erinnerungskultur an den Dreißigjährigen Krieg über Jahrhunderte einem stetigen Wandel unterlag, der auch den Westfälischen Frieden mit einbeziehen konnte.

Die Verschiebung der Erinnerungskultur auf den Aspekt des Friedens thematisierte VOLKER ARNKE (Osnabrück) anhand der Acta Pacis Westphalicae des Johann Gottfried von Meiern. In dieser nach juristischen Gesichtspunkten zusammengetragenen Dokumentensammlung des 18. Jahrhunderts – von Meiern war Jurist und Archivar – stehen dezidiert die Friedensverhandlungen von 1645 bis 1648 im Zentrum. Basierend auf langjährigen Archivrecherchen, unter anderem in Kulmbach und Hannover sowie unter Hinzuziehung von Aktenbeständen aus Wien und Stockholm und aus verschiedenen Privatsammlungen, vereinen die Acta Pacis Westphalicae Abschriften originaler Verhandlungs- beziehungsweise Kongressakten mit historiographischen Texten, die von Meiern selbst verfasste. Vor allem der aus dieser Verknüpfung von Quellen und Historiographie entstehende Erzählstrang begründete einen großen Rezipientenkreis und die Entwicklung zu einem Standardwerk der Reichs- und Verfassungsgeschichte. Zugleich steht diese exemplarisch für eine spezifische Form der Erinnerung an die juristischen Mechanismen des Friedenskongresses. Darüber hinaus sind im Registerband der Acta Pacis Westphalicae erstmals umfangreiche Biographien zu allen Gesandten enthalten, die in Osnabrück und Münster am Friedenswerk mitgewirkt haben. Von Meiern würdigte mittels dieser Zusammenstellung das Wirken und die herausragenden Leistungen dieser Personengruppe zur Schaffung des Friedens und trug mit seinem Appell, ihr Andenken zu bewahren, dazu bei, dass die Acta Pacis Westphalicae bereits im 18. Jahrhundert zu einem wesentlichen Baustein der Erinnerungskultur an die Akteure des Westfälischen Friedens wurde.

Hatte von Meiern weniger als ein Jahrhundert nach dem Dreißigjährigen Krieg eine von spezifischen Erinnerungsmustern angelegte Quellensammlung publiziert, lassen sich in Archiven bis heute verschiedene Sammlungsbestände finden, die den Krieg zwar im Titel führen, aber meist keine eigenständigen Konvolute sind. Auch der Aktenbestand „Abteilung C“ der Dombibliothek Hildesheim, die PHILIPP HEIL (Hildesheim) in einem Werkstattbericht thematisierte, ist ein solcher Fall. Aus dem aus weit über tausend Mappen zusammengesetzten Aktenbestand lassen sich keine dezidierten Erinnerungselemente des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an den Dreißigjährigen Krieg extrahieren. Unterschiedliche Entstehungskontexte der einzelnen Mappen sowie die Vielfalt der darin enthaltenen Archivalien, die eine Zeitspanne vom 15. bis zum 20. Jahrhundert umfassen, belegen nicht nur, dass der Aktenbestand „Abteilung C“ ein ungeordneter Nachlass ist, sondern auch, dass hier keine systematische Sammlung zum Dreißigjährigen Krieg vorliegt. Lediglich in einzelnen Stichproben lassen sich überhaupt Hinweise auf den Krieg finden. Ob dieser Befund den Zerstörungen von Recherchemitteln im Zweiten Weltkrieg geschuldet ist oder der Annahme, dass der Aktenbestand zwingend nach dem Pertinenzprinzip angelegt wurde, bleibt beim aktuellen Bearbeitungsstand des Konvoluts vorerst unbeantwortet. Der Aktenbestand „Abteilung C“ der Dombibliothek Hildesheim kann somit nicht zu einer charakteristischen, archivalischen Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg beitragen.

Die Herbsttagung machte deutlich, dass eine einheitliche, konstante Erinnerungskultur an den Dreißigjährigen Krieg nicht existiert. Sowohl während des Krieges als auch in den darauffolgenden Jahrhunderten entwickelte sich kein übergeordnetes Narrativ, welches eine solche Erinnerungskultur hätte beeinflussen können. Vielmehr erscheinen die Erinnerungsmuster, die in ihnen enthaltenen Motive und ihre Rezeption ebenso vielschichtig wie der Krieg als Ganzes. Dies lässt sich sowohl für eine allgemeine Erinnerungskultur als auch für die hier in den Blick genommenen Spezifikationen von Medien, Orten und Zeiten konstatieren. Anzumerken bleibt allerdings, dass die im Zuge der Fallgeschichten und Diskussionen zum Vorschein tretenden Desiderate zu diesem Themenkomplex weiterer Forschung bedürfen. Insbesondere die Einbindung des Westfälischen Friedens ist in diesem Zusammenhang ein zentrales Anliegen, um eine Gesamtheit der Erinnerungen an den Dreißigjährigen Krieges vornehmen zu können.

Konferenzübersicht:

Nicolas Rügge (Hannover) / Heike Düselder (Lüneburg): Begrüßung

Keynote
Hans Medick / Doris Bachmann-Medick (beide Göttingen / Berlin): Festmahl und Freudenfeuerwerk. Das Ende des Dreißigjährigen Krieges auf dem Nürnberger Exekutionstag 1649/50

Sektion I: Medien
Moderation: Thomas Schwark (Hannover)

Beate-Christine Fiedler (Stade): Lebensbeschreibung des schwedischen Feldherren Hans Christoph von Königsmarck

Anna Lisa Schwartz (Trier): Friedenssehnsucht auf Papier und in Silber. Flugblätter und Medaillen im Dreißigjährigen Krieg

Sektion II: Orte
Moderation: Heike Düselder (Lüneburg)

Brage Bei der Wieden (Wolfenbüttel): Sagen aus dem Dreißigjährigen Krieg. Themen und topographische Bezüge

Stefanie Freyer (Osnabrück): Schlösser und Burgen als Erinnerungsorte des Krieges?

Sektion III: Zeiten
Moderation: Siegrid Westphal (Osnabrück)

Volker Arnke (Osnabrück): Acta Pacis Westphalicae des Johann Gottfried von Meiern

Philipp Heil (Hildesheim): Der Dreißigjährige Krieg im Aktenbestand „Abteilung C“ der Dombibliothek Hildesheim

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Erinnerungen des Dreißigjährigen Krieges: Medien, Orte, Zeiten, 23.11.2018 Hannover, in: H-Soz-Kult, 09.02.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8093>.