Die 68er Revolte und die Performanz des Politischen. Deutsch-französische Perspektiven

Ort
Stuttgart
Veranstalter
Wolfram Pyta, Universität Stuttgart ; Maude Williams, Universität Saarbrücken
Datum
09.10.2018 - 10.10.2018
Von
Jasmin Nicklas, Historisches Institut, Lehrstuhl für Europäische Zeitgeschichte, Universität des Saarlandes

Das Jahr 2018 bot in Europa gleich mehrfach Anlass, um Vergangenes in die Gegenwart zurückzuholen. Nicht nur jährte sich zum hundertsten Mal das Ende des Ersten Weltkrieges und der Beginn der ersten deutschen Demokratie, auch das fünfzigste Jubiläum des „Mai 1968“ brachte Öffentlichkeit wie historische Fachwelt dazu, alte Erkenntnisse zu überprüfen und zu diskutieren. „68“ ist zu einem Symbol avanciert, das insbesondere in Frankreich und Deutschland weiterhin die Gemüter erhitzt und eine der zahlreichen Spaltungen, die die beiden Gesellschaften derzeit durchziehen, sichtbar werden lässt. Während in der Bundesrepublik die rechtspopulistische AFD als Folge der „68er-Revolte“ eine „linksgrünversiffte Gesellschaft“ diagnostiziert, bewerten in Frankreich intellektuelle Kritiker wie Alain Finkielkraut die Studierendenproteste als Ausdruck eines Kulturrelativismus und Hedonismus. Diesen beiden Positionen halten deutsche und französische Befürworter des „Mai 68“ dessen liberalisierende Wirkkraft entgegen: Sie loben die kulturellen wie antiautoritären Errungenschaften der Bewegung. Die Tagung des Internationalen Zentrums für Kultur- und Technikforschung in Stuttgart beschäftigte sich mit den performativen und künstlerischen Praxen der „68er-Bewegung“ aus einer transnationalen, vorwiegend deutsch-französischen Perspektive.

WOLFRAM PYTA (Stuttgart) eröffnete die Konferenz mit einer thematischen Einführung, in der er zunächst auf die engen wissenschaftlichen Verbindungen zwischen der Universität Stuttgart und ihren französischen Partneruniversitäten verwies. Den „Mai 68“ deutete er als internationales Phänomen, das die aktuelle Generation von Wissenschaftlern unbefangen und objektiv untersuchen kann. Der fünfzigste Jahrestag bot daher die ideale Gelegenheit, sich mit Fragen rund um die Studierendenrevolte auseinanderzusetzen. Da die Performativität des Politischen und der Akteure erörtert wurde, verfolgte die Tagung einen interdisziplinären Ansatz.

Drei Kategorien standen besonders im Fokus der Beiträge, in die Pyta einführte: Erstens sollte analysiert werden, wie und ob die Akteure durch gezielte Handlungen, beispielsweise durch Provokationen und Regelbrüche, eine andere Wirklichkeit schufen. Diese unterstellte Transformativität wurde darüber hinaus anhand des Verhältnisses zwischen Text und Handlung untersucht. Zweitens beleuchteten die Vortragenden die Kommunikation über die Ereignisse: Inwieweit gelang es den Trägern der Protestbewegung, ihren Resonanzraum durch die strategischen Provokationen zu erweitern? Nutzten sie bewusst Medien und deren Dynamik, um ihre Ziele durchzusetzen? Drittens lag ein besonderes Augenmerk auf der Korporalität des „Mai 68“: Welche neue Wahrnehmung von Körperlichkeit entstand durch Massendemonstrationen? Welche Bedeutung hatte das Körperhafte der „Revolutionäre der ersten Reihe“? Zudem bildeten die Barrikaden in Paris einen Ort, an dem der revolutionäre Eifer eine Körperlichkeit erlangte und somit wahrnehmbar wurde, so Pyta. An diese Feststellung schloss sich die Frage an, ob Protestierende in Deutschland und Frankreich ästhetische Strategien anwandten, die auf einen ganzheitlichen Perzeptionswandel abzielten.

