Valentinian I. und die Pfalz in der Spätantike

Ort
Speyer
Veranstalter
Historischer Verein der Pfalz e.V.; Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz; Stadt Speyer
Datum
18.10.2018 - 20.10.2018
Von
Aileen Becker, Direktion Landesarchäologie, Außenstelle Speyer, Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz

Das Thema der Tagung lehnte sich ergänzend an die neue Sonderausstellung an, die seit dem 16.09.2018 im Historischen Museum der Pfalz Speyer zu sehen und zu der bereits rezent ein Begleitband erschienen ist. Sie nimmt die Epoche der Spätantike in der Pfalz in den Fokus, spannt aber auch einen größeren regionalen und chronologischen Rahmen um Kaiser Valentinian I. (geb. 321, gest. 375) seine Zeitgenossen und die politischen Entwicklungen, die in den letzten Jahren eine zunehmende wissenschaftliche Auseinandersetzung im Kontext spätantiker Kontinuitätsforschung erfahren haben. Als chronologischer Rahmen wurde daher ein vergrößerter Zeitraum von der Mitte des 4. bis zum Ende des 5. Jahrhundert gewählt. Neben wichtigen Stationen im Leben Valentinians I., die antike Region Pannonien und die Residenzstadt Trier, war die Region der Pfalz örtlicher Schwerpunkt der Betrachtungen.

Den Auftakt machte mit ihrem Eröffnungsvortrag im Archäologischen Schaufenster ORSOYLA HEINRICH-TAMASKA (Leipzig). Sie führte in die Herkunftsregion Valentinians I., das antike Pannonien, ein und stellte die archäologischen Grabungen im heutigen Ungarn der letzten Jahre vor, u. a. das Projekt am Binnenkastell Keszthely-Fenékpuszta, Teil des pannonischen Limes, unweit der heutigen Stadt Keszthely, welches einen der wichtigsten Fundorte Ungarns darstellt. Im Zentrum der archäologischen Forschung steht die dortige spätrömische Befestigung und die dazugehörigen Gräberfelder. Anhand des Grabungsbefundes wird von einem Entstehungszeitraum im mittleren Drittel des 4. Jahrhunderts ausgegangen. Die Besonderheit besteht darin, dass über das 5. Jahrhundert hinaus eine Siedlungskontinuität vorhanden ist, die bis in das 9. Jahrhundert reichte und mit älteren Annahmen von Siedlungsaufgaben und Wüstungen breche.

ROLAND PRIEN und CHRISTIAN WITSCHEL (Heidelberg) griffen das Kernthema der Kontinuität erneut auf – diesmal für die Region der Pfalz. Die Usurpation des Magnentius und die als „Magnentiuswirren“ bekannte Zeit werden nach wie vor als einschneidende Grenzerfahrungen gedeutet. Das Ausmaß muss aber als geringer erachtet werden als bisher angenommen. Vielmehr gingen sie von einschneidenden Erfahrungen einer Generation aus, die eine kulturelle Assimilierung nicht aufgehalten, sondern befördert habe. Es gab Verträge und Wirtschaftsverkehr mit den Alamannen. Valentinian I. installierte während seiner Zeit am Oberrhein ein „multifluidales“ Grenzverteidigungssystem. Die ausführlichen Beschreibungen antiker Autoren wie Ammianus Marcellinus, Symmachus und Ausonius zeigen eine intentionale Überspitzung der archäologisch nachweisbaren Befunde in einer Zeit kriegerischer Auseinandersetzungen an der Grenze des römischen Reiches. Die damit in Verbindung gebrachten vermeintlichen historischen Zäsuren seien relativiert und durch Szenarien einer zumindest reduziert fortbestehenden Besiedlung ersetzt.

GEORG BREITNER (Trier) nahm die Kaiserresidenz Trier in den Fokus. Von 367 bis 392 war Trier erneut Regierungssitz des Römischen Reiches, zunächst unter Valentinian I., nach dessen Tod unter seinen Nachfolgern Gratian, Magnus Maximus und später Valentinian II. Die an der Rheingrenze gelegene Stadt war zugleich die größte nördlich der Alpen. Mit der Nutzung als Kaiserresidenz setzte im 4. Jahrhunderts ein neues Bauprogramm ein, welches eine große Palastanlage miteinschloss. Das heute als „Konstantinbasilika“ bekannte Gebäude war Teil dieser ausgedehnten Anlage und wurde als kaiserlicher Thronsaal genutzt. Unmittelbar in der Nähe entstanden Thermen, die jedoch nie fertig gestellt wurden, sowie Vergnügungsanlagen und weitere repräsentative Ausbauten. Villenanlagen außerhalb dienten der Erholung des Kaisers. Ein anders Phänomen sind die spätantik befestigten Villenanlagen in Nordgallien und Niedergermanien. Sie wurden von PETER HENRICH (Koblenz) vorgestellt, wobei er für die Eifel spezifische Villenanlagen hervorhob. Eben dort geht er von, auf Privatinitiative entstandenen Befestigungen aus, die in Form von mehreren Grenzwällen und/oder Mauern sowie Palisaden zum Schutz vom persönlichen Besitz und dem Leben der Bewohner gedient haben. Sie sei wohl hauptsächlich zur Abschreckung gedacht gewesen. Hinweise auf Kämpfe, wie etwa Überreste von Waffen oder Bolzen, wurden nämlich bislang nicht gefunden.

