Körper - Grenze. Corps - frontière. Über den Zusammenhang von Körperlichkeit, Raum und Gewalt

Ort
Strasbourg
Veranstalter
Sarah Frenking, Göttingen; Julian Naujoks, Berlin; Nina Régis, Toulouse; Fabio Santos, Berlin; Verena Triesethau; CIERA (Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne), Paris; Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf
Datum
11.10.2018 - 13.10.2018
Von
Stefan Preiß, Ruhr-Universität Bochum; Janine Fubel, Humboldt-Universität zu Berlin

16 junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, davon 12 Vortragende, trafen sich für diesen Workshop, um ihre Arbeiten und Gedanken zum besagten Thema vorzustellen und zu diskutieren. Der Workshop konnte dank der Förderung des CIERA (Interdisziplinäres Zentrum für Deutschlandstudien und -forschung) und der Hans-Böckler-Stiftung stattfinden. Ausgehend von einem transdisziplinären Zugang zur Thematik hatte das Organisationsteam junge Forschende verschiedenster Fachrichtungen eingeladen, darunter der Geschichte, der Kulturanthropologie, der Kunstgeschichte, der Psychologie und der Soziologie. Gleichzeitig wurde für ein ausgewogenes Verhältnis von Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus Deutschland und Frankreich gesorgt und der Workshop fand zweisprachig auf Deutsch und Französisch statt.

SARAH KLEINMANN (Dresden) leitete das erste Panel „Rechtlosigkeit – illegalisierte Körper – Verletzbarkeit – Kontrolle“ des Workshops ein. Am Beispiel der beiden Städte Görlitz und Zgorzelec stellte sie Aspekte der Wahrnehmung sowie Repräsentation von Kriminalität und Devianz an der deutsch-polnischen Grenze von 1945 bis in die Gegenwart vor. Dabei wurde deutlich, wie staatliche und gesellschaftliche Praktiken eines Identifizierens, Aufspürens, Unschädlichmachens und Einsperrens beziehungsweise in Grenzgebieten auch Praktiken eines Aussperrens, Draußenhaltens oder territorialen physischen Segregierens, durch hegemoniale Vorstellungen von devianter, krimineller Täter/innenschaft (vor-)geprägt seien. Kleinmann zeigte zudem auf, wie Prozesse eines „Veranderns“ (englisch: othering) mit der soziologischen Kategorie „Körper“ einerseits im Hinblick auf die Körper von Akteur/innen im Forschungsfeld und andererseits auch in Bezug auf den Körper der Forscher/in, der gewissermaßen als datengenerierendes Instrument fungiert, verbinden lassen. SHARON SAAMELI (Basel) vertiefte die Diskussion über illegalisierte Körper und deren Kontrolle in ihrem Vortrag. Sie stellte den Ausschluss und die Entrechtung migrantischer Körper aus der Schweizer Gesellschaft und die Verdrängung und Konzentration in Lagern als maßgebliche und kalkulierte Variablen der staatlichen Praxis in Bezug auf Flucht und Migration vor, wobei es ihr wichtig war, die agency der migrierten Personen herauszustellen und diese möglichst mit eigenen Stimmen über ihre Notsituationen sprechen zu lassen. JORT BLAZEJEWSKI (Trier) schloss an Saamelis Vortrag an und konzentrierte sich auf Grenzerfahrungen französischer Revolutionsemigranten im späten 18. Jahrhundert. Die revolutionsbedingte Emigration nach 1789 zählte zu den größten Gewaltmigrationen der Vormoderne. Blazejewski untersuchte sowohl Stationen und Erlebnisse von politischen und räumlichen Grenzüberschreitungen, als auch damit verbundene körperliche Erfahrungen, über die Analyse von Ego-Dokumenten und Testamenten. Aufgrund der Quellenlage konnten dabei bisher jedoch nur männliche Akteure in den Blick genommen werden. Er rekonstruierte Fluchtbedingungen und diskutierte unterschiedliche Grenzerfahrungen der émigrés und betonte dabei, dass der Begriff der Grenzerfahrung in einem zweifachen Sinne nutzbar gemacht werden könne, indem nach den folgenreichen Begegnungen der Geflüchteten mit räumlich-politischen, aber auch subjektiven, sehr individuellen Grenzen gefragt wird.