Das erste Panel eröffnete SILJA BEHRE (BIELEFELD) mit einem Vortrag zum Thema „Was war ‚68’ – 50 Jahre Deutungskämpfe in Deutschland und Frankreich“. Sie untersuchte in ihrem Beitrag eine doppelte Wechselwirkung: Zum einen nahm sie die deutsch-französischen Austauschprozesse in den Blick. Zum anderen sensibilisierte sie die Zuhörerinnen und Zuhörer für die Korrelation zwischen „Mai 68“ als Ereignis und der Erinnerung an die Proteste. Zunächst rekurrierte Behre auf den geläufigen Slogan „68 sei politisch gescheitert, aber kulturell erfolgreich“ gewesen. Dieser widerspreche dem Anspruch der „68er-Bewegung“, vermeintlich Unpolitisches wie alltägliche oder kulturelle Praxen zu politisieren. Die Vorstellung eines Scheiterns auf politischer Ebene entspränge daher einer Retraditionalisierung des gesellschaftlichen Politikverständnisses. Behre führte weiter aus, dass sich die deutsche wie die französische Protestbewegung durch ihre Heterogenität ausgezeichnet hätten, in der Rückschau jedoch als homogene Gruppe bewertet würden. Um ihre These zu belegen, unterteilte sie ihre Analyse der Protestbewegung in drei verschiedene Ebenen: erstens den politischen Charakter, zweitens die Geschlechterkategorien „männlich / weiblich“ sowie drittens die politischen Ausrichtungen „links / rechts“.

Zum ersten Punkt, den Politikvorstellungen der 68er merkte Behre an, dass innerhalb der Protestbewegung zwei Modelle parallel existiert hätten: Auf der einen Seite hätten sich Vertreterinnen und Vertreter eines traditionellen Politikverständnisses positioniert, das auf den politischen Institutionen fußte. Auf der anderen Seite hätten viele die Strukturen einer antiautoritären Bewegung befürwortet. Zweitens hätten die geschlechterspezifischen Zuordnungen „männlich“ für alles Politische und „weiblich“ für die kulturelle Ebene zudem eine solche Deutung unterstützt. Obwohl die Frauenbewegung den erweiterten Politikanspruch und die Erfahrungen der Protestbewegung für sich habe nutzbar machen können, sei der „Mai 68“ in der Erinnerungsperspektive stets männlich konnotiert geblieben. Drittens stellte sie fest, dass die Kategorien „links / rechts“ durch die Protestbewegung wiederbelebt worden seien. Sowohl die Ursprünge der Neuen Linken als auch der Neuen Rechten lägen im „Mai 1968“.

Im Anschluss präsentierte SEBASTIAN VOIGT (München) einen biographischen Abriss zu Daniel Cohn-Bendit, wobei ihn im Besonderen die Herkunfts- und Identitätsfrage („Deutscher? Franzose? Jude?“) interessierte. Cohn-Bendit, eine der zentralen Figuren des „Mai 68“, sei die Verkörperung der Provokation. Dies habe er nicht über seine Schriften, sondern über seine Performanz erreicht. Voigt erläuterte, dass eine erneute Auseinandersetzung mit der Person Cohn-Bendits wichtig sei, da er weiterhin in Deutschland und Frankreich eine große mediale Präsenz zeigt. Ferner habe die historische Forschung seine Herkunft, sein Identitätsverständnis und deren Bedeutung für sein politisches Engagement bislang ignoriert. Cohn-Bendit sei durch seine Weigerung gekennzeichet, sich einer eindeutigen nationalen Identität zuzuordnen. Diese Nicht-Zugehörigkeit zu einer Nation ziehe sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Tatsächlich wurde er als staatenloser Sohn von Herta und Erich Cohn-Bendit in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Südfrankreich geboren. Die Kindheit und Jugend verbrachte „Daniel Le Rouge“ teils in Frankreich, teils in Deutschland. Nach einigen grenzüberschreitenden Wohnortwechseln entschied sich Cohn-Bendit, in Paris zu studieren. Dort begann er seine akademische Ausbildung an der erst 1964 gegründeten Université Paris-Nanterre, wo er sich während der Proteste im Jahr 1968 als Symbolträger der Studierendenbewegung etablierte. Seine mehrdimensionale Identität vermochte er dabei geschickt einzusetzen. Cohn-Bendits Selbstinszenierung als Grenzgänger zwischen zwei Nationen, der Staatenlosigkeit und dem Judentum spiegele, so könnte eine Schlussfolgerung des Vortrags lauten, den Geist der Bewegung wider, die sich als transnationale Protestbewegung verstand, aber in lokalen, regionalen und nationalen Räumen für ihre Interessen eintrat. Als Cohn-Bendit vom französischen Staat ausgewiesen worden war, was die deutsche wie die französische Studierendenbewegung zu Solidaritätsbekundungen veranlasste, erwies sich seine (ungeklärte) nationale Identität als Grundlage für die Mythenbildung um seine Person.

