„Klassenkampf und Judenhass?“ Antisemitismus in der Arbeiterbewegung in Quellen und Dokumenten

Ort
Frankfurt an der Oder
Veranstalter
Axel Springer-Stiftungsprofessur für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration, Europa-Universität Viadrina
Datum
13.11.2018 - 14.11.2018
Von
Alisa Jachnowitsch, Humboldt Universität zu Berlin

Paul W. Massing, Ernst Hamburger, Edmund Silberner, Walter Grab und Reinhard Rürup: Die Frage, ob sich antisemitische Elemente in der deutschen Arbeiterbewegung vor 1933 finden lassen oder ob sich diese positiv vom deutschen Bürgertum unterschied, ist nicht neu und schon vieldiskutiert. In den letzten Jahren wird sie – mit Betonung auf historische Diskurse und Einzelbiographien – wieder verstärkt und kontrovers besprochen. Mit Olaf Kistenmacher, Mirjam Zadoff und Susanne Wein referierten drei einschlägige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der an der Europa-Universität Viadrina veranstalteten Tagung. Mit ihnen traten eine ganze Reihe von Doktorandinnen und Doktoranden ins Gespräch. Die Tagung war in drei Programmpunkte gegliedert, die auf methodische, regionale und forschungsperspektivische Schwerpunkte fokussierten.

CHRISTIAN DIETRICH (Frankfurt an der Oder) eröffnete die Veranstaltung mit einem Vortrag über Antisemitismusdiskussionen in der deutschen Sozialdemokratie zwischen 1924 und 1932. Er stellte heraus, dass nach den Reichstagswahlen 1930 keine wesentliche Neubewertung des Antisemitismus stattfand und sich führende Protagonisten im Kampf gegen den Antisemitismus von ihren zu Beginn der 1920er-Jahre gemachten Erfahrungen leiten ließen. Die von der Sozialdemokratie konzipierten Abwehrmittel, die auf einem Menschenbild der Aufklärung basierten, erwiesen sich zunehmend als wirkungslos gegenüber der antisemitischen Weltanschauung des Nationalsozialismus, zumal die Erosion des politischen Systems die Einflussmöglichkeiten der SPD zunehmend verringerte.

Anschließend erörterte OLAF KISTENMACHER (Hamburg) antisemitische Aussagen in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) „Die Rote Fahne“. Wenngleich der Antisemitismus als schlechter Ausdruck eines nicht voll bewussten Antikapitalismus von der KPD verurteilt wurde, bediente sie sich selbst antisemitischer Attribute in Texten und Karikaturen, vor allem gegen Ende der 1920er-Jahre. Zwar positionierte sich die KPD 1923 bei dem sogenannten Scheunenviertelpogrom in Berlin entschieden gegen den gewalttätigen Antisemitismus, übernahm zuweilen in der politischen Arbeitspraxis aber antisemitische Zuschreibungen zu Propagandazwecken.

JAKOB STÜRMANN (Berlin) stellte als dritter Referent dieses Panels die Debatte zum Schwartzbard-Prozess in der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI) vor. Diese fand zwischen der russischen und ukrainischen sozialdemokratischen Partei in Folge der Ermordung des ehemaligen Präsidenten der Ukraine, Symon Petljura, durch Sholom Schwartzbard 1926 in Paris statt. Während Schwartzbard, der Vergeltung für die in der Ukraine an Juden verübten Pogrome suchte, von einem französischen Gericht freigesprochen wurde, verurteilte die ukrainische Sozialdemokratie den Mord als einen Angriff auf die nationale Souveränität der Ukraine. Nach Ansicht der ukrainischen Seite seien die Pogrome nach dem Ersten Weltkrieg nicht von ukrainischen Truppen begangen worden. Demgegenüber interpretierte der Menschewik Rafail Abramovič diese Position als einen Affront gegen den Internationalismus der sozialistischen Parteien und als Angriff auf die damit gebotene Solidarität.

Der Abendvortrag von MIRJAM ZADOFF (München) beschäftigte sich mit den Anforderungen, die sich bei der Rekonstruktion der Lebenswege jüdischer Revolutionäre ergeben. So müsse das individuelle Leben mit den sich durch historische Strukturen vorgegebenen Handlungsräumen sowie der eigenen Sicht des Biographen in Einklang gebracht werden. Insbesondere bei Revolutionären jüdischer Herkunft gestaltet sich dies besonders schwierig, da sich häufig Spannungen zwischen Realität und Möglichkeit ergäben. Als konkretes Fallbeispiel diente das Leben des KPD-Politikers Werner Scholem. Dieser bot aufgrund seiner bürgerlichen, nicht-religiösen Sozialisation sowie seiner jüdischen Herkunft eine doppelte Angriffsfläche für Anfeindungen aus dem gegnerischen, aber auch dem kommunistischen Lager: Während er von der eigenen Partei als Intellektueller distanziert behandelt wurde, sahen die Nationalsozialisten in ihm die Personifizierung des jüdischen Kommunisten. Diese prototypische Divergenz zwischen Selbst- und Fremdbild verorte den jüdischen Revolutionär in einem Schwellenraum.

SUSANNE WEIN (Berlin) referierte über antisemitische Rhetorik im Weimarer Reichstag. Sie stellte heraus, dass sich jüdische Parlamentarier im Laufe der 1920er-Jahre zunehmend antisemitischer Äußerungen ausgesetzt sahen, die immer weniger geahndet wurden. Hinzu kam die offensichtliche Gewöhnung an antijüdische Zwischenrufe und Diffamierungen. Die antisemitische Sprache umfasste versteckte judenfeindliche Äußerungen, die Stigmatisierung jüdisch klingender Namen, die offene Stereotypisierung der sogenannten Ostjuden, aber auch direkte verbale antisemitische Attacken gegen Abgeordnete jüdischer Herkunft.

