Alltag im Zweiten Weltkrieg transnational

Ort
Göttingen
Veranstalter
Professur für Neuere Geschichte Osteuropas, Georg-August-Universität Göttingen
Datum
08.06.2018 - 09.06.2018
Von
Julia Lauringer, Georg-August-Universität Göttingen

Der Studientag fand im Rahmen des von Anke Hilbrenner geleiteten DFG-Projekts „Alltag im Krieg jenseits von Kollaboration und Widerstand: Sport und Gewalt in den von Deutschland besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkriegs in Ost- und Westeuropa“ statt. Ziel des Workshops war es, so die Organisatoren, mit dem Fokus auf Alltagserfahrungen von Besatzern und Besetzten nationalstaatlich gerahmte Meistererzählungen zu dekonstruieren und die nach wie vor wirkmächtige Trennung der Geschichte des Zweiten Weltkriegs entlang einer Ost-West-Achse empirisch fundiert in Frage zu stellen. Insbesondere der Blick auf individuelles eigensinniges Alltagshandeln könne ein Mittel sein, vielschichtige Narrative und Deutungsangebote zu entwickeln.

DMYTRO TYTARENKO (Donezk-Krivoy Rog) hob in seinem Vortrag den Einfluss hervor, den dynamische Faktoren wie die Versorgungslage und der Kriegsverlauf auf die konkreten Situationen vor Ort und somit auf den Alltag der ukrainischen Bevölkerung hatten. Vorrangig habe die Zusammenarbeit auf die Sicherung der Versorgung der Familie gezielt und sei permanenten Neuaushandlungen unterzogen worden. Zwar waren Terror und Gewalt durchaus fester Bestandteil des Besetzungsalltags, doch anders als in der sowjetischen Geschichtsschreibung, die die Besatzung auf den Topos der Entmenschlichung reduziert habe, erinnerten sich Zeitzeugen auch an Momente der Güte und Menschlichkeit deutscher Besatzer. Tytarenko plädierte daher für eine vielschichtige Analyse des Besatzungsalltags.

Das erste Panel „Begegnungen und (Aus-)Handlungen“ eröffnete BYRON SCHIRBOCK (Köln) mit seinem Vortrag zum Freizeitleben im Kontext der deutschen Besatzungsherrschaft in Frankreich am Beispiel des Sports. Entgegen einer vermeintlichen Homogenität, die das Sprechen über „die“ Besatzer suggeriere, habe es sich vielmehr um Menschen mit sehr unterschiedlichem sozialem und kognitivem Gepäck gehandelt. Auch sei es zielführender, statt vom „dem“ Alltag, definiert als Ort, an dem sich Herrschaft materialisierte, von Facetten des Alltags zu sprechen. Den Sport bewertete Schirbock als alltäglichen Teil der Besatzungsherrschaft. Ausschließlich deutschen Interessen wie der Prävention von deviantem Verhalten und Langeweile in der Truppe dienend, gingen die sportlichen Betätigungen der Besatzer nicht nur in finanzieller Hinsicht zu Lasten der französischen Bevölkerung.

Eine dezidiert geschlechterorientierte Perspektive nahm AGNES LABA (Wuppertal) bei ihrer Untersuchung des Alltags der lokalen Bevölkerungen in Polen und Frankreich unter deutscher Besatzung ein. Gerade in der weiblichen Sphäre habe die durch die teilweise Abwesenheit der Männer ausgelöste Verschiebung der Geschlechterverhältnisse zu deutlichen Veränderungen geführt: Insbesondere bürgerliche Frauen waren dazu gezwungen, eine Stelle außerhalb des Hauses anzutreten und parallel den Haushalt zu führen. Dies habe, nicht zuletzt durch das stundenlange Schlangestehen vor Lebensmittelgeschäften, die Sichtbarkeit von Frauen deutlich erhöht, welche auch nach dem Ende des Krieges nicht negiert werden konnte. Jedoch folgte die Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern weiterhin tradierten Mustern.

GREGOR FEINDT (Mainz) ging in seinem Vortag der Frage nach, wie die Abwesenheit des Krieges in zeitgenössischen Quellen aus der südmährischen Kleinstadt Zlín zu erklären sei, deren Alltag maßgeblich von der Schuhfabrik Bat’a bestimmt wurde. Die Untersuchung von Personalakten, Tagebucheinträgen und Briefwechseln zeige, dass sich Krieg und Besatzung kaum im Fabrikalltag und im Leben der Arbeiter niederschlugen. So weise der Briefwechsel zwischen dem 18-jährigen Fabrikarbeiter Vaculík und seiner Lehrerin überhaupt erst auf den Krieg hin, als die Stadt im Oktober 1944 bombardiert wurde. Ein Erklärungsansatz liege darin, dass die mit der Besatzung einhergehenden Verschiebungen, wie rassistische Hierarchisierungen und modifizierte Geschlechterrollen, mangels Relevanz kaum in den Lebensberichten reflektiert würden. Die Quellen seien primär auf den engeren Bekanntenkreis fokussiert, so dass erst die Bombardierung Zlíns als extremer Bruch mit dem Alltag wahrgenommen wurde und den Krieg auch in den Quellen sichtbar werden ließ.

