Lager. Geschichte - Transformation - Erinnerung

Ort
Salzburg
Veranstalter
Fachbereiche Geschichte, Universität Salzburg; Österreichisches Netzwerk für Migrationsgeschichte (ÖNM); first-Forschungsverbund Migration, Donau-Universität Krems
Datum
06.12.2018 - 07.12.2018
Von
Anne Unterwurzacher, Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung, St. Pölten; Andreas Praher, Fachbereich Geschichte; Universität Salzburg

Die Konferenz setzte sich mit der Geschichte von Lagern vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart auseinander. Dabei wurde nicht nur ein Überblick über die Entstehungsgeschichte und die unterschiedlichen Lagertypen gegeben, sondern anhand empirischer Studien auch das „Innenleben“ und die Lagerstrukturen diskutiert. Darüber hinaus wurden Transformationsprozesse sowie Kontinuitäten, Diskontinuitäten und Brüche in der Entwicklungsgeschichte einzelner Lager aufgezeigt. Nicht zuletzt widmeten sich die Teilnehmenden der Frage, welche Erinnerungen und Narrative diesbezüglich Eingang in das kollektive Gedächtnis gefunden haben.

Die Vielschichtigkeit des Phänomens „Lager“ und die Schwierigkeit, die vielen Ausformungen analytisch zusammenzudenken, betonte MATHIAS BEER (Tübingen) in seiner Keynote. Anfänglich hauptsächlich im militärischen Bereich verwendet, seien Lager immer stärker in den Alltag und die Lebenswelten der Menschen eingedrungen, so Beer. Lager seien von einem Teilbereich der Gesellschaft zu einem gesamtgesellschaftlichen System geworden. Um diesen Wandel zu illustrieren, stellte Beer die Lebensgeschichte von Rosemarie Bovier[1] vor. Aufgewachsen in einer vertriebenen donauschwäbischen Familie ist ihre Biographie durch besonders viele Lager (Gakova, Puch, Saalfelden und schließlich Obersuhl) geprägt. Der Historiker nahm die von Bovier eingeführte Unterscheidung zwischen „Lager, in denen es einem gut geht“ und „Lager, in denen es einem schlecht geht“ zum Anlass, um einen Bogen von der Entstehung der Lager ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert hin zur Gegenwart zu spannen. Während die Orte vielfach gleich geblieben seien, hätten immer neue Insassen und neue Benennungen die Entwicklung dieser Institution geprägt. Auf Basis der vielfältigen empirischen Erscheinungsformen formulierte Beer dann weitere analytische Überlegungen. Diese erwiesen sich als sehr hilfreich, um das stark fragmentierte Forschungsfeld miteinander ins Gespräch zu bringen und das Nachdenken über unterschiedliche Erscheinungsformen zwischen den beiden Extrempolen Ferienlager und Vernichtungslager zu erleichtern. Beer plädierte dafür, das Phänomen „Lager“ nicht vom Extremfall aus zu denken und nicht auf den Sonderfall zu reduzieren, sondern dieses auf drei Ebenen zu analysieren: auf der Ebene der Betreiber, Insassen und Umgebung.

JEANNETTE VAN LAAK (Leipzig / Halle) zeichnete in ihrem Vortrag die Geschichte des Notaufnahmelagers Gießen vom Provisorium zur Institution nach. Sie belegte, dass wichtige Zäsuren der deutsch-deutschen Geschichte (1949, 1961, 1989/90) und andere Zäsuren (Personalpolitik, Skandale, Gesetzesänderungen) zur Etablierung und Verstetigung der Institution beigetragen haben. Indem van Laak die Entwicklung hin zur professionellen Institution fokussierte, gelang es ihr, die auf das Kennzeichen des Provisoriums abzielende Lager-Definition von Herbert Ulrich zu erweitern. Insgesamt könne die Geschichte des Notaufnahmelagers als bundesdeutsche „Erfolgsgeschichte“ gewertet werden. Bemerkenswert sei jedoch, dass in der Stadt selbst kaum etwas an das Lager erinnert und auch die lokale Bevölkerung nur wenig mit dem Lager verbindet. „Das hatte mit uns nichts zu tun! Das war eine Einrichtung des Bundes!“ sei in Interviews immer wieder zu hören gewesen, so die Historikerin. Das Lager als solches sei auch aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, weil die Baracken zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr sichtbar waren und stattdessen Wohnblöcke beziehungsweise Häuser entstanden.

