Throwing Gestures – The Entanglement between Gesture, Media and Politics

Ort
Berlin
Veranstalter
„The Entanglement between Gesture, Media and Politics“, Hochschule für Bildende Künste Braunschweig; Volkswagen-Stiftung, Hannover; Universität für angewandte Kunst Wien; Kunstquartier Bethanien, Berlin
Datum
08.12.2018
Von
Christian Schwinghammer / Daniel Stoecker, Forschungskolleg SENSING: Zum Wissen sensibler Medien, Brandenburgisches Zentrum für Medienwissenschaften (ZeM), Potsdam

Obwohl es angesichts schillernder Rhetorik und marketingtauglicher Metaphern wie „virtuelle Realität“ oder „Cloud“ naheliegend scheint, läutet die aktuelle medientechnische Entwicklung keineswegs ein entkörperlichtes Zeitalter ein. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall, dringen doch Dimensionen des Körpers vielerorts (erneut) ins Zentrum des Interesses: Sei es die Steuerung smarter Geräte durch Körperbewegungen und -expressionen oder die alltägliche Nutzung digitaler Funktionen zur körperlichen Selbstoptimierung; seien es neue ökonomische und politische Strategien der Kontrolle und Lenkung, ermöglicht durch eine zunehmende technologische Durchdringung des Körpers oder die (neuerliche) Fokussierung auf das Materielle, das Ästhetische und somit auch auf das Körperliche in wissenschaftlichen und künstlerischen Debatten. All dies signalisiert die aktuelle Virulenz des Körperlichen.

Dieses aufflammende Interesse am Körper war auch Ausgangspunkt des Symposiums. Vorausgegangen war diesem sowie der gleichnamigen Ausstellung vor Ort ein zweijähriges inter- und transdisziplinäres Forschungsprojekt rund um die körperliche Geste, ihre heutigen Ausdrucksformen sowie nicht zuletzt ihre politische Relevanz. Ein durchaus komplexes Unterfangen, scheint doch die Geste nicht nur generell eine vieldeutige Grenzfigur und damit das Gestische an der Geste per se ambivalent, sondern sie kann heutzutage wohl nur als von Grund auf medialisiertes Phänomen angegangen werden. So jedenfalls der Ankündigungstext des Projekts, der festhält, dass die körperliche Geste gerade in technisch durchdrungenen und vernetzten Lebenswelten oder aber als digitales Zirkulationselement einen ganz eigenen alltagweltlichen, (pop-)kulturellen sowie sozio-politischen Stellenwert erhalte.[1]

Das erste Panel erörterte unter dem Titel „Un/wahrnehmbare Gesten“ das Verhältnis zwischen Bewegung und Geste sowie zwischen diesen körperlichen Registern und technischen Medien. Leitfragen waren dabei, wie aus Bewegungen wahrnehmbare Gesten werden, auf welche Weise (Medien-)Technologien bestimmte Bewegungen und Gesten erst hervorbringen und wie sie auf ihre Präsentation und Repräsentation einwirken. In ihrer Einführung unterstrich IRINA KALDRACK (Braunschweig), dass die Geste und ihre Funktionen angesichts heutiger Medientechnologien zu überdenken und so das Gestische selbst begrifflich neu zu modellieren sei. Dabei adressierte sie zunächst die grundlegende Ambivalenz der Geste als Körperbewegung und dennoch als über solche hinausgehend, als strikt individuell und dennoch wiederholbar, und schließlich als eine Figur, die eine zweifache Dimensionalität aus Zeichenhaftigkeit und Handlung besitze. Das Gestische sei daher immer schon von mehrdeutigen und widerstrebenden Momenten durchzogen. In einem geschichtlichen Abriss verdeutlichte Kaldrack, dass das, was eine Geste ist – ob etwa ihre symbolische oder aber ihre Handlungsdimension in den Vordergrund tritt – stets von kontemporären Konstellationen aus sozio-kulturellen, technologischen und machtspezifischen Strukturen determiniert wurde. Innerhalb heutiger Medienkontexte entbehre die Geste hingegen solcher Stabilisierung, da man es hier mit einem überbordenden Reichtum unterschiedlicher gestenartiger Äußerungen zu tun bekomme. Indessen liege im aktuellen „desire for the gestual“, welches Kaldrack in Hinblick auf Social-Media-Phänomene, Videoplattformen sowie Computerspiele identifizierte, das Potenzial für eine neuerliche Stabilisierung des Gestischen.