In ihrem Kommentar zum ersten Panel identifizierte ANKE HILBRENNER (Göttingen) drei Analyseebenen, die die recht heterogenen Beiträge einen würden: die Gewalt im Besatzungskontext beziehungsweise deren Abwesenheit, veränderte (Un-)Sichtbarkeiten sowie die dominierende Frage von „Drinnen“ und „Draußen“. Gerade im Hinblick auf den Topos Gewalt in Ost- und Westeuropa während des Zweiten Weltkriegs warnte sie vor einer begrifflichen Engführung, die einer vergleichenden Analyse im Weg stehen könne.

Das zweite Panel mit dem Titel „Sport und Eigensinn“ eröffnete JAN KLEINMANNS (Bonn) mit einem Vortrag zur Sportöffentlichkeit in der jungen DDR. Seine Leitfrage lautete dabei, wie Menschen in ihrem Alltag mit den Ideen und Vorstellungen einer Diktatur umgingen. Hierfür griff er auf den Begriff des „Eigensinns“ zurück, um die persönlichen Spielräume zu fokussieren, in denen Menschen Alltagspraktiken mit eigenem Sinn füllen und dabei auch von der gewünschten Norm abweichen. Eigensinn sei dabei ein Faktor, der in jedem gesellschaftlichen System bestehen bleibe. Als nach 1945 die Bedeutung des Breitensports in der Öffentlichkeit in den westlichen Besatzungszonen sowie der SBZ zunahm, habe die Staatsführung in den darauffolgenden Jahren den DDR-Sport zunehmend zentralisiert und politisiert, um dessen alltägliche Relevanz für eigene politische Zwecke zu nutzen: Der Aufbau des Sozialismus als oberstes Ziel sollte auch im Sport verfolgt werden. Jan Kleinmanns wies jedoch nach, dass dies gerade nicht der Fall war: vielmehr hätten sich Sportler in der DDR als eigenständige Gruppe betrachtet, innerhalb der der Sport im Zentrum stand und eben nicht der Sozialismus. Am Beispiel des Sports ließe sich somit zeigen, dass dem Alltagshandeln in der DDR keine eindimensionale politische Stoßrichtung zugrunde gelegen habe, sondern für die Akteure ganz unterschiedliche Motive handlungsleitend gewesen seien.

JAN HASSINK (Göttingen) untersuchte anhand des Sports den Besatzungsalltag im Elsass während des Zweiten Weltkriegs. Dabei stand zum einen die Frage im Vordergrund, wie soziale Ordnungsvorstellungen während der Besatzungszeit im Sport erfahrbar und erlitten wurden, und zum anderen, wie sich den Akteuren (trotz rigider Regeln durch die Besatzungsmacht) im Sport Freiräume und Räume für eigensinniges Verhalten boten. Dabei konnte er anhand verschiedener Beispiele aufzeigen, dass der politischen Kontrolle und sozialen Disziplinierung durch den Sport auch Grenzen gesetzt gewesen seien. So hätten beispielsweise ausgeschlossene und verfolgte Personengruppen zum Erhalt einer gewissen Form von Normalität weiterhin Sport in ihrer Gemeinschaft betrieben und sich die dafür notwendigen Sportgeräte unter anderem von ihren alten, nunmehr aufgelösten Vereinen beschafft. Auch unterschiedliche Formen von Zuschauerverhalten verwiesen auf die Vielfältigkeit der Besatzungserfahrungen und machten eigensinniges Verhalten sichtbar.

In seiner Untersuchung von Fußballvereinen im oberschlesischen Königshütte während des ersten Jahres der deutschen Besatzung hob MARTIN BORKOWSKI-SARUHAN (Göttingen) das ambivalente Verhalten der Vereinsspitzen hervor. Bei der Redistribution der im Zuge der Germanisierung und Gleichschaltung gewaltsam freiwerdenden Ressourcen hätten sie willfährig die rassistisch codierten Direktiven der Besatzungsbehörden umgesetzt und seien, durch vielschichtige Partikularinteressen motiviert, gegeneinander in einen heftigen Konkurrenzkampf getreten. Gleichwohl sei im Vereinsalltag der große besatzungsinduzierte Bruch ausgeblieben. Gerade an der Sanktionierung unerwünschter Praktiken wie dem Gebrauch der polnischen Sprache seien die Akteure nur selten interessiert gewesen. Dieses situativ wandelbare eigensinnige Handeln habe somit gleichzeitig Freiräume geschaffen wie auch Ausschlusspraktiken, die bis zum Massenmord reichten, durchzuführen ermöglicht.