MICHAEL JOHN (Linz) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der Entwicklung der Stadt Linz von der Barackenstadt der Nachkriegszeit hin zur industriellen Boomtown ab Mitte der 1960er-Jahre. Bereits während des Zweiten Weltkriegs war Linz eine Barackenstadt; nach Kriegsende verschärfte der starke Bevölkerungsanstieg die schon vor 1945 katastrophale Wohnraumsituation und die generelle Versorgungslage in der Stadt. In den Lagern und sonstigen Flüchtlingsunterkünften der teils stark zerstörten Stadt lebten überlebende KZ-Häftlinge und Verschleppte, neue jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa, ehemalige ZwangsarbeiterInnen, „neutrale“ Displaced Persons (DP), vertriebene „Volksdeutsche“ aus Ost-, Südost- und Mitteleuropa, sogenannte „Reichsdeutsche“ ebenso wie Kollaborateure der NS-Zeit. Trotz der angespannten Wohn- und Versorgungsituation und antisemitischer und rassistischer Vorfälle, die ihren Niederschlag in den zeitgenössischen Quellen fanden, erinnerten jedoch überlebende jüdische DPs ihren Aufenthalt in Linz überwiegend positiv. Im kollektiven Gedächtnis der Stadt selbst sei dieses Kapitel jedoch kaum verankert, weshalb John diese Geschichte als „verschüttete Geschichte“ bezeichnete. Trotz der extrem schwierigen Ausgangslage war das sogenannte „DP-Problem“ nach rund zehn Jahren zumindest in materieller und rechtlicher Hinsicht gelöst. Verglichen mit der Situation von heute schlussfolgerte der Historiker kritisch, dass das „Flüchtlingsmanagement“ somit keine Frage der verfügbaren Ressourcen sei, sondern des politischen und gesellschaftlichen Willens.

Das erste Panel des zweiten Tages mit dem Titel „Kontinuitäten und Brüche“ fokussierte geographisch den Raum Salzburg. Die bereits von Mathias Beer aufgeworfene Frage nach der Konzeptualisierung von Lagern wurde von THOMAS WEIDENHOLZER (Salzburg) in seinem Vortrag erneut aufgegriffen. Angesichts der Bandbreite an Erscheinungsformen unterschied der Vortragende idealtypisch zwischen „Lagern der Inklusion“ und „Lagern der Exklusion“. Zwar konzentrierte sich Weidenholzer in seiner Zusammenschau der Salzburger Lager seit dem Ersten Weltkrieg stärker auf die exkludierenden Formen, brachte aber immer wieder Beispiele des anderen Typs beziehungsweise illustrierte die Transformation einzelner Lagerstandorte von der Exklusion hin zur Inklusion (wäre in die andere Richtung prinzipiell auch denkbar). Trotz beträchtlicher Unterschiede zwischen den beiden Formen, hätten die Lager gemeinsam, dass sie segregieren, entindividualisieren und „isomorphisieren“. Als Reaktion auf die konzeptionellen Überlegungen von Mathias Beer wollte Weidenholzer die Beschreibung von der „Lagerisierung“ des gesamten Lebens (A. J. Kaminski) jedoch stärker auf den nationalsozialistischen Lagerkosmos bis 1945 und weniger für die Nachkriegsnutzung angewandt wissen.

Die funktionelle Transformation des Lagerkomplexes Grödig stand im Mittelpunkt des Vortrages von JULIA WALLECZEK-FRITZ (Krems / Salzburg). Während des Ersten Weltkrieges zunächst als Kriegsgefangenenlager errichtet, wurden in dem aus insgesamt drei benachbarten Teillagern bestehenden Komplex auch Flüchtlinge untergebracht. Weiterhin wurde das Lager als Lehrlings-Erholungsheim, HJ-Führerschule und dann – nach dem Zweiten Weltkrieg – erneut als Flüchtlingslager („Schwabenlager“) genutzt. Die Errichtung des Lagerkomplexes habe einerseits zu Ängsten und Protesten seitens der ansässigen Bevölkerung geführt, andererseits hätten Salzburger Unternehmen aber auch vom Bau des Lagers profitiert. Auch in anderen Vorträgen wurde die wirtschaftliche Komponente von Lagern immer wieder betont. Während sich die im Ersten Weltkrieg untergebrachten Menschen durchaus als „geschlossene Lagergesellschaften“ charakterisieren lassen, treffe dies auf den Alltag der nach 1945 untergebrachten Donauschwaben nicht zu.