In ihrem Beitrag widmete sich RHENA STÜRMER (Frankfurt an der Oder) dem Antisemitismus der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) Hamburger Richtung in den Jahren 1919–1920. Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim prägten die nationalkommunistische Ausrichtung der Partei in Hamburg. Beide lehnten die europäische Nachkriegsordnung ab und argumentierten stark nationalistisch. Sie plädierten für einen Volkskrieg, geführt durch ein bewaffnetes Volksheer, das sich gegen die Entente richten sollte, so Stürmer. In diesem Zusammenhang agierten beide eindeutig antisemitisch und näherten sich völkischen Kreisen an, wobei keine Zusammenarbeit zustande kam. Sowohl Laufenberg als auch Wolffheim wurden jedoch aus der KAPD ausgeschlossen und waren damit politisch weitgehend isoliert, obwohl sie weiterhin publizistisch tätig waren.

KNUT BERGBAUER (Köln) analysierte die Positionen zum Sozialismus, Kommunismus und Zionismus in der jüdischen Jugendbewegung Deutschlands. Oftmals boten die jüdischen Jugendverbände nicht nur einen Ort für kollektive Freizeitgestaltung, sondern bildeten auch einen Ausgangspunkt für ein späteres politisches Engagement. Zugleich gingen in der Jugendbewegung die Standpunkte hinsichtlich der parallelen Mitgliedschaft in sozialistischen und kommunistischen Organisationen auseinander. So beschloss der jung-jüdische Wanderbund 1928 die Unvereinbarkeit mit der Mitgliedschaft in der KPD, da diese antizionistische Position vertrat. Bergbauer zeigte anhand ausgewählter Biographien, dass die Mitgliedschaft in jüdischen Jugendbewegungen dennoch zum Einstieg in kommunistischen Organisationen führen konnte.

Den Abschluss des Colloquiums bildete YUVAL RUBOVITCHs (Halle) Präsentation über die Judenfrage in der Zeitschrift „Der Sozialdemokrat“. Rubovitch betonte, dass die Zeitung sich einerseits gegen den Antisemitismus positionierte, andererseits auch judenfeindliche Klischees – gerade in ihrer Anfangszeit – reproduzierte. Erst mit Eduard Bernstein, der 1881 Chefredakteur wurde, verringerten sich die antisemitischen Aussagen.

Die einzelnen Beiträge machten deutlich, welch großen Einfluss das methodische Vorgehen und die zur Verwendung kommenden Begriffe auf die jeweiligen wissenschaftlichen Befunde haben können. Die Organisatoren von der Axel Springer-Stiftungsprofessur für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration an der Europa-Universität Viadrina gaben dieser Diskussion ausreichend Raum und ließen zwischen den einzelnen Veranstaltungsblöcken Zeit für die vertiefende Quellendiskussion. So eine Präsentation zentraler historischer Dokumente in den Themendiskussionen wünscht man sich auch für andere Konferenzen. Denn trotz der Vielzahl an bereits vorhandenen Studien kam die zweitägige Tagung dadurch zu interessanten und neuen Befunden. Das betrifft einmal den Inhalt der Vorträge, die sich etwa mit der KAPD, der deutschen Sozialdemokratie und der Sozialistischen Arbeiterinternationale bisher eher unberücksichtigten Akteuren näherten, es berührt gleichermaßen die besprochenen methodischen Probleme. Die Offenlegung der Quellen und der starke Textbezug in der Diskussion erleichterte, was bei Konferenzen sonst häufig verborgen bleibt: Die Unterscheidung von Paraphrase und Interpretation. So kam zur Leidenschaft der Diskussion die Transparenz der Quellen.

Konferenzübersicht:

Prolog – Positionsbestimmungen
Moderation: Frank Voigt (Potsdam)

Christian Dietrich (Frankfurt an der Oder): Im Schatten August Bebels. Antisemitismusdiskussionen in der deutschen Sozialdemokratie (1924–1932)

Olaf Kistenmacher (Hamburg): Antisemitische Aussagen in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands ‚Die Rote Fahne’ zur Zeit der Weimarer Republik

Jakob Stürmann (Berlin): Sozialistische Bruderparteien zwischen Internationalismus, nationaler Selbstbestimmung und Antisemitismus – Die Debatte über den Schwarzbard Prozess innerhalb der Sozialistischen Arbeiter-Internationale (SAI). 1926–1928

Mirjam Zadoff (München): Der Mantel des Revolutionärs oder: warum jüdische Revolutionäre eine innovative Erzählung ihrer Geschichte verlangen

Antisemitismus in den deutschen Arbeiterparteien
Moderation: Martin Küpper (Berlin)

Susanne Wein (Berlin): Die Sprache der Judenfeindschaft im Weimarer Reichstag

Rhena Stürmer (Frankfurt an der Oder): Antisemitismus in der KAPD Hamburger Richtung 1919/1920

Jüdische Perspektiven und Perspektiven auf „Jüdisches“
Moderation: Konstantin Baehrens (Potsdam)

Knut Bergbauer (Köln): Wider die rote Assimilation. Die Auseinandersetzungen über Sozialismus, Kommunismus und Zionismus in der jüdischen Jugendbewegung Deutschlands

Yuval Rubovitch (Halle): Der ‚Sozialdemokrat’ und die Judenfrage. 1897–1890

Abschlussdiskussion
Moderation: Alisa Jachnowitsch (Berlin)

Zitation
Tagungsbericht: „Klassenkampf und Judenhass?“ Antisemitismus in der Arbeiterbewegung in Quellen und Dokumenten, 13.11.2018 – 14.11.2018 Frankfurt an der Oder, in: H-Soz-Kult, 02.03.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8139>.