Einem vollkommen anderen Forschungsfeld widmete sich DIETMAR HÜSER (Saarbrücken): Er beschäftigte sich mit der „Pop-Politik 68“ und analysierte diese als „Moment emotionalen Protests und kultureller Rebellion“. Der Vortrag verortet sich in dem im Mai 2018 angelaufenen interdisziplinären DFG-Forschergruppenprojekt „Populärkultur transnational“, in dem Transferprozesse während der langen 1960er Jahre in einer europäischen Perspektive herausgearbeitet werden sollen. Zum Einstieg zeichnete Hüser den Weg der Deutschen und Franzosen von der Mangel- zur Konsumgesellschaft nach, wobei er die starken Begriffe für die sozioökonomischen Umbrüche betonte: „trente glorieuses“, „Wirtschaftswunder“, „goldene Jahre“ etc. Die heutige Historiographie stellt die zeitgenössische Wortwahl auf den Prüfstand und hinterfragt die Zusammenhänge kritisch. In einem zweiten Schritt wandte er sich den Musik-Szenen zu, die sich vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse weiterentwickelten. Der französische wie der deutsche Musikmarkt unterlagen ähnlichen Bedingungen: Beide waren durch den westeuropäischen Nachkriegsboom, den Massenkonsum, das wechselseitige Verweissystem im Medienensemble sowie den Babyboom geprägt gewesen. Ferner seien Bundesbürgerinnen und Bundesbürger wie Französinnen und Franzosen durch ihre Abwehrhaltung gegenüber dem amerikanischen Rock’n’Roll verbunden gewesen. Allerdings sei diese in Frankreich stärker ausgeprägt gewesen als in Deutschland. Aber auch zwischen den beiden Staaten fanden Musiktransfers statt. Hüsers vorläufiges Fazit: Einflüsse aus dem Französischen im Deutschen seien evident, aber auch umgekehrt fänden sich vereinzelt deutsche Interpreten im französischen Medienensemble wieder. Insgesamt hätten die innereuropäischen Musiktransfers zugenommen, wobei stets die Verflechtungsbilanzen zwischen Europäisierungs- und Amerikanisierungsprozessen abgewogen werden müssten. Die populärmusikalischen Dynamiken der langen 1960er-Jahre – im Besonderen die politisch aufgeladenen Musikgenres – hätten ein hohes Veränderungspotenzial in sich geborgen. Der „Mai 68“ müsse im Gesamtkontext dieser Zeit betrachtet werden; er dürfe nicht, so Hüser, als Gründungsereignis für allen Wandel angesehen werden.

Den Abendvortrag hielt INGRID GILCHER-HOLTEY (Bielefeld) in der Stadtbibliothek Stuttgart. Sie setzte die transnationale Bewegungsgeschichte der deutschen und französischen Proteste des „Mai 68“ in den Fokus ihrer Betrachtungen. Besonders betonte Gilcher-Holtey die Unterschiede in der Bewegungszusammensetzung: Während in Deutschland vornehmlich Studierende revoltierten, war der französische Protest durch den zeitweiligen Zusammenschluss von Studierenden- und Arbeiterschaft gekennzeichnet gewesen. Ferner merkte sie die Ungleichzeitigkeit der Entstehung an: In Frankreich habe sich der Protest erst im Frühjahr des Jahres 1968 formiert und radikalisiert, wohingegen der bundesdeutsche „Mai 68“ als Ergebnis eines mehrjährigen Prozesses zu verstehen sei. Ferner führten die Auswirkungen der Aufstände in Frankreich zu einer veritablen Regierungskrise, in den kurzfristen Folgen waren sie also viel weitreichender gewesen als in der Bundesrepublik. Zugleich betonte Gilcher-Holtey die drei zentralen Ideen, die die „68er“ in der Gesellschaft verbreiten wollten: Erstens hätten sich die Mitglieder als transnationale Bewegung verstanden. Zweitens hätten sie sich für Erweiterung der Partizipationsrechte stark gemacht. Drittens sei eines ihrer zentralen Ziele eine Wahrnehmungsrevolution gewesen.

Am zweiten Tag begrüßte KIRSTEN DICKHAUT (Stuttgart) die Tagungsteilnehmerinnen und- teilnehmer zum zweiten Panel und führte in den Vortrag von ROLAND GALLE (Duisburg-Essen) ein, der über „Sartre und den Mai 68“ referierte. Auffällig war, so Galle, dass Sartre keine besonders zentrale Position bei den Protesten einnahm. So habe er in einem Interview im „Nouvel Observateur“ Daniel Cohn-Bendit die Hauptrolle überlassen. Außerdem habe er lediglich die allgemeinen Positionen wie „Fantasie an die Macht“ aufgegriffen und unterstützt. Sartres Verständnis zufolge könne eine Revolution nur von der Gesamtheit der arbeitenden Klasse ausgehen. Sartre habe durchaus die Solidarität sowie die antiautoritäre Haltung der Studierenden anerkannt. Den „Mai 68“ habe Sartre als Kulturrevolution bewertet – eine Revolution, die den ganzen Menschen in seiner Lebenspraxis beeinflusse und die zum Erreichen eines neuen Bildungsideals führe. Sartres Positionen seien auf seine existentialistischen Frühwerke zurückzuführen, so Galle.

