Gewalt und Heldentum

Ort
Freiburg im Breisgau
Veranstalter
Cornelia Brink (Geschichte) / Olmo Gölz (Islamwissenschaft), Sonderforschungsbereichs 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg im Breisgau
Datum
29.11.2018 - 01.12.2018
Von
Dennis Pulina, Seminar für Griechische und Lateinische Philologie, Universität Freiburg; Leo Vössing, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Heldentaten waren und sind noch oft mit Gewalthandeln verbunden. In zahlreichen Heldenerzählungen definiert es maßgeblich die Handlungsmacht eines Helden. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach dessen Legitimität, wenn man mit Popitz Gewalt als eine Machtaktion definieren möchte. Unter dem Fokus des Heroischen hat sich die Tagung nicht nur dem Spannungsfeld von Heroischem, Gewalt und Legitimität, hinsichtlich eines Individuums oder ganzer Gemeinschaften gewidmet, sondern auch dem Erleben von Gewalt, den Opfern, sowie der Abkehr von ihr. Gegliedert wurde die Tagung in vier thematische Panels, die jeweils unmittelbar in einem Abschlusskommentar reflektiert wurden.

Der kurze Einführungsvortrag von RONALD ASCH (Freiburg) beschrieb den gewandelten Blick auf die Gewaltaffinität kriegerischer Helden, deren Ambivalenz die heutige Gesellschaft kaum mehr auszuhalten bereit sei und die insofern ein Vakuum hinterlassen hätten. Im Anschluss an Asch stand das erste Panel unter der Überschrift „Räume der Gewalt: Gewaltgemeinschaften und Kulturen der Gewalt”. MARTIN ZIMMERMANN (München) zeigte in seinem Vortrag über Bilder der Gewalt in antiken Kulturen vor allem die Funktionen der oftmals sehr drastischen und expliziten Gewaltdarstellungen vom assyrischen Hof über griechische Mythologie bis in die christliche Spätantike, die vor allem der Kommunikation gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen dienten. Fragen von Herrschaft und Recht, göttlicher Ordnung, Abgrenzung und Zugehörigkeit fanden auf diese Weise ihren Ausdruck; zudem wurde das Publikum mit heroischen Leitbildern versorgt. Die Wirksamkeit solcher Bilder zeige sich etwa in der Ilias, deren grausame Sterbeszenen noch von christlichen Autoren der römischen Spätantike in ihren Märtyrergeschichten aufgegriffen und in ihrer Gewaltdarstellung sogar noch gesteigert wurden.

SVEN REICHERT (Konstanz) und OLMO GÖLZ (Freiburg) beschäftigten sich in ihren Vorträgen mit Gewaltgemeinschaften – der SA und den faschistischen Schwarzhemden sowie den iranischen Revolutionsgarden – und deren (Selbst-)Heroisierung. Beide beschrieben die wichtige Rolle einer äußeren Bedrohung für die Legitimation solcher Gemeinschaften, in deren Folge das eigene Gewalthandeln zur Notwehr umgedeutet werde. Eine ähnliche Form der Umdeutung lasse sich auch für das Martyrium als heroisches Selbstopfer konstatieren, das den Sieg der eigenen Seite vorwegnimmt und ihre moralische Überlegenheit unterstreicht. Gewalt scheine vor allem in entgrenzten Räumen heroisierbar zu sein – eine Erkenntnis, die auch im öffentlichen Abendvortrag von JAN PHILIPP REEMTSMA (Hamburg) eine Rolle spielte. Ausgehend von der Geschichte um die misslungene Brautwerbung aus dem Sagenkreis Dietrichs von Bern zeichnete Reemtsma ein buntes und anschauliches Panorama der Heldengeschichten von griechischen Sagen über amerikanische Western bis hin zu modernen Comichelden. Dabei betonte er vor allem die Unintegrierbarkeit des Helden in die zivilisierte Welt, sein Einsatzort liege „draußen”, außerhalb der Gesellschaft, wo er sich dem Kampf gegen ihre Feinde widmen könne, und seine Zeit sei das „vorher”, da es sich bei Heldengeschichten um fiktive Erzählungen handele, in denen Gesellschaften sich eine Vergangenheit ausmalten, die (glücklicherweise) bereits hinter ihnen liege.

