Knowledge and Society in Times of Upheaval

Ort
Berlin
Veranstalter
Andreas Eckert, Forum Transregionale Studien, Humboldt-Universität zu Berlin; Simone Lässig, German Historical Institute, Washington, D.C.; Franz Waldenberger, Deutsches Institut für Japanstudien, Tokyo
Datum
20.11.2018 - 21.11.2018
Von
Jule Könneke, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Universität Potsdam

Im Rahmen der Jahrestagung[1] diskutierten WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Disziplinen über die vielfältigen und komplexen Verbindungen zwischen Wissen, Gesellschaft und Mobilität in globaler Perspektive. Die Konferenz galt insbesondere vier konstituierenden Beziehungen, die in eigenen thematischen Panels debattiert wurden: 1) Neue Infrastrukturen als Treiber von Wandel, 2) Diskurse und Öffentlichkeit, 3) Migration und Mobilität sowie 4) dem Verhältnis von Arbeit und technologischer Transformation. Wissen und seine Verbreitung definiert, kontrolliert und erhält Machtverhältnisse. Was passiert aber, wenn aus Wissen Daten werden? Wie verändern technologische Innovationen die Beziehungen zwischen Individuum, Staat und Gesellschaft? Wie bewältigen Gesellschaften das beispiellose Wachstum von Wissen und das Ausmaß seiner Verbreitung und Kontrolle?

Das erste Panel mit dem Titel „New Infrastructures as Drivers of Change“ verdeutlichte die Vielfältigkeit des Infrastrukturbegriffs als analytisches Konzept. In den Beiträgen standen Infrastrukturen und deren Funktion als Treiber von strukturellem, sozio-politischem sowie ökonomischem Wandel im Vordergrund. Ausgehend von verschiedenen regionalen Dynamiken fragten die ReferentInnen nach dem Einfluss von infrastrukturellen Bedingungen und Umständen. Die Sinologin ANJA SENZ (Heidelberg) eröffnete die Tagung mit ihrem Vortrag zu den Auswirkungen chinesischer Entwicklungsnarrative und Infrastrukturinvestitionen auf lokale Gemeinschaften in Bangladesch, China, Indien und Myanmar. Die geostrategischen Konsequenzen von Chinas „Belt-and-Road-Initiative“ bringe ein hohes Maß an Unsicherheit mit sich und sei Chance und Gefahr gleichzeitig, so Senz. Der Vortrag gab ein Motiv vor, das auf der gesamten Tagung präsent war.

JOHANN KRANZ (München) illustrierte in seinem Vortrag die negativen Nebeneffekte von dominanten Plattformen wie Google und Facebook auf Innovation, Wettbewerb und Gesellschaft. Netzwerkeffekte und eine enorme Datenkonzentration in diesen Unternehmen führe zu Wettbewerbsvorteilen und unverhältnismäßiger Marktmacht. Die Regulierung durch Blockchain-gesteuerte dezentrale Apps biete die Möglichkeit, dies zu korrigieren und so die Entstehung monopolistischer Strukturen in der Internetwirtschaft einzudämmen, so Kranz.

Der Geograph JAMES SIDAWAY (Singapur) referierte über politische und sozio-ökonomische Implikationen moderner Sicherheitsinfrastrukturen in Yangon (Myanmar). Der Vortrag untersuchte die „Versicherheitlichung“ des städtischen Wandels vor dem Hintergrund sich verändernder Machtstrukturen und des komplexen Beziehungsgeflechts von Regierung, Militär und Kapital in Myanmar. Im Fokus stand die Frage nach der Relevanz von Sicherheitsinfrastrukturen und -akteuren für den Wandel von Staaten und Gesellschaften.