MARIE-LUISE ANGERER (Potsdam) wiederum konzentrierte sich auf jene vor der bedeutungsvollen Geste liegenden (Körper-)Bewegungen sowie die sich hierum entfaltenden Diskurskonjunkturen. Dass genau dieses Terrain vermehrt wahrgenommen werde, gehe mit Verschiebungen innerhalb des philosophischen Diskurses einher. Als entscheidend sei dabei jener material turn am Ende des 20. Jahrhunderts zu charakterisieren. Materie wurde nunmehr, wie Angerer unter anderem mit Donna Haraway und Karen Barad sowie durch einen Rückbezug auf einige philosophische Vorreiter (Spinoza, Bergson, Whitehead und Deleuze) nachzeichnete, als grundlegend relational, als eigengesetzlich und -wirkmächtig konzeptualisiert. Innerhalb solcher relationalen Ontologien werde auch der Körper zum Schauplatz verschränkter Bewegungen, ein tanzendes Geflecht sich wechselseitig bewegender „moving forces“. Der so verstandene Körper entwickle sich damit zur Signatur eines erneuerten Existenz- und Wissensmodus: An die Stelle eines stabilen menschlichen Handlungs- und Wissensakteurs rücke hier die situative Herstellung von agency in einem „becoming-with“ von Menschen und Nicht-Menschen, das vom Menschen die ethische Fähigkeit des Antwortens („response-ability[2]) auf solche Vorgänge einfordere. Unter Einbezug Louis Althussers‘ Aleatorischem Materialismus schloss Angerer mit der Forderung, bei aller Relevanz dieser Theorieannahmen angesichts von Phänomenen medientechnischer Vernetzung den Aspekt von Kontingenz in relationalen Begegnungen und auch in der Wissensproduktion nicht zu vernachlässigen.

Diesem theoretischen Blickwinkel auf das Panelsujet stand mit dem Beitrag von KONRAD STRUTZ (Wien) eine Perspektive aus der künstlerischen Praxis zur Seite. Thema seines Vortrags sowie seines vor Ort gezeigten Ausstellungsstücks war das Motiv der lost motion. In Anlehnung an Frank B. Gilbreth verwies Strutz damit auf jene Bewegungen, die für bestimmte Bedeutungssequenzen, Handlungs- oder Produktionsziele unnötig und damit nicht signifikant sind. Wie er unter anderem an seiner ausgestellten Arbeit aufzeigte, liege gerade in solchen Bewegungen kritisches Potential, könnten sie doch selbst in Zeiten ihrer vermehrten technologischen Erfassbarkeit – gewissermaßen gestenhaft – auf die Inkongruenz physischer Bewegungen und der Ebene von Repräsentation und Darstellung hinweisen. Entlang künstlerischer Kontextverzerrungen könne dieses Potential genutzt und Raum für alternative Narrative von Bewegungen und Gesten abseits datengestützter Erfassung, Repräsentation und Weisungen geschaffen werden. Hier setzte auch die abschließende Diskussion des Panels an: Wenn durch die medientechnische Aufrüstung auch solche Bewegungen les- und identifizierbar werden, die vor jeder bewussten Wahrnehmung liegen, dann stelle sich die Frage, wer oder was dieses Terrain kontrolliert und wie dieser Kontrolle entgegengetreten werden kann. Angerer etwa verwies auf die Figur von Tänzer/innen, die auf ein Wissen um diese „un/wahrnehmbaren“ Bewegungen sowie ihren präzisen performativen Einsatz angewiesen seien und ließ so den Ansatz eines möglichen politischen Gestus habitualisierter Selbstkontrolle erkennen.