Auf eine Kontinuität der anderen Art zielte ANDREAS PRAHER (Salzburg) mit seinem Vortrag zum donauschwäbischen Lagerfußball am Beispiel Salzburgs ab. So dürften etwa die Vereinsgründungen in den Lagern durchaus ein Mittel gewesen sein, um an das frühere Leben vor dem biographischen Bruch anzuschließen. Der Fußball habe zudem die Möglichkeit geboten, aus dem Lageralltag auszubrechen und die Lagergrenzen zu überwinden. Der Historiker zeichnete die Entwicklung einiger Vereine nach, die sich durchaus erfolgreich im Ligabetrieb etablieren konnten. Praher erzählte allerdings nicht ausschließlich die Geschichte des Lagerfußballs am Ankunftsort. Er nahm auch die Auswanderung mancher Fußballspieler in die USA und Südamerika in den Blick und analysierte den regen Austausch der Ausgewanderten mit den donauschwäbischen Vereinen in Österreich und Deutschland. Die von ihm erzählte Geschichte wurde so zu einem spannenden Beispiel einer transnational verflochtenen Geschichte.

Das zweite Panel nahm nationalsozialistische Lager und Kriegsgefangenschaft in den Blick. Den Anfang macht HERBERT BRETTL (Halbturn) mit seinem Vortrag zum „Zigeunerlager“ in Lackenbach/Burgenland. Der Vortragende beleuchtete ausführlich die spezifische Rolle, die ortsansässige Personen bei der sogenannten „Lösung der Zigeunerfrage“ gespielt hatten. Behördliche Unklarheiten bei der Klassifizierung der Einweisenden (nach sozialen oder rassistischen Kriterien) wurden im Vortrag ebenso beleuchtet wie die extrem schwierigen Be-dingungen im Lager. Nach 1945 hatten die Betroffenen erhebliche Schwierigkeiten vom Nachkriegsösterreich als Opfer anerkannt zu werden; erst 1988 sei die völlige Gleichstellung mit anderen KZ-Opfern erfolgt. Die lokalen Täter hingegen seien entweder gar nicht oder nur sehr milde bestraft worden und hätten sich nach kurzen Berufsverboten in verantwortungsvollen Positionen wiedergefunden.

JOHANNES BREIT (Berlin) analysierte in seinem Vortrag das Gestapo-Lager in Innsbruck. Wie andere Lager auch habe das betreffende Lager gleichzeitig mehrere Funktionen erfüllt: Errichtet als Auffanglager für italienische Arbeitskräfte war es auch Haftstätte für politisch Verfolgte und Durchgangslager für deportierte Juden und Jüdinnen. Breit konnte mit seinem Vortrag sehr gut aufzeigen, dass der lokalen Ebene für die Ausgestaltung der Lagerfunktionen und des konkreten „Innenlebens“ zentrale Bedeutung zukam (siehe dazu auch Brettl). So etwa habe sich die Wachmannschaft aus der lokalen Bevölkerung rekrutiert, lokale Vorurteile hätten sich daher auch in der Behandlung der Insassen niedergeschlagen. Breit verwies zudem auf die fehlende Erinnerungskultur, was das ehemalige Gestapo-Lager und seine unterschiedlichen Funktionen in Innsbruck betreffe.

Ein spezifisches Lagersystem, welches die deutsche Luftwaffe ab 1940 für abgestürzte Flugzeugbesatzungen vor dem Hintergrund der Ausweitung des alliierten Bombenkrieges errichtete, thematisierte GEORG HOFFMANN (Wien). Während des Zweiten Weltkrieges seien im deutschen Einflussgebiet rund 150.000 Menschen (20.000 Flugzeuge) abgeschossen worden. Rund die Hälfte davon seien in Kriegsgefangenschaft gekommen – in spezielle Lager, die von der reichsdeutschen Luftwaffe administriert wurden. Der Vortragende analysierte, wie diese spezifische Form der Kriegsgefangenschaft im Rahmen der NS-Luftkriegspropaganda genutzt wurde. Er zeichnete die Gefangennahme und Unterbringung der betroffenen Flieger als Eingriffe des NS-Systems nach, die im „Bombenkrieg“ der Herrschaftssicherung gedient und eine „Lynchjustiz“ entfesselt und legitimiert habe. In dieser systematischen und radikalisierten Form sei dies ein Spezifikum des NS-Regimes geblieben.