Das zweite Panel „Discourses and Publics“ widmete sich der Rolle verschiedener Kommunikationsformen und Diskurse in sozialen Umbruchsituationen. Die ReferentInnen diskutierten, wie Innovationen in Kommunikation und Technologie in Osteuropa oder im Nahen Osten soziale und politische Grenzen umformen, transzendieren oder fragmentieren. OMAR AL-GHAZZI (London) legte dar, wie Kinder in Medienberichten über den Syrien-Konflikt platziert werden und welche Funktion ihnen dabei zukommt. Häufig würden sie als Figuren konstruiert, die vermeintlich wahrheitsgemäß und authentisch berichteten, ohne von ideologischen und geopolitischen Diskursen beeinflusst zu sein. Als solche erfüllten sie insbesondere zwei Funktionen: Die Suggestion des „unvermittelten Miterlebens“ einerseits und die Politisierung konkurrierender Darstellungen andererseits.

NATALIYA GUMENYUK (Kiew) referierte über Desinformation, gezielte Falschmeldungen und populistische Medienstrategien im Konflikt in der Ukraine. Dies seien zwar keine neuen Phänomene, jedoch habe der weltweite Siegeszug autoritärer politischer Bewegungen ihnen zusätzlichen Aufwind verliehen. Gumenyuk verdeutlichte, dass westliche Gesellschaften mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert seien: Die Wiederkehr von Nationalismen, Misstrauen gegenüber politischen Institutionen sowie ein hohes Maß an Polarisierung und Fragmentierung. Die größte Gefahr für unsere Demokratien seien jedoch nicht „Fake News“, sondern „Filterblasen“[2] und „Confirmation Biases[3], so Gumenyuk.

Die Politikwissenschaftlerin ALIA MOSSALLAM (Kairo / Berlin) ging der Frage nach, wie Geschichten in Zeiten politischen Umbruchs geschrieben beziehungsweise erzählt werden und wie damit Wissen generiert, reproduziert und verfügbar gemacht werden kann. Eine besondere Schwierigkeit sei es, Wissen über subalterne AkteurInnen auch denjenigen zugänglich zu machen, von denen jenes ursprünglich produziert wurde. Mossallam berichtete von ihren Erfahrungen bei der Durchführung von Geschichtsworkshops mit lokalen Gemeinschaften in Ägypten. Herausforderungen seien dabei insbesondere die Multivalenz von Historien und die Einbeziehung lokaler Gemeinschaften in die Wissensproduktion, langwierige Forschungsprozesse, mangelnde finanzielle und institutionelle Unterstützung sowie staatliches Misstrauen.

Der zweite Tag der Konferenz öffnete mit dem Panel „Migration and Mobility“, das sich mit der Wechselbeziehung von Mobilität und Wissen in Umbruchsituationen befasste. JAN C. JANSEN (Washington, D.C) widmete seinen Vortrag den politischen Flüchtlingsbewegungen während der ‚Atlantischen Revolutionen‘ von 1770 bis 1820. Er untersuchte die Entstehung des Wissens in Form von Dokumenten und dessen Bedeutung für die Kontrolle, Vertretung und die räumliche Verortung von MigrantInnen. Jansen verwies auf das massive Anwachsen der Verwaltungsdokumentation zu Flucht und Migration, das durch zwei scheinbar gegensätzliche Faktoren angetrieben sei: Den Versuchen von Behörden und Empfängergesellschaften, Migrationsbewegungen einzudämmen und zu kontrollieren, sowie der Notwendigkeit, diese in einer Welt im Aufruhr zu erleichtern.

Die Lateinamerikawissenschaftlerin XÓCHITL BADA (Chicago) formulierte das Ziel, die Arbeitnehmerrechte von MigrantInnen universell – unabhängig von territorialen Gebieten – sicherzustellen. Mit Fokus auf Mexiko und den USA illustrierte sie die Problematik der Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten im Inland und einer grenzüberschreitenden Arbeitnehmervertretung für Niedriglohn-MigrantInnen. Das Entstehen transnationaler Netzwerke und globaler Öffentlichkeiten, die einen Transfer grundlegender Arbeitnehmerrechte und Schutzmaßnahmen für MigrantInnen auch nach der Rückkehr in das jeweilige Herkunftsland forderten, habe zu neuen Bemühungen geführt, Missbrauch und Ausbeutung zu verhindern, so Bada.