In seiner Keynote diskutierte ALF LÜDTKE (Erfurt / Göttingen) unterschiedliche Momente eigensinnigen Verhaltens während des Zweiten Weltkriegs. Beispielhaft skizzierte er die Reaktionen dreier Kompanien im Südbereich der Ostfront auf einen schriftlichen Befehl im September 1941, der diese aufforderte, in den ihnen untergeordneten Gebieten alle Zivilisten zusammenzutreiben, Juden auszusortieren und zu erschießen. In der ersten Kompanie sei der Befehl unverändert und unverzüglich in die Tat umgesetzt worden. Die beiden anderen Kompanien seien dagegen auf unterschiedliche und eigensinnige Weise mit dem Befehl umgegangen: Während ihn die eine zunächst zurückgestellt habe, um abzuwarten und Nachfragen zu klären, habe die dritte die Anweisung gleichsam über das eigentliche Ziel hinaus ausgeführt, indem sie sie auch auf andere Dörfer ausdehnte. Trotz klarer Befehle ließen sich somit Handlungsspielräume nachzeichnen, die von den Akteuren eigensinnig ausgefüllt wurden. Am Beispiel von Tagebucheinträgen des Krupp-Arbeiters Paul Maik aus den Jahren 1923 bis 1945 präsentierte Lüdtke zudem grundsätzliche Überlegungen zu den Potenzialen von Ego-Dokumenten für die Untersuchung von Alltagserfahrungen.

Im dritten Panel unter dem Oberthema „Fürsorgehandeln und Alltagszwang“ beleuchtete DANIEL HADWIGER (Tübingen) die Organisationen der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) und des „Hilfszugs Bayern“, die nach der Besatzung Frankreichs durch deutsche Truppen in einigen Gebieten Nahrungsmittel und teilweise auch Kleidung an die französische Bevölkerung verteilten. Bei ihrem Einsatz in Frankreich hätten sie jedoch vor allem als Propagandainstrumente fungiert, um der französischen Bevölkerung das vermeintliche Verantwortungsbewusstsein und die Menschlichkeit der deutschen Besatzer vorzuführen, diese in einem positiven Licht erscheinen zu lassen und damit die Loyalität der französischen Bevölkerung zu gewinnen. Während die Aktion aus deutscher Sicht durchaus als Erfolg gewertet worden sei, seien die französischen Stimmen weitaus zurückhaltender gewesen. So führte Daniel Hadwiger anhand der Besatzungsfürsorge in Calais 1940-1942 aus, dass es die französische Verwaltung gewesen sei, die die finanziellen Mittel für die deutsche Fürsorge der Bevölkerung zu tragen hatte. Diese habe zudem die schlechte Qualität der Suppen und deren zu hohen Preis bemängelt, weshalb nur gut die Hälfte der Suppen verkauft wurden.

RADKA ŠUSTROVÁ (Prag) fragte in ihrem Vortrag danach, welchen Stellenwert Sozialhilfe als Ordnungsmechanismus in der von den Nationalsozialisten besetzten Tschechischen Republik gehabt habe. Sie zeigte, dass die Nationalsozialisten mithilfe der Sozialhilfeleistungen ein System von Exklusion und Inklusion durchsetzten, indem sie die Vergabe der Leistungen nach rassischen Kategorien ordneten und unliebsame Bevölkerungsteile wie Roma und Juden davon ausschlossen. Diese Praxis habe dabei an Strukturen angeknüpft, die bereits 1938 von tschechischen Politikern eingeführt worden waren und ebenfalls dem Schema von Exklusion und Inklusion gefolgt seien. Viele dieser tschechischen Politiker seien auch unter der NS-Besatzung in der Sozialpolitik weiter tätig gewesen. Neben der Gewalt und Repression, die während der nationalsozialistischen Herrschaft auch im tschechischen Fall zum alltäglichen Leben dazugehörten, hätten damit auch die Kontrolle durch Sozialhilfeprogramme einen erstaunlich hohen Stellenwert eingenommen.