Endete das erste Panel damit auf einer explizit politischen Note, so schloss das zweite Panel unter dem Titel „Die Geste und das Politische“ hieran an. Den roten Faden bildeten Fragen nach Erscheinung, Verwendung und Wirkmacht von Gesten in kollektiven Protestsituationen, nach ihrer medientechnischen Einbettung sowie dem Übergang politischer Gesten in künstlerische, (pop-)kulturelle und ökonomische Kontexte. Eine erste Perspektive auf diese Verflechtungen gab FLORIAN BETTEL (Wien) in seiner Paneleinführung. Mit Blick auf die gemeinsame Projektarbeit und ausgewählte Beispiele medial dokumentierter Protestbewegungen beschrieb Bettel, auf welche Weise Künstler/innen die Ästhetik des Protests in das eigene Werk einbauen oder in umgekehrter Weise durch künstlerische Praxis in Proteste eingreifen. In beiden Fällen würden dabei Strategien der medialen Sichtbarkeit und Verbreitung angewendet, um in heutigen Aufmerksamkeitsökonomien zu bestehen. Eine Parallelbewegung dazu identifizierte Bettel in gegenwärtigen popkulturellen Aneignungen von Ästhetiken des Protests, beispielsweise in Musikvideos und Werbekampagnen. Dies signalisiere nicht zuletzt auch, dass das Krisenhafte mitsamt seinen politischen Momenten, Symboliken und Ausdrucksformen in ökonomische Verwertbarkeitslogiken eintrete, in denen die politische Geste schließlich warenförmig werde. Angesichts dieser Entwicklungen lasse sich mit Walter Benjamins Kunstwerk-Aufsatz, so Bettels abschließende theoretische Anregung, der These einer „Ästhetisierung der Politik“[3] die Annahme einer (sicherlich ambivalenten) Politisierung von Ästhetik beistellen.

Abseits der künstlerischen, popkulturellen und ökonomischen Seiten politischer Gesten präzisierte ZOE LEFKOFRIDI (Salzburg) anschließend deren symbolische Wirkmacht in Protestbewegungen. Aus der Perspektive einer komparativen Politikwissenschaft und entlang einer Reihe internationaler Protestbeispiele beleuchtete sie wiederkehrende Muster der Geste als Protestausdruck. Aus ihrer empirischen Analyse schloss Lefkofridi einerseits, dass Protestgesten zwar keine universelle Bedeutung und Wiederholbarkeit implizierten, aber immer Krisenhaftes zur Anzeige brächten; andererseits, dass symbolische Gesten oftmals institutionelle Symbole selbst zum Ziel hätten. Zukünftig sei jedoch weiterführend zu analysieren, welches Gewicht symbolischen Gesten in makrostrukturellen Entwicklungen – beispielsweise die eines Regimewandels – beikommt und ferner, inwieweit Protestgesten mikrostrukturell Individuen und ihre Protestbereitschaft beeinflussen.

In Reaktion auf die beiden vorangegangenen Beiträge verhandelte TIMO HERBST (Leipzig) die Frage, wie Protestgesten und ihre Symbolik sichtbar und somit wiederholbar werden, auf welche Weisen sich Protestierende mitsamt ihrer Gestik im medial durchdrungenen öffentlichen Raum inszenieren und inszenieren lassen. Wie auch in seiner ausgestellten Installation Play by rules (Budapest, Istanbul, Hamburg) legte er anhand dreier Protestkonstellationen (am Budapester Keleti-Bahnhof (2015), am Istanbuler Taksim-Platz (2016) sowie in der Hamburger Innenstadt (2017)) sein Augenmerk auf das Zusammenspiel zwischen Protestierenden und den journalistischen Berichterstatter/innen. Dabei unterstrich Herbst, dass die Standardisierung der Bild- und Nachrichtenproduktion Proteste entscheidend präge: Sowohl auf Seiten der sichtbar präsenten Medienmachenden, als auch auf Seiten der Protestierenden werden Regeln der medialen Inszenierung befolgt, was einerseits strukturelle Parallelen und repetitive Momente in Protestdynamiken verschiedener inhaltlicher Kontexte zur Folge habe. Andererseits können Protestierende diese Medialisierung des öffentlichen Raums auch dazu nutzen, die von Herbst angesprochene konstitutive Kraft von Gesten zu verstärken und sich formierende Gruppierungen als explizit politische Bewegungen zu markieren. Die mediale Ein- und Zurichtung von Protest war auch Gegenstand der Paneldiskussion. Nach dem Gestischen am politischen Protest zu fragen, erfordere, so die Diskutant/innen, aktuelle Protestkonstellationen dahingehend vertiefend zu untersuchen, inwiefern sie medial durchdrungen und vermittelt werden. Dieser analytische Einbezug von Medien gilt wohl auch umgekehrt bei der Frage, welchen Begriff des Politischen der Geste zuzuschreiben ist. Ein Themenpunkt, der im gesamten Panel anklang und der sicherlich Anlass für zukünftige Auseinandersetzungen geben kann.

Im Hinblick auf das Forschungsprojekt bot das dritte und letzte Panel „Staging the Entanglement between Arts and Humanities“ eine Perspektive auf Verfahren und Konzepte der wissenschaftlich-künstlerischen Kollaboration. Dazu führte STEFANIE KIWI MENRATH (Berlin) in ihrer Paneleinleitung den Begriff der „Komplizenschaft“ von Gesa Ziemer[4] ins Feld. Im Vergleich zu einer Kollaboration als eine zeitlich begrenzte Zusammenarbeit mehrerer Akteur/innen deute Komplizenschaft auf intensive und selbst-organisierte Formen des verschränkten Denkens und Handelns sowie geteilter Verantwortung hin, die sich aus gemeinsam gesetzten Zielen und Visionen entwickle. Gerade in Bezug auf wissenschaftlich-künstlerische Zusammenarbeit zeichne sich solch komplizenhaftes Arbeiten dadurch aus, dass in ihm Normen und ihre Beschränkungen, eingespielte Positionen und Hierarchien produktiv überschritten würden. So könne in gelungener Komplizenschaft beispielsweise die traditionelle Dominanz von wissenschaftlichem über künstlerisches Wissen hin zu gleichberechtigter Zusammenarbeit durchbrochen werden.

ANDREAS BROECKMANN und DANIELA SILVESTRIN (beide Lüneburg) schlugen für die Reflexion über die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Kunst den technischen Begriff des Interface vor, den sie mit Florian Cramer und Matthew Fuller als „point[s] of junctures[5] zwischen verschiedenen Systemen oder einzelnen Teilen eines komplexen Systems bestimmten. Entlang dieser Definition sowie eigener Erfahrungen als Projektkurator/innen verdeutlichten Broeckmann und Silverstrin, dass künstlerisch-wissenschaftliche Forschungszusammenarbeit nicht nur das Aufeinandertreffen zweier distinkter Wissenssysteme umfasse, sondern auch Begegnungen im Kleinen, wie jene zwischen einzelnen Künstler/innen oder zwischen diesen und einzelnen Förderinstitutionen. Die Rolle einer kritischen Schnittstelle in diesen Momenten des Aufeinandertreffens käme Projektkurator/innen zu. Als Interface gelte es für Kurator/innen, Asymmetrien zwischen verschiedenen Teilen der Beziehung mal zu betonen, mal zu verdecken, um so – kontextbedingt – Verschränkungen der Zusammenarbeit möglichst produktiv und störungsfrei zu gestalten.

Auf die widerstrebenden, störenden und schmerzhaften Momente von Verflechtungen wiederum legte MARTINA LEEKER (Lüneburg) ihr Augenmerk. In Anbetracht des immensen Einflusses medientechnischer Vernetzung auf heutige Lebensweisen, positionierte sie sich zunächst in Distanz zu allzu euphorischen Verhandlungen von Entanglements, wie sie sich in einigen relational-ontologischen Theorieansätzen ausmachen lassen. Anlehnend an Karen Barads „agentiellen Schnitt“[6], der Exklusionsmomente in Prozessen der Verschränkung fassen soll, sprach Leeker von einem Modell von Entanglements, das gewalttätige Ausschlussmomente und schmerzhafte Aspekte gezielt thematisiert. Künstlerisch-wissenschaftliche Projekte könnten hier maßgebend sein, da in ihnen eingefahrene Handlungs- und Wissensmuster sowie deren Ausschlüsse in performativen, schmerzhaften Hinterfragungen sicht- und so verhandelbar gemacht würden. Das für die tradierte Wissenschaft grundlegende intentionale Subjekt etwa werde hier mit einem „befallen subject“ konfrontiert, das nur in Verflechtungen mit anderen ist, gleichzeitig aber durch jene schmerzhaften Seiten von Verschränkungen Modi der reflexiven Distanzierung entwickeln könne. In Zeiten der doppelten „mediocrity“ menschlicher Existenz – der medialen Involviertheit einerseits sowie damit einhergehender Mittelmäßigkeit menschlicher Fähigkeiten andererseits – besitze eine solche performative (Wissens-)Praxis gesamtgesellschaftliches Potenzial: Mit der Bewegung einer Distanznahme-in-Verschränkung könne, so eine Pointe Leekers, die heutige Mediokrität des Menschen produktiv gewendet, jedoch die Möglichkeit einer ‚kritischen‘ Entkopplung innerhalb von Konstellationen der Vernetzung bewahrt werden.

Auch LAURIE YOUNG (Berlin) befragte die institutionalisierte Wissensproduktion – ihrerseits aus der Perspektive als Tänzer/in und Choreograph/in. Ins Zentrum ihres Beitrags stellte sie die Choreographie, die sie begrifflich weit fasste: Choreographie sei nicht nur eine Anordnungstechnik eines Beziehungsgeflechts aus Körpern in bestimmten Raum-Zeit-Gefügen, sondern lasse sich darüber hinaus auf alltägliche Konstellationen und Kräfteverhältnisse anwenden, genauso wie mit ihr Ordnungen neuartig verhandelt, aufgebrochen und arrangiert werden können. Als Konzept, aber auch als Praxis in transdisziplinären Projekten, stelle Choreographie klassische Methoden und Begrifflichkeiten infrage und schaffe Platz für alternative Techniken und Herangehensweisen wie Intuition und Improvisation. So öffneten sich Möglichkeitsräume für das Unerwartete, für neuartige Verbindungen und Erfahrungen, in denen auch Misserfolge notwendige Bestandteile darstellten. Choreographie sei damit, wie Young mit Fred Motens und Stefano Harneys Bestimmung von Forschungstätigkeit als gemeinschaftliche und alltägliche „speculative practice[7] ausführte, auch als kooperative Sozialpraxis zu verstehen, die einen dynamischen Austausch zwischen Körpern, Menschen und Nicht-Menschen sowie nicht zuletzt Disziplinen ermögliche. Unter dem Eindruck der Panelbeiträge bestand in der anschließenden Diskussion Einigkeit darüber, dass die vorgestellten Alternativen zu vorherrschenden Wissensmodi sowie ihre Übersetzungsmotive – beispielsweise Leekers „mediocrity“ – heutiges Leben und Wissen unter medientechnologischen Bedingungen in ihren Herausforderungen und Chancen adäquat adressieren. Allerdings wurde ebenfalls die Notwendigkeit einer fortwährenden Fragehaltung unterstrichen, die abseits allzu überschwänglicher Theoriegesten aktuelle Formen nicht-menschlicher Wirkmächtigkeit sowie die (abermalige) Dezentralisierung des Menschen nicht unproblematisiert lasse.

Mit diesem Tagungsabschluss lässt sich zugleich eine Brücke zum gesamten Symposium schlagen, welches seinen Forschungsgegenstand der Geste über die einzelnen Panelbeiträge hinweg in eine multiperspektivische, fragende Verhandlung der Einschnitte heutiger Medientechnologien einbettete. Die Stärke der Tagung zeigte sich dabei gerade darin, die sich im Nebeneinander und Zusammentreffen teilweise gegenläufiger Perspektiven eröffneten Frage- und Verhandlungsräume zum Gestischen unter medientechnologischen Bedingungen nicht in einer vereinheitlichten Antwort zu schließen. Dass stattdessen nicht nur alltäglichen Phänomenen wie jenem der Geste, sondern auch der Wissensproduktion in konstanten Perspektivverschiebungen zu begegnen ist, formte so das bleibende Plädoyer des Symposiums. Ohne in einen Technikfatalismus zu verfallen, regte es dazu an, das heutige being(-in/-with)-media durch unkonventionelle (und verkörperlichte) Wissenspositionen sowie experimentelle Herangehensweisen erfahr- und denkbar werden zu lassen.

Konferenzübersicht:

Einführung

Panel I: Un/Wahrnehmbare Geste

Irina Kaldrack (Braunschweig): Modeling the Gestural

Marie-Luise Angerer (Potsdam): Moving Forces

Konrad Strutz (Wien): Lost Motion

Stefan Rieger (Bochum): Naïve Physics. Gestures of Intuition (abgesagt)

Panel II: Die Geste und das Politische

Florian Bettel (Wien): At the Center of Attention: Gestures of Protest in Art and Culture

Timo Herbst (Leipzig): Play by Rules

Oliver Marchart (Wien): The People’s Gesture. On Minimal Sovereignty (abgesagt)

Zoe Lefkofridi (Salzburg): Symbolic Gestures in Contemporary Protest Movements

Panel III: Staging the Entanglement between Arts and Humanities

Stefanie Kiwi Menrath (Berlin): Collaboration? Transformation and Complicity in Arts / Humanities Practices

Andreas Broeckmann / Daniela Silvestrin (beide Lüneburg): Interfaces of Artistic Research

Martina Leeker (Lüneburg): Entanglement of Art and the Humanities for Mediocrity

Laurie Young (Berlin): Moving Through Membranes

Anmerkungen:
[1] Vgl. https://gesture-media-politics.de/ (14.03.2019).
[2] Vgl. Karen Barad, Matter feels, converses, suffers, desires, yearns and remembers. Interview with Karen Barad, in: Rick Dolphijn / Iris van der Tuin (Hrsg.), New Materialism. Interviews & Cartographies, Ann Arbor 2012, S. 48-70.
[3] Vgl. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, in: Rolf Tiedemann / Hermann Schweppenhäuser (Hrsg.), Walter Benjamin – Gesammelte Schriften Band I, Teil 2, Frankfurt am Main 1991, S. 431-469.
[4] Vgl. Gesa Ziemer, Komplizenschaft. Neue Perspektiven auf Kollektivität, Bielefeld 2013.
[5] Florian Cramer / Matthew Fuller, Interface, in: Matthew Fuller (Hrsg.), Software Studies. A Lexicon, Cambridge, Mass. 2008, S. 150.
[6] Vgl. Karen Barad, Agentieller Realismus. Über die Bedeutung materiell-diskursiver Praktiken, Berlin 2012.
[7] Vgl. Stefano Harney / Fred Moten, The Undercommons. Fugitive Planning & Black Study, Wivenhoe / New York / Port Watsen 2013, S. 110.

Zitation
Tagungsbericht: Throwing Gestures – The Entanglement between Gesture, Media and Politics, 08.12.2018 Berlin, in: H-Soz-Kult, 28.03.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8183>.