Anschließend erläuterte der Historiker LEO LUCASSEN (Leiden) die Rolle, die MigrationsexpertInnen in politischen und Entscheidungsprozessen spielen. Er verwies auf persönliche Erfahrungen als Intellektueller in der öffentlichen und politischen Debatte über Migration, Integration und Flüchtlinge in den Niederlanden. Von besonderer Relevanz seien dabei die Medien: Diese könnten sowohl bewirken, dass Wissen durch Gegenerzählungen ignoriert oder in Frage gestellt werde, hätten jedoch gleichzeitig die Möglichkeit, ExpertInnenwissen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu verbreiten und zu stärken, so Lucassen.

Das letzte Panel der Konferenz war dem Thema „Labour and Technological Transformation“ gewidmet. Im Mittelpunkt der Debatte standen die sogenannte „vierte industrielle Revolution“, die Transformation der Arbeit seit dem Zweiten Weltkrieg sowie die Zusammenhänge zwischen Wissen, Technologie und Transformation der Arbeit in einer historischen Perspektive.

Die Soziologin NICOLE MAYER-AHUJA (Göttingen) untersuchte den Einfluss der Digitalisierung auf die Arbeitswelt im Lichte von Konflikten zwischen Kapital, Arbeit und Staat. Die verbreitete Auffassung, neue Technologien führten zum Wegfall ganzer Berufszweige, ist Mayer-Ahuja zufolge zu einseitig. Aktuelle Trends in der Digitalisierung seien immer auch eine Chance und brächten, abhängig von den jeweiligen Machtverhältnissen, unterschiedliche Ergebnisse hervor. Ein Problem sei jedoch die fehlende Regulierung technologischer Entwicklung, welche sowohl Prozesse der Prekarisierung und Kompetenzpolarisierung, als auch der Flexibilisierung verstärke.

FRANK BÖSCH (Potsdam) analysierte anschließend, wie deutsche BeamtInnen, WissenschaftlerInnen und Unternehmen im Zuge der grundlegenden Wirtschaftsreformen unter Deng Xiaoping durch Besuche in China Wissen gewonnen und konstruiert hätten, welches nur durch persönliche Beobachtungen zugänglich gewesen sei. Bösch schilderte, wie westliche BeobachterInnen und Unternehmen versuchten, detaillierte Informationen über den chinesischen Markt zu erhalten. Dieses Wissen habe zu einer speziellen Wahrnehmung Chinas geführt, welche in hohem Maß abhängig von den spezifischen Eindrücken der BesucherInnen gewesen sei.

Abschließend diskutierten JEANETTE HOFMANN (Berlin), PAWEŁ MACHCEWICZ (Berlin / Jena), ERNST DIETER ROSSMANN (Berlin) und AMR HAMZAWY (Stanford / Berlin) die Ergebnisse der Tagung. Dabei wurde die ambivalente Rolle von Wissenschaft in Zeiten politischer Umbrüche deutlich: Sie fungiere einerseits als erklärendes und vermittelndes Medium und spiele so eine Schlüsselrolle für die Gestaltung der öffentlichen Debatte, indem sie zum Beispiel Zukunftsszenarien aufzeige, so Rossmann. Auf der anderen Seite sei Wissenschaft in Ländern wie Ägypten auch selbst betroffen, wo Wissenschaftsdiskurse und Kategorien im Kontext von undemokratischen Öffentlichkeitsstrukturen deformiert würden, wie Hamzawy anmerkte. Machcewicz fügte hinzu, dass die Stabilität der politischen und sozialen Ordnung auch in den älteren EU-Mitgliedstaaten keine Selbstverständlichkeit sei. In Polen sehe er momentan einen Prozess der Ablehnung von Rationalität, welcher dazu führe, dass Wissenschaft als legitime Basis für politische Entscheidungen angezweifelt werde. In diesem Zusammenhang betonte Rossmann die Dringlichkeit, Wege zu finden, um die Freiheit und den Austausch von Wissenschaft in Grenzsituationen zu fördern. Grenzen müssten dabei nicht zwingend geographischer Natur sein, sondern könnten ebenso ideell verstanden werden, etwa in Bezug auf europäische Bildungs- und Freiheitsideale. Abschließend plädierte Hofmann für eine differenziertere Betrachtung neuer Technologien in Zeiten politischer Umbrüche und forderte, gesellschaftliche Verantwortung nicht an diese auszulagern. Digitale Technologien dürften nicht als außergesellschaftliches Phänomen begriffen werden, welche allein Effizienzanforderungen gehorchten und Gesellschaften emanzipierten oder autoritär lenkten.

