Raub jüdischen Eigentums in Jugoslawien 1940-1945

Ort
Berlin
Veranstalter
Christian Schölzel, Culture and more, Berlin; Sanela Schmid, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Datum
08.02.2019
Von
Caroline Mezger, Zentrum für Holocaust-Studien, Institut für Zeitgeschichte

Der letzte Workshop zum Thema „The Appropriation of Jewish Property in Yugoslavia 1940/1941-1945“ befasste sich hauptsächlich mit den Folgen der Enteignung jüdischen Eigentums in Jugoslawien, inklusive Fragen der Restitution in der Nachkriegszeit. Nach einem Grußwort von MICHAEL WILDT reflektierten CHRISTIAN SCHÖLZEL und SANELA SCHMID (alle Berlin) über die vorangegangenen Workshops, in denen die Teilnehmer/innen den Quellen- und Forschungsstand, die Erinnerungslandschaften sowie theoretische Ansätze zum Raub jüdischen Eigentums während des Zweiten Weltkriegs untersuchten. Dabei betonten sie, dass die Geschichte Jugoslawiens transnational gedacht werden müsse: Während der multiethnische Staat während des Krieges unter verschiedene Besatzungsmächte kam, die den Verlauf der Enteignung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung in ihren jeweiligen Besatzungszonen stark beeinflussten, war auch die Nachkriegsgeschichte Jugoslawiens von den Aktivitäten und Vorstellungen unterschiedlicher staatlicher Akteure geprägt. Deshalb lohne sich ein komparativer Ansatz, der sowohl die Kriegs- als auch die Nachkriegszeit in den Blick nimmt.

In seinem eröffnenden Vortrag bot MILAN KOLJANIN (Belgrad) einen Überblick zu den Enteignungsprozessen in den verschiedenen besetzten Gebieten Jugoslawiens. Sich auf Raul Hilbergs Theorien stützend unterstrich er, wie die Enteignung der jüdischen Bevölkerung ein wichtiger Teil deren „Vernichtung“ konstituierte. Diese verlief je nach Besatzungsmacht und Kriegslage unterschiedlich, wie Koljanin in seiner komparativen Analyse der deutsch-, bulgarisch-, ungarisch- und italienisch-besetzten Gebieten und des Unabhängigen Staates Kroatien zeigte. Obwohl die endgültige Aufsicht sowie Verantwortung beim nationalsozialistischen Deutschland lagen, hatten verschiedene Besatzungsmächte einen erheblichen Einfluss auf die Enteignung jüdischen Eigentums. In allen Besatzungszonen, so folgerte Koljanin, versuchten staatliche, organisatorische sowie individuelle Akteure sich an jüdischem Eigentum zu bereichern.

HARIS DAJČ (Belgrad) wandte sich in seinem Vortrag der Nachkriegszeit zu. Er erläuterte, wie unmittelbar nach dem Krieg Jugoslawiens Regierung dutzende Kollektivisierungsgesetze ausrief, die eine Restituierung jüdischen Eigentums unmöglich machten. Erst ab 2006 wurde es nun in Serbien möglich, eine Wiedergutmachung einzufordern. Dajč präsentierte die verschiedenen Gesetze, die zwischen 2006 und 2016 für die Restituierung jüdischen Eigentums in Serbien erlassen wurden. Vor allem durch das Restitutionsgesetz 2016, das sich auf die Terezin Deklaration 2009 beruft, erlangte die jüdische Gemeinde in Serbien eine gewisse Wiedergutmachung. Die daraus entstandenen Restitutionszahlungen werden von der jüdischen Gemeinde Serbiens für diverse Zwecke eingesetzt, unter anderem für die Unterstützung Holocaust-Überlebender sowie für Forschung und Bildung.

NAIDA MICHAL BRANDL (Zagreb) beschrieb in ihrem Vortrag die schwierige Restitutionslage in Kroatien. Die nach dem Krieg im gesamten Jugoslawien erlassenen Gesetze galten wie für Serbien auch für das Gebiet des ehemaligen Unabhängigen Staates Kroatien, was eine weitere Enteignung der verbliebenen jüdischen Bevölkerung zur Folge hatte. In Kroatien wurde es ab 1996 gesetzlich möglich, eine Restituierung in Bezug auf die nach 1945 durchgeführten Enteignungen einzufordern; jedoch sei es bis heute aus diversen Gründen schwierig, eine Wiedergutmachung zu erlangen. Michal Brandl erläuterte außerdem die verschiedenen Herausforderungen, mit denen Historiker/innen konfrontiert seien: Nebst den unzähligen Gesetzestexten, die sich von 1941 bis heute mit Eigentum befassen, müssten sich Historiker/innen mit den Rechtslagen verschiedener Besatzungsgebiete, Nachfolgestaaten und Opfergruppen auseinandersetzen.

In der anschließenden Diskussion wurden diverse komparative Ansätze zur Restitution jüdischen Eigentums besprochen sowie Möglichkeiten für die zukünftige Zusammenarbeit des Forschungsnetzwerkes erörtert.

Konferenzübersicht:

Michael Wildt (Humboldt-Universität zu Berlin): Begrüßung

Christian Schölzel (Culture and more, Berlin) / Sanela Schmid (Humboldt-Universität zu Berlin): Einführung

Milan Koljanin (Institut für Zeitgeschichte, Belgrad): The Holocaust and the Expropriation of Jewish Property in Yugoslavia

Haris Dajč (Universität Belgrad): Restitution Laws and Practices Concerning the Victims of National Socialism in Serbia

Naida Michal Brandl (Universität Zagreb): Restitution Laws and Practices Concerning the Victims of National Socialism in Croatia

Diskussion
Diskussionsteilnehmende: Carl Bethke (Universität Leipzig) / Naida Michal Brandl (Universität Zagreb) / Haris Dajč (Universität Belgrad) / Milan Koljanin (Institut für Zeitgeschichte, Belgrad) / Caroline Mezger (Institut für Zeitgeschichte, München) / Christian Schölzel (Culture and more, Berlin) / Sanela Schmid (Humboldt-Universität zu Berlin) / Marija Vulesica (Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin) / Michael Wildt (Humboldt-Universität zu Berlin)

Zitation
Tagungsbericht: Raub jüdischen Eigentums in Jugoslawien 1940-1945, 08.02.2019 Berlin, in: H-Soz-Kult, 14.03.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8175>.