THOMAS SOMLÓ (Heidelberg) stellte seine Überlegungen zum System des ungarischen Arbeitsdienstes zwischen 1939 und 1944 vor, dessen antisemitischer, diskriminierender und menschenverachtender Charakter sich erst im Verlauf des Krieges aufgrund der zunehmenden Abhängigkeit von Deutschland entwickelt habe, der jedoch in letzter Konsequenz 60.000 bis 70.000 Ungarn jüdischer Herkunft das Leben gekostet habe. Die Verantwortung dafür habe maßgeblich beim ungarischen Militär gelegen. Von der deutschen, aber auch der ungarischen Forschung kaum beachtet, wolle Somló das Alltagsleben dieser jüdischen Mitglieder des Arbeitsdienstes anhand verschiedener Ego-Dokumente näher in den Blick nehmen. Es gehe ihm hierbei also um einen Blick „von unten“, aus Sicht der Opfer und ihres direkten Umfelds, was allerdings nicht bedeute, dass der Blick von oben völlig außer Acht gelassen werden dürfe. Durch diese Herangehensweise ließen sich, so Thomas Somló, weitergehende Schlüsse zu den Formen der Gewalt innerhalb des Arbeitsdienstes ziehen.

In ihrem Abschlusskommentar unterstrich KERSTIN BISCHL (Göttingen) die Potenziale alltagsgeschichtlicher Fragestellungen für die Untersuchung transnationaler Phänomene während des Zweiten Weltkriegs. Die Grenzüberschreitungen von Dingen, Akteuren, deren Erfahrungen, Praktiken und Interpretationen während des Krieges ließen sich insbesondere auf alltagsgeschichtlicher Ebene nachzeichnen. Derartige Verflechtungen sichtbar zu machen erfordere, die Grenzen nationaler Geschichtsschreibung zu überwinden. Mit Blick auf das Konzept des Eigensinns plädierte sie dafür, dieses nicht nur auf der Seite der Unterdrückten zu verorten und als per se subversiv zu verstehen, sondern die konzeptionelle Offenheit des Begriffs gegenüber solchen Engführungen ernst zu nehmen.

Konferenzübersicht:

Jan Hassink / Martin Borkowski-Saruhan (beide Göttingen): Begrüßung und thematische Einführung

Eröffnungsvortrag
Dmytro Tytarenko (Donezk-Krivoy Rog): Soldaten der Wehrmacht und die Bevölkerung der Ostukraine in der Besatzungszeit (1941-1943)

Panel 1: Begegnungen und (Aus-)Handlungen
Moderation: André Gounot (Strasbourg)
Kommentar: Anke Hilbrenner (Göttingen)

Byron Schirbock (Köln): Besatzeralltag(e). Die deutsche Okkupation Frankreichs im Zweiten Weltkrieg, 1940-1944

Agnes Laba (Wuppertal): Alltag unter deutscher Besatzung aus einer geschlechtergeschichtlichen Perspektive betrachtet. Die Beispiele Frankreich und Polen

Gregor Feindt (Mainz): Alltag fernab des Krieges? Leben und Arbeiten in Bat´as Zlín während des Zweiten Weltkrieges

Panel 2: Sport und Eigensinn
Moderation und Kommentar: Bernd Reichelt (Ulm)

Jan Kleinmanns (Bonn): Die ersten Momente einer neuen Diktatur. Sportöffentlichkeit, Alltag und Eigensinn in der SBZ und der jungen DDR

Jan Hassink (Göttingen): Germanisierung und Eigensinn. Sport im Elsass unter der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs

Martin Borkowski-Saruhan (Göttingen): Volkstum, Alltag, Eigensinn. Sport und Gewalt in Ostoberschlesien unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieges

Alf Lüdtke (Erfurt / Göttingen): Keynote

Panel 3: Fürsorgehandeln und Alltagszwang
Moderation: Anke Hilbrenner (Göttingen)
Kommentar: Dmytro Tytarenko (Donezk-Krivoy Rog)

Daniel Hadwiger (Tübingen): „Den Kanonen der Wehrmacht folgen die Gulaschkanonen der NSV“. Nationalsozialistische Fürsorge im besetzten Nordfrankreich 1940/41

Radka Šustrová (Prag): Social Policy in Nazi-Occupied Bohemia and Moravia

Thomas Somló (Heidelberg): Das System des militärischen Arbeitsdienstes in Horthys Ungarn 1939-1944 – jüdischen Alltagserfahrungen als „Muszos“ der ungarischen Armee

Abschlusskommentar
Kerstin Bischl (Göttingen)

Zitation
Tagungsbericht: Alltag im Zweiten Weltkrieg transnational, 08.06.2018 – 09.06.2018 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 04.02.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8102>.