Konferenzübersicht:

Andreas Eckert (Humboldt-Universität zu Berlin / Forum Transregionale Studien, Berlin) / Simone Lässig (German Historical Institute Washington D.C.) / Franz Waldenberger (Deutsches Institut für Japanstudien Tokio): Einführung

Section I: New Infrastructures as Drivers of Change

Anja Senz (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg): China’s Belt and Road Initiative as a Driver of Change in South and Southeast Asia

Johann Kranz (Ludwig-Maximillian-Universität München): How to Tame the Tech Giants? Blockchain and the Future of the Internet Economy

James Sidaway (National University of Singapore): Planetary Urbanization’s Multiple Frontiers: Viewed through Security Infrastructures of Yangon, Myanmar

Section II: Discourses and Publics

Omar Al-Ghazzi (London School of Economics): The Politics of Infantile Communication in Syria’s War

Nataliya Gumenyuk (hromadske.ua, Kyiv): Regaining Public Trust in Times of Populism. Lessons from Ukraine

Alia Mossallam (Kairo / EUME, Forum Transregionale Studien, Berlin): Visualising, Enacting and Writing Histories in Times of Political Upheaval

Section III: Migration and Mobility

Jan C. Jansen (German Historical Institute Washington, D.C.): Papers and Trails: Migration Control and Agency during the Atlantic Age of Revolutions (1770s-1820s)

Xóchitl Bada (University of Illinois, Chicago): Portable Labor Rights for Migrant Workers in North America

Leo Lucassen (International Institute of Social History, Universität Leiden): Expert Knowledge on Migration in the Public Arena: How to Get Your Message Through?

Sektion IV: Labour and Technological Transformation

Nicole Mayer-Ahuja (Georg-August-Universität Göttingen): The Fourth Industrial Revolution? Labour in Times of Digitisation

Frank Bösch (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam): Western Knowledge about Reforming China, 1972-1989

Sektion V: Roundtable Discussion

Jeannette Hofmann (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Berlin) / Paweł Machcewicz (Polnische Akademie der Wissenschaften Warschau / Imre-Kertész-Kolleg Jena) / Ernst Dieter Rossmann (Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, Deutscher Bundestag, Berlin) / Amr Hamzawy (Stanford University / Wissenschaftskollegs zu Berlin): Wissenschaft und Gesellschaft an den Grenzen Europas

Anmerkungen:
[1] Für die Dokumentation der Konferenz (Artikel, Paper, Interviews), siehe: https://trafo.hypotheses.org (05.02.2019).
[2] Der „Confirmation Bias“ beschreibt die Neigung von Individuen, Informationen im Sinne bereits gebildeter Meinungen zu suchen und zu interpretieren, sodass eigene Erwartungen und Meinungen bestätigt werden. Siehe Raymond S. Nickerson, Confirmation Bias: A Ubiquitous Phenomenon in Many Guises, in: Review of General Psychology 2 (1998), S. 175–220.
[3] „Filterblasen“ beschreiben die Isolation gegenüber Informationen, die nicht dem Standpunkt des Benutzers entsprechen, weil dieser auf Algorithmen basierende vorgefilterte Inhalte zu sehen bekommt. Siehe Eli Pariser, The Filter Bubble: What the Internet Is Hiding from You, New York 2011.

Zitation
Tagungsbericht: Knowledge and Society in Times of Upheaval, 20.11.2018 – 21.11.2018 Berlin, in: H-Soz-Kult, 18.03.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8172>.