Ort
Bodø
Veranstalter
Nord Universitet, Bodø
Datum
09.11.2018 - 10.11.2018
Von
Karl Dargel, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität

Wenn heute der Begriff „Semiotik“ fällt, stößt man zunächst oft auf einige Verwirrung und Unklarheit über dessen genaue Dimensionen. Wenn der britische Semiotiker Daniel Chandler in seinem Grundlagenwerk zur Semiotik eingangs festhält „Semiotics could be anywhere“[1], ist zwar die Definition zunächst nicht schärfer geworden, doch es drängt sich zugleich die berechtigte Frage auf, wie sich die Geschichtswissenschaft dieses Wissen um Zeichensysteme und ihre Deutung(smöglichkeiten) nutzbar machen kann. Konzeptionelle Überlegungen an ebendiesem Begriff entstammen bisher vor allem dem Feld der Linguistik und nicht zuletzt der Philosophie; sie wurden jedoch nur wenig mit historischen Fragestellungen verknüpft.

Dass die „study of signs”[2] dabei auch von großer Relevanz für Historiker/innen sein kann, wollte die Konferenz am Beispiel des weiten Themengebiets „Krieg“ veranschaulichen. „Krieg“ meint dabei nicht das Verständnis im klassischen militärgeschichtlichen Sinne (damit sind vor allem die unmittelbaren Kampfhandlungen gemeint), sondern viel mehr eine Annäherung als ein eigenes interpretierbares semiotisches Zeichensystem. Bei der interdisziplinären Tagung standen somit die vielgestaltigen Verzahnungen von Krieg und Semiotik im Fokus.

Regional wie epochal war das Spektrum dabei weit gestreut und ließ vielfältige Anwendungsgebiete für semiotische Fragestellungen erkennen: Als naheliegendes Fallbeispiel sind hier beispielsweise die Konstruktionen von Täter- beziehungsweise Opferrollen zu nennen, wie sie etwa von VALERIA BARBIERI (Bologna) für die „Nanjing Massacre Memorial Hall“ oder von FRANK JACOB (Nord Universitet, Bodø) zur Genese des nationalsozialistischen Kampfbegriffs des „Judäo-Bolschewismus“ präsentiert wurden.

Daneben wurden auch war narratives thematisiert, etwa in mittelalterlichen Chroniken durch SIMON LIENING (Köln) oder dem Spanischen Erbfolgekrieg durch MAX PHILLIP WEHN (Marburg). Auch humanitäre Akteure traten bei der semiotischen Deutung von Konflikten in den Vordergrund, wie etwa das Rote Kreuz in den Voträgen von GAUTE LUND RØNNEBU (Arctic University of Norway, Tromsø) und JAMES CROSSLAND (Liverpool).

Ganz im Sassureschen Sinne der Semiotik wurde auch auf die Rolle des Zeichensystems „Sprache“ ein besonderes Augenmerk gelegt. Dabei war die Sprache stets Waffe und Schlachtfeld zugleich. KARL DARGEL (Freie Universität Berlin) zeigte wie maßgeblich diese für den (Ver)Handlungsraum und die Erfahrungen deutscher Zivilinternierter während des Ersten Weltkrieges in den USA war, EIRIK HOLMEN (Volda / Norwegian University of Science and Technology, Trondheim) fokussierte das sprachliche Konzept der „Collaboration“ im nationalsozialistisch besetzten Europa. Propagandakriege als Stellvertreterkonflikte in Spanien während des Zweiten Weltkrieges oder auch im geteilten Polen waren zentrale Gegenstände der Beiträge von MARTA GARCÍA CABRERA (Gran Canaria) beziehungsweise KATARZYNA BALZEWSKA (Warschau).

Diese historischen Analysen wurden durch Beiträge aus anderen Disziplinen erweitert und nuanciert. Der Theaterwissenschaftler GAL HERTZ (Tel Aviv) widmete sich etwa der im Theater inszenierten Kritik an den Semiotiken des Krieges vor dem Hintergrund zeitgeschichtlicher Konflikte. Der Vortrag des Musikwissenschaftlers SVEIN-HALVARD JØRGENSEN (Nord Universitet, Bodø) über die bewussten grenzüberschreitenden Inszenierungen norwegischer Death Metal Bands, bei denen Mord und Brandanschläge auf Kirchen Teil der eigenen Darstellung waren, führte vor Augen, dass sich diese auch als Teil einer idealisierten heidnischen Tradition verstanden und sich dadurch deren Semiotik aneignen wollten.