Die Sitzung am Freitagvormittag stand unter dem Titel „Fragen an Gewalt: Irritationen und Brechungen des Heroischen“. FELIX MAIER (Würzburg) und ULRICH BRÖCKLING (Freiburg) befassten sich in ihren Vorträgen mit dem Verzicht auf Gewalt als heroische Qualität, JOACHIM GRAGE und SOTIRIOS KIMON MOUZAKIS (beide Freiburg) beleuchteten das Erleben von Gewalt in der skandinavischen Jugendliteratur. FRIEDERIKE PANNEWICK (Marburg) untersuchte schließlich ebenfalls das Erleben von Gewalt mit einem besonderen Fokus auf die lyrische Verarbeitung des Todes.

Der Vortrag von Felix Maier beschäftigte sich mit der spätantiken Konjunktur des Palastkaisertums. Während im 2./3. Jahrhundert n. Chr. die Soldatenkaiser als militärische Anführer heroisiert worden seien und somit als gewaltsame Kriegerhelden Verehrung gefunden hätten, zeigte Maier überzeugend, wie vom 4. bis 7. Jahrhundert der Kaiser vom Palast aus regiert habe – ein Bruch mit etablierten Normen, der durchaus Kritik gefunden habe (etwa in Synesius‘ De regno). In einer Zeit, in der Friedensschlüsse und Ansiedlungspolitik bedeutsam wurden – man denke etwa an Theodosius und den Friedenvertrag mit den Goten – sei der gut regierende und recht handelnde Herrscher heroisiert worden – zivile Aspekte, die sich auch in Münzprägungen der Zeit finden lassen.

Friederike Pannewick betonte eingangs, dass der heldenhafte Märtyrer seit dem 7. Jahrhundert der wichtigste Heldentyp der islamischen Welt gewesen sei. In Kunst und Literatur aber fänden sich seit Mitte des 20 Jahrhunderts aber auch Gegenstimmen zu diesem etablierten Modell. Diese zeichnete sie anhand der Charismatisierung des Opfers als Ersatz für das Lob des heldenhaften Märtyrers nach. Mithilfe von Ausschnitten aus dem Roman The Corpse Washer von Sinan Antoon unterlegte sie ihre Thesen, machte jedoch gleichzeitig deutlich, dass dieser Wandel vor allem „im Schutz der Fiktion“ und dabei in bestimmten literarischen Gattungen wie etwa dem Roman (im Gegensatz zu traditionellen wie der Lyrik) zu finden sei.

Das Nachmittagspanel „Charakter der Gewalt: Epochenspezifische Analysen“ zeichnete sich vor allem durch Einzelfallstudien aus: CHRISTOPH MAUNTEL (Tübingen) beschäftigte sich mit dem Spannungsfeld von heroisierbarer Gewalt in einer Gesellschaft, die einerseits persönliche Tapferkeit zum Ideal erhob, dieses andererseits durch die zunehmende Professionalisierung des Kriegertums und den Fokus auf Disziplin ins Leere laufen ließ. CORNEL ZWIERLEIN (Bamberg) widmete sich vor dem Hintergrund rechtsgeschichtlicher Diskussionen des Monarchenmordes im 16. Jahrhundert der Frage, ob eine derartige Transgressivität heroisierbar sein könne. Den Abschluss bildete MAREEN VAN MARWYCKs (Berlin) Vortrag über Anmut/Grazie als Heroisierungskonzept des späten 18. Jahrhunderts zur Darstellung von Gewalt, wodurch diese der „Sphäre des Schönen“ zugeordnet werden konnte.

Gegenstand der letzten Sektion am Samstag waren „Akteure der Gewalt: Täter und Opfer. Eingeleitet wurde die Sitzung durch den Vortrag von VERA MARSTALLER (Freiburg), worin sie Maskulinitätsdiskurse am Beispiel von Kriegsversehrten in zwei Frauenzeitschriften – Die junge Dame und Berliner Illustrierte Zeitung – untersuchte. Sie stellte unter anderem die Interpretation von Wunden als „Ehrenabzeichen des Mannes“ dar, wodurch einem potenziellen Verlust des Heldenstatus durch Verwundung entgegengewirkt worden sei, und zeigte insbesondere mit Fotografien von Verwundeten und fürsorglichen Krankenschwestern, wie Gewalt als Trennlinie zwischen idealer Männlichkeit und idealer Weiblichkeit fungierte. Im Beitrag von AXEL PAUL (Basel) wurde am Beispiel von Kindersoldaten in der ugandischen Lord’s Resistance Army die Frage diskutiert, wie es ihr mithilfe extremer Gewalt gelingen konnte, ihre eigenen Opfer in Täter und gefühlte Helden zu verwandeln. Die Vorträge von SVENJA GOLTERMANN (Zürich) und JÖRG BABEROWSKI (Berlin) entfielen, fanden jedoch in einem ausführlichen Abschlusskommentar von JÖRN LEONHARD (Freiburg) Berücksichtigung.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass jeder Vortrag für sich einen ziel- und weiterführenden Beitrag zur Fragestellung der Tagung geleistet hat, wobei zahlreiche unterschiedliche Facetten des anvisierten Spannungsfeldes von Gewalt, Heldentum und Legitimität beleuchtet wurden. Auffällig war, dass das Heroische oft in einen Zusammenhang mit dem Ertragen von Gewalt oder auch der Erwartung des Todes gebracht wurde. Fragen nach der eigentlichen Legitimierung des Helden über Gewalt standen dabei weniger im Fokus. Hier ließe sich das Begriffsfeld aus Heroischem, Gewalt und Legitimation insbesondere um die Dimension von Erfahren, Ertragen und Erleiden erweitern. Sowohl diese als auch andere weiterführende Fragen bieten auch zukünftig vielversprechende Arbeitsperspektiven für die zahlreichen Forschungsfelder, die in ihrer thematischen Breite zu einer insgesamt gelungenen Tagung beigetragen haben.