ULRICH HIMMELMANN (Speyer) und ROLAND PRIEN (Heidelberg) untersuchten im Rahmen der Ausstellungsvorbereitungen die Entwicklungen des spätantiken Speyer. Inwiefern lässt sich das Bauprogramm Valentinians auch in Speyer fassen. Seine Anwesenheit und seine Handlungen sind an mehreren Orten in der Pfalz (Altrip, Speyer, Worms, Alzey) belegt. Bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts dezimierte sich die ehemals großflächig besiedelte Stadt Nemetae – ein auch andernorts zu beobachtendes Phänomen. Erst im späten 4. Jahrhundert bekam es eine Wehrmauer.

THOMAS BECKER (Darmstadt) und ALEXANDER HEISING (Freiburg) stellten Teilaspekte aus dem valentinianischen Bauprogramm am Rhein vor. Zum Schutz der Provinzhauptstadt wurde bereits im 3. Jahrhundert eine massive Stadtmauer um Mainz angelegt, die das Stadtbild maßgeblich prägte und wie eine Feste aussehen ließ, wovon das 1862 in der Saône bei Lyon gefundene spätantike Bleimedaillon, das sich heute im Cabinet des Médailles der Pariser Bibliothèque nationale de France befindet, nur eine skizzenartige Vorstellung liefern könne.

Anhand von Spezifika spätantiker Keramik zeigte DAVID HISSNAUER (Speyer), dass trotz des nicht mehr florierenden Keramikbetriebes in Rheinzabern, auch im 4 Jahrhundert qualitätvolle Stücke in der Pfalz hergestellt und importiert wurden, also nach wie vor ein Bedarf an dieser Ware in der Region bestand. LENNART SCHÖNEMANN (Freiburg) und ARNO BRAUN (Mainz) stellten mit Eisenberg eine der am besten ergrabenen und zugleich größten Siedlungen der Pfalz vor. Im 4. Jahrhundert erlebte der vicus, wohl infolge der „Magnentiuswirren“, einen jähen Einbruch und wurde zerstört, der Burgus, aus Spolien der Ruinen gebaut, diente als Kleinfestung. Zerstörungshorizonte im Münzbefund nachzuweisen war ein Ziel des Projektes das SUSANNE BÖRNER (Heidelberg) für die Pfalz und auf der rechtsrheinischen Seite durchführte. Die Großregion wurde erforscht, um den spätantiken Münzhorizont in der Rhein-Neckar-Region zu dokumentieren und auszuwerten. Die historische Interpretation steht noch aus, allerdings ist die Regierungszeit Valentinians I. mit einer quantitativ auffälligen Größe vertreten, die andere römische Kaiser in den Schatten stellt – kaum ein Imperator ist numismatisch so gut in der Pfalz fassbar wie Valentinian I.