Die zwei Vorträge des abschließenden Panels unterschieden sich ein wenig von den übrigen: Es standen nicht bereits vorhandene Forschungsergebnisse im Mittelpunkt, sondern Quellenzugänge und zukünftig zu bearbeitende Forschungsfragen. OSKAR DOHLE (Salzburg) unterstrich in seinem Vortrag zu den Quellenbeständen des Salzburger Landesarchivs, dass sich die Quellenlage als so heterogen wie das Themenfeld selbst erweise. Mit Ausnahme des Lagers Glasenbach („Camp Marcus W. Orr“) und dem „Landesamt für Umsiedelung“ gäbe es keine geschlossenen Quellenkorpora, so Dohle. Interessierte müssten daher „um zwei Ecken denken“. Dass sich eine solche kreative Herangehensweise durchaus lohnt, illustrierte der Direktor des Landesarchivs sogleich anhand ausgewählter Quellenfunde. „Um zwei Ecken denken“ müssen auch ANNE UNTERWURZACHER (St. Pölten) und DIETER BACHER (Graz) bei ihrem geplanten Forschungsvorhaben zur Lagerunterbringung in der sowjetischen Zone in Österreich. Auf Basis einer umfassenden Literaturaufarbeitung zur DP-, Flüchtlings- und Vertriebenenthematik entwickelten die beiden Vortragenden ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, dass sich aktuell noch in Begutachtung befindet. Die Quellenlage habe sich dabei ebenfalls als die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen erwiesen. Erste Quellenfunde deuten allerdings darauf hin, dass es auch in der Sowjetzone ein Lagersystem gegeben haben dürfte.

Nach einhelliger Meinung der Tagungsteilnehmenden war es das Verdienst dieser Tagung Wissenschafter/innen, die in sonst getrennt voneinander arbeitenden Forschungsfeldern (Forschungen zu Kriegsgefangenen, KZ-Insassen, DPs und Flüchtlinge) tätig sind, miteinander ins Gespräch zu bringen. Viele der Beiträge haben auf Basis einzelner Lagerstandorte längere Zeiträume analysiert. Mit einer solchen Perspektive gerieten Prozesse der Transformation und damit zugleich auch die wenig beachteten Verbindungen zwischen dem „Davor“ und dem „Danach“ in den Blick. Mathias Beer brachte in diesem Zusammenhang den Terminus der „mehrfach geschichteten Geschichte“ ins Spiel. Ausschwitz als Symbol für den „Zivilisationsbruch“ prägt jedes konzeptionelle Nachdenken über das Phänomen Lager. Das ansatzweise Zusammendenken von Forschungsfeldern, die aufgrund der Zäsur 1945 vielfach noch getrennt behandelt werden, erwies sich bei der Tagung insgesamt als produktiv, um umfassender über das Phänomen nachzudenken. Die Zusammenschau funktionell unterschiedlicher Lager belegte jedenfalls eindrucksvoll, dass Lager nicht nur in extrem totalitären Regimen anzutreffen sind, sondern als ein Kennzeichen der Moderne dies auch im 21. Jahrhundert bleiben werden.

Konferenzübersicht:

Mathias Beer (Tübingen): Keine Stunde Null. Lager im 20. Jahrhundert

Jeannette van Laak (Leipzig / Halle): Das Notaufnahmelager Gießen zwischen Verstetigung und Auflösung (1946–1990)

Michael John (Linz): Von der Barackenstadt zur Boomtown. Linz 1945–1965

Thomas Weidenholzer (Salzburg): Lagerisierung. Der Salzburger Lagerkosmos

Julia Walleczek-Fritz (Krems / Salzburg): Lager-Kontinuitäten und Brüche am Beispiel des Lagerkomplexes Grödig

Andres Praher (Salzburg): Vertrieben, geflüchtet, frei gespielt – Der donauschwäbische Lagerfußball am Beispiel Salzburgs

Herbert Brettl (Halbturn): „Für mich kam von allem Anfang nur eine restlose Erfassung aller Zigeuner und deren Verbringung in ein großes Lager in Frage“. Aspekte zur Genese und Struktur des „Zigeunerlagers“ Lackenbach

Johannes Breit (Berlin): Der lokale Kontext der Lager: Das Gestapo-Lager Innsbruck-Reichenau

Georg Hoffmann (Wien): Kriegsgefangenschaft im Bombenkrieg. Das Lagersystem der Deutschen Luftwaffe am Beispiel des ungarischen und „österreichischen Raums“ (1943–1945)

Oskar Dohle (Salzburg): Unterschiedlichste Bestände – viele Quellen – wenig Ordnung? Die Quellenlage zum Themenkomplex „Lager“ im Salzburger Landesarchiv

Anne Unterwurzacher (St. Pölten) / Dieter Bacher (Graz): Lagerunterbringung in der sowjetischen Zone – (k)ein Thema für die Forschung?

Anmerkungen:
[1] Rosemarie Bovier, Heimat ist das, wovon die anderen reden. Kindheitserinnerungen einer Vertriebenen der zweiten Generation, Göttingen 2014.

Zitation
Tagungsbericht: Lager. Geschichte - Transformation - Erinnerung, 06.12.2018 – 07.12.2018 Salzburg, in: H-Soz-Kult, 13.03.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8163>.