Die semiotische „Heimatfront“ der Konferenz, Norwegen, war zudem Dreh- und Angelpunkt zentraler Beiträge und Diskussionen. Heute noch konkurrieren hier verschiedene Deutungen von Norwegens Rolle während des Zweiten Weltkriegs. Besonders deutlich wurde dies im Vortrag von HANS OTTO FRØLAND und MARTIN STEFFENSEN (beide NTNU, Trondheim) zur juristischen Aufarbeitung der Kollaboration nach dem Kriegsende. Auch vor dem Hintergrund des Krieges wurden komplexe Zeichensysteme geschaffen: Zu Propagandazwecken wie der Vortrag von KJETIL JAKOBSEN (Nord Universitet, Bodø) mit Blick auf die Hålogaland-Ausstellung belegte, zum Aufstieg und Regime der Nasjonal Samling wie es STEINAR AAS (Nord Universitet, Bodø) analyierte, oder dem Geschichtsverständnis des Førers Vidkun Quisling, dem sich der Beitrag von FREDRIK WILHELMSEN (Nord Universitet, Bodø) widmete.

Die Tagung stellte insgesamt einen ersten Versuch dar, die semiotische Erforschung des Krieges aus interdisziplinärer Perspektive zu skizzieren und dabei unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten vorzustellen. Dass gerade Historikerinnen und Historikern diese bisweilen „fachfremden“ Zugänge durchaus gewinnbringende und neue Perspektiven eröffnen, konnte zweifelsfrei belegt werden. Weitere Arbeiten, die an den Ideen und Impulsen der Tagung anknüpfen, sollen diese Perspektiven weiter nutzen, um die Beziehung zwischen Krieg und Semiotik eingehender zu untersuchen.

Konferenzübersicht:

Sektion 1: War Narratives

Simon Liening (Universität zu Köln): Emotional Narratives and War in the Middle Ages

Max Philipp Wehn (Universität Marburg): Media Constructions of War during the War of Spanish Succession

James Crossland (John Moores University, Liverpool): Tutti Fratelli – Internationalizing Suffering in War, 1862-1900

Gaute Lund Rønnebu (The Arctic University of Norway, Tromsø): The Mythos of the Red Cross

Frank Jacob (Nord Universitet, Bodø): The Semiotic Construction of Judeo-Bolshevism, 1918-1939

Sektion 2: War and Language

Karl Dargel (Freie Universität Berlin): (Re-)Negotiating Internment. Language and the German Internment Experience in the United States during the First World War

Eirik Holmen (Volda University College / Norwegian University of Science and Technology, Trondheim): Guilty or Not? The Concept of “Collaboration“ in Occupied Europe (1940-1945)

Marta García Cabrera (Universidad de Las Palmas de Gran Canaria): British Propaganda in Spain during the Second World War: Analysis of the MOI (Ministry of Information) Printed Publications

James Horncastle (Simon Fraser University, Canada): Constructing the Enemy: The Macedonian Question in Contemporary Balkan Relations [ausgefallen]

Katarzyna Bałżewska (Witold Pilecki Center for Totalitarian Studies, Warsaw): Eastern Europe in the Shadow of a Propaganda War: Józef Mackiewicz on the Language of Totalitarian Propaganda

Sektion 3: Art, War, and Semiotics

Gal Hertz (Tel Aviv University): Theater as Critique of the Language of War

Svein-Halvard Jørgensen (Nord Universitet): War and the Dark Tune: Music and Its Conflict Semantics

Sektion 4: Semiotics of Occupation: Collaboration and Resistance

Kjetil Jakobsen (Nord Universitet): The Hålogaland Exhibition: Visions of the High North in Wartime Propaganda, 1940-45

Fredrik Wilhelmsen (Nord Universitet, Bodø): Narrative Structures in Norwegian Right-Wing Extremist Conceptions of History

Steinar Aas (Nord Universitet): The Revenge of the Extreme Right in Norway 1940-45

Hans Otto Frøland / Martin Steffensen (beide NTNU, Trondheim): On the Legal Notion of Unduly Business Relations with the Enemy during the Legal Settlement in Norway after the Second World War

Sektion 5: Postcolonial Semiotics in Asia

Valeria Barbieri (University of Bologna): The Semiotics of Victimhood: The Memorial Hall for the Victims of the Nanjing Massacre

Manu Sharma (Jawaharlal Nehru University, New Delhi): Postage Stamps as Site of War Memory and Commemoration: A Case Study of Bangladesh Liberation War of 1971

Anmerkungen:
[1] Daniel Chandler, Semiotics: The Basics, London 2017, S. 1.
[2] Ebd.

Zitation
Tagungsbericht: War and Semiotics, 09.11.2018 – 10.11.2018 Bodø, in: H-Soz-Kult, 12.03.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8160>.