JOËL LOEHR (Bourgogne) referierte über „Malraux et les saturnales de Mai“. Er definierte André Malraux (1901-1976) als Politiker und Mann des öffentlichen Lebens. Zum Zeitpunkt der Aufstände war Malraux Ministre des Affaires culturelles in der französischen Regierung. Malraux habe die Barrikaden als anachronistisch eingeschätzt, den Mai „68“ gar als Zivilisationskrise (crise de civilisation) empfunden. Im zweiten, weniger bekannten Band von „Miroir des limbes“ habe der Schriftsteller Malraux die Erfahrungen verarbeitet, die er während der Mai-Proteste als Politiker gesammelt hatte. Loehr thematisierte die literarischen Mittel, mit deren Hilfe Malraux seine Perspektive auf die Ereignisse in Paris im Mai 1968 darstellen konnte.

AXEL RÜTH (KÖLN) schloss die Tagung mit einem Vortrag über den Roman „Elementarteilchen“ von Michel Houellebecq. Der Autor habe aus der Perspektive der Kinder der „68er“ geschrieben. Die Ereignisse vom „Mai 1968“ und deren Nachwirkungen seien als Zivilisationskrise (crise de civilisation) dargestellt worden; sogar ein regelrechter Hass auf die „68er-Generation“ ließe sich aus dem Roman herauslesen. Die Geschichte von zwei Halbbrüdern ende mit dem Scheitern aller Protagonisten – das Ende der menschlichen Geschichte überhaupt werde postuliert. Die wesentlichen Kritikelemente am „Mai 68“ seien erstens der Freiheitsbegriff der Protestbewegung gewesen, da der radikale Individualismus das traditionelle Familienideal zerstört habe. Zweitens kritisiere Houellebecq in seinem Roman die „ignorante Naivität“, da die individuelle Freiheit einem ausufernden Kapitalismus den Weg geebnet habe. Drittens stelle sich in „Elementarteilchen“ das „positive Menschenbild“ als Täuschung heraus, weil die Erfahrungen der beiden Halbbrüder zeigten, dass es keine absolute Freiheit geben könne. Die wichtigste These des Romans sei, dass die westliche Welt aufgrund von Materialismus und Individualismus zugrunde gehe. Lösungen biete der Roman keine an. Rüth warf abschließend die Frage auf, was das spezifisch Literarische an der Kritik sei. Es handele sich um eine exemplarische Verdichtung, Allgemeines spiegele sich im Individuellen, Faktisches werde mit Fiktivem verknüpft.

Alles in allem eröffnete die Tagung in Stuttgart mittels der Leitfrage nach der Performanz der „68er-Bewegung“ und der transnational deutsch-französischen Perspektive interessante und zum Teil neue Erkenntnisse wie Forschungsperspektiven zum „Mai 1968“. Abermals zeigte sich, wie ertragreich der Blick über den Tellerrand der Fachdisziplinen sein kann und welche neuen Denkanstöße dadurch für Forschungsarbeiten entstehen können.

Konferenzübersicht:

Wolfram Pyta (Stuttgart): Einführung

Panel 1: Eine historische Perspektive: Mai 68 in Deutschland und Frankreich
Moderation: Wolfram Pyta (Stuttgart)

Silja Behre (Bielefeld): Was war „68“? 50 Jahre Deutungskämpfe in Deutschland und Frankreich

Sebastian Voigt (München): Deutscher? Franzose? Jude? Daniel Cohn-Bendits Weg zwischen Deutschland und Frankreich

Dietmar Hüser (Saarbrücken): „Pop-Politik“ 68 – Momente emotionalen Protests und kultureller Rebellion

Abendvortrag

Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld): „1968“ – Eine Wahrnehmungsrevolution

Panel 2: Mai 68 in der Literatur
Moderation: Kirsten Dickhaut (Stuttgart)

Roland Galle (Duisburg-Essen): Sartre und der Mai 68

Joël Loehr (Bourgogne): Malraux et les saturnales de Mai

Axel Rüth (Köln): Les Particules élémentaires / Elementarteilchen – ein französischer Roman über 68 und seine deutsche Verfilmung

Zitation
Tagungsbericht: Die 68er Revolte und die Performanz des Politischen. Deutsch-französische Perspektiven, 09.10.2018 – 10.10.2018 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 15.03.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8167>.