Preise und Löhne in Salzburg und Wien, 1450–1850

Ort
Salzburg
Veranstalter
FWF-Forschungsprojekt „Preise und Löhne in Salzburg und Wien, 1450–1850“, Fachbereich Geschichte, Universität Salzburg; Arbeitsbereich Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte, Universität Wien
Datum
18.01.2019
Von
Elias Knapp, Fachbereich Geschichte, Universität Salzburg

Angesichts des weitgehenden Fehlens einer belastbaren Datengrundlage stellt die historische Forschung zur Preis- und Lohnentwicklung in Zentral- und Osteuropa nach wie vor ein Desiderat dar, dem das vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanzierte Forschungsprojekt „Preise und Löhne in Salzburg und Wien, 1450–1850“ entgegenwirken soll. Nach einem ersten Projektworkshop am 12. Dezember 2017 in Wien[1], fand im vergangenen Januar das zweite Arbeitstreffen statt. Da an der Universität Regensburg schon seit längerem Projekte mit ähnlichen Problemstellungen bestehen, diente das Treffen – neben der Information über den Stand der Forschungstätigkeit – auch dazu, Erfahrungen auszutauschen und die bestehende Kooperation auszuweiten.

Eingeleitet wurde das Arbeitstreffen durch REINHOLD REITH (Salzburg), der die Genese des Projekts erläuterte und auf das geplante Kernthema des Workshops überleitete: die Frage nach der Rekonstruktion eines Consumer Price Index (CPI). Dieser soll, aufbauend auf einem aus diversen Konsum- und Verbrauchsgütern bestehenden Warenkorb, eine Annäherung an den Lebensstandard in den Städten Salzburg und Wien ermöglichen.

Daran anschließend, stellten ANDREAS ZECHNER und ELIAS KNAPP (beide Salzburg) den Stand der Quellenauswertung für den Salzburger Teil des Projekts vor. Durchgehende Preisreihen für diverse Lebensmittel und Verbrauchsgüter sowie Daten zu den Einkaufsmengen konnten bislang aus den Rechnungsbüchern des Salzburger Bürgerspitals für den Zeitraum von 1643 bis 1800 gewonnen werden. Reihen für einzelne Lebensmittel (zum Beispiel Roggen, Weizen, Hirse und Erbsen) liegen bereits ab dem Beginn der Rechnungsführung1477 vor. Außerdem konnten im Rahmen eines Forschungsseminars für die Jahre 1670 bis 1800 Preis- und Mengenreihen basierend auf den Rechnungen des sogenannten Bruderhauses, der zweiten großen Versorgungsanstalt in Salzburg, erstellt werden. In beispielhaften Darstellungsansätzen für Schweinefleisch und Speck sowie für Brennholz zeigten Zechner und Knapp Möglichkeiten der Datenaufbereitung und -interpretation auf. Abschließend wurde ein auf den erhobenen Datenreihen sowie dem für einzelne Güter rekonstruierbaren Jahresverbrauch basierender Warenkorb präsentiert und zur Diskussion gestellt. Besprochen wurde auch die Vergleichbarkeit der Daten durch eine Umrechnung der (Salzburger) Währungseinheiten in Silberäquivalente sowie eine Quantifizierung des Warenkorbes auf der Basis von Kilokalorien.

In seiner Präsentation stellte MICHAEL ADELSBERGER (Wien) den Wiener Teil des Projekts vor. Hierbei befasste er sich mit der Struktur der Löhne und ihrer Zusammensetzung (auch aus nichtmonetären Bestandteilen) sowie, aufbauend auf den in den 1930er-Jahren im Rahmen des International Scientific Committee on Price History (ISCPH) erhobenen Daten, der Entwicklung der Reallöhne in Wien in der Frühen Neuzeit. Erörtert wurde unter anderem die Problematik, dass in Spitalsrechnungen in der Regel lediglich die monetären Lohnbestandteile (etwa in Form von Taglöhnen) greifbar werden, zusätzliche Vergütungen (etwa in Form von Naturalien) dagegen nicht, was letzten Endes zu einer Verzerrung des zu errechnenden Realeinkommens führen könnte. Ferner ging Adelsberger auf das breite Spektrum der Lohnformen sowie die Frage ihrer Repräsentativität im Hinblick auf die Lohnstruktur in Wien ein. Dies erscheint insofern bedeutsam, als in den Debatten zur divergierenden wirtschaftlichen Entwicklung verschiedener europäischer Regionen in der Neuzeit (Little Divergence) in erster Linie Lohnreihen von Bauhandwerkern und Taglöhnern herangezogen werden. Inwieweit derartige Daten im regionalen Kontext belastbar sind und überregionale Vergleiche ermöglichen, wurde in der anschließenden Diskussion erörtert.

KATHRIN PINDL (Regensburg) befasste sich in ihrem Vortrag mit der Vorratspolitik des St. Katharinenspitals in Regensburg vom 17. bis zum 19. Jahrhundert[2], die sich unter anderem anhand der Kastenrechnungen (quantitative Quellen) fassen lässt. Protokolle und Gutachten (qualitative Quellen) erlauben demgegenüber Rückschlüsse auf Erwartungshaltungen und Motive der handelnden Akteure, die letztlich zur Entscheidungsfindung führten. Hinterfragt wurde diesbezüglich unter anderem, ob beziehungsweise inwiefern „karitative“ Institutionen wie Spitäler anders handelten als „privatwirtschaftliche“ Marktteilnehmer. Pindl kam dabei zu dem Schluss, dass das St. Katharinenspital eine auf empirischen Entscheidungsprozessen basierende Vorratspolitik verfolgte und auch am regionalen Getreidemarkt durchaus als gewinnorientierter Akteur im heutigen Sinn in Erscheinung trat.