Konferenzübersicht:

Ralf von den Hoff: Begrüßung
Ronald G. Asch (Freiburg im Breisgau): Einführung

1. Sektion – Räume der Gewalt: Gewaltgemeinschaften und Kulturen der Gewalt
Moderation: Sitta von Reden (Freiburg im Breisgau)
Kommentar: Ralf von den Hoff (Freiburg im Breisgau)

Martin Zimmermann (München): Gebanntes Grauen. Bilder der Gewalt in antiken Kulturen

Sven Reichardt (Konstanz): Gewaltgemeinschaften aus praxeologischer Perspektive

Olmo Gölz (Freiburg im Breisgau): Die iranischen Revolutionsgarden. Heroismus und Maskulinität im Iran-Irak-Krieg

Kommentar und Diskussion

Öffentlicher Abendvortrag
Cornelia Brink (Freiburg im Breisgau): Begrüßung
Jan Philipp Reemtsma (Hamburg): Dietrichs misslungene Brautwerbung. Der Held als Figur der klassischen Heldengeschichte: ein sonderbar vorzivilisatorischer Mann

2. Sektion – Fragen an Gewalt: Irritationen und Brechungen des Heroischen
Moderation: Peter Eich (Freiburg im Breisgau)
Kommentar: Magnus Striet (Freiburg im Breisgau)

Felix Maier (Würzburg): Höhere Gewalt. Der unkriegerische Kaiser als Held in der Spätantike

Ulrich Bröckling (Freiburg im Breisgau): Pazifismus und Heroismus

Joachim Grage / Kimon Mouzakis (beide Freiburg im Breisgau): Die Schule des Prügelns. Jan Gullious Jugendroman Ondskan und die psychischen und sozialen Mechanismen der Gewalt

Friederike Pannewick (Marburg): Gewalt ohne Heldentum – zur Poetik des entheroisierten Todes in der arabischen Erzählliteratur des 21. Jahrhunderts

Kommentare und Diskussion

3. Sektion – Charakter der Gewalt: Epochenspezifische Analysen
Moderation: Birgit Studt (Freiburg im Breigau)
Kommentar: Ronald Asch (Freiburg im Breisgau)

Christoph Mauntel (Tübingen): Der Charakter der Gewalt: Mittelalterliche Perspektiven auf das Beziehungsgeflecht von Gewalt und Heldentum

Cornel Zwierlein (Bamberg): Der Mörder als Held? Verehrung und Verdammung von Jacques Clément in Europa, 1589

Mareen van Marwyck (Berlin): Anmut als Heroismuskonzeption in der Literatur und Ästhetik um 1800

Kommentare und Diskussion

4. Sektion – Akteure der Gewalt: Täter und
Moderation: Andreas Gelz (Freiburg im Breisgau)
Kommentar: Jörn Leonhard (Freiburg im Breisgau)

Vera Marstaller (Freiburg im Breisgau): Zur Erotik des Kriegsversehrten. Nationalsozialistische Maskulinitätsdiskurse im Kontext extremer Gewalterfahrungen

Svenja Goltermann (Zürich): Opfer von Gewalt. Ein Plädoyer für eine konsequente Historisierung

Axel Paul (Basel): Vom Opfer zum Täter. Gewaltkarrieren in der Lord’s Resistance Army

Jörg Baberowski (Berlin): Krieger und Heroen. Gewalt als Anerkennungsressource

Kommentar und Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Gewalt und Heldentum, 29.11.2018 – 01.12.2018 Freiburg im Breisgau, in: H-Soz-Kult, 16.02.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8112>.