Aktuelle Forschungsergebnisse aus den spätantiken Gräberfeldern in und um Speyer lieferte REBECCA NASHAN (Freiburg). Sie hebt vor allem ein Grab als exzeptionell heraus, ein Offiziersgrab aus Speyer, das um 500 datiert wird. Es ist das einzige Grab dieses südöstlich der Stadtmauer gelegenen Gräberfeldes, das eine reiche Ausstattung mit Nigrabecher, Spielwürfeln, Gürtelbeschlägen, Schuhnägel, Fibeln et cetera enthält, während die übrigen Gräber praktisch beigabenlos sind. Anders sieht es beim Gräberfeld im Südwesten der Stadt aus, dem sogenannten Mariengräberfeld, hier liefern die Gräber eine Materialfülle, die die wirtschaftliche Prosperität der Nemeter bezeugt. Einen ganz besonderen Schatzfund stellten RICHARD PETROVSZKY und ULRICH HIMMELMANN (Speyer) vor. Im Frühjahr 2014 erregte der spätantike Hort öffentliche Aufmerksamkeit, als er von einem Metallsucher der rheinland-pfälzischen Landesarchäologie unter dem Druck von Ermittlungen übergeben wurde. Eine Besonderheit der Stücke sind die Importe und Anfertigungen in bekannten Spezialwerkstätten aus ganz unterschiedlichen Regionen im Westen und Osten des Reiches. Einen interessanten Aspekt im politischen Handeln Valentinians I. stellte SEBASTIAN SCHMIDT-HOFNER (Tübingen) vor, indem er die diplomatischen und kriegerischen Handlungsräume des Kaisers auf dessen Vorgänger Julians des Apostaten zurückführte. Demnach sah der Kaiser im Osten eine größere Möglichkeit des Scheiterns und der zu großen Nähe zu seinem Vorgänger und distanzierte sich von dessen Politik und Scheitern, indem er stattdessens einen Bruder im Osten einsetzte und selbst im Westen des Reiches aktiv wurde.

Die Round-Table Diskussion zu den Ergebnissen der Tagung wurde vom Direktor des Museums, Alexander Schubert moderiert. Anna Flückiger, Ulrich Himmelmann, Roland Prien und Christian Witschel prononcierten noch einmal die Kernthemen der vergangenen Tage, Kontinuität und Wandel, Prosperität trotz kleinerer, konzentrierterer Siedlungen als in der hohen Kaiserzeit und eine fortifikatorisch vielfältige Landschaft mit befestigten Landgütern und Städten sowie dem Rhein als mit seinen Patrouillen und Schiffsländeburgi speziellem Sondergrenzraum. Weniger materiell greifbar sei hingegen die Mentalität und ideelle Hinwendung zum Christentum, die nur vage in fehlenden heidnischen Gebräuchen und Assimilation bzw. der subtilen Umwandlung der paganen Bildsprache fassbar scheint.

Konferenzübersicht:

Eröffnungsvortrag

Orsolya Heinrich-Tamaska (Leipzig): Pannonien in der Spätantike

Block 1: Einführung
Moderation: Ulrich Himmelmann und Martin Armgart

Begrüßung, Eröffnung (Werner Schineller)

Roland Prien, Christian Witschel (Heidelberg): Zwischen Kontinuitäten und Umbrüchen – die Spätantike als Epoche der Transformation

Block 2: Die Zeit Valentinians I. in der Pfalz und am Rhein
Moderation: Gertrud Kuhnle

Georg Breitner (Trier): Trier. Kaiserresidenz der Spätantike

Peter Henrich (Koblenz): My Home is a Castle – spätantik befestigte Villenanlagen in Nordgallien und Niedergermanien.

Ulrich Himmelmann, Roland Prien (Speyer/Heidelberg): Die Pfalz zur Zeit Valentinians

Thomas Becker (Darmstadt): Das valentinianische Bauprogramm am Rhein

Alexander Heising (Freiburg), Zum Schutz der Provinzhauptstadt - die valentinianische Stadtmauer von Mainz

Block 3: Aktuelle Forschungen zur Spätantike in der Pfalz I
Moderation: Anna Flückiger

David Hissnauer (Speyer): Spätantike Keramik in der Pfalz

Lennart Schönemann (Freiburg): Aktuelle Forschungen im valentinianische Burgus von Eisenberg

Arno Braun (Mainz): Die spätantike Phase im Vicus Eisenberg

Susanne Börner (Heidelberg): Kaiser Valentinian I. im Spiegel der Münzen

Block 4: Aktuelle Forschungen zur Spätantike in der Pfalz II
Moderation: Michael Schmauder

Rebecca Nashan (Freiburg): Aktuelle Forschungen an spätantiken Gräberfeldern in Speyer und Gönnheim

Richard Petrovszky / Ulrich Himmelmann (Speyer): Die Hunnen am Rhein? Der Schatzfund von Rülzheim

Sebastian Schmidt-Hofner (Tübingen): Valentinian I. - Handlungsräume und Handlungszwänge im Schatten Julians des Apostaten

Melanie Herget (Speyer): Ein Blick hinter die Kulissen. Zur Konzeption der Ausstellung: Valentinian I. und die Pfalz in der Spätantike.

Round-Table Diskussion der Ergebnisse der Tagung
Moderation: Alexander Schubert

Zitation
Tagungsbericht: Valentinian I. und die Pfalz in der Spätantike, 18.10.2018 – 20.10.2018 Speyer, in: H-Soz-Kult, 21.02.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8131>.
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Veröffentlicht am
21.02.2019
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