ALFRED STEFAN WEISS (Salzburg) näherte sich dagegen der Ernährung der Pfründnerinnen und Pfründner in frühneuzeitlichen österreichischen Spitälern auf der Basis normativer Quellen wie Spitals- und Speiseordnungen an.[3] Diese können als eine Orientierungsbasis für das laufende Forschungsprojekt dienen, da sie Rückschlüsse auf den Lebensmittelverbrauch der Institutionen erlauben – wenn auch auf rein normativer Ebene. Weiß thematisierte auch, dass sich Unterschiede in der Ernährung von Männern und Frauen kaum nachvollziehen lassen, da diese nicht spezifisch ausgewiesen würden. Inwieweit normative Quellen zur Quantifizierung des Lebensmittelverbrauchs in Spitälern herangezogen werden können, wurde in der anschließenden Diskussion aufgegriffen, wobei unter anderem auch die Frage der (Mit-)Verköstigung des Spitalspersonals oder externer Arbeiter (Handwerker, Taglöhner) zur Sprache kam.

Den Abschluss des Workshops bildete der Vortrag von SARAH PICHLKASTNER (Krems), in dem sie die Aussagekraft von Rechnungsbüchern für Fragen der Ernährungssituation in Spitälern zur Diskussion stellte: Wer wurde versorgt? Mit welchem Anteil? Wie wurde die Versorgung organisiert? Die Grundlage ihrer Ausführungen bildete dabei ein Vergleich mehrerer niederösterreichischer Spitäler im 16. Jahrhundert, der durchaus Unterschiede in der Dotierung und hinsichtlich der Versorgungsstrategien in den jeweiligen Institutionen offenbarte.

In der Abschlussdiskussion wurde auf eine verstärkte Kooperation der beiden Projektteile in Salzburg und Wien eingegangen. Um die Vergleichbarkeit der Daten – speziell der Reallöhne – zu ermöglichen, müsse die Arbeit gezielt koordiniert werden, insbesondere was die zu erhebenden Lohndaten betreffe. Hinsichtlich der Erstellung eines Warenkorbes wurde unter anderem darauf hingewiesen, dass dieser nicht allein auf Basis von Spitalsrechnungen kreiert werden könne, zumal die Spitalsverpflegung nicht mit der Verpflegung anderer Bevölkerungsgruppen – zum Beispiel städtischer Unterschichten – gleichgesetzt werden könne.

Abschließend konnte festgehalten werden, dass der Workshop für alle Beteiligten eine willkommene Standortbestimmung (auch für die eigenen Forschungsvorhaben) darstellte; insbesondere die Frage der Vergleichbarkeit der Daten (etwa durch Silberäquivalente oder Kilokalorien) wurde ausgiebig diskutiert. Die Belastbarkeit der in den Spitalsrechnungen verzeichneten (Tag-)Löhne wurde ebenfalls besprochen, zumal es sich hierbei lediglich um die monetären Lohnanteile handelt und etwaige zusätzliche (Natural-)Bestandteile nur indirekt aufscheinen. Zur Klärung dieser Frage sollen in einem nächsten Schritt des Projektes weitere Quellen herangezogen werden, die Rückschlüsse auf die Aussagekraft der in den Spitalsrechnungen enthaltenen Lohndaten erlauben.

Die Kooperation soll mit einem weiteren Arbeitstreffen in Regensburg fortgesetzt werden. Als potenzielle Themen wurden unter anderem die spezifische Aufbereitung der Datenreihen sowie deren nachhaltige Sicherung angesprochen.

Konferenzübersicht:

Reinhold Reith (Salzburg): Einführung zum Projekt „Preise und Löhne in Salzburg und Wien, 1450–1850“

Andreas Zechner / Elias Knapp (beide Salzburg): Die Rechnungsbücher zweier Salzburger Spitäler (1477–1850) als Quelle zur Preis- und Lohngeschichte. Ein Zwischenbericht

Michael Adelsberger (Wien): Preise und Löhne im frühneuzeitlichen Wien

Kathrin Pindl (Regensburg): „Getreideverkauf wurde vom (Spital-)Rat befohlen.“ Preiskonjunkturen und Entscheidungsfindung

Alfred Stefan Weiß (Salzburg): Die Ernährung der Pfründner in österreichischen Spitälern in der Frühen Neuzeit

Sarah Pichlkastner (Krems): Die Aussagekraft von Rechnungsbüchern für die Ernährungssituation in Spitälern. Beobachtungen zu niederösterreichischen Bürgerspitälern im 16. und 17. Jahrhundert

Anmerkungen:
[1] Michael Adelsberger, Tagungsbericht Preise und Löhne in Salzburg und Wien, 1450–1850. 12.12.2017, Wien, in: H-Soz-Kult 09.03.2018, https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7571 (19.02.2019).
[2] Kathrin Pindl, Grain Policies and Storage in Southern Germany: The Regensburg Hospital (17th–19th Centuries), in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 59/2 (2018), S. 415–445.
[3] Martin Scheutz / Alfred Stefan Weiß, Speisepläne frühneuzeitlicher, österreichischer Spitäler in Fest- und Fastenzeiten und die Kritik an der Ernährungssituation im Spital, in: Artur Dirmeier (Hrsg.), Essen und Trinken im Spital. Ernährungskultur zwischen Festtag und Fasttag (Schriftenreihe des Archivs des St. Katharinenspitals Regensburg 8), Regensburg 2018, S. 111–211.

Zitation
Tagungsbericht: Preise und Löhne in Salzburg und Wien, 1450–1850, 18.01.2019 Salzburg, in: H-Soz-Kult, 27.03.2019, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-8188>.