Der zweite Tag des Workshops begann nach Grußworten von KARIM FERTIKH (Straßburg) für das CIERA als Mitorganisator mit dem zweiten Panel, das unter dem Titel „Erfahrung – Pathologisierung – Disziplinierung – Gewalt am Körper“ stand. Zunächst präsentierte NINA RÉGIS (Toulouse) ihre Überlegungen zu einer Anwendung des „corps vécu“, eines Konzepts der Phänomenologie von Maurice Merleau-Ponty auf verschiedene Formen von Hunger. Im Gegensatz zu einer unfreiwilligen Hungererfahrung, die das Tätigkeitsfeld des Körpers einschränkt, könne eine freiwillige Hungererfahrung dabei als Vergrößerung dieses Tätigkeitsfeldes erlebt werden, etwa indem durch Gewichtszu- oder -abnahme der Körper der gesellschaftlich dominanten Vorstellung von Attraktivität angeglichen wird. Im Anschluss schilderte ADRIEN CASCARINO (Paris VII) seine Erkenntnisse aus der psychotherapeutischen Arbeit mit Jugendlichen, die sich selbst verletzt haben. Dies deutete er anhand der Selbstzeugnisse einer Patientin als Reaktion auf eine Veränderung ihres Körpers, die von ihrem Umfeld nicht beachtet wurde. Durch die dem Körper eingeschriebene Gewalt habe sie in einer Art „rite de passage“ diese Veränderung für ihr Umfeld sichtbar machen wollen, damit dieses den Übergang vom Kind zur Frau zur Kenntnis nehme. Im dritten Vortrag stellte JULIAN NAUJOKS (Berlin) seine Forschung zu Traumerfahrungen in Konzentrationslagern vor. Anhand der autobiographischen Schilderungen von Charlotte Delbo und Primo Levi deutete er diese als unmittelbare Quelle, die das Eindringen des totalitären Terrors in den menschlichen Körper zeige. Dabei seien die Träume oft Ausdruck einer völligen Entmenschlichung gewesen, die jede Individualität ausgelöscht und zu einem Zusammenbruch der Erfahrung geführt habe.

Im dritten Panel „Bewegung – Grenzpassage – In-/Exklusion – Identitäten“ schilderte KATELL BRESTIC (Paris III), wie aus Deutschland exilierte Jüdinnen und Juden Ende der 1930er-Jahre in Bolivien mit einer als feindselig empfundenen Umwelt und mit antisemitischen Stereotypen konfrontiert wurden und darauf mit einer Neuaneignung ihrer Körper reagiert hätten. In Anlehnung an zionistische Konzepte wie das des „Muskeljuden“ wurden körperliche Betätigung und Sport zu einem zentralen Identitätsmerkmal, mit dem die Exilierten der Krise ihrer kollektiven Identität begegneten. JAN HASSINK (Göttingen) sprach in seinem Vortrag über Sport als „eigensinnige Praxis“ (Alf Lüdtke) im transnationalen Grenzraum Elsass unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg, welche Spannungen zwischen Inszenierung, Repräsentation und Etablierung von Grenzen einerseits und deren Überschreitung durch eigensinnige Aneignungen der Praxis andererseits sichtbar werden lasse. Im Sport seien dort soziale Ordnungsvorstellungen und asymmetrische Machtverhältnisse repräsentiert und „in Szene gesetzt“ worden. Hassink verwies zudem darauf, dass sportliche Praktiken – als „Körperhandeln“ – soziale Ungleichheitsstrukturen reproduzierten und den Blick auf individuelle Erfahrungen der Akteur/innen im Besatzungsalltag als auch auf soziale Machtbeziehungen und diskursive Differenzkonstruktionen ermöglichen. TONIO WEICKER (Berlin) spannte den geographischen Bogen nach Russland: Er stellte seine Untersuchung zu In- und Exklusionsmechanismen anhand des Mobilitätsphänomens russischer Sammeltaxis – Marschrutkas – vor. Beim Phänomen der Marschrutkas handele es sich um eine politisch sowie gesamtgesellschaftlich umkämpfte Mobilitätspraxis, deren Genese und tägliche Realisierung zum Teil auch heute noch signifikante Vergesellschaftungsmodi sowjetischer Prägung enthalte. Weicker führte überzeugend aus, dass die soziologischen Grundkonstanten „Raum“ und „Körperlichkeit“ zwei wesentliche Merkmale des Mobilitätsphänomens darstellten, über die sich gleichermaßen die strukturelle Interdependenz der Routen- beziehungsweise Sammeltaxis im sozialen Gefüge der Stadt, aber auch die Wirkmächtigkeit als aktiver Akteur und wahrnehmungsbeeinflussende Größe interpretieren ließen. In der Präsentation wie der anschließenden Diskussion wurde sich zudem über die Marschrutka als Mikrokosmos institutioneller Gewalt verständigt, in dem es auch immer wieder zu sexualisierter Gewalt vor allem gegen Frauen kommt.

Das vierte Panel unter dem Titel „Aushandlungen und Aneignungen – Produktion des Raumes – Materialität der Grenze“ wurde von SARAH EHLERS (München) eröffnet, die anhand der Maßnahmen zur Eindämmung der Schlafkrankheit im kolonialen Afrika die Etablierung von nationalen und rassischen Grenzen aufzeigte. Dabei sei die Gefahr der Krankheit rassifiziert worden, indem europäische Wissenschaftler männliche Afrikaner als Träger identifizierten, ihre Bewegungsfreiheit einschränkten und sie in Lager internierten, wo ihre Körper auch Objekt von Versuchen am Menschen wurden. Damit seien für viele Indigene zum ersten Mal koloniale Grenzen erfahrbar geworden, zum Teil sei es ihnen aber auch gelungen, sich dem staatlichen Zugriff durch Übertreten dieser nur auf Karten existenten Grenzen zu erziehen. Die Performativität des Körpers stand im Zentrum des Vortrags von MARIE-DOMINIQUE GIL (Paris VIII), der sich Künstlerinnen widmete, die sich selbst als Objekte im Käfig darstellten, um Muster männlicher Dominanz und die Sexualisierung des weiblichen Körpers in der Kunst aufzuzeigen. Anhand dreier Künstlerinnen von den 1970er-Jahren bis heute zeigte sie auf, wie dadurch, dass der eigene Körper bewusst zum Objekt gemacht worden sei, die Betrachter/innen dazu gebracht werden sollen, etablierte Hierarchien infrage zu stellen. Der letzte Vortrag des Tages stammte von SARAH FRENKING (Göttingen), die anhand des Falls von drei Roma-Familien, denen der Grenzübertritt immer wieder verwehrt wurde, die Etablierung verschiedener Grenzregime an der deutsch-französischen Staatsgrenze zwischen 1887 und 1914 zeigte. Die polizeilichen Praktiken hätten dabei einerseits eine Unbeweglichkeit erzeugt, indem sie die Gruppen in der Nähe von Grenzpfählen fixierten, andererseits einen Zwang zum Umherirren. Somit fand eine doppelte Raumproduktion statt, weil sich die Grenze für die sogenannte „Zigeunerbande“ einerseits als Nicht-Ort (Marc Augé) erwiesen habe, andererseits durch die wiederholten Abweisungen als Linie dargestellt habe. Die oft als permeabel betrachtete Grenze konnte damit bei näherem Hinsehen für verschiedene Gruppen situative Entscheidungen seitens der Behörden und spezifische Grenzerfahrungen hervorbringen.

Die Konferenz wurde mit einer Synthese der vorgestellten Inhalte um die Analysebegriffe „Körperlichkeit“, „Raum“ und „Gewalt“ abgeschlossen. Die Organisator/innen entschieden sich dafür, diese gemeinsam mit allen Teilnehmenden in Form einer Mindmap zusammenzutragen. Verschiedene Aspekte der Begrifflichkeiten sowie Mikro- und Makroebenen, auf denen sie verwendet werden können, wurden dabei diskutiert. Diese Fragen und Anregungen können hier nur kurz angerissen werden, etwa zur Definition von „Körper“ oder „Grenze“, zu Formen und Urhebern von Gewalt, zur Rolle staatlicher Akteur/innen, zum Zusammenhang von Nation („imagined communities“) und Körper („imagined bodies“), zur Bedeutung von Übersetzungen im übertragenden wie im wörtlichen Sinn, aber auch zum politischen Charakter der Forschung oder zur Gefahr einer Romantisierung des eigenen Untersuchungsgegenstandes.

Konferenzübersicht:

Sarah Frenking (Göttingen) / Julian Naujoks (Berlin) / Nina Régis (Toulouse) / Fabio Santos (Berlin) / Verena Triesethau (Leipzig): Einführung

Panel 1: Recht(losigkeit) – illegalisierte Körper – Verletzbarkeit – Kontrolle
Moderation: Fabio Santos (Berlin)

Sarah Kleinmann (Dresden): Veranderte Körper. Konstruktionen von Kriminalität und Devianz im deutsch-polnischen Grenzgebiet
Kommentar: Katell Brestic (Paris)

Sharon Saameli (Basel): Performative Kämpfe der Migration am Beispiel Zürichs
Kommentar: Nina Régis (Toulouse)

Jort Blazejewski (Trier): Grenzerfahrungen französischer Revolutionsemigranten im späten 18. Jahrhundert

Abendvortrag
Teresa Koloma Beck (München): “Un monde coupé en deux“. Rencontrer Frantz Fanon à Kaboul [Abendvortrag musste entfallen]

Karim Fertikh (Straßburg, CIERA): Einführung

Panel 2: Erfahrung – Pathologisierung – Disziplinierung – Gewalt am Körper
Moderation: Sarah Frenking (Göttingen)

Nina Régis (Toulouse): Repenser les frontières du corps. Les raisons de la faim volontaire et involontaire et leur impact sur le "corps vécu"
Kommentar: Maraie-Dominique Gil (Paris)

Adrien Cascarino (Paris VII): Couper son corps, redessiner les frontières
Kommentar: Sarah Frenking (Göttingen)

Julian Naujoks (Berlin): „Vollzugsweise des Terrors selbst“? Traumerfahrung und Konzentrationslager
Kommentar: Jan Hassink (Göttingen)

Panel 3 : Bewegung – Grenzpassage – In-/Exklusion – Identitäten

Katell Brestic (Paris III): Le corps dans l'exil. Entre discrimination, exclusion et (ré)affirmation identitaires
Kommentar: Julian Naujoks (Berlin)

Jan Hassink (Göttingen): Sport an der Grenze. Grenzen im Sport. Differenzkonstruktionen im besetzten Elsass während des Zweiten Weltkriegs
Kommentar: Sarah Ehlers (München)

Tonio Weicker (Berlin): Grenzziehungen im halböffentlichen Raum der Marschrutka. Einblicke in soziale In- und Exklusionsmechanismen anhand des Mobilitätsphänomens russischer Sammeltaxis
Kommentar: Sarah Kleinmann (Dresden)

Panel 4: Aushandlungen und Aneignungen – Produktion des Raumes – Materialität der Grenze

Sarah Ehlers (München): Territoriale Praktiken und koloniale Medizin. Schlafkrankheitskontrolle, Grenzposten und Krankenlager im kolonialen Afrika
Kommentar: Sharon Saameli (Basel)

Marie-Dominique Gil (Paris VII): Les corps des femmes en cage de la performance. Une mise en scène critique de frontières impalpables
Kommentar: Adrien Cascarino (Paris)

Sarah Frenking (Göttingen): Räumliche Rechtlosigkeit. Der polizeiliche Umgang mit Sinti und Roma an der deutsch-französischen Grenze 1887-1914
Kommentar: Tonio Weicker (Berlin)

Synthese und Abschlussdiskussion

Organisatorisches und Nachbereitung

Zitation
Tagungsbericht: Körper - Grenze. Corps - frontière. Über den Zusammenhang von Körperlichkeit, Raum und Gewalt, 11.10.2018 – 13.10.2018 Strasbourg, in: H-Soz-Kult, 